Cousinen(inen)liebe bringt geistige Höhenflüge.

Möglicherweise. Oder auch nicht. Die Frage stellte sich mir, als ich ewig an Daten meiner Ur-Ur Großmutter herumdokterte. Ihren Mann hatte ich fix herausbekommen (Gerhard der Drucker, geboren in Duisburg, gestorben in Hilden – kein Problem), aber bei ihr haperte es gewaltig. Anna, so hieß meine zweifache Urgroßmutter, entpuppte sich als nebulöse Person ohne Anhang. Sie verfügte auch über keinen Mädchennamen, sondern nur über den Namen ihres Mannes.  Seltsam.  In Gerhards Heimatstadt war sie unauffindbar, in Hilden auch. (Wie sich herausstellte, war ich nur zu blöd, die Sterbeurkunde zu finden).

Ist es bei unseren Vorfahren wie mit den Pharaonen?

In Duisburg gab es etliche Annas, aber keine schien recht zu passen. Gerhard hatte eine Schwester namens Anna, aber Geschwisterliebe erschien mir dann doch zu arg. Schließlich stamme ich nicht aus einer Pharaonen-Familie. Ähnlich wie die Götter, war es in Ägyptens erster Familie mehr als üblich, die Geschwister miteinander zu verpartnerten.

So wurde nicht nur das königliche Blut erhalten, sondern Macht, Reichtum, Einfluss blieb alles innerhalb der eigenen Mischpoche. Tutanchamun war nicht nur höchstwahrscheinlich der Sohn von Echnaton, hatte aber nicht Nofretete zur Mutter, sondern Echnatons Schwester. Er selbst heiratete Anchesenamun, die auch seine Halbschwester war. Ausgestattet mit Klumpfuß und sonstigen Krankheiten (genetischer Defekt durch Inzucht?) war der arme Kerl ein gesundheitliches Wrack. 

Sissi und Franz Joseph

Nun ja, haken wir die alten Ägypter ab. Was mir allerdings partout nicht in den Sinn kam, dass es sich möglicherweise um Gerhards Cousine handeln konnte. Da es in meiner Familie bis dato nie vorgekommen war, erschien es mir geradezu abstrus.  Dabei brauchen wir gar nicht so weit zu gehen. In den europäischen Herrscherhäusern heirateten die Verwandten oft untereinander. Die Queen und ihr Philip sind Cousin und Cousine dritten Grades sowohl väterlicher -, als auch mütterlicherseits. Bei Kaiserin Sissi und Franz Joseph handelte es sich ebenfalls um Vetter und Base, allerdings ersten Grades. Um überhaupt zu heiraten, brauchten sie die einen päpstlichen Dispens. Selbst Elisabeths Eltern waren Vetter und Cousinen zweiten Grades. Und seltsam waren die Wittelsbacher schon, siehe Ludwig II. Aber immerhin hinterließ er Neuschwanstein.

Rothschilds ausgeprägte Exzentrik

Auch bei der Finanzelite blieb man unter sich. Die Rothschilds verfügten nicht nur über Bank, Schlösser, Brieftauben und Weinberge, sondern auch über einen ausgeprägten Familiensinn. Mayer Amschel Rotschild, Frankfurter Kaufmann und Begründer der Rothschild-Dynastie, verfügte über diverse strenge „Familiengesetze“, damit das Unternehmen und Familieneinheit erhalten blieb. Fröhlich heirateten die Rothschilds untereinander und schienen sich ein Dreck um Inzucht und dessen Folgen zu scheren.

Flöhe und James Bond

Lionel Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild hielt sich nicht nur Kängurus im Garten, sondern spannte seine Zebras vor die Kutsche, wenn er ausfahren wollte. Während meine Familie mit den gleichen Zugtieren in ihrem Dorf wahrscheinlich als Trottel mit Steinen beworfen worden wären, gehörte bei den Rothschilds Exzentrik (oder Verrücktheit?) zum guten Ton.  Lionels Nichte Miriam Rothschild, auch „Herrin der Flöhe“ genannt, untersuchte während ihrer Elternzeit Flöhe des Nachts in ihrem Schlafzimmer, die sie dort eingetütet in Plastiktaschen hielt. Als reiner Autodidakt kam sie zu akademischen Ansehen, weil sie herausfand, „wie Flöhe ihre enorme Sprungkraft entfalten oder die Fortpflanzung an den Hormonzyklus ihres Wirtes anpassten.“  Miriams Bruder Victor dagegen entpuppte sich als eine Art James Bond. Im zweiten Weltkrieg arbeitete er für den britischen Geheimdienst MI-5 und bekämpfte deutsche Sabotageversuche in Großbritannien. Ok, das ist ja jetzt eine zusätzliche Hausnummer.

Whatever love means sagte schon Prinz Charles

Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass meine zweifachen Urgroßeltern Vetter und Cousine waren, sann ich über die Gründe der Eheschließung nach. Gab es so etwas wie Liebe? Tutanchamun und seine Frau/Schwester haben sich, laut Forscher, auf einem Relief verliebte Blicke zugeworfen. Aber da es leider keinerlei Fotos gibt, kann ich es nicht wissen. Oder lagen reine pragmatische Gründe vor? Da ich von Gütern aller Art nichts weiß, geschweige denn ein Finanzimperium, haben die beiden sich wohl eher unter dem Motto zusammengetan: Zusammen ist man weniger allein. Besser  den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, sagt man. Schließlich kannte ein jeder zu der damaligen Zeit seinen Auftrag und geheiratet werden musste eh… Oder um es wie Prinz Charles zu halten, der bei seiner Verlobung mit Diana „Whatever love means“ in die Kameras nuschelte.

Verleiht Inzest geistige Höhenflüge?

Auch mit geistigen Höhenflügen konnten Anna und Gerhard nebst Nachfahren leider nicht dienen. Oder doch? Vielleicht muss ich auch nur den Blickwinkel ändern und die Familiengeschichte eher Intelligenzbestien absuchen. Und dann sehe ich zu, welche nobelpreisverdächtige Kicks noch kommen.

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