Zehn Mark gegen lange Haare: Als die Small Faces 1968 nach Düsseldorf kamen

Für zehn Mark ließ mein Vater seine Haare abschneiden.

Heute klingt das nach keinem besonders guten Geschäft. Im Frühjahr 1968 erschien es ihm jedoch als notwendiges Opfer. Die Small Faces, damals eine der erfolgreichsten Bands Englands, sollten in der Düsseldorfer Rheinhalle spielen. Für einen Sechzehnjährigen aus Hilden war das nicht weniger als der Aufbruch in die große weite Welt. Es gab nur ein Problem: Das Geld eines Teenagers war knapp. Zehn Mark fehlten ihm für das Konzert.

Mein Großvater war bereit, sie ihm zu geben – allerdings nur unter einer Bedingung: Vorher musste der Sohn zum Friseur.

Die Fotos, das Konzertplakat, die Eintrittskarte und der zeitgenössische Pressebericht stammen aus dem Archiv von Dieter Petzold bzw. der Sammlung Wolfgang Stöhr.

Plakat der Small Faces, dem ersten Konzert meines Vaters. Fotos Wolfgang Stöhr, Archiv Dieter Petzold

Lange Haare als Provokation

Dabei waren die langen Haare meines Vaters keineswegs bloß eine Frage der Mode. Er pflegte seine dunklen Locken mit Hingabe, sehr zum Missfallen meiner Großmutter, die darin nichts weiter als einen verrückten Zeitgeist erkannte.

Die Elterngeneration verstand die Langhaarigen jener Jahre oft nicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini sah in den langen Haaren mehr als einen modischen Spleen. Für ihn standen sie für Freiheit, Ausgelassenheit und die Verweigerung einer Gesellschaft, die viele Jugendliche als eng und autoritär empfanden.[1] Solche Gedanken waren für die meisten Eltern jedoch böhmische Dörfer. Die Eltern meines Vaters begnügten sich nicht nur mit den düsteren Prophezeiungen über die Jugend von heute.

Mein Großvater ging einen Schritt weiter.

Friseur Willi Rissart (links) als Lehrling. 1968 sorgte er auf Wunsch meines Großvaters dafür, dass die Locken meines Vaters einem deutlich kürzeren Haarschnitt wichen. Bildrechte: Marion Rissart

Der teuerste Friseurbesuch seines Lebens

Mein Vater willigte in den Handel ein. Was er nicht bedacht hatte: Der Friseur war sein Onkel. Und der war offenbar instruiert worden, wenn er den Bengel auf dem Friseurstuhl sitzen hatte, ihm die Haare so richtig kurz zu schneiden. Aus den sorgfältig gepflegten Locken wurde ein militärischer Einheitsschnitt.

Als die langhaarigen Fans wenig später Richtung Düsseldorfer Rheinhalle strömten, stand der Teenager mit schimmernder Kopfhaut an der Kasse und bat um ein Billett. Seine Freunde zeigten sich entsetzt und forderten ihn scherzhaft auf, sich woanders hinzusetzen. Zu groß war ihnen die Peinlichkeit.

Doch die eigentliche Enttäuschung sollte erst noch folgen.

Vier Lieder und Schluss

Wie der Düsseldorfer Express am 20. Mai 1968 berichtete, spielten die Small Faces gerade einmal vier Lieder, bevor das Konzert im Chaos versank. Durch einen fehlerhaften Anschluss der Elektrokabel fielen nacheinander Bassgitarre und Orgel aus.

Die Stimmung innerhalb der Band kippte schlagartig. Eine Art Nervenkrise erfasste die gesamte Combo. Bassist Ronnie „Plonk“ Lane schleuderte seine Gitarre zu Boden. Bandleader Steve Marriott bearbeitete hinter der Bühne einen Fan mit Tritten, von dem er irrtümlich annahm, er habe den Verstärker lahmgelegt. Ein Souvenirjäger, der die Schlagzeugstöcke an sich genommen hatte, bekam ebenfalls die Wut der Musiker zu spüren.

