Für zehn Mark ließ mein Vater seine Haare abschneiden.
Heute klingt das nach keinem besonders guten Geschäft. Im Frühjahr 1968 erschien es ihm jedoch als notwendiges Opfer. Die Small Faces, damals eine der erfolgreichsten Bands Englands, sollten in der Düsseldorfer Rheinhalle spielen. Für einen Sechzehnjährigen aus Hilden war das nicht weniger als der Aufbruch in die große weite Welt. Es gab nur ein Problem: Das Geld eines Teenagers war knapp. Zehn Mark fehlten ihm für das Konzert.
Mein Großvater war bereit, sie ihm zu geben – allerdings nur unter einer Bedingung: Vorher musste der Sohn zum Friseur.
Die Fotos, das Konzertplakat, die Eintrittskarte und der zeitgenössische Pressebericht stammen aus dem Archiv von Dieter Petzold bzw. der Sammlung Wolfgang Stöhr.

Lange Haare als Provokation
Dabei waren die langen Haare meines Vaters keineswegs bloß eine Frage der Mode. Er pflegte seine dunklen Locken mit Hingabe, sehr zum Missfallen meiner Großmutter, die darin nichts weiter als einen verrückten Zeitgeist erkannte.
Die Elterngeneration verstand die Langhaarigen jener Jahre oft nicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini sah in den langen Haaren mehr als einen modischen Spleen. Für ihn standen sie für Freiheit, Ausgelassenheit und die Verweigerung einer Gesellschaft, die viele Jugendliche als eng und autoritär empfanden.[1] Solche Gedanken waren für die meisten Eltern jedoch böhmische Dörfer. Die Eltern meines Vaters begnügten sich nicht nur mit den düsteren Prophezeiungen über die Jugend von heute.
Mein Großvater ging einen Schritt weiter.

Der teuerste Friseurbesuch seines Lebens
Mein Vater willigte in den Handel ein. Was er nicht bedacht hatte: Der Friseur war sein Onkel. Und der war offenbar instruiert worden, wenn er den Bengel auf dem Friseurstuhl sitzen hatte, ihm die Haare so richtig kurz zu schneiden. Aus den sorgfältig gepflegten Locken wurde ein militärischer Einheitsschnitt.
Als die langhaarigen Fans wenig später Richtung Düsseldorfer Rheinhalle strömten, stand der Teenager mit schimmernder Kopfhaut an der Kasse und bat um ein Billett. Seine Freunde zeigten sich entsetzt und forderten ihn scherzhaft auf, sich woanders hinzusetzen. Zu groß war ihnen die Peinlichkeit.
Doch die eigentliche Enttäuschung sollte erst noch folgen.
Vier Lieder und Schluss
Wie der Düsseldorfer Express am 20. Mai 1968 berichtete, spielten die Small Faces gerade einmal vier Lieder, bevor das Konzert im Chaos versank. Durch einen fehlerhaften Anschluss der Elektrokabel fielen nacheinander Bassgitarre und Orgel aus.
Die Stimmung innerhalb der Band kippte schlagartig. Eine Art Nervenkrise erfasste die gesamte Combo. Bassist Ronnie „Plonk“ Lane schleuderte seine Gitarre zu Boden. Bandleader Steve Marriott bearbeitete hinter der Bühne einen Fan mit Tritten, von dem er irrtümlich annahm, er habe den Verstärker lahmgelegt. Ein Souvenirjäger, der die Schlagzeugstöcke an sich genommen hatte, bekam ebenfalls die Wut der Musiker zu spüren.
Der Manager der Band machte später Alkohol und die Technik für das Desaster verantwortlich. Die Musiker verzogen sich schließlich in ihre Hotelzimmer, wo die Party mit Drinks und Mädchen zum Ärger des Hotelmanagements weiterging. [2]Die Zuschauer hingegen traten den Heimweg an.
Und meinem Vater dämmerte langsam die Erkenntnis, dass er seine Haarpracht für exakt vier Songs geopfert hatte.



