„Subito“ – Der letzte Arbeitstag eines Gerresheimer Drahtziehers

Mein zweifacher Urgroßvater Anton Rissart starb im Alter von 41 Jahren – und zwar „subito“. So lautet jedenfalls der knappe Vermerk im Gerresheimer Kirchenbuch von 1905. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen gewöhnlichen Sterbeeintrag zu handeln.

Wenn da nicht der Sterbeort wäre.

Anton Rissart starb während der Arbeitszeit in der Drahtzieherei Dreher & Sohn in Düsseldorf-Gerresheim. Den Todesfall zeigte das Polizeipräsidium an. Was an diesem Morgen geschah, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Im Kirchenbuch blieb lediglich das Wort „subito“ – plötzlich.

Mein Ururgroßvater gehörte zu jener Generation, die man als Kinder der Industrialisierung bezeichnen kann. Als Sohn eines Schäfers wusste er früh, dass nur einer der Brüder den elterlichen Betrieb übernehmen würde. In seinem Fall war dies sein Bruder Andreas.

Anton tat deshalb das, was viele junge Männer seiner Zeit taten: Er suchte Arbeit in der Industrie. Zunächst führte ihn sein Weg nach Hilden, wo er auch seine spätere Frau kennenlernte. Ob er dort in einem Textilbetrieb wie Gressard & Co., bei C. Bergmann & Cie. oder in einer der zahlreichen Gerbereien beschäftigt war, ist nicht überliefert.

1889 wohnte das junge Ehepaar in der Gerresheimer Straße in Düsseldorf. Als 1895 mein Ururgroßvater geboren wurde, lebte die Familie vorübergehend in der Wallstraße bei Antons Eltern. Zehn Jahre später, zum Zeitpunkt seines Todes, lautete die Anschrift Cölner Straße 7 – die spätere Heyestraße. Von dort machte er sich jeden Morgen zu Fuß auf den Weg nach Gerresheim zur Drahtzieherei Dreher & Sohn an der Gräulinger Straße.

Ein anspruchsvoller Beruf

Drahtzieher gibt es bis heute. Die Arbeitsbedingungen um 1900 hatten jedoch mit einer modernen Drahtzieherei nur noch wenig gemeinsam.

Der Beruf selbst ist sehr alt. Bereits im alten Ägypten wurden Golddrähte hergestellt. In Deutschland entwickelte sich vor allem Altena im Sauerland zu einem Zentrum der Drahtproduktion, weil die Wasserkraft der zahlreichen Bäche für den Antrieb der Ziehwerke genutzt werden konnte. Welche Metalle auch verarbeitet wurden – das Prinzip blieb dasselbe: Ein Metallrohling wurde durch immer kleinere Öffnungen eines Zieheisens (heute Ziehsteine) gezogen, bis der gewünschte Durchmesser erreicht war.1] Wurde der Draht bis zum Mittelalter nur durch pure Muskelkraft durch die Öse gezogen, ersetzte mit Beginn der Industrialisierung die Wasserkraft die körperliche Schinderei.

Das Zieheisen. Bremecker Hammer aus Lüdenscheid. Frank Vincentz via wikipedia commons

Auch der Gerresheimer Fabrikant Ignatz Dreher setzte zunächst auf Wasserkraft. Seine erste Drahtzieherei befand sich an der Dammer Mühle an der Bahnstrecke zwischen Düsseldorf und Erkrath. Bereits 1847 beantragte er jedoch die Genehmigung zum Betrieb einer Dampfmaschine, da die Wasserkraft für die steigende Produktion nicht mehr ausreichte. Vier Jahre später verlegte er seine Fabrik an die Gräulinger Straße in Gerresheim.

Die Villa Dreher um 1900. Quelle: Peter Stegt / FKI – Industriekultur Düsseldorfs (mit freundlicher Genehmigung).

Der eigentliche Arbeitsprozess blieb dennoch äußerst belastend. Der Draht wurde durch immer kleinere Öffnungen gezogen, anschließend bei Temperaturen von etwa 600 bis 700 Grad Celsius geglüht, mit Salz- und Schwefelsäure behandelt und schließlich in Kalkmilch getaucht. Die Hitze der Öfen, säurehaltige Dämpfe und die Arbeit mit dem Kalk führten häufig zu rissigen und aufgeplatzten Händen. Zwölfstundenschichten waren keine Seltenheit.[2]

Warum Anton diese schwere Akkordarbeit dennoch annahm, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich bot der Beruf eines gelernten Drahtziehers bessere Verdienstmöglichkeiten als viele andere Fabrikarbeiten. Leider sind – anders als bei der Gerresheimer Glashütte – von der Firma Dreher kaum Unterlagen erhalten geblieben.

Was verdiente ein Drahtzieher?

Einen kleinen Einblick geben die Akten der Gerresheimer Drahtzieherei Künne. Die dort beschäftigten Drahtzieher forderten nicht nur höhere Löhne, sondern auch, dass Zieheisen, Werkzeug, Reparaturen und Öl kostenlos von der Fabrik gestellt würden. Der Fabrikant lehnte dies ab und schaltete Bürgermeister Bender ein. Nach Prüfung der Lohnlisten hielt dieser einen Tagesverdienst von fünf bis sieben Mark für angemessen. Selbst die Forderung nach kostenlosem Werkzeug wurde zurückgewiesen. Lediglich beim Verkauf der Arbeitsmaterialien zeigte sich der Fabrikant später etwas entgegenkommender.[3]

Anton arbeitete zwar bei der Konkurrenz, doch die Arbeitsbedingungen dürften sich kaum unterschieden haben. Trotz der Bismarckschen Sozialgesetzgebung saßen die Fabrikanten meist weiterhin am längeren Hebel. Wer krank wurde oder seinen Arbeitsplatz verlor, geriet schnell in existenzielle Schwierigkeiten.