Der Manager der Band machte später Alkohol und die Technik für das Desaster verantwortlich. Die Musiker verzogen sich schließlich in ihre Hotelzimmer, wo die Party mit Drinks und Mädchen zum Ärger des Hotelmanagements weiterging. [2]Die Zuschauer hingegen traten den Heimweg an.

Und meinem Vater dämmerte langsam die Erkenntnis, dass er seine Haarpracht für exakt vier Songs geopfert hatte.

Express Artikel vom Auftritt. Fotos Wolfgang Stöhr, Archiv Dieter Petzold. Die Bilder darunter zeigen Drummer Kenney Jones, dem später die Schlagstöcke geklaut wurden und Bassist Ronnie Plonk Lane, der seine Gitarre zu Boden warf.

Als lange Haare plötzlich normal wurden

Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Welt bereits verändert. Selbst der damalige Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte den Siegeszug der langen Haare nicht mehr aufhalten. Das Haarnetz der „German Hair Force“ machte Schlagzeilen, Schmidt erhielt dafür sogar den Orden wider den tierischen Ernst, machte später den Erlass jedoch rückgängig.[3]

Was wenige Jahre zuvor als Provokation gegolten hatte, war dann ab Mitte der 70er plötzlich gesellschaftsfähig geworden.

Für meinen Vater kam diese Entwicklung zu spät. Zwar waren die Haare längst wieder nachgewachsen. Aber geblieben ist die Erinnerung an einen verhängnisvollen Zehn-Mark-Deal und an eine Band, die in Düsseldorf gerade einmal vier Lieder spielte, und an einen Friseurbesuch, der ihm noch lange nachhing.

Immerhin hatte die Sache einen Nebeneffekt. Bis heute bin ich vermutlich die einzige Person meiner Generation, die „Tin Soldier“, „All or Nothing“ und „Lazy Sunday“ auswendig mitsingen kann. Und das ist schließlich auch etwas wert.

Nachtrag vom 22.06.2026: Ein Besucher erinnert sich

Natürlich ist die Wirklichkeit oft banaler – und zugleich aufregender.

Nach Veröffentlichung dieses Beitrags meldete sich Dieter Petzold, vielen als ehemaliger Archivar und Administrator der Gruppe „Geschichte der Stadt Düsseldorf 2.0“ bekannt, der damals selbst in der Rheinhalle dabei war.

Seiner Erinnerung nach weigerte sich Sänger Steve Marriott vor allem deshalb weiterzusingen, weil eine Hallendurchsage mitten durch das Programm lief. Von den im Express geschilderten Tumulten blieb ihm etwas anderes in Erinnerung: Lediglich ein Fan versuchte, die Trommelstöcke von Schlagzeuger Kenney Jones zu stibitzen – und bekam dafür prompt eins aufs Maul.

Dieter und seine Freunde nahmen das abrupte Ende des Konzerts nicht allzu tragisch. Schließlich hatte bereits die Vorgruppe The Smoke mit ihrem Hit »My Friend Jack« für Stimmung gesorgt. Für ihn zählte ohnehin nur eines: seinen Helden einmal nahe gewesen zu sein.

Sein O-Ton:

„Danach steckte ich ein ausgeschnittenes Gesicht von Ronnie Lane in eine Monatskarte über mein Passfotogesicht. Ein Kontrolleur fand das nicht witzig. Ich kaufte mir eine hellgrüne Cordhose und Clarks-Schuhe. Mit T-Shirt fühlte ich mich dann wie ein verhinderter Rockstar für Arme.“

Der umkringelte Kopf des Bassisten Ronnie Lane klebte als Dauer-Konterfei auf Dieter Petzolds Monatskarte. Aus Dieter Petzolds Fundus. Vielen Dank dafür.

Was blieb einem Jungen aus Düsseldorf-Heerdt schließlich anderes übrig?

Solche Erinnerungen erzählen oft mehr über die Sechzigerjahre als jede Konzertkritik. Denn am Ende blieb nicht der Ärger über eine Hallendurchsage in Erinnerung, sondern das Gefühl, den eigenen Helden ganz nah gewesen zu sein.

Noch einmal herzlichen Dank an Dieter Petzold für diese Erinnerungen.

Und eine Frage an Dieter bleibt natürlich: Hast du die Cordhose eigentlich noch?

