70.000 Zuschauer und ein verspäteter Reporter: Deutschland–Niederlande 1926 in Düsseldorf

Als im Düsseldorfer Rheinstadion nicht nur Fußball-, sondern auch Rundfunkgeschichte geschrieben wurde

eutschland gegen die Niederlande. 70.000 Zuschauer drängen sich am 18. April 1926 ins neu eröffneten Düsseldorfer Rheinstadion. Millionen können das Spiel noch nicht verfolgen – das Radio steckt gerade erst in den Kinderschuhen. Ausgerechnet an diesem Tag kommt Reporter Bernhard Ernst eine halbe Stunde zu spät zu seinem Mikrofon. Kurzerhand übernimmt ein Postinspektor die Live-Reportage. Und weil Fußballreportagen in einem überfüllten Stadion eine schweißtreibende Angelegenheit waren, gab es zur Erfrischung sogar ein kühles Bier – vermutlich Alt. Doch der Reihe nach.

Publikum stürmte bis an den Rand des Spielfelds, nachdem es die Zugangstore gewaltsam passiert hatte. Quelle: Nationaal Archief

Der erste Fußballreporter Deutschlands

Was heute kaum noch jemand weiß: Sechs Monate zuvor schrieb Bernhard Ernst bereits Rundfunkgeschichte. Als erster deutscher Sportreporter kommentierte er live ein Oberligaspiel im Radio. Für die Münsteraner blieb die 0:5-Niederlage gegen Arminia Bielefeld unvergessen – für die Bielefelder aus ganz anderen Gründen.

Vor nur wenigen Tausend Rundfunkhörern hielt Ernst gewissermaßen seine Jungfernrede. Ein Röhrenradio kostete damals rund 440 Reichsmark und war für viele Familien unerschwinglich.

Als das Mikrofon plötzlich schwieg

Am 1. November 1925 bezog Bernhard Ernst auf dem Preußenplatz in Münster seinen ungewöhnlichen Reporterplatz: ein nach hinten offenes, mit Maschendraht versehenes Hockeytor hinter dem eigentlichen Fußballtor. Von oben baumelte das Mikrofon herab.

Dann begann er zu sprechen.

Doch seine Stimme wollte einfach nicht durch den Äther dringen. Zunächst herrschte Enttäuschung im Funkhaus, anschließend Ratlosigkeit. Schließlich hatte bei der Generalprobe am Vortag alles funktioniert.

Der junge Sportreporter witterte sogar Sabotage. Tatsächlich war die Ursache weit weniger spektakulär: Ein Posttechniker misstraute der neu verlegten Leitung zwischen Stadion und Funkhaus und zog kurzerhand den Stecker aus dem Kabelschacht.

Die Techniker der Westdeutschen Funkstunde reagierten jedoch geistesgegenwärtig. Sie nutzten die Telefonleitung zwischen Stadion und Funkhaus, schlossen das Mikrofon daran an – und die erste Live-Fußballreportage konnte beginnen.

Später erinnerte sich Ernst:

„Also begann ich mit einiger Verspätung, dazu mit einem sehr merkwürdigen Gefühl und mit aus technischen Gründen gebotener, ungewohnter Stimmstärke meinen ersten Fußballbericht.“

Ganz reibungslos verlief die Premiere dennoch nicht. Ein Zeitzeuge erinnerte sich an ein „papageienhaftes Schrillen, ein Gurgeln und Ächzen, dass den Ohren Schmerzen bereitet wurden“. Das erste Tor ging in der Geräuschkulisse unter. Erst allmählich schienen sich Leitung und Sprecher aufeinander einzuspielen, bis die Übertragung schließlich funktionierte.[1]

70.000 Zuschauer und ein Stadion im Ausnahmezustand

Ein halbes Jahr später wartete auf Bernhard Ernst eine noch größere Herausforderung. Zum Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden strömten statt der vorgesehenen 60.000 sogar rund 70.000 Zuschauer ins neu errichtete Düsseldorfer Rheinstadion. Wege, Zugänge und Plätze waren hoffnungslos überfüllt.

Eigentlich sollte Ernst wieder hinter dem Tor kommentieren. Doch durch das Gedränge wurden sämtliche Leitungen zum Reporterplatz gekappt. Zum Glück begann das Spiel wegen des allgemeinen Chaos mit rund einer Stunde Verspätung. So blieb genügend Zeit, eine zweite Reporterkabine auf der Tribüne herzurichten, die ursprünglich lediglich dazu gedacht war, die Atmosphäre im Stadion einzufangen.

