Düsseldorf Januar 1943: Wie ein Baby aus dem zerbombten Marienhospital gerettet wurde!

Ein Wonneproppen namens Hans

Düsseldorf, 20. Januar 1943. Ein kleiner Wonneproppen mit dem Namen »Hans« wurde im Düsseldorfer Marienhospital in Pempelfort geboren. Nach den Erinnerungen Liesel Thielens war das Baby »dick, rosig, mit rötlichem Flaum auf dem Kopf und dem alten Opa Thielen ähnlich«.[1]

Der Vater im Krieg, die Mutter mit drei Töchtern allein in der Gneisenaustraße wohnend – so sah mittlerweile der Alltag vieler Frauen aus. Als Liesel die Mutter um 5 Uhr morgens ins nahe gelegene Krankenhaus brachte, ahnten sie nicht, dass das Bombardement keinerlei Rücksicht auf eine Wöchnerin mit ihrem Neugeborenen nehmen würde.

Nachts im Trainingsanzug

Dennoch lebten die Kinder in ständiger Angst, dass etwas passieren könnte. Liesel, die zu Hause die Oberaufsicht führte und sich in Mutters Abwesenheit um ihre jüngeren Zwillingsschwestern Lu und Mia kümmerte, hatte große Sorge, die beiden Kleinen bei einem Luftangriff nicht rechtzeitig aus dem Bett zu bekommen. Also trugen die Mädchen mittlerweile keine Nachthemden mehr, sondern behielten auch nachts ihre Trainingsanzüge an.

So auch am Abend des 27. Januar 1943. Der bislang schwerste Luftangriff schreckte die Bewohner auf. Die Wohnung der Thielens stand noch, auch wenn die Fensterscheiben zu Bruch gegangen waren und eine Wand eingestürzt war. Schlimmer waren die Berichte und Gerüchte, die schnell im Viertel im Umlauf waren. War die Brauerei Dieterich von einer Brandbombe getroffen worden? Und stimmte es, dass das Marienhospital lichterloh brannte, also das Krankenhaus, in dem die Mutter mit dem Baby lag? Was konnten sie tun?

Das Marienhospital steht in Flammen

Bis dato war das Krankenhaus von Luftangriffen weitestgehend verschont geblieben, abgesehen von einigen kaputten Fenstern bei der Bombardierung von Düsseldorf-Derendorf im November 1942. Doch am Abend des 27. Januar 1943 war es anders.

Die Mitarbeiter im Marienhospital waren bereits von der Flakdienststelle in Alarmbereitschaft versetzt worden. Flugs wurden die Kranken aus dem dritten und zweiten Stock in die Luftschutzräume verlegt. Als dann fünf Minuten später Luftgefahr gemeldet wurde, rannten alle anderen ebenfalls in den Keller. Starke Flakgeschosse und Leuchtschirme waren die Vorboten, als ein großer Knall sowohl die Kranken und die Mitarbeiter als auch das große Krankenhaus in seinen Grundfesten erschütterte. Fensterscheiben flogen heraus und mit ihnen Türen und Fenster. Die Insassen konnten gar nicht so schnell gucken, wie das ganze Gebäude – Kesselhaus, Nähzimmer, Klausur und Doktorhaus – und die Nachbarschaft sowie die Sparkasse und die Brauerei Dieterich in Flammen aufgingen.[2]

Löschen, während die Bomben fallen

Sofort machten sich Schwestern und Hausangestellte daran, den Brand zu löschen. Sie schippten das Geröll beiseite und schleppten Wassereimer zu den Brandherden, während weiterhin die Bomben auf das Krankenhaus einschlugen.

Die Feuerwehr traf kurze Zeit später ein und pumpte, weil die Hydranten gesperrt waren, das Wasser aus der nahe gelegenen Düssel. Eine wahre Flut ergoss sich über zerstörte Treppen und Flure und verstopfte den Weg zum Garten.[4]

Die Familie sucht Mutter und Baby

In der Gneisenaustraße hatte man inzwischen große Angst um die Mutter und den kleinen Sohn. Zusammen mit dem Großvater rannte Onkel Josef in der eiskalten Nacht zum Krankenhaus. Entsetzt blickten sie auf das Getümmel und das flammende Inferno und kamen dennoch nicht hinein. Man ließ sie nicht durch die Absperrung.

Doch Liesel, in großer Sorge um die Mutter und das Baby, ließ sich nicht beirren. Zusammen mit ihrer Freundin Anneliese rannte sie zu dem brennenden Hospital und kletterte, ohne sich um Verbote zu scheren, einfach über die Absperrung. Dort rannten die beiden auf der Suche nach Mutter und Baby zwischen schippenden Pflegern, Nonnen und Hausangestellten herum.

Liesel als Rote Kreuz Schwester. Aus dem Privatbesitz Hans Thielen

Im Chaos steht der »Goldfasan«

Während alle anderen zu retten versuchten, was zu retten war, blieb eine Sache in Liesels Erinnerung haften: Ein hoher NS-Funktionär, damals im Volksmund »Goldfasan« genannt, habe inmitten der schippenden Menge herumgestanden, hilflos in die Runde geguckt und gefragt:

»Was ist jetzt zu tun?«

Keiner gab ihm darauf eine Antwort.

