Er jährt sich wieder, der Tag der Jogging Hose (21. Januar, nicht vergessen!!!) und jeder stellt sich folgende Frage: Wie konnte es geschehen, dass die einstige Lümmel-Buxe salonfähig wurde. Oder auch nur ein entsetztes Why???
„Effizienz oder Respektlosigkeit? Warum die Jogginghose Kultstatus erlangte.“ weiterlesenDie Liebe zu Winnetou endet niemals
Alle Vorbilder haben innerhalb Generationen ihre Zeit. Und oft überdauern auch diese. Was bei manchen Vorbildern wirklich erstaunt, da bis heute keiner deren Daseinsberechtigung erklären. Oder jedenfalls nicht genau.

Idole sind Phänomene, das keiner so recht erklären kann
Zum Beispiel gibt es Facebookgruppen, die Enid Blytons „5 Freunde“ zu ihren Idolen auserkoren haben. Schallplatten werden aus ihren Hüllen ziehen, auf den Plattenteller gelegt, um damit den Feierabend mit den Stimmen der eigenen Jugend einzuläuten.
„Die Liebe zu Winnetou endet niemals“ weiterlesenCousinenliebe
Nähe, Netzwerke und Vernunftehen im historischen Kontext
In Duisburg gab es etliche Annas, doch keine schien recht zu passen. Gerhard hatte zwar eine Schwester namens Anna, aber Geschwisterliebe erschien mir dann doch zu gewagt. Schließlich stamme ich nicht aus einer Pharaonenfamilie.
Dabei war es im alten Ägypten durchaus üblich, Geschwister miteinander zu verheiraten. Ähnlich wie bei den Göttern hielt man es auch in der ersten Familie des Landes so: Das königliche Blut sollte rein bleiben, Macht, Reichtum und Einfluss innerhalb der eigenen Mischpoke zirkulieren. Tutanchamun war höchstwahrscheinlich der Sohn von Echnaton, hatte jedoch nicht Nofretete zur Mutter, sondern eine Schwester Echnatons. Er selbst heiratete wiederum Anchesenamun, seine Halbschwester. Ausgestattet mit Klumpfuß und diversen gesundheitlichen Problemen – möglicherweise Folgen jahrzehntelanger Inzucht – war der junge Pharao körperlich stark beeinträchtigt.
Nun gut, haken wir die alten Ägypter ab.

Was mir jedoch partout nicht in den Sinn kam, war eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit: Anna könnte Gerhards Cousine gewesen sein. Da es in meiner Familie bis dahin keine bekannten Verwandtenehen gegeben hatte, erschien mir dieser Gedanke zunächst abstrus.
Dabei muss man historisch gar nicht weit reisen. In europäischen Herrscherhäusern waren Ehen unter Verwandten über Jahrhunderte hinweg eher Regel als Ausnahme. Elizabeth II und Prince Philip waren Cousine und Cousin dritten Grades – sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits. Franz Joseph I und Elisabeth von Österreich waren sogar Cousin und Cousine ersten Grades und benötigten für ihre Eheschließung einen päpstlichen Dispens. Selbst Elisabeths Eltern waren miteinander verwandt. Die Wittelsbacher galten ohnehin als exzentrisch – man denke nur an Ludwig II. Immerhin hinterließ er Neuschwanstein.
Nachdem ich mich mit der Erkenntnis abgefunden hatte, dass auch meine zweifachen Urgroßeltern Vetter und Cousine gewesen sein könnten, stellte sich mir die nächste Frage: Warum?
Gab es so etwas wie Liebe? Archäologen glauben, auf einem Relief verliebte Blicke zwischen Tutanchamun und seiner Frau erkannt zu haben. Mangels Fotografien bleibt das Spekulation. Oder überwogen pragmatische Gründe? Von Gütern oder einem Familienimperium weiß ich in meinem Fall nichts. Wahrscheinlicher ist, dass man sich schlicht zusammentat, weil „zusammen weniger allein“ war. Heiraten musste man ohnehin. Oder, um es mit Charles III zu sagen, der bei seiner Verlobung mit Diana nur nuschelte: „Whatever love means.“


Verleiht Inzest geistige Höhenflüge?
