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FuรŸball im Vatikan: Wo Archivare Meister werden und Sรผnder eine blaue Karte bekommen

Wรคhrend die FuรŸballwelt auf die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko blickt, wurde vor wenigen Tagen eine ganz andere Meisterschaft entschieden. Die vatikanische FuรŸballauswahl Archivio Calcio besiegte die Supermarkt-Mannschaft Dirseco mit 4:0 und sicherte sich den Meistertitel.

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Zehn Mark gegen lange Haare: Als die Small Faces 1968 nach Dรผsseldorf kamen

Fรผr zehn Mark lieรŸ mein Vater seine Haare abschneiden.

Heute klingt das nach keinem besonders guten Geschรคft. Im Frรผhjahr 1968 erschien es ihm jedoch als notwendiges Opfer. Die Small Faces, damals eine der erfolgreichsten Bands Englands, sollten in der Dรผsseldorfer Rheinhalle spielen. Fรผr einen Sechzehnjรคhrigen aus Hilden war das nicht weniger als der Aufbruch in die groรŸe weite Welt. Es gab nur ein Problem: Das Geld eines Teenagers war knapp. Zehn Mark fehlten ihm fรผr das Konzert.

Mein GroรŸvater war bereit, sie ihm zu geben โ€“ allerdings nur unter einer Bedingung: Vorher musste der Sohn zum Friseur.

Die Fotos, das Konzertplakat, die Eintrittskarte und der zeitgenรถssische Pressebericht stammen aus dem Archiv von Dieter Petzold bzw. der Sammlung Wolfgang Stรถhr.

Plakat der Small Faces, dem ersten Konzert meines Vaters. Fotos Wolfgang Stรถhr, Archiv Dieter Petzold

Lange Haare als Provokation

Dabei waren die langen Haare meines Vaters keineswegs bloรŸ eine Frage der Mode. Er pflegte seine dunklen Locken mit Hingabe, sehr zum Missfallen meiner GroรŸmutter, die darin nichts weiter als einen verrรผckten Zeitgeist erkannte.

Die Elterngeneration verstand die Langhaarigen jener Jahre oft nicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini sah in den langen Haaren mehr als einen modischen Spleen. Fรผr ihn standen sie fรผr Freiheit, Ausgelassenheit und die Verweigerung einer Gesellschaft, die viele Jugendliche als eng und autoritรคr empfanden.[1] Solche Gedanken waren fรผr die meisten Eltern jedoch bรถhmische Dรถrfer. Die Eltern meines Vaters begnรผgten sich nicht nur mit den dรผsteren Prophezeiungen รผber die Jugend von heute.

Mein GroรŸvater ging einen Schritt weiter.

Friseur Willi Rissart (links) als Lehrling. 1968 sorgte er auf Wunsch meines GroรŸvaters dafรผr, dass die Locken meines Vaters einem deutlich kรผrzeren Haarschnitt wichen. Bildrechte: Marion Rissart

Der teuerste Friseurbesuch seines Lebens

Mein Vater willigte in den Handel ein. Was er nicht bedacht hatte: Der Friseur war sein Onkel. Und der war offenbar instruiert worden, wenn er den Bengel auf dem Friseurstuhl sitzen hatte, ihm die Haare so richtig kurz zu schneiden. Aus den sorgfรคltig gepflegten Locken wurde ein militรคrischer Einheitsschnitt.

Als die langhaarigen Fans wenig spรคter Richtung Dรผsseldorfer Rheinhalle strรถmten, stand der Teenager mit schimmernder Kopfhaut an der Kasse und bat um ein Billett. Seine Freunde zeigten sich entsetzt und forderten ihn scherzhaft auf, sich woanders hinzusetzen. Zu groรŸ war ihnen die Peinlichkeit.

Doch die eigentliche Enttรคuschung sollte erst noch folgen.

Vier Lieder und Schluss

Wie der Dรผsseldorfer Express am 20. Mai 1968 berichtete, spielten die Small Faces gerade einmal vier Lieder, bevor das Konzert im Chaos versank. Durch einen fehlerhaften Anschluss der Elektrokabel fielen nacheinander Bassgitarre und Orgel aus.

Die Stimmung innerhalb der Band kippte schlagartig. Eine Art Nervenkrise erfasste die gesamte Combo. Bassist Ronnie โ€žPlonkโ€œ Lane schleuderte seine Gitarre zu Boden. Bandleader Steve Marriott bearbeitete hinter der Bรผhne einen Fan mit Tritten, von dem er irrtรผmlich annahm, er habe den Verstรคrker lahmgelegt. Ein Souvenirjรคger, der die Schlagzeugstรถcke an sich genommen hatte, bekam ebenfalls die Wut der Musiker zu spรผren.