Bevor die Small Faces die Bühne betraten, sorgte The Smoke mit „My Friend Jack“ für Stimmung. An diesen Auftritt erinnerte sich später auch Zeitzeuge Dieter Petzold. Fotos Wolfgang Stöhr, Archiv Dieter Petzold.


[1] Vgl. http://www.journal-ethnologie.de/Schwerpunktthemen/Schwerpunktthemen_2006/Haare/Haarige_Zeiten/index.html (abgerufen am 20. Mai 2026)

[2] Heus, Dieter A. Nacht der Skandale mit den Small Faces. Beat-Stars prügeln sich auf der Bühne, in: Düsseldorfer Express vom 20. Mai 1968

[3] Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/laengere-haare-gewagt-102.html (abgerufen am 20.Mai 2026)

Die Handschrift als Fußabdruck

Über Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt

Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird

Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schön. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erzählt sie etwas über mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: über Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.

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Was uns Foto-Rückseiten verraten

Über Provenienz, Zufall und die Geschichten hinter Bildern

Fotos sind wie Dokumente. Sie können jahrzehntelang ihren Dornröschenschlaf in alten Schachteln, vergessenen Umschlägen oder abgegriffenen Brieftaschen halten. Wenn sie nicht vorher im Altpapiercontainer landen oder verbrannt werden – auch das ist ein mögliches Schicksal –, wird es irgendwann jemanden geben, der sich ihrer annimmt: den Künstler, den Archivar, den Ahnenforscher. Oder den berühmten Kommissar Zufall, Sherlock Holmes oder die drei Fragezeichen.
Fotos warten darauf, entdeckt zu werden.

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Paul Henckels: Der Mann hinter Bömmel und die ewige Düsseldorfer Leiche

Paul Henckels, der Professor aus der Feuerzangenbowle, über Bühne, Bombennächte und schwarzen Humor

Millionen kennen ihn als Professor Bömmel aus der „Feuerzangenbowle“. Doch Paul Henckels war weit mehr als diese berühmte Filmfigur. Der gebürtige Düsseldorfer prägte über Jahrzehnte Bühne und Film – und wurde schließlich selbst Teil einer ungewöhnlichen Düsseldorfer Geschichte.

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Wie Beuys Düsseldorf auf den Kopf stellte (und eine Studentin vor der Akademie verhungerte)

Der Mensch stolpert ja bekanntlich über Kleinigkeiten. Beim Recherchieren über Ike und Tina Turner stieß ich im Düsseldorfer Stadtarchiv über den »Düsseldorfer Jong« Joseph Beuys. Eigentlich ein Krefelder, aber das scheinen wir Düsseldorfer im Zuge seiner Berühmtheit vergessen zu haben.  

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Düsseldorfs Stadtoriginal: Angela Spook als Hexe von der Kö

Wer kennt sie nicht: Die zu Stadtoriginalen herangewachsenen Menschen, die überhaupt zu wissen, wer ihnen dieses Etikett auf dem Leib gestempelt hat. Vielleicht liegt es daran, dass sie so elementar und echt sind, sie in der lauten Welt mit ihren Eigenheiten einstehen, dass ihre Originalität von Generation zu Generation weitergetragen werden.

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Nase voll und trotzdem glücklich. Vom Schnupftabak und seiner Dose

Christoph Kolumbus entdeckte nicht nur Amerika, sondern auch an den Nasen der Ureinwohner ein seltsames Pulver. Er hielt es für so interessant, dass er den Schnupftabak in seine portugiesische Heimat brachte. Der am portugiesischen Hof lebende französische Gesandte Jean Nicot führte es am französischen Hof ein und machte damit Katharina di Medici zur ersten Abhängigen. Die Schwiegermutter Maria Stuarts nutzte das poudre de la reine (Pulver der Königin), um ihren ewigen kranken Sohn Franz II zu heilen. Eine Nase voll dem höllischen Puder – voila – und die oberen Atemwege waren frei.

