Meinen Beitrag über Liesel Thielen und die dramatische Nacht im Januar 1943 habe ich noch einmal überarbeitet und um neue Aspekte ergänzt.
Liesel war damals erst 15 Jahre alt. Während eines schweren Luftangriffs auf Düsseldorf machte sie sich mit ihrer Freundin Anneliese auf den Weg zum brennenden Marienhospital. Dort lagen ihre Mutter und ihr erst wenige Tage alter Bruder Hans.
Neu hinzugekommen ist unter anderem ein Nachtrag über Kinder im Krieg als »handelnde Subjekte« – und darüber, wie sehr Liesels Erinnerungen zeigen, dass Kinder in solchen Extremsituationen nicht nur Opfer waren, sondern selbst Entscheidungen trafen und Verantwortung übernahmen.
Dazu habe ich den Beitrag mit weiteren historischen und privaten Fotografien ergänzt.
Während der Fahndung nach Vorfahren ;-), kommt mir unwillkürlich manchmal der Name der Rose von Umberto Eco in den Sinn. Das mag auch an der grandiosen Verfilmung liegen, die vor einigen Tagen an Weihnachten lief. In erster Linie liegt es aber an dem Roman selbst. Dort kehrt ein alter Adson von Melk am Ende an den Ort zurück, der ihn in seiner Jugend so sehr geprägt hat.
Die Abtei existiert nicht mehr. Das Aedificium, ursprünglich ein gewaltiges Monument an (geheimen) Wissen beherbergend, besteht nur noch aus kümmerlichen Ruinen, die ihn an heidnische Monumente erinnern. Dennoch kann es der alte Adson nicht lassen, dort herumzustöbern. Von seinem alten Lehrmeister William von Baskerville inspiriert, hofft er noch auf alte Schriftstücke, die das Feuer nicht vernichtet hat. In der Tat findet er einige Bruchstücke dessen, was die Bibliothek einst ausmachte. In einem Schrank des Skriptoriums lagern noch Pergamentfetzen – eine karge Beute längst vergangener Pracht.
Dennoch macht er sich nicht nur daran, die Überbleibsel zu sammeln, sondern auch zu studieren. Ich sehe ihn vor mir, wie er, seine Schnipsel vor sich ausbreitend, daran macht, mit dem Augenglas seines alten Meisters, zu untersuchen und sie, nach jahrelangen Mühen, zu einem Puzzle zusammen zu legen. Wenn es denn klappt. In Bezug auf die Ahnenforschung fühlen wir uns manchmal wie Adson von Melk, besonders wenn wir wissen, dass es an einem Punkt nicht mehr weitergeht.
In meinem Fall weiß ich genau, dass ich in meinem Hauptzweig aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr über den vierfachen Urgroßvater hinauskommen werde. Und das hängt von einigen Faktoren ab. Zum einen stammt besagter Ahnherr nicht aus Gerresheim, weil sein Name auf französischen, bzw. belgischen Ursprung schließen lässt. Er heiratete recht spät; mit 46 Jahren ehelichte er eine 19-jährige und wurde ein später Vater seiner ersten Tochter. Zehn Kinder sollten folgen.
Aber wann ist er gestorben? Dieses Geheimnis ließ mich echte Nerven kosten. Ich dachte daran, dass in seiner Sterbeurkunde es ein Hinweis auf seine Eltern geben würde. Aber sein Name war blieb im Düsseldorfer Stadtarchiv wie vom Erdboden verschluckt. Der Monheimer Stadtarchivar vermutete sogar, dass der Ahnherr in seiner Eigenschaft als Schäfer an einem anderen Ort das Zeitliche gesegnet hatte (denn Schäfer wanderten weit, wie er mir grinsend versicherte) – und ich bat darum, dass eben dieser Archivar unrecht hatte😉
Also wieder zurück zu den Dokumenten, die ich besaß. Akribisch wie Adson durchforstete ich alte Kopien… nicht nur von meinem direkten Vorfahren, sondern auch von den Anverwandten. Und wurde irgendwann fündig. Einer seiner Söhne heiratete 1820 und, siehe da, fand ich doch auf der Heiratsurkunde die ungelenke, daher krakelige Unterschrift des Vierfach-Opas. Ergo konnte ich das Sterbedatum schon ein bisschen eingrenzen und da die Hochzeit 1820 stattfand, es musste auch dank napoleonischen Verwaltungssystems eine Sterbeurkunde geben. Also ging die Suche weiter.