Auch mit geistigen Höhenflügen konnten Anna und Gerhard – samt Nachfahren – zunächst nicht dienen. Oder vielleicht doch, nur auf eine andere Art? Eventuell müsste man die Familiengeschichte weniger nach Genialität absuchen als nach Eigenarten.
Ein Blick auf die Finanzelite zeigt, dass man dort gern unter sich blieb. Die Rothschilds verfügten nicht nur über Banken, Schlösser, Brieftauben und Weinberge, sondern auch über ein ausgeprägtes Familienbewusstsein. Mayer Amschel Rothschild hatte strenge Familienregeln erlassen, um Unternehmen und Clan zusammenzuhalten. Verwandtenehen waren Teil dieses Systems – Inzuchtfolgen schienen nebensächlich.
Exzentrik hingegen nicht. Lionel Walter Rothschild spannte Zebras vor seine Kutsche, während meine Familie mit ähnlichem Verhalten vermutlich als Dorfdeppen gegolten hätte. Seine Nichte Miriam Rothschild, bekannt als „Herrin der Flöhe“, erforschte als Autodidaktin die Sprungkraft und Fortpflanzung von Flöhen und erlangte damit akademisches Ansehen. Ihr Bruder Victor arbeitete im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst MI5.
Das ist, zugegeben, eine ganz andere Hausnummer.


Am Ende blieb Anna dennoch das, was sie von Anfang an gewesen war: eine Frau, die in den Quellen kaum greifbar ist. Kein großer Name, kein außergewöhnliches Vermögen, keine Exzentrik, die Spuren hinterlassen hätte.
Vielleicht lag die Wahrheit ihrer Ehe nicht in genetischen Höhenflügen oder strategischen Allianzen, sondern in etwas sehr Profanem. Man kannte sich. Man vertraute sich. Und man tat, was zu tun war.
Cousinenliebe war keine Grenzüberschreitung, sondern eine Möglichkeit. Eine von vielen, die in einer Zeit gewählt wurden, in der Nähe Sicherheit bedeutete und Heiraten weniger mit Romantik als mit Verlässlichkeit zu tun hatte.
Und vielleicht erklärt gerade diese Unauffälligkeit, warum Anna so lange unsichtbar blieb – nicht nur in den Archiven, sondern auch in meinem eigenen Blick auf die Vergangenheit.
Düsseldorf Januar 1943: Wie ein Baby aus dem zerbombten Marienhospital gerettet wurde!
Wenn Liesel mit ihrer Mutter in den Luftschutzkeller ging, wusste sie, was zu tun war. Sich um ihre jüngeren Zwillingsschwestern kümmern, die zu beiden Seiten an der Hand der Mutter hingen. Für Liesel war es nicht nur selbstverständlich, sondern sie liebte kleine Kinder über alles. Und die Mutter konnte jede Hand gut gebrauchen. Denn es war doch Krieg, der Vater an der Front und sie selbst Anfang 1943 hochschwanger.
„Düsseldorf Januar 1943: Wie ein Baby aus dem zerbombten Marienhospital gerettet wurde!“ weiterlesenWegen Shitstorm auf den Scheiterhaufen.
Durch den Gerresheimer Dorfklatsch als „Hexe“ verbrannt
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich`s gänzlich ungeniert, heißt es so schön. Mit anderen Worten: Es kann einem völlig egal sein, was die Anderen denken. Aber in einem kleinen Dorf bei Düsseldorf war es im 18. Jahrhundert genau umgekehrt: Der schlechte Ruf eilte einer Dorfbewohnerin dem bösen Dorfklatsch voraus. Und ließ sie tödlich auf einem Reisighaufen enden, mit einem Pulverfässchen um den Hals.
„Wegen Shitstorm auf den Scheiterhaufen.“ weiterlesenHerr, es ist Zeit – warum Babys früher im Sommer starben
„Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß.“ Mit diesem Anfang seines Gedichtes „Herbsttag“ preist Rainer Maria Rilke die Wonnen des Sommers, der langsam in den Herbst übergeht. In den Tagen, wo die letzten vollen Früchte reifen und die Süße der Trauben den schweren Wein veredeln.