Tabakanbau in den Niederlanden, ©Niederländisches Staatsarchiv

Schnupftabaksdose rettet das Leben von Friedrich II

Man schrieb dem Pulver magische Eigenschaften zu. Es heilte nicht nur Migräne, Pest, Läuse und Brand, sondern auch das Leben. Der bekannte Schnupfer Friedrich der Große, so die Fama, stand im Siebenjährigem Krieg im Felde bei Kunersdorf, als ihn eine feindliche Kugel an der Brust traf. Die Kugel prallte an der Schnupftabaksdose ab, die sich in seiner Brusttasche befand und schenkte dem Preußenkönig das Leben.

Snuffbox_with_portrait_of_Frederick_the_Great_(1712–1786),_King_of_Prussia_MET_ES5701Daniel Baudesson, CC0, via Wikimedia Commons

In Saucen eingelegter Schnupftabak

Friedrich war nicht nur ein ständiger Sniffer, sondern auch ein Sammler kostbarer Schnupftabaksdosen. Den oft in schäbiger, fleckiger Uniform herumlaufende Preußenkönig hätte man leicht für einen Strauchdieb halten können. Aber damit man sich ja nicht vertat, holte er jederzeit aus seinem Uniformrock eine mit dem Edelstein Chrysomas besetzte Tabatiere und schnupfte den wochenlang in Saucen gelegte spanische Tabak.

Tabatieren aus Edelsteinen

Friedrich der Große betonte in seinem Testament, sich nie staatlicher Gelder bedient zu haben. Tatsächlich aber schuf er aber für die Dinge, die er begehrte eine Art Fond. Dieser Fond ermöglichte es ihm, sich die Kostspieligkeiten wie Schnupftabaksdosen zu leisten. Sein favorisierter Goldschmied Daniel Baudesson (einige seiner Dosen zieren das Metropolitan Museum of Modern Art), schuf u.a. goldene, Brillanten verzierte Kreationen mit Friedrichs Konterfei. Friedrich letzte Dose war im Übrigen eine Holzmaserdose, die sein Kammerdiener Schöning Friedrichs Schwester Amalie nach dessen Tod überreichte.

Diese Tabatiere ist nicht von Friedrich dem Großen, sondern steht im Louvre, ©Marion Rissart

Kaiser Wilhelm liebte Schnupftabaksdosen wie sein Idol

Auch Kaiser Wilhelm II sammelte in seinem niederländischen Exil, Haus Doorn, Schnupftabaksdosen. In Anlehnung an sein oben genanntes preußisches Idol, gab es neben den Motiven mit seinen »Hobbies« wie Schiffe oder Segelsport, einige Dosen, die den Frontverlauf des Schlesischen Krieges darstellten.

Ebenfalls ein Tabatieren-Sammler. Kaiser Wilhelm II mit seiner zweiten Frau im holländischen Exil, Haus Doorn. Bundesarchiv_Bild_136-C0805,_Kaiserpaar_im_Haus_Doorn

Schnupfen unter Tage auf Du und Du

Schnupftabak galt aber nicht nur als ein Privileg des Adels, sondern sicherte sich seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft. Sniffen war gern genommen in der Feuerpause an der Front (obwohl der Schnupftabak im 2. Weltkrieg abnahm) oder im Bergbau. Unter Tage gab es schon allein deswegen nur Tabakpulver, weil die Brandgefahr zu hoch war. Eine kurze Runde Schnupfen mit seinem Kumpel oder Chef auf Du und Du, lockerte die Hierarchie, förderte die Motivation und den Zusammenhalt.

Schnupftabakflasche aus Steingut_ Perlesreuter Schmalzler, ©JNM

Peer Steinbrück ist ein Amateur in Sachen Sniffen

Auch Politiker snifften, wann es für sie politisch opportun erschien. Während Edmund Stoiber den Schnupftabak vor dem EU-Verbot rettete, zog Franz Müntefering das braune Pulver bei den Ruhrfestspielen über seinen Handrücken durch die Nase. Peer Steinbrück in Bergmannskluft, träufelte sich bei einem Termin in Hamm ebenfalls das Pulver auf die rechte Hand. Ein Amateur in Sachen Schnupfen, denn Kenner nehmen immer die Linke.

