Neu überarbeitet: Die Rettung aus dem Marienhospital

Manche Geschichten lassen einen nicht los.

Meinen Beitrag über Liesel Thielen und die dramatische Nacht im Januar 1943 habe ich noch einmal überarbeitet und um neue Aspekte ergänzt.

Liesel war damals erst 15 Jahre alt. Während eines schweren Luftangriffs auf Düsseldorf machte sie sich mit ihrer Freundin Anneliese auf den Weg zum brennenden Marienhospital. Dort lagen ihre Mutter und ihr erst wenige Tage alter Bruder Hans.

Neu hinzugekommen ist unter anderem ein Nachtrag über Kinder im Krieg als »handelnde Subjekte« – und darüber, wie sehr Liesels Erinnerungen zeigen, dass Kinder in solchen Extremsituationen nicht nur Opfer waren, sondern selbst Entscheidungen trafen und Verantwortung übernahmen.

Dazu habe ich den Beitrag mit weiteren historischen und privaten Fotografien ergänzt.

Hier geht es zur vollständig überarbeiteten Geschichte:
Düsseldorf, Januar 1943: Wie ein Baby aus dem zerbombten Marienhospital gerettet wurde

Ich danke Liesel Thielens Familie noch einmal herzlich dafür, dass sie mir ihre Erinnerungen und privaten Aufnahmen anvertraut hat.

Mehr als nur ein Nachbau: Warum das eisenzeitliche Gehöft in Ratingen fehlen wird

Das eisenzeitliche Gehöft am Grünen See in Ratingen bei Düsseldorf ist Geschichte. Nach Jahren des Verfalls wurden die rekonstruierten Gebäude wegen ihrer Baufälligkeit abgetragen. Künftig soll das Gelände nach den Planungen der Stadt als Jugend- und Pfadfinderzeltplatz genutzt werden.[1]

Anlass für diesen Beitrag ist die hervorragende Arbeit des aus dem benachbarten Düsseldorf-Unterrath stammenden Klaus Lipinski, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem eisenzeitlichen Gehöft beschäftigt. Bereits in einem früheren Beitrag dokumentierte er dessen Entstehung und Bedeutung, nun berichtet er über dessen trauriges Ende. Der Artikel zeichnet die Geschichte dieses besonderen Ortes eindrucksvoll nach.

So sah die Rekonstruktion der Häuser aus. Bildrechte: Klaus Lipinski

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70.000 Zuschauer und ein verspäteter Reporter: Deutschland–Niederlande 1926 in Düsseldorf

Als im Düsseldorfer Rheinstadion nicht nur Fußball-, sondern auch Rundfunkgeschichte geschrieben wurde

eutschland gegen die Niederlande. 70.000 Zuschauer drängen sich am 18. April 1926 ins neu eröffneten Düsseldorfer Rheinstadion. Millionen können das Spiel noch nicht verfolgen – das Radio steckt gerade erst in den Kinderschuhen. Ausgerechnet an diesem Tag kommt Reporter Bernhard Ernst eine halbe Stunde zu spät zu seinem Mikrofon. Kurzerhand übernimmt ein Postinspektor die Live-Reportage. Und weil Fußballreportagen in einem überfüllten Stadion eine schweißtreibende Angelegenheit waren, gab es zur Erfrischung sogar ein kühles Bier – vermutlich Alt. Doch der Reihe nach.

Publikum stürmte bis an den Rand des Spielfelds, nachdem es die Zugangstore gewaltsam passiert hatte. Quelle: Nationaal Archief
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Fußball im Vatikan: Wo Archivare Meister werden und Sünder eine blaue Karte bekommen

Während die Fußballwelt auf die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko blickt, wurde vor wenigen Tagen eine ganz andere Meisterschaft entschieden. Die vatikanische Fußballauswahl Archivio Calcio besiegte die Supermarkt-Mannschaft Dirseco mit 4:0 und sicherte sich den Meistertitel.

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Zehn Mark gegen lange Haare: Als die Small Faces 1968 nach Düsseldorf kamen

Für zehn Mark ließ mein Vater seine Haare abschneiden.

Heute klingt das nach keinem besonders guten Geschäft. Im Frühjahr 1968 erschien es ihm jedoch als notwendiges Opfer. Die Small Faces, damals eine der erfolgreichsten Bands Englands, sollten in der Düsseldorfer Rheinhalle spielen. Für einen Sechzehnjährigen aus Hilden war das nicht weniger als der Aufbruch in die große weite Welt. Es gab nur ein Problem: Das Geld eines Teenagers war knapp. Zehn Mark fehlten ihm für das Konzert.

Mein Großvater war bereit, sie ihm zu geben – allerdings nur unter einer Bedingung: Vorher musste der Sohn zum Friseur.

Die Fotos, das Konzertplakat, die Eintrittskarte und der zeitgenössische Pressebericht stammen aus dem Archiv von Dieter Petzold bzw. der Sammlung Wolfgang Stöhr.

Plakat der Small Faces, dem ersten Konzert meines Vaters. Fotos Wolfgang Stöhr, Archiv Dieter Petzold

Lange Haare als Provokation

Dabei waren die langen Haare meines Vaters keineswegs bloß eine Frage der Mode. Er pflegte seine dunklen Locken mit Hingabe, sehr zum Missfallen meiner Großmutter, die darin nichts weiter als einen verrückten Zeitgeist erkannte.

Die Elterngeneration verstand die Langhaarigen jener Jahre oft nicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini sah in den langen Haaren mehr als einen modischen Spleen. Für ihn standen sie für Freiheit, Ausgelassenheit und die Verweigerung einer Gesellschaft, die viele Jugendliche als eng und autoritär empfanden.[1] Solche Gedanken waren für die meisten Eltern jedoch böhmische Dörfer. Die Eltern meines Vaters begnügten sich nicht nur mit den düsteren Prophezeiungen über die