Statut der Fabrik-Krankenkasse der Firma Dreher & Sohn (1893). Das Dokument stellte mir Peter Stegt freundlicherweise zur Verfügung.

Der letzte Arbeitstag in der FA Dreher

Ob Anton sich an jenem Morgen bereits unwohl fühlte oder der Zusammenbruch völlig überraschend kam, wird sich nie mehr klären lassen. Sicher ist nur, dass er sich einen Krankheitstag kaum leisten konnte. Vier Kinder mussten ernährt werden, das jüngste war gerade ein Jahr alt.

Die Betriebsordnungen jener Zeit ließen den Arbeitern zudem nur wenig Spielraum. So heißt es in der Betriebsordnung der Düsseldorfer Röhren- und Eisenwalzwerke (vormals Poensgen):

„§ 3 Jeder Arbeiter hat pünktlich beim Schichtwechsel an seiner Arbeitsstelle zu erscheinen; im Falle einer Verhinderung durch Krankheit ist mindestens sechs Stunden vor Beginn seiner Schicht Anzeige davon zu machen oder machen zu lassen.“[4]

Ich stelle mir vor, wie Anton an diesem Morgen die Wohnung in der Cölner Straße 7 verließ. Lange Hose, kragenloses Hemd, Jacke und Schirmmütze. Vielleicht trug er einen Henkelmann mit dem Eintopf vom Vortag bei sich, vielleicht nur ein Päckchen mit belegten Broten. Dort angekommen, wechselte er vermutlich in die vorgeschriebene Arbeitskleidung: eine robuste Hose und Jacke aus Baumwollstoff, dazu Holzschuhe, eine Filzkappe und ein Schulterschutz zum Tragen der schweren Drahtringe. Wenig später begann seine Schicht in der Drahtzieherei.[5]

Die Drahtziehzange. Quelle: Mauro Caleb via wikipedia commons

Doch die zweite Frühstückspause sollte er nicht mehr erleben.

Laut Polizeibericht endete sein Leben um 8.30 Uhr.

„Subito.“

Mehr verrät das Kirchenbuch nicht. Sollte damals eine Obduktion durchgeführt worden sein, haben sich die Unterlagen nicht erhalten.

Was blieb

Für seine Frau und die vier Kinder begann an diesem Tag ein neuer Lebensabschnitt.

Vielleicht zahlte die Firma Dreher den ausstehenden Lohn aus. Vielleicht übernahm sie sogar die Beerdigungskosten. Belegen lässt sich beides nicht.

Fest steht jedoch, dass der Ernährer der Familie fehlte. Eine Witwenrente, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Mein Urgroßvater war gerade zehn Jahre alt und musste vermutlich schon früh zum Unterhalt der Familie beitragen.

Im Gerresheimer Kirchenbuch blieb von Antons Tod nur ein einziges Wort zurück: „subito“.

Über das Leben der Witwe danach schweigen die Akten fast ebenso hartnäckig. Dass sie ihre Familie dennoch durchbrachte, lässt sich nur an einem Ergebnis ablesen: Alle drei überlebenden Söhne erlernten einen Beruf.

Zum Schluss möchte ich mich noch bei Peter Stegt bedanken. Sein Vortrag über die Arbeitsbedingungen in den Gerresheimer Fabriken und unser anschließendes Gespräch haben mir wichtige Anregungen für diesen Beitrag gegeben. Gerade weil von der Firma Dreher selbst kaum Unterlagen erhalten sind, haben mir seine Hinweise geholfen, die Lebens- und Arbeitswelt meines Ururgroßvaters besser einzuordnen.


[1]Vgl. materialarchiv.ch/de/ma:procedure_f40218ef-8a5d-4fdd-b773-13198174fad7?type=all&n=Hintergrund (abgerufen 15.06.2026)

[2] Vgl. schmelzleiter.de/geschichte/geschichte-des-drahtzuges/42-geschichte-des-drahtzuges (abgerufen am 16.05.2026)

[3] Aus dem Vortrag von Peter Stegt vom 18. Juni „Zwischen Routine und Risiko. Arbeitsbedingungen in Gerresheimer Fabriken, deren Unterlagen er mir freundlicherweise zur Verfügung stellte.

[4] Auszüge aus der Betriebsordnung der Düsseldorfer Röhren – und Eisenwalzwerke (vorm Poensgen) von 1892 aus dem Mannesmann Archiv  R 1 00 02, in: Dokumentation zur Geschichte der Stadt Düsseldorf. Die Industrialisierung 1850-1914, in: Pädagogisches Institut der Landeshauptstadt Düsseldorf (Hrsg.), 1986, S. 243

[5] schmelzleiter.de/geschichte/geschichte-des-drahtzuges/42-geschichte-des-drahtzuges (abgerufen am 16.05.2026)

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