Als lange Haare plötzlich normal wurden
Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Welt bereits verändert. Selbst der damalige Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte den Siegeszug der langen Haare nicht mehr aufhalten. Das Haarnetz der „German Hair Force“ machte Schlagzeilen, Schmidt erhielt dafür sogar den Orden wider den tierischen Ernst, machte später den Erlass jedoch rückgängig.[3]
Was wenige Jahre zuvor als Provokation gegolten hatte, war dann ab Mitte der 70er plötzlich gesellschaftsfähig geworden.
Für meinen Vater kam diese Entwicklung zu spät. Zwar waren die Haare längst wieder nachgewachsen. Aber geblieben ist die Erinnerung an einen verhängnisvollen Zehn-Mark-Deal und an eine Band, die in Düsseldorf gerade einmal vier Lieder spielte, und an einen Friseurbesuch, der ihm noch lange nachhing.
Immerhin hatte die Sache einen Nebeneffekt. Bis heute bin ich vermutlich die einzige Person meiner Generation, die „Tin Soldier“, „All or Nothing“ und „Lazy Sunday“ auswendig mitsingen kann. Und das ist schließlich auch etwas wert.

Nachtrag vom 22.06.2026: Ein Besucher erinnert sich
Natürlich ist die Wirklichkeit oft banaler – und zugleich aufregender.
Nach Veröffentlichung dieses Beitrags meldete sich Dieter Petzold, vielen als ehemaliger Archivar und Administrator der Gruppe „Geschichte der Stadt Düsseldorf 2.0“ bekannt, der damals selbst in der Rheinhalle dabei war.
Seiner Erinnerung nach weigerte sich Sänger Steve Marriott vor allem deshalb weiterzusingen, weil eine Hallendurchsage mitten durch das Programm lief. Von den im Express geschilderten Tumulten blieb ihm etwas anderes in Erinnerung: Lediglich ein Fan versuchte, die Trommelstöcke von Schlagzeuger Kenney Jones zu stibitzen – und bekam dafür prompt eins aufs Maul.
Dieter und seine Freunde nahmen das abrupte Ende des Konzerts nicht allzu tragisch. Schließlich hatte bereits die Vorgruppe The Smoke mit ihrem Hit »My Friend Jack« für Stimmung gesorgt. Für ihn zählte ohnehin nur eines: seinen Helden einmal nahe gewesen zu sein.
Sein O-Ton:
„Danach steckte ich ein ausgeschnittenes Gesicht von Ronnie Lane in eine Monatskarte über mein Passfotogesicht. Ein Kontrolleur fand das nicht witzig. Ich kaufte mir eine hellgrüne Cordhose und Clarks-Schuhe. Mit T-Shirt fühlte ich mich dann wie ein verhinderter Rockstar für Arme.“

Was blieb einem Jungen aus Düsseldorf-Heerdt schließlich anderes übrig?
Solche Erinnerungen erzählen oft mehr über die Sechzigerjahre als jede Konzertkritik. Denn am Ende blieb nicht der Ärger über eine Hallendurchsage in Erinnerung, sondern das Gefühl, den eigenen Helden ganz nah gewesen zu sein.
Noch einmal herzlichen Dank an Dieter Petzold für diese Erinnerungen.
Und eine Frage an Dieter bleibt natürlich: Hast du die Cordhose eigentlich noch?

[1] Vgl. http://www.journal-ethnologie.de/Schwerpunktthemen/Schwerpunktthemen_2006/Haare/Haarige_Zeiten/index.html (abgerufen am 20. Mai 2026)
[2] Heus, Dieter A. Nacht der Skandale mit den Small Faces. Beat-Stars prügeln sich auf der Bühne, in: Düsseldorfer Express vom 20. Mai 1968
[3] Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/laengere-haare-gewagt-102.html (abgerufen am 20.Mai 2026)