Effizienz oder Respektlosigkeit? Warum die Jogginghose Kultstatus erlangte.

Er jährt sich wieder, der Tag der Jogging Hose (21. Januar, nicht vergessen!!!) und jeder stellt sich folgende Frage: Wie konnte es geschehen, dass die einstige Lümmel-Buxe salonfähig wurde. Oder auch nur ein entsetztes Why???

Die Ur-Hose trugen noch Sportler, dann (auch) Ronald Reagan

Der Erfinder der Ur-Hose war ein Franzose mit Namen Emile Camuse. Dem sportbegeisterten Gründer und Designer der Sportmarke Le Sportif waren zu erkalten drohende Muskeln ein Gräuel. Darum ersann er in 20ern des letzten Jahrhunderts ein gestricktes, ausgebeultes Kleidungsstück, das der Athlet über sein normales Trikot anziehen konnte. Zuerst nur für den Sport gedacht, eroberte sich die Jogginghose mit an Unverschämtheit grenzender Beharrlichkeit in die Herzen und über die Hintern der westlichen Welt. Wenn sich ein Ronald Reagan in der Airforce One im grauen Jogger ablichten lassen konnte, als hätte man ihn vom Fernsehsessel aufgescheucht, dann konnte Otto-Normal Bürger das schon lange. Ohne Sport zu treiben, versteht sich.

9/20/1984 President Reagan wearing sweatpants talking to staff aboard Air Force One on a trip to Iowa

Kann man mit Jogginghose bei den Mädchen landen?

Erfolgreich viral ging 2010 die Jogging Hose über Facebook mit 600.000 Followern, als vier Grazer Schüler über diesen Kanal dafür plädierten, wenigstens einen Tag im Leben auf Leisure zu machen. Ein Jahr zuvor waren sie bereits an Fasching mit der Hose zur Schule gegangen. Danach fiel der 21. Januar in die Ferien. Die Jungs aber hatten Blut geleckt und wollten das Tragegefühl von nun an in jedem ihrer Lebensjahre. Einer der Mitbegründer, Alexander Painsi, lief sogar in seinem Auslandssemester finnischen Mädels mit seiner quietschgelben Jogginghose entgegen. Ob er erfolgreich bei ihnen landen konnte, erzählte er dagegen nicht. Soso. 

Zwanglosigkeit ist eine große Lebenslüge

Doch gibt es auch Gegenwind? Viele von uns kennen den von Karl Lagerfeld geäußerten Spruch, ein Mensch im Jogger hätte Kontrolle über sein Leben verloren. Ob er das wirklich so sagte (Karl redete schließlich oft, gerne und viel), bleibt dahingestellt. Aber interessanterweise gibt es auch von anderen Personen mit Stil Schützenhilfe.  Der Wiener Kurator und Sammler Gerald Matt ist ein Mann, dem man in dieser Hinsicht nichts vormachen kann. Nicht nur, dass sein Krawattensortiment an die 4000 Stück umfasst (sogar welche von Robert Mitchum aus dem 40ern sind darunter), sondern er ging bereits als Jüngling mit elegantem Anzug in Clubs. Bei der Damenwelt zu landen, war kein Problem (behauptet er zumindest). Ihn ärgert, dass die sogenannte Zwanglosigkeit in der Freizeit- und Bequemlichkeitsgesellschaft eine große Lebenslüge sei. Die Leute, so erzählte Matt der Süddeutschen Zeitung, hätten nicht nur ihren Respekt vor Kleidung und dem entsprechenden Anlass vergessen, sondern vermengten sich zu einem funktionierenden Teil einer Effizienzgesellschaft.

Mark Zuckerberg plädiert für mausgrau, aber ohne Jogger

Bei Effizienz kommt mir Mark Zuckerberg in den Sinn, der sich mit seinen grauen T-Shirts (allerdings keine Jogger) minimalistisch gibt. Weil er meint, erst dann die Energie zu besitzen, sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Während Kurator Matt immer sein Decorum wahrt, wenn er kurzfristig verreisen sollte (Sommer- bzw. Winteranzug nebst Schuhen passen in einen Koffer, dazu Smoking für spezielle Anlässe), schlüpft Facebook-Erfinder Zuckerberg in die Rolle von Momos kleinen grauen Herren. Vielleicht ist ihm einfach Loriots Graukollektion aus dem Film „Ödipussi“ in die Hände gefallen. Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau, Zementgrau. Frei nach dem Motto: Cool zu sein bedarf es wenig und wer grau trägt, ist ein König. Oder hat einfach nur Angst davor, die Welt in einem gleißenden Farbfilm zu sehen.

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