SchnupfendeDamen Louis-Léopold Boilly, Public domain, via Wikimedia Commons

Helmut Schmidts menthole Liebe beginnt im Bergbau

Übrigens: Der Schnupftabak ist auch Mittler in Sachen großer Liebe. Unser Alt Bundeskanzler Helmut Schmidt lernte nicht nur das Sniffen von den Kumpels kennen, sondern einen Geschmack, von dem er Zeit seines Lebens nicht mehr loskam. Der in Deutschland hergestellte Snuff ward immer mit Menthol versehen. Schmidt behielt zwar das Schnupfen bei. Da aber die Kippen mehr hergaben, er aber den Menthol-Geschmack nicht missen wollte, deckte er sich fürstlich mit Zigaretten Marke Reyno Menthol ein – und bescherte der Zigarettenfirma ungeahnte Umsätze

Römische Latrine ohne Tamponautomat


Öffentliche Toiletten gehören zu den am wenigsten beachteten Orten der Geschichte. Dabei sagen sie viel über gesellschaftliche Ordnung, Körperbilder und den Umgang mit Nähe aus. Die römische Latrina Publica war kein Rückzugsort, sondern ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens. Ihre bauliche Gestaltung, Nutzung und soziale Funktion erlauben einen ungewöhnlich direkten Blick auf den Alltag der Antike.

Irgendwie komme ich von der Antike nicht los. Momentan interessiert mich die sogenannte Latrina Publica, die öffentliche römische Toilette. Von wegen stilles Örtchen: Dort ging es mitunter zu wie auf einer Toilette an Karneval in der Düsseldorfer Altstadt. In gelöster Atmosphäre brodelten nicht nur die Gerüche, sondern auch die Gerüchte. Man traf Bekannte und Freunde, die man länger nicht gesehen hatte – oder immer zur gleichen Uhrzeit, weil man offenbar dieselbe Verdauung besaß wie der Sitznachbar.

Antikes_WC in Athen, ©wikipedia

Wie die Hühner auf der Stange

Will man das Innere der römischen Gesellschaft erforschen, muss man in ihre Tiefen bohren – und die führen zwangsläufig in die Kloaken Roms. Ein besonderes Kleinod lässt Archäologenherzen höherschlagen: die Latrinen unter dem Palatin. Eifrig maßen sie die Sitzhöhe (43 Zentimeter) und den Abstand der aus Stein gehauenen Öffnungen. Das Ergebnis: In einer Entfernung von gerade einmal 56 Zentimetern hockten die Menschen ohne Trennwand nebeneinander – wie die Hühner auf der Stange.

Unter ihnen floss ein Bächlein mit den Fäkalien in den Abwasserkanal. Vor den Steinlöchern befand sich eine mit Wasser gefüllte Rinne, in der die Römer den am Stock befestigten Schwamm reinigten. Mit diesem wischten sie sich den Hintern. Wann – und ob – dieser Schwamm regelmäßig ausgewechselt wurde, bleibt ein ewiges Geheimnis. Ebenso die Frage, ob jeder seinen eigenen zur Hand hatte. Klopapier produzierte Joseph Gayetty bekanntlich erst um 1857.

Xylospongium. Nachgebauter römischer Toilettenschwamm, ©Dickson. Herdemerten

Schnorren auf dem Klo

Dass Menschen auf dem Lokus gern reden, weiß ich aus eigener Erfahrung in Gemeinschaftstoiletten. (Es war noch nicht die Zeit, in der man allein mit dem Handy auf dem Klo saß.) Auch im antiken Rom gab es Personen, die Gestank, Getier und Keime ignorierten und die öffentlichen Toiletten nicht primär zum Verrichten ihrer Notdurft aufsuchten.

Der Dichter Martial berichtet von einem Mann namens Vaccera, der stundenlang auf dem Klo herumlungerte. Nicht um zu spannen, sondern um Bekannte zu treffen. Warum? Martial bringt es auf den Punkt:
„Cenaturit Vaccera, non caccaturit!“
(Essen möchte Vaccera, nicht kacken.)

Vaccera hoffte also auf Dinnereinladungen – selbstverständlich für lau.