»Wo ist der Kopf?«

Sie fanden die Mutter mit ihrem Baby im Keller des Krankenhauses, wo die Wöchnerinnen ebenfalls untergebracht waren. Zum Glück waren beide wohlauf.

Während Liesel sich um ihre Mutter kümmerte, nahm die große und kräftige Anneliese das Baby, wickelte es in eine dicke Decke und drückte das Bündel fest in ihre Arme. So erreichten die vier schließlich die Auffahrt des Krankenhauses.

Draußen hatte sich die Aufregung ein wenig gelegt, sodass Liesel und ihre Mutter Annelieses Wimmern vernahmen: Sie wisse nicht, wo das Kopfende ihres Bündels sei.

»Nach Kontrolle: Der Kopf war oben.«

Ein Glück.

Gemeinsam erreichten sie die Gneisenaustraße. Nach Liesels Erinnerung fielen währenddessen bereits wieder Bomben.

Zerstörung total. Quelle: Stadtarchiv Düsseldorf

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Eine weitere Erinnerung grub sich sowohl bei Liesel als auch bei der Chronistin des Marienhospitals ein. Und das war die Welle der Hilfsbereitschaft.

Während Holländer und Franzosen beim Löschen und Aufräumen halfen, boten die Handwerker in der Umgebung ihre Hilfe an. Die Metzgerei Gliedt an der Duisburger Straße spendierte Kaffee, die katholischen Schwestern aus Ratingen und Kaiserswerth stifteten unzählige Butterbrote, eine Brandwache wurde abgestellt, das Gerümpel nach brauchbar und unbrauchbar sortiert.[5]

Auch bei den Thielens mangelte es nicht an Hilfe. Die gesamte Umgebung sandte Lebensmittel, damit die Wöchnerin wieder zu Kräften kam.

Ein eingespieltes Team

Doch das Ende der Fahnenstange war bei den Luftangriffen noch lange nicht erreicht. Mittlerweile war die Familie jedoch ein eingespieltes Team. Laut Liesel war es so:

»Lu an Mutters rechter Hand, linke Hand am Griff des (Wäsche-)Korbes (worin das Baby schlief), Liesels Hand am anderen Griff«,

in der linken Hand hielt sie ihre andere Schwester Mia. So erreichten sie zitternd den Keller.

Wenn sie keine Zeit mehr hatten, um zwischen den Luftangriffen in die Wohnung zurückzukehren, blieben sie die Zeit über im Wohnzimmer ihrer Nachbarn. Auch ein Zeichen großer Hilfsbereitschaft.

Ein Versprechen bis zum Tod

Hans und seine Schwestern überlebten den Krieg nicht zuletzt dank Liesels Hilfe. Für ihn war die große Schwester immer diejenige gewesen, die seine Mutter und ihn aus dem Marienhospital gerettet hatte.

Er versprach ihr, sich immer um sie zu kümmern. Und dieses Versprechen hat er bis zu ihrem Tod gehalten.

In Erinnerung an Elisabeth »Liesel« Thielen (24.09.1927–09.12.2021)

Nachtrag: Kinder als »handelnde Subjekte«

Wie Bastian Fleermann in dem Buch Kriegskinder. Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939–1945 schrieb, waren die Kinder im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg eben nicht nur ideologisch indoktriniert oder als »Kanonenfutter« missbraucht. Sie waren »handelnde Subjekte« und, wie sich an Liesels Beispiel zeigt, »Entscheider« [5], deren Handeln sie mitunter über sich hinauswachsen ließ.

Liesel beschrieb ihre subjektive Sicht auf Ereignisse, für die sie – wie alle anderen – viel zu jung war und die sie bis ans Ende ihres Lebens tief geprägt haben. Ihre Sorge galt immer ihrer Familie. Sie kümmerte sich nicht nur um ihre kleinen Schwestern, sondern handelte in der eisigen Bombennacht klug und kurzentschlossen. Die Angst um die Mutter und das Baby ließ sie buchstäblich über sich hinauswachsen.

Ich danke ihr und ihrer Familie, dass ich an Liesels Erinnerungen teilhaben durfte.


Fußnoten

[1] Aus den handschriftlichen Erinnerungen Liesel Thielens, die mir von der Familie zur Verfügung gestellt wurden.

[2] Vgl. Brozsa, Ulrich: 150 Jahre Marienhospital Düsseldorf, in: Katholische Stiftung Marien Hospital zu Düsseldorf (Hrsg.), Düsseldorf 2014, S. 119–121.

[3] Ebd.

[4] Ebd., S. 121–122.

[5] Vgl. Fleermann, Bastian; Mauer, Benedikt (Hrsg.): Kriegskinder. Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939–1945, Droste Verlag, 2015, S. 15.

Liesel mit ihren Schwestern. Hans Thielen Privatarchiv

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