Kohlemikrofone wie dieses gehörten zur Standardtechnik der frühen Rundfunkjahre. Mit vergleichbaren Geräten berichtete Bernhard Ernst über die ersten Fußballspiele, die live im Radio übertragen wurden; via wikipedia commons

Ein Postinspektor rettet die Live-Reportage

Doch selbst bis zu dieser Ersatzkabine schaffte es Ernst zunächst nicht. Da griff ein sportbegeisterter Postinspektor kurzerhand zum verwaisten Mikrofon und kommentierte – nach Ernsts späterem Urteil – „durchaus fachkundig“ das Spiel.

Erst rund eine halbe Stunde später erreichte der eigentliche Reporter seinen Arbeitsplatz. In der drangvollen Enge auf der Tribüne musste Ernst wie ein Flamingo auf einem Bein stehen und beneidete die Fußballspieler um ihre Bewegungsfreiheit auf dem Platz. Vor Anstrengung und Aufregung standen ihm die Schweißperlen auf der Stirn. Zur Erfrischung reichte man ihm ein Glas Bier, das er brüderlich mit dem Postinspektor und dem Sendedirektor teilte.[2]

Am Ende gewann Deutschland das Freundschaftsspiel mit 4:2 gegen die Niederlande. Überragender Spieler war Josef Pöttinger, der gleich drei Treffer erzielte. Das vierte Tor steuerte Tull Harder bei. [3]

Die deutsche Nationalelf von 1926. Quelle: Nationaal Archief

Übrigens: Tull Harder, Spieler beim HSV, gehörte in den 1920er Jahren zu den bekanntesten deutschen Mittelstürmern. Ihm war sogar ein Schlager gewidmet:

»Spielt der Harder Tull, wird es wieder drei zu null.«

Seine spätere Biografie wirft jedoch einen dunklen Schatten auf seine sportlichen Erfolge. Harder trat 1932 in die NSDAP ein, schloss sich später der SS an und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs als Wachmann und in der Lagerverwaltung des Konzentrationslagers Neuengamme.[4]

Vom Düsseldorfer Rheinstadion zum Wunder von Bern

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann neben dem Radio das Fernsehzeitalter. Bernhard Ernst gehörte erneut zu den Pionieren. Als Chefreporter und Leiter der Abteilung „Reportage“ des Nordwestdeutschen Rundfunks kommentierte er am 4. Juli 1954 das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn in Bern.

Doch anders als Herbert Zimmermanns legendäre Radioreportage blieb Ernsts Fernsehkommentar nicht erhalten. Nach damaligem Stand der Technik ließ sich die Live-Übertragung nicht dauerhaft aufzeichnen. Andere Quellen berichten, die Filmrollen seien später sogar entsorgt worden. Während Herbert Zimmermanns „Tor! Tor! Tor! Tor!“ bis heute nachhallt, kennen wir Bernhard Ernsts Stimme nicht mehr.[5]

Die Stimme, die niemand mehr hören kann

Millionen Menschen hörten Bernhard Ernst zu. Doch seine Stimme blieb nicht erhalten.

Vielleicht gehört gerade das zu den großen Ironien der Mediengeschichte: Ausgerechnet der Mann, der die Fußballreportage im deutschen Rundfunk entscheidend mitprägte, hinterließ uns keine Stimme – nur seine Geschichten.

Die Menschen ergatterten ihre Plätze auf den Statuen, Quelle: Nationaal Archief


[1] Vgl. sportbriefmarken.wordpress.com/2025/02/15/mit-ernst-bei-der-sache-erste-deutsche-radio-fusball-live-reportage-vor-100-jahren/ (abgerufen am 05.06.2026)

[2] Vgl. /www.spiegel.de/geschichte/vergessener-radiopionier-a-948080.html

[3] Vgl. //datencenter.dfb.de/datencenter/laenderspiel/1925-1926/saison/2142365 (abgerufen am 07.06.2026)

[4] Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/harder-fussball-nationalsozialismus-100.html (abgerufen am 07.06.2026)

[5] Vgl. http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/1804-fussballlaenderspiel-radio-uebertragung-100.html (abgerufen am 05.06.2026)

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