Der Manager der Band machte spรคter Alkohol und die Technik fรผr das Desaster verantwortlich. Die Musiker verzogen sich schlieรŸlich in ihre Hotelzimmer, wo die Party mit Drinks und Mรคdchen zum ร„rger des Hotelmanagements weiterging. [2]Die Zuschauer hingegen traten den Heimweg an.

Und meinem Vater dรคmmerte langsam die Erkenntnis, dass er seine Haarpracht fรผr exakt vier Songs geopfert hatte.

Express Artikel vom Auftritt. Fotos Wolfgang Stรถhr, Archiv Dieter Petzold. Die Bilder darunter zeigen Drummer Kenney Jones, dem spรคter die Schlagstรถcke geklaut wurden und Bassist Ronnie Plonk Lane, der seine Gitarre zu Boden warf.

Als lange Haare plรถtzlich normal wurden

Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Welt bereits verรคndert. Selbst der damalige Verteidigungsminister und spรคtere Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte den Siegeszug der langen Haare nicht mehr aufhalten. Das Haarnetz der โ€žGerman Hair Forceโ€œ machte Schlagzeilen, Schmidt erhielt dafรผr sogar den Orden wider den tierischen Ernst, machte spรคter den Erlass jedoch rรผckgรคngig.[3]

Was wenige Jahre zuvor als Provokation gegolten hatte, war dann ab Mitte der 70er plรถtzlich gesellschaftsfรคhig geworden.

Fรผr meinen Vater kam diese Entwicklung zu spรคt. Zwar waren die Haare lรคngst wieder nachgewachsen. Aber geblieben ist die Erinnerung an einen verhรคngnisvollen Zehn-Mark-Deal und an eine Band, die in Dรผsseldorf gerade einmal vier Lieder spielte, und an einen Friseurbesuch, der ihm noch lange nachhing.

Immerhin hatte die Sache einen Nebeneffekt. Bis heute bin ich vermutlich die einzige Person meiner Generation, die โ€žTin Soldierโ€œ, โ€žAll or Nothingโ€œ und โ€žLazy Sundayโ€œ auswendig mitsingen kann. Und das ist schlieรŸlich auch etwas wert.

Nachtrag vom 22.06.2026: Ein Besucher erinnert sich

Natรผrlich ist die Wirklichkeit oft banaler โ€“ und zugleich aufregender.

Nach Verรถffentlichung dieses Beitrags meldete sich Dieter Petzold, vielen als ehemaliger Archivar und Administrator der Gruppe โ€žGeschichte der Stadt Dรผsseldorf 2.0โ€œ bekannt, der damals selbst in der Rheinhalle dabei war.

Seiner Erinnerung nach weigerte sich Sรคnger Steve Marriott vor allem deshalb weiterzusingen, weil eine Hallendurchsage mitten durch das Programm lief. Von den im Express geschilderten Tumulten blieb ihm etwas anderes in Erinnerung: Lediglich ein Fan versuchte, die Trommelstรถcke von Schlagzeuger Kenney Jones zu stibitzen โ€“ und bekam dafรผr prompt eins aufs Maul.

Dieter und seine Freunde nahmen das abrupte Ende des Konzerts nicht allzu tragisch. SchlieรŸlich hatte bereits die Vorgruppe The Smoke mit ihrem Hit ยปMy Friend Jackยซ fรผr Stimmung gesorgt. Fรผr ihn zรคhlte ohnehin nur eines: seinen Helden einmal nahe gewesen zu sein.

Sein O-Ton:

โ€žDanach steckte ich ein ausgeschnittenes Gesicht von Ronnie Lane in eine Monatskarte รผber mein Passfotogesicht. Ein Kontrolleur fand das nicht witzig. Ich kaufte mir eine hellgrรผne Cordhose und Clarks-Schuhe. Mit T-Shirt fรผhlte ich mich dann wie ein verhinderter Rockstar fรผr Arme.โ€œ

Der umkringelte Kopf des Bassisten Ronnie Lane klebte als Dauer-Konterfei auf Dieter Petzolds Monatskarte. Aus Dieter Petzolds Fundus. Vielen Dank dafรผr.

Was blieb einem Jungen aus Dรผsseldorf-Heerdt schlieรŸlich anderes รผbrig?

Solche Erinnerungen erzรคhlen oft mehr รผber die Sechzigerjahre als jede Konzertkritik. Denn am Ende blieb nicht der ร„rger รผber eine Hallendurchsage in Erinnerung, sondern das Gefรผhl, den eigenen Helden ganz nah gewesen zu sein.

Noch einmal herzlichen Dank an Dieter Petzold fรผr diese Erinnerungen.

Und eine Frage an Dieter bleibt natรผrlich: Hast du die Cordhose eigentlich noch?