Sommer – Zeit der Infekte
Der Sommer war aber vor 200 Jahren nicht nur die Zeit der Reife und der Wonnen, sondern auch Zeit der Infekte. Und es traf vornehmlich die Säuglinge. Die häufigste Todesursache lautete Magen-Darm-Katarrh, oftmals früher auch unter dem Begriff „Auszehrung“ abgefasst oder „Convulsion“, die immer dann genannt wurde, wenn die Kinder ihre Nahrung nicht vertrugen.
„Herr, es ist Zeit – warum Babys früher im Sommer starben“ weiterlesenWas von einem Teddy bleibt
Ein Schwanengesang
Diesen Text habe ich vor einigen Jahren geschrieben.
Ich bin ihm kürzlich wieder begegnet – beim Aufräumen.
Manche Dinge lassen sich wegwerfen. Andere nicht.
Dieser Text gehört zu Letzteren.
Im neuen Jahr Gerümpel auszuräumen ist eine gute Sache. Es reinigt nicht nur das Eigenheim, sondern bekanntlich auch die Seele.
Mist ist der beste Nährboden.
Doch kehrt man mit eisernem Besen, tut man manchmal des Guten zu viel. Keller und Dachböden hüten in Kisten, Schachteln und Truhen geheimnisvolle Gegenstände – Dinge, die man längst vergessen glaubte und die sich doch weigern, still zu verschwinden.
„Was von einem Teddy bleibt“ weiterlesenDrei Eheformen im Mittelalter – ein verqueres Nebeneinander
Darüber, dass Liebe in früheren Jahrhunderten allenfalls ein willkommenes Beiwerk war, habe ich schon oft geschrieben. Tatsächlich existierten im frühen Mittelalter mehrere Eheformen nebeneinander, die sich aus dem römisch-germanischen Recht entwickelt hatten. Bemerkenswert ist, dass diese Verbindungen lange Zeit parallel gelebt wurden, ohne dass man daran moralisch Anstoß nahm – zumindest zunächst.
Die ausgehandelte Muntehe
Die wohl bekannteste Form war die sogenannte Muntehe. Hier zahlte der Bräutigam einen mit der Sippe der Braut ausgehandelten Betrag, den sogenannten Muntschatz. Erst nach dieser Zahlung wechselte die Frau offiziell aus der Vormundschaft ihres Vaters in die ihres Ehemannes.
Ob diese Summe tatsächlich als „Wert“ einer Tochter verstanden wurde oder eher als Absicherung, lässt sich heute schwer sagen. Fest steht jedoch: Die Muntehe war rechtlich verbindlich und gesellschaftlich anerkannt.
„Drei Eheformen im Mittelalter – ein verqueres Nebeneinander“ weiterlesenLiebe und Ehe – Pragmatismus pur
Bei der Ahnenforschung stoßen wir unweigerlich auf die Ehe. War da auch Liebe, fragen wir uns. Zwar können unsere Ahnen mit uns nicht mehr direkt kommunizieren (gut oder schlecht?), aber wie können Fakten aus den Daten auf anderer Weise mit uns sprechen?
Die Liebe im 19. Jahrhundert war Pragmatismus pur.
Irgendwann hat sich im Kopf der Angehörigen eingefressen, dass Menschen im 18./19. Jahrhundert nur einmal geheiratet hätten.
„Liebe und Ehe – Pragmatismus pur“ weiterlesenKeiner will als alte Jungfer enden
Meine dreifache Urgroßmutter trat in den Stand der Ehe ein – mit 31 Jahren! Das durchschnittliche Heiratsalter betrug bei Frauen 25,6, bei Männer 27,5 Jahren.
Auch ohne Vorkenntnisse braucht es keine Brille, dass meine Vorfahrin fast an der Schwelle des Greisenalters im 19. Jahrhundert war;-) in diesem Alter für schwer an den Mann zu bringen, wenn gar für nicht vermittelbar.
„Keiner will als alte Jungfer enden“ weiterlesen