Römische Garum Fabrik, ©Iguil Wikipedia

Fischbandwurm im römischen Darm

Apropos Keime: Es gibt ja so etwas wie das Gesetz der Masse. Wenn alle etwas haben, fällt es kaum auf – und wird zur Normalität. Die Römer litten unter Darmparasiten, insbesondere unter dem Fischbandwurm. Schuld daran war unter anderem das Garum. Die aus Fisch in Salzlake gewonnene Flüssigkeit mundete dem römischen Gaumen und wurde nahezu allen Speisen zugesetzt.

Gekoppelt mit den stinkenden Gemeinschaftstoiletten – ein wahres Highlight für Keime – und der Düngung der Felder mit Fäkalien, schloss sich der Kreislauf. Über Obst und Gemüse gelangten die Krankheitserreger zuverlässig zurück in den römischen Magen.

Kreislauf des Fischbandwurm, ©Roman Kuchta, Marcus Enrique Serrano-Martínez, and Tomas Scholz

Tamponautomat auf dem Herrenklo

Kürzlich las ich erneut von einem Streit im Hygienebereich des Stuttgarter Rathauses. Auslöser war ein im Zuge des Genderns installierter Tamponspender auf der Herrentoilette – gedacht zur Gleichberechtigung von Transmenschen. Oberbürgermeister Frank Nopper war darüber derart erbost, dass er ein Foto des Menstruationsbehälters knipste und auf Instagram postete.

CDU-Fraktionschef Alexander Klotz zeterte in der BILD-Zeitung vom landesweiten Gespött und beklagte, der Tamponbehälter auf dem Männerklo sei – im Gegensatz zu dem auf der Damentoilette – ständig leer. Statistisch gesehen scheint der Bedarf an Tampons bei Männern also größer zu sein.


Gleichberechtigung auf dem römischen Klo

Interessanterweise kannten die Römer auf ihren Latrinen keine Geschlechtertrennung. Jede und jeder setzte sich auf die steinerne Klobrille, verrichtete sein oder ihr Geschäft und ging wieder seiner oder ihrer Wege. Gleichberechtigung pur. Auch ohne Tamponautomat. Die Latrina Publica zeigt, wie selbstverständlich Öffentlichkeit, Körper und Alltag in der Antike ineinandergreifen konnten.Öffentlichkeit beginnt manchmal dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Lagerfeuer Lesung: Kulturgeschichten rund ums Weihnachtsfest

Was braucht`s denn mehr als einfach Zuhören?

Manchmal braucht es keine Effekte, sondern nur sitzen und lauschen bei Kerzenschein. Das archaische Wohl in der oft beschworenen Lagerfeuerromantik trifft des Pudels Kern. Als Autorin des Leiermann-Verlages reise ich mit meinen Zuhörern durch die weihnachtlichen Kulturgeschichten Europas.

Kulturgeschichten, geprägt von mehreren Generationen:-)

Im Konversationscafe im Bonner Migrapolis-Haus las ich nicht nur über Erich Kästners „Fliegende Klassenzimmer“, sondern entführte meine Zuhörer in die  Sagen umwobenen „Rauhnächte“ nach der Weihnachtszeit bis hin zum 6. Januar.

In dieser Zeit stehen wir ein offenes Ohr gegenüber den Geistern und den Seelen der Verstorbenen:-) Meine Zuhörer fielen ein und erzählten von Mythen umwobenen Legenden aus aller Herren Länder.

Leiermann Kollegen bei ihrer Lesung im Zeughaus der Reiss-Engelhorn Museen in Mannheim. Von links nach rechts: Anja Weinberger, Christiane Wilms, Raimund Gründler, ©Christiane Wilms

Währenddessen waren meine Leiermann-Kollegen Anja Weinberger, Christiane Wilms und Raimund Gründler, der Kurator des Lese Zeichens Mannheims nicht untätig. Am 2. Adventssonntag, in pittoresker Atmosphäre im Zeughaus der Reiss-Engelhorn Museen, durchstreifte Raimund Gründler mit seinem Publikum den glorreichen Feldzug des Lebkuchens, Anja Weinberger erzählte Geschichten rund um Weihnachtslieder und Christiane Wilms stellte in ihrem Beitrag die durchaus kritische Frage: wieviel Weihnachten darfs den sein?“

Die Flötistin Anja Weinberger untermalt die Lesung mit ihrem Instrument, ©Christiane Wilms

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