Manchmal entwickelt eine Geschichte ein Eigenleben.
Vor einiger Zeit erreichte mich eine E-Mail des Dรผsseldorfer Architekten Georg Verhas. Gemeinsam mit dem Futura Film-Club Dรผsseldorf beschรคftigte sich der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Dรผsseldorf mit einem Filmprojekt รผber Dรผsseldorfer Bunker. So entstand der Kontakt zu Jรผrgen Richarz und Heinz-Werner Poelchau vom Futura Film-Club Dรผsseldorf e. V. Gemeinsam waren wir bereits im Bilker Bunker unterwegs.Nun fรผhrte uns eine meiner รคlteren Bloggeschichten an einen ganz anderen Ort: in den Lantz`scher Park nach Dรผsseldorf-Lohausen.
Vor drei Jahren schrieb mich Ralf Ledertheil an. Er hatte meinen Beitrag รผber den Sarotti-Mohren und Julius Gipkens gelesen und erzรคhlte mir von einer รberlieferung in seiner Familie: Sein Urgroรvater, der Berliner Schildermaler Otto Ledertheil, soll an der Entstehung der berรผhmten Werbefigur beteiligt gewesen sein.
Am 13. September 2026 war wieder Tag des offenen Denkmals, und dieses Mal ging es an die Aachener Straรe zum Bilker Bunker.
Dass hier einmal bis zu 2.500 Menschen Schutz vor Bomben suchten, ist dem Gebรคude bis heute anzusehen. Dabei begann seine Geschichte mit einem Bombenangriff, bei dem ausgerechnet das Kรผhlmittel einer Metzgerei zur tรถdlichen Gefahr wurde.
Ammoniak im Luftschutzkeller
Am Abend des 4. Februar 1941 detonierte zwischen Aachener Straรe und Karolingerstraรe eine Sprengbombe in zwei Hรคusern. Getroffen wurden das Geschรคft des Konditormeisters Felgner und das Lager der Metzgerei Kox. Dort war Fleisch in Kรผhlanlagen gelagert.
Durch den Bombentreffer wurde Ammoniak freigesetzt. Die Gase drangen in den Keller und vergifteten die Menschen, die dort Schutz gesucht hatten.[1]
Nur zwei Menschen รผberlebten schwer verletzt: der Telegraphenleitungsbeauftragte Krings und sein Sohn. Weil der Vater erkrankt war, waren die beiden nicht in den Keller gegangen.[2]
Am 31. Mรคrz 1941 besuchte Generalfeldmarschall Erhard Milch die Unglรผcksstelle. Er war fรผr den Bau des spรคteren Hochbunkers verantwortlich, der innerhalb von zwei Jahren 1944 fertiggestellt wurde.
Mit Koffer und Klappstuhl zum Luftschutz
Waren die Bilker bis 1941 noch relativ ahnungslos, was sie bei einem Bombardement zu tun hatten, รคnderte sich das schnell.
Bei Luftalarm strรถmten Menschenmassen zum Bunker. Da es nicht genรผgend Sitzgelegenheiten gab, kamen sie mit Koffern und Klappstรผhlen bewaffnet.[3]
Der Zugang erfolgte รผber drei Schleusen, die noch heute vorhanden sind. Es wurde geklingelt, und die Schleusenwรคrter kontrollierten mittels Sprechrohr, wer vor der Tรผr stand.[4]
Etwa 2.000 bis 2.500 Menschen fanden im Bunker Platz. Auf sieben Etagen hockten sie zusammen und warteten darauf, dass drauรen der Angriff vorรผberging. Zuweilen mussten sie im Dunkeln ausharren, weil Gas und Strom abgestellt worden waren.[5]
Noch heute sichtbar: fluoreszierende Leuchtstreifen sollten bei Ausfall der Beleuchtung die Orientierung im Bunker ermรถglichen. Bildrechte: Marion Rissart
Wenn nur noch ein grรผner Streifen blieb
Beim Rundgang am Tag des offenen Denkmals fielen mir die noch vorhandenen fluoreszierenden Leuchtstreifen auf.
Sie gehรถrten zur Ring- und Notbeleuchtung. Fiel die Beleuchtung aus, boten sie den Schutzsuchenden wenigstens noch etwas Orientierung.
Heute ist es ein schmaler grรผner Streifen an einer grauen Wand. Damals konnte er in einem vรถllig verdunkelten Bunker mit Tausenden Menschen ziemlich wichtig werden.
Trotz Stromausfรคllen, Kรคlte, unsรคglicher Detonationen und vรถlliger Dunkelheit verband Helene Struth mit dem Bunker nicht nur schreckliche Erinnerungen. Fรผr sie war er wรคhrend der Bombennรคchte zugleich ein Ort des Schutzes und der Geborgenheit.[6]
Das ist vielleicht eine der merkwรผrdigsten Eigenschaften eines Bunkers: Ein Gebรคude, das nur wegen eines Krieges existiert, kann fรผr diejenigen, die darin sitzen, zum sicheren Ort werden.
Ein Karton aus Beton
Der Architekt Carl Krieger entwarf den Bilker Bunker. Ein Hochbunker war dabei weit mehr als eine dicke Betonhรผlle.
Auch Fundamente, Decken und die innere Konstruktion mussten einem Bombenangriff standhalten. Zeitgenรถssische Vorgaben sahen sogar vor, die Fundamentplatten beziehungsweise Fundamentstreifen so auszubilden, dass eine direkt neben dem Bunker einschlagende Bombe den Schutzraum auch von unten nicht zerstรถren konnte.[7]
Statische Sรคulen trugen die innere Konstruktion, wรคhrend Decken und Auรenhรผlle zusammenwirkten.
Im Grunde entstand ein riesiger Karton aus Beton โ nur einer, der Bomben aushalten sollte.
Nach dem Krieg ist auch immer vor dem Krieg
1945 hatte der Bilker Bunker seinen Zweck keineswegs endgรผltig verloren.
Wรคhrend des Kalten Krieges wurde er fรผr den Zivilschutz vorgehalten. Schlieรlich wurde die Zivilschutzbindung aufgehoben โ und aus einem Gebรคude, das jahrzehntelang Menschen schรผtzen sollte, wurde plรถtzlich ein Gebรคude, fรผr das man eine neue Verwendung finden musste.
Ein Investor wollte den Bunker abreiรen. Dagegen formierte sich die Bรผrgerinitiative โBilk pro Bunkerโ.
Andreas Knapp und Kay Fromm, die beiden Geschรคftsfรผhrer der Projektentwicklung โKรผssdenFroschโ, hatten andere Plรคne. Mit ihren Ideen entstand ein Konglomerat aus Kultur, gesellschaftlichem Austausch, Bar, Sport und Begegnungsstรคtten auf mehreren Ebenen, wรคhrend oben auf dem Dach in neu geschaffenen Wohnungen Menschen leben.
In der Schleuse Zwei befindet sich heute eine Bar. Auf dem Dach entstanden Wohnungen.
Menschen wohnen also inzwischen auf einem Gebรคude, in dem andere Menschen einmal vor Bomben Schutz suchten.
Die Schleuse 2. Bar und Musik-Begegnung. Bildrechte: Marion Rissart
โIn einem Bunker zu arbeiten, macht etwas mit einemโ
Christina von Plate, Geschรคftsfรผhrerin des Bilker Bunkers, fรผhrte uns durch die Rรคume. Sie kennt nicht nur sรคmtliche Ebenen in- und auswendig, sondern arbeitet selbst dort.
โIn einem Bunker zu arbeiten, macht etwas mit einemโ, sagte sie wรคhrend der Fรผhrung.
Das konnte ich nach einer Weile nachvollziehen.
Es ist diese seltsame Mischung aus Stille, Kรคlte und Abgeschiedenheit. Eine Stille, die einem zuweilen regelrecht in den Ohren wehtun kann. Jedenfalls ging es mir so, als ich zwischen drauรen und drinnen, Rรคumen und Schleusen hin- und herging.
Und seltsamerweise kamen mir dabei Metallschrott und Mondlandung in den Sinn.
Erst konnte ich es nicht einordnen.
Dann fiel es mir wieder ein.
Ein bisschen Weltraum in Bilk
Der Astronaut Greg Chamitoff erklรคrte einmal, wonach der Weltraum riechen wรผrde: โThereโs this really, really strong metallic smell and I donโt know exactly what it is.โ[8]
Ein sehr starker metallischer Geruch also, ohne dass er genau wusste, woher er kam.
Stimmt.
Ich bin also in einer Planetenkonstellation herumspaziert, ohne es zu merken.
Quellen und Anmerkungen
[1] Vgl. Westdeutsche Zeitung: โAbriss oder Denkmalschutz? WZ mobil kommt zum Bilker Bunkerโ, abgerufen am 13.09.2026.
[2] Vgl. Helene Struth: โHelene Struth spricht รผber den Bilker Bunkerโ, Video auf YouTube, abgerufen am 14.09.2026.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Rheinische Post: โDรผsseldorf-Bilk: So sieht der Bunker von innen ausโ, abgerufen am 14.09.2026.
[5] Vgl. Helene Struth: โHelene Struth spricht รผber den Bilker Bunkerโ, Video auf YouTube, abgerufen am 14.09.2026.
[6] Ebd.
[7] Vgl. โHochbunkerโ, Bochumer Bunker.
[8] Vgl. Rheinische Post: โDรผsseldorf-Bilk: So sieht der Bunker von innen ausโ.
[9] NASA Ames Research Center: โInteresting Fact of the Month 2021โ, Aussage des Astronauten Greg Chamitoff.
Mehr als 1,2 Millionen Ziegel โ allein fรผr ein Krankenhaus.
Fรผr meinen Beitrag รผber die alten Dรผsseldorfer Ziegeleien bin ich noch einmal tiefer in die Quellen eingestiegen. Dabei bin ich auf ein bemerkenswertes Beispiel gestoรen: Fรผr den Bau des Dรผsseldorfer Marienhospitals wurde auf dem Gelรคnde des Gutes Stockkamp eigens eine Ziegelei eingerichtet.
Doch wie entstanden solche gewaltigen Mengen an Ziegeln eigentlich? Wer waren die Mรคnner, die Ton abbauten, ihn traten, formten, trockneten und schlieรlich brannten? Und welchen Preis zahlten die Arbeiter fรผr diese kรถrperliche Schwerstarbeit?
Ich habe meinen Beitrag โWie Dรผsseldorf im Ofen gebacken wurdeโ deshalb um die Geschichte der Marienhospital-Ziegelei und um neue Einblicke in den Arbeitsalltag der Ziegler erweitert.
Meinen Beitrag รผber Liesel Thielen und die dramatische Nacht im Januar 1943 habe ich noch einmal รผberarbeitet und um neue Aspekte ergรคnzt.
Liesel war damals erst 15 Jahre alt. Wรคhrend eines schweren Luftangriffs auf Dรผsseldorf machte sie sich mit ihrer Freundin Anneliese auf den Weg zum brennenden Marienhospital. Dort lagen ihre Mutter und ihr erst wenige Tage alter Bruder Hans.
Neu hinzugekommen ist unter anderem ein Nachtrag รผber Kinder im Krieg als ยปhandelnde Subjekteยซ โ und darรผber, wie sehr Liesels Erinnerungen zeigen, dass Kinder in solchen Extremsituationen nicht nur Opfer waren, sondern selbst Entscheidungen trafen und Verantwortung รผbernahmen.
Dazu habe ich den Beitrag mit weiteren historischen und privaten Fotografien ergรคnzt.
Das eisenzeitliche Gehรถft am Grรผnen See in Ratingen bei Dรผsseldorf ist Geschichte. Nach Jahren des Verfalls wurden die rekonstruierten Gebรคude wegen ihrer Baufรคlligkeit abgetragen. Kรผnftig soll das Gelรคnde nach den Planungen der Stadt als Jugend- und Pfadfinderzeltplatz genutzt werden.[1]
Anlass fรผr diesen Beitrag ist die hervorragende Arbeit des aus dem benachbarten Dรผsseldorf-Unterrath stammenden Klaus Lipinski, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem eisenzeitlichen Gehรถft beschรคftigt. Bereits in einem frรผheren Beitrag dokumentierte er dessen Entstehung und Bedeutung, nun berichtet er รผber dessen trauriges Ende. Der Artikel zeichnet die Geschichte dieses besonderen Ortes eindrucksvoll nach.
So sah die Rekonstruktion der Hรคuser aus. Bildrechte: Klaus Lipinski
Als im Dรผsseldorfer Rheinstadion nicht nur Fuรball-, sondern auch Rundfunkgeschichte geschrieben wurde
eutschland gegen die Niederlande. 70.000 Zuschauer drรคngen sich am 18. April 1926 ins neu erรถffneten Dรผsseldorfer Rheinstadion. Millionen kรถnnen das Spiel noch nicht verfolgen โ das Radio steckt gerade erst in den Kinderschuhen. Ausgerechnet an diesem Tag kommt Reporter Bernhard Ernst eine halbe Stunde zu spรคt zu seinem Mikrofon. Kurzerhand รผbernimmt ein Postinspektor die Live-Reportage. Und weil Fuรballreportagen in einem รผberfรผllten Stadion eine schweiรtreibende Angelegenheit waren, gab es zur Erfrischung sogar ein kรผhles Bier โ vermutlich Alt. Doch der Reihe nach.
Publikum stรผrmte bis an den Rand des Spielfelds, nachdem es die Zugangstore gewaltsam passiert hatte. Quelle: Nationaal Archief
Mein zweifacher Urgroรvater Anton Rissart starb im Alter von 41 Jahren โ und zwar โsubitoโ. So lautet jedenfalls der knappe Vermerk im Gerresheimer Kirchenbuch von 1905. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen gewรถhnlichen Sterbeeintrag zu handeln.
Wรคhrend die Fuรballwelt auf die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko blickt, wurde vor wenigen Tagen eine ganz andere Meisterschaft entschieden. Die vatikanische Fuรballauswahl Archivio Calcio besiegte die Supermarkt-Mannschaft Dirseco mit 4:0 und sicherte sich den Meistertitel.
Fรผr zehn Mark lieร mein Vater seine Haare abschneiden.
Heute klingt das nach keinem besonders guten Geschรคft. Im Frรผhjahr 1968 erschien es ihm jedoch als notwendiges Opfer. Die Small Faces, damals eine der erfolgreichsten Bands Englands, sollten in der Dรผsseldorfer Rheinhalle spielen. Fรผr einen Sechzehnjรคhrigen aus Hilden war das nicht weniger als der Aufbruch in die groรe weite Welt. Es gab nur ein Problem: Das Geld eines Teenagers war knapp. Zehn Mark fehlten ihm fรผr das Konzert.
Mein Groรvater war bereit, sie ihm zu geben โ allerdings nur unter einer Bedingung: Vorher musste der Sohn zum Friseur.
Die Fotos, das Konzertplakat, die Eintrittskarte und der zeitgenรถssische Pressebericht stammen aus dem Archiv von Dieter Petzold bzw. der Sammlung Wolfgang Stรถhr.
Plakat der Small Faces, dem ersten Konzert meines Vaters. Fotos Wolfgang Stรถhr, Archiv Dieter Petzold
Lange Haare als Provokation
Dabei waren die langen Haare meines Vaters keineswegs bloร eine Frage der Mode. Er pflegte seine dunklen Locken mit Hingabe, sehr zum Missfallen meiner Groรmutter, die darin nichts weiter als einen verrรผckten Zeitgeist erkannte.
Die Elterngeneration verstand die Langhaarigen jener Jahre oft nicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini sah in den langen Haaren mehr als einen modischen Spleen. Fรผr ihn standen sie fรผr Freiheit, Ausgelassenheit und die Verweigerung einer Gesellschaft, die viele Jugendliche als eng und autoritรคr empfanden.[1] Solche Gedanken waren fรผr die meisten Eltern jedoch bรถhmische Dรถrfer. Die Eltern meines Vaters begnรผgten sich nicht nur mit den dรผsteren Prophezeiungen รผber die Jugend von heute.
Mein Groรvater ging einen Schritt weiter.
Friseur Willi Rissart (links) als Lehrling. 1968 sorgte er auf Wunsch meines Groรvaters dafรผr, dass die Locken meines Vaters einem deutlich kรผrzeren Haarschnitt wichen. Bildrechte: Marion Rissart
Der teuerste Friseurbesuch seines Lebens
Mein Vater willigte in den Handel ein. Was er nicht bedacht hatte: Der Friseur war sein Onkel. Und der war offenbar instruiert worden, wenn er den Bengel auf dem Friseurstuhl sitzen hatte, ihm die Haare so richtig kurz zu schneiden. Aus den sorgfรคltig gepflegten Locken wurde ein militรคrischer Einheitsschnitt.
Als die langhaarigen Fans wenig spรคter Richtung Dรผsseldorfer Rheinhalle strรถmten, stand der Teenager mit schimmernder Kopfhaut an der Kasse und bat um ein Billett. Seine Freunde zeigten sich entsetzt und forderten ihn scherzhaft auf, sich woanders hinzusetzen. Zu groร war ihnen die Peinlichkeit.
Doch die eigentliche Enttรคuschung sollte erst noch folgen.
Vier Lieder und Schluss
Wie der Dรผsseldorfer Express am 20. Mai 1968 berichtete, spielten die Small Faces gerade einmal vier Lieder, bevor das Konzert im Chaos versank. Durch einen fehlerhaften Anschluss der Elektrokabel fielen nacheinander Bassgitarre und Orgel aus.
Die Stimmung innerhalb der Band kippte schlagartig. Eine Art Nervenkrise erfasste die gesamte Combo. Bassist Ronnie โPlonkโ Lane schleuderte seine Gitarre zu Boden. Bandleader Steve Marriott bearbeitete hinter der Bรผhne einen Fan mit Tritten, von dem er irrtรผmlich annahm, er habe den Verstรคrker lahmgelegt. Ein Souvenirjรคger, der die Schlagzeugstรถcke an sich genommen hatte, bekam ebenfalls die Wut der Musiker zu spรผren.
Der Manager der Band machte spรคter Alkohol und die Technik fรผr das Desaster verantwortlich. Die Musiker verzogen sich schlieรlich in ihre Hotelzimmer, wo die Party mit Drinks und Mรคdchen zum รrger des Hotelmanagements weiterging. [2]Die Zuschauer hingegen traten den Heimweg an.
Und meinem Vater dรคmmerte langsam die Erkenntnis, dass er seine Haarpracht fรผr exakt vier Songs geopfert hatte.
Express Artikel vom Auftritt. Fotos Wolfgang Stรถhr, Archiv Dieter Petzold. Die Bilder darunter zeigen Drummer Kenney Jones, dem spรคter die Schlagstรถcke geklaut wurden und Bassist Ronnie Plonk Lane, der seine Gitarre zu Boden warf.
Als lange Haare plรถtzlich normal wurden
Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Welt bereits verรคndert. Selbst der damalige Verteidigungsminister und spรคtere Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte den Siegeszug der langen Haare nicht mehr aufhalten. Das Haarnetz der โGerman Hair Forceโ machte Schlagzeilen, Schmidt erhielt dafรผr sogar den Orden wider den tierischen Ernst, machte spรคter den Erlass jedoch rรผckgรคngig.[3]
Was wenige Jahre zuvor als Provokation gegolten hatte, war dann ab Mitte der 70er plรถtzlich gesellschaftsfรคhig geworden.
Fรผr meinen Vater kam diese Entwicklung zu spรคt. Zwar waren die Haare lรคngst wieder nachgewachsen. Aber geblieben ist die Erinnerung an einen verhรคngnisvollen Zehn-Mark-Deal und an eine Band, die in Dรผsseldorf gerade einmal vier Lieder spielte, und an einen Friseurbesuch, der ihm noch lange nachhing.
Immerhin hatte die Sache einen Nebeneffekt. Bis heute bin ich vermutlich die einzige Person meiner Generation, die โTin Soldierโ, โAll or Nothingโ und โLazy Sundayโ auswendig mitsingen kann. Und das ist schlieรlich auch etwas wert.
Nachtrag vom 22.06.2026: Ein Besucher erinnert sich
Natรผrlich ist die Wirklichkeit oft banaler โ und zugleich aufregender.
Nach Verรถffentlichung dieses Beitrags meldete sich Dieter Petzold, vielen als ehemaliger Archivar und Administrator der Gruppe โGeschichte der Stadt Dรผsseldorf 2.0โ bekannt, der damals selbst in der Rheinhalle dabei war.
Seiner Erinnerung nach weigerte sich Sรคnger Steve Marriott vor allem deshalb weiterzusingen, weil eine Hallendurchsage mitten durch das Programm lief. Von den im Express geschilderten Tumulten blieb ihm etwas anderes in Erinnerung: Lediglich ein Fan versuchte, die Trommelstรถcke von Schlagzeuger Kenney Jones zu stibitzen โ und bekam dafรผr prompt eins aufs Maul.
Dieter und seine Freunde nahmen das abrupte Ende des Konzerts nicht allzu tragisch. Schlieรlich hatte bereits die Vorgruppe The Smoke mit ihrem Hit ยปMy Friend Jackยซ fรผr Stimmung gesorgt. Fรผr ihn zรคhlte ohnehin nur eines: seinen Helden einmal nahe gewesen zu sein.
Sein O-Ton:
โDanach steckte ich ein ausgeschnittenes Gesicht von Ronnie Lane in eine Monatskarte รผber mein Passfotogesicht. Ein Kontrolleur fand das nicht witzig. Ich kaufte mir eine hellgrรผne Cordhose und Clarks-Schuhe. Mit T-Shirt fรผhlte ich mich dann wie ein verhinderter Rockstar fรผr Arme.โ
Der umkringelte Kopf des Bassisten Ronnie Lane klebte als Dauer-Konterfei auf Dieter Petzolds Monatskarte. Aus Dieter Petzolds Fundus. Vielen Dank dafรผr.
Was blieb einem Jungen aus Dรผsseldorf-Heerdt schlieรlich anderes รผbrig?
Solche Erinnerungen erzรคhlen oft mehr รผber die Sechzigerjahre als jede Konzertkritik. Denn am Ende blieb nicht der รrger รผber eine Hallendurchsage in Erinnerung, sondern das Gefรผhl, den eigenen Helden ganz nah gewesen zu sein.
Noch einmal herzlichen Dank an Dieter Petzold fรผr diese Erinnerungen.
Und eine Frage an Dieter bleibt natรผrlich: Hast du die Cordhose eigentlich noch?
Bevor die Small Faces die Bรผhne betraten, sorgte The Smoke mit โMy Friend Jackโ fรผr Stimmung. An diesen Auftritt erinnerte sich spรคter auch Zeitzeuge Dieter Petzold. Fotos Wolfgang Stรถhr, Archiv Dieter Petzold.