Düsseldorf Januar 1943: Wie ein Baby aus dem zerbombten Marienhospital gerettet wurde!

Wenn Liesel mit ihrer Mutter in den Luftschutzkeller ging, wusste sie, was zu tun war. Sich um ihre jüngeren Zwillingsschwestern kümmern, die zu beiden Seiten an der Hand der Mutter hingen. Für Liesel war es nicht nur selbstverständlich, sondern sie liebte kleine Kinder über alles. Und die Mutter konnte jede Hand gut gebrauchen. Denn es war doch Krieg, der Vater an der Front und sie selbst Anfang 1943 hochschwanger.

Liesel mit Schwestern

Frauen im Krieg auf sich allein gestellt

Nervosität macht sich breit, denn das Baby war überfällig. Hoffentlich ging alles glatt bei der Entbindung bei den ganzen Bombenangriffen, dachte Liesel. Doch sie konnte erleichtert aufatmen. Am 20.01.1943 kam ein kleines, dickes, rosiges Etwas mit rötlichem Flaum auf dem Kopf zur Welt! Und das Schönste: Mutter und Kind waren wohlauf.

Doch die Freude über Geburt währte nicht lange. Was die Thielens nicht wissen konnten, war, dass sie die Auswirkungen der Konferenz von Casablanca (14.-26. Januar 1943) als eine der Erste zu spüren bekamen. In der marokkanischen Metropole vereinbarten der britische Premier Churchill sowie der US- Präsident Roosevelt die Combined Bomber Offensive gegen das Deutsche Reich.

Marienhospital im Flammenmeer

Am Abend des 27. Januars war es soweit. Zwischen 19.45 und 21.29 Uhr warfen 162 Bombenflugzeuge 26 Luftminen, 58 Sprengbomben, 28000 Stabbrandbomben und 2313 Phosphorbrandbomben auf zehn Düsseldorfer Stadtbezirke und Neuss ab. Derendorf, der Stadtteil, in dem die Familie wohnte, war besonders stark betroffen. Ein Luftangriff wie diesen hatte die Familie Thielen bis dato nicht erlebt. In ihrer eigenen Wohnung in der Gneisenaustraße war eine Wand eingestürzt und damit unbewohnbar. Die benachbarte Brauerei Dietrich wurde von einer Sprengbombe getroffen.

Schutzsuche im Krankenhaus-Keller

Auch das Marienhospital, in dem die Mutter mit dem Baby noch im Wochenbett lag, brannte lichterloh. Auf dem Dach lagen sieben Kanister und eine Brandbombe, im Garten brannten drei Baracken, die Krankenbetten übersät mit Glassplitter. Die Schlafstätten der Hausangestellten waren komplett ausgebombt; später schuf man Schlafplätze an allen möglichen Stellen. Alles, was krank im Bett lag, schob man in die bereits überfüllten und stickigen Kellerräume hinunter. Sofort rannten Großvater und Onkel in Richtung Krankenhaus los, doch niemand durfte durch die Absperrung. Unverrichteter Dinge mussten sie zurückkehren.

Im Bombenhagel und Trümmern: Suche nach der Mutter

Was die beiden Männer allerdings nicht wussten, dass die fünfzehnjährige Liesel sich mit ihrer Freundin Anneliese auf dem Weg zum Krankenhaus machte, während um sie herum die Bomben einschlugen. Doch gewundert hätte es nicht, hatte sie doch ihre Unerschrockenheit schon in anderen Fällen bewiesen. Spätestens als sie das Pflichtjahr nach einem halben Jahr vorzeitig für beendet erklärte, weil die schwangere Mutter sie brauchte.

Liesel – Rote Kreuz Schwester

Im Chaos steht der Goldfasan

Auch hier trieb sie wieder der Mut der Verzweiflung an. Wie die Spinnen kletterten die Mädchen über die Absperrung und niemand kümmerte sich um die Beiden, die in dem allgemeinen Chaos herumirrten. Vorbei an den Nonnen, die mit Schaufeln versuchten die Trümmer zu beseitigen oder das Wasser aus den geplatzten Rohren wegschippten. Vorbei an einem uniformierten Nazi-Funktionär, im Volksmund „Goldfasan“ genannt, der mit gebügelter Uniform und gewichsten Stiefeln in der eingestürzten Eingangshalle herumstand. Und Liesel erinnert sich noch ganz genau, wie dieser Mann die schippenden Nonnen irritiert fragte, was denn jetzt zu tun sei.

Wie eine Presswurst umwickelt

Irgendwann, irgendwie gerieten sie in den stickigen, mit Kranken überfüllten Keller, wo die Mutter samt Baby das Ende der Luftangriffe ausharrte und abwartete. Liesel und ihre Freundin hielten sich nicht lange mit Freundlichkeiten auf. Schnell wickelten sie den kleinen Hans wie eine Presswurst mit einer dicken Wolldecke ein und drückten ihn der kräftigen Anneliese in die Arme. Dann ging es heraus in die bitterkalte Nacht. Das allgemeine Chaos schien sich etwas zivilisiert zu haben, denn nur so konnte Liesel Annelieses wimmernde Stimme hören. Ob jemand ihr sagen könne, wo der Kopf des Babys sei – oben oder unten?

Sorge um die Familie kennt keine Angst

Am Ende war der Kopf des kleinen Hans oben und auch sonst wohlauf. 70 Jahre später überreichte Liesel ihrem Bruder ihre Erinnerungen über seine Ankunft ins Leben in Form eines von ihr geschriebenen Büchleins. So wie ihre Sorge und Zuneigung immer den anderen (und dem Bruder) galt, so galt die Sorge von Hans ihr. Als sie am 9. Dezember 2021 starb, war er, wie sie zu seiner Geburt, in ihren letzten Stunden bei ihr und hielt ihre Hand.

In Erinnerung an Elisabeth (Liesel) Thielen (24.09.1927 – 09.12.2021)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