Es heißt ja immer »Wer suchet, der findet«. Ich aber sage, wer nicht mehr sucht, der findet erst recht. Denn so ist es bei mir: Wegen einer anderen Sache stieß ich im Düsseldorfer Stadtarchiv auf seine Sterbeurkunde mit etwas entstelltem Namen (Denkt immer daran, eure Familiennamen können groteske Weise entstellt werden;-))
Als ich in meiner ersten Freude mich über den Fund beugte (ohne Augengläser), war ich enttäuscht. Denn dieses Dokument gab nichts von weiteren Vorfahren her; ich blieb und bleibe genauso schlau wie vorher. Das hängt zum einen daran, dass es wohl auch zu einfach gewesen wäre. Und zweitens liegt es an dem Alter des Verstorbenen. Besagter Ahnherr erreichte ein wahrhaft biblisches Alter, starb er doch im Alter von 96 Jahren. Kein Wunder, dass sich keiner mehr an seine Eltern erinnern konnte. Wer so alt geworden ist, wie die Zeit, der ist quasi schon immer da.
In meiner Enttäuschung musste ich an den guten Adson denken. Weise geworden durch die Unbill und Freuden der Zeit, erklärte er gegen Ende des Romans, dass die Überreste der Schnipsel eine Art Mini-Bibliothek darstellten, deren Vollendung er nie erreichen werden. Genau wie die Familienforschung ein Mini-Archiv der eigenen Herkunft ist, dessen Lücken wir nie ganz füllen werden.
Adson sagt aber auch, dass seine Sammlung keine Botschaft enthält, sondern ein Produkt des Zufalls sei. Genauso, wie meine Dokumente zufällig doch in irgendwelchen Archiven lagern (und nicht etwa bei einem Brand vernichtet wurden, wie z.B. wie Wehrstammrollen aus dem 1. Weltkrieg), geht es zufällig auch einfach nicht mehr weiter. Es geht ihm bei seiner Arbeit um die Freude des Sammelns an sich. Und die Genugtuung darüber, dass manchmal ein Puzzlestein zum anderen gefügt werden kann.
Nur die Zurufe der Bauarbeiter wehen vom Mannesmannufer herüber. In dem kleinen Rosarium mit der barocken Sonnenuhr in der Mitte herrscht absolute Stille. Absolut? Nicht ganz. Ein leises Summen dringt aus den Lavendelbüschen, die zwischen den Rosensträuchern wuchern. Obwohl tropische Temperaturen herrschen und die Sonne am höchsten steht, lassen sich die Bienen nicht von der Arbeit abhalten.
Wer es kennt, weiß, wo es liegt: Das Stadtarchiv Düsseldorf liegt strategisch günstig neben dem Hauptbahnhof. Eingekeilt zwischen dem Schauspielhaus (oben drüber) und dem Ordnungsamt (Hallo Nachbar), versieht es auch in Corona Zeiten treu und redlich seinen Dienst als Hirn der immerwährenden Retrospektive.
Der Schandgang zum Tod durch Düsseldorf -Pempelfort
Bevor der Delinquent seine letzten Minuten am Galgen ausröchelte, hatte er noch einen letzten Dienst zu verrichten. Dreimal – so der überlieferte Brauch – musste der Verurteilte den sogenannten Gerichts- oder Blutstein umrunden. Oder, wie man vermutet, um ihn herumgestoßen werden.
Dieses Stoßen um den Blutstein, auch Blutkreuz genannt, besiegelte symbolisch das abgeschlossene Gerichtsverfahren. Zugleich hoffte die hochrichterliche Justiz des jeweiligen Landesherrn auf letzte Geständnisse: weitere Vergehen, Namen von Mitwissern oder andere Übeltäter. Der Tod war nahe – und damit auch die Wahrheit.
Draußen war es noch dämmrig und kühl. Leise schmatzte das Wasser an der Kaimauer vor dem Rhein. Über der Nebeldecke, die über dem Fluss hing, zeichnete sich der dunkle Qualm der Schlepper ab, die zu beiden Seiten langsam stromauf und stromab tuckerten.
Eigentlich gab es immer etwas Interessantes zu sehen, wenn die vierjährigen Zwillinge Luise und Mia sonntags zu ihren Großeltern gingen. Oma und Opa Thielen wohnten in der ältesten Straße von Düsseldorf. Dort, in der sogenannten Alten Stadt, Ecke Krämerstraße, direkt an die Lambertuskirche und das Haus „Zur Stadt Rom“ anschließend, stand das sogenannte Douven’sche Haus.
Der rund siebzig Meter hohe Turm der Lambertuskirche – das älteste Bauwerk der Stadt – war an diesem Morgen nur schemenhaft zu erkennen. Der Nebel verschluckte ihn ebenso wie das gegenüberliegende Kloster der Karmeliterinnen. Die Mädchen waren froh darüber, nicht auch die Kreuzigungsgruppe an der Westseite der Kirche sehen zu müssen, die sie sonst jedes Mal in Angst und Schrecken versetzte.
Das Douven’sche Haus – eine Perle des Frühklassizismus