Bevor die Small Faces die Bรผhne betraten, sorgte The Smoke mit โ€žMy Friend Jackโ€œ fรผr Stimmung. An diesen Auftritt erinnerte sich spรคter auch Zeitzeuge Dieter Petzold. Fotos Wolfgang Stรถhr, Archiv Dieter Petzold.


[1] Vgl. http://www.journal-ethnologie.de/Schwerpunktthemen/Schwerpunktthemen_2006/Haare/Haarige_Zeiten/index.html (abgerufen am 20. Mai 2026)

[2] Heus, Dieter A. Nacht der Skandale mit den Small Faces. Beat-Stars prรผgeln sich auf der Bรผhne, in: Dรผsseldorfer Express vom 20. Mai 1968

[3] Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/laengere-haare-gewagt-102.html (abgerufen am 20.Mai 2026)

Dรผsseldorf fรผr Fortgeschrittene: Ein Bierdeckel reicht

Vom Gehen und Sehen

Der Frรผhling und die Feiertage โ€“ sie gehรถren zum Spazierengehen. Zur Blรผtenfrische, zum ziellosen Schlendern, zum scheinbar zweckfreien Unterwegssein.

Und doch hat das Gehen Methode. Promenadologen โ€“ also Spaziergangsforscher โ€“ preisen den ausgedehnten Schritt als โ€žletztes Backup unserer Mobilitรคtโ€œ. Bertram Weisshaar formuliert es so: Wer zu FuรŸ geht, lรคsst seine FรผรŸe gehen, schaut nach links und rechts und schรคrft dabei seine Wahrnehmung fรผr die Umgebung.

Eine Stadt, die auf einem Bierdeckel stehen kann. Wer hat das schon?, ยฉvia wikipedia commons
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NSDAP in der Familie: Was wir herausfinden โ€“ und was es mit uns macht

โ€žWar Opa ein Nazi?โ€œ scheint momentan in aller Munde zu sein. Mussten wir noch bis vor wenigen Monaten โ€žmรผhsamโ€œ einen Antrag beim Bundesarchiv stellen, um Auskunft รผber die Mitgliedschaft in der NSDAP zu erhalten, ist die Suche nach der Parteimitgliedschaft um einiges leichter geworden. Der Grund: die Verรถffentlichung von rund acht Millionen Mitgliederkarteikarten im US-Nationalarchiv

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Entnazifizierung im Archiv: Was ein leer gelassenes Feld verrรคt

Archive sind keine Orte der Vergangenheit โ€” sie sind Orte der รœberraschung.
Zwischen Fragebรถgen, Stempeln und vergilbten Formularen tauchen plรถtzlich Lebensgeschichten auf, die lange verborgen geblieben sind. Zum Tag der Archive habe ich einen Blick in die digitalisierten Entnazifizierungsakten des Landesarchivs NRW geworfen. Was zunรคchst nach trockener Verwaltung klingt, entpuppte sich schnell als persรถnliche Spurensuche: ein Schreiner, ein leer gelassenes Feld im Fragebogen โ€” und eine Parteimitgliedskarte, die an ganz anderer Stelle wartete. Manchmal erzรคhlen Archive mehr, als ihre Besitzer je preisgeben wollten.

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Warum das โ€žHโ€œ an der Haltestelle mehr Geschichte hat als der Busfahrplan

Morgen und Samstag streikt wieder die Rheinbahn.
Wรคhrend man frierend an der Haltestelle steht und sich fragt, ob Bewegung vielleicht doch eine Form der Selbsttรคuschung ist, fรคllt der Blick zwangslรคufig auf das groรŸe โ€žHโ€œ.

Ein Buchstabe, den jeder kennt.
Und รผber den erstaunlich wenige je nachgedacht haben.

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Die Handschrift als FuรŸabdruck

รœber Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt

Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird

Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schรถn. Trotzdem โ€“ oder vielleicht gerade deshalb โ€“ erzรคhlt sie etwas รผber mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: รผber Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.

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Jeder Mensch ist ein Kรผnstler. Tschibbi nahm Beuys beim Wort.

Spurensuche auf einem Grab und in Dรผsseldorfs Kunstgeschichte

Weihnachten ist auch die Zeit des Spazierengehens. Der Joseph-Beuys Blogtext mit dem Hungerstreik war lรคngst vergessen, als ich auf dem Friedhof in meiner Nรคhe plรถtzlich und ungewollt sehenden Auges auf den Spuren vergangener Dรผsseldorfer Kรผnstler wandelte. Erstaunt blieb ich vor einer gelb-blauen Skulptur auf einem Grab stehen, deren Aussage sich mir nicht erschloss.
Muss sie auch nicht. Grabkunst hat kein Erklรคrungsbedรผrfnis. Die Skulptur wirkt vom gelben Kopf her wie eine Art Kobra, wรคhrend der untere tรผrkis-blรคuliche Teil eher an eine orientalische Flasche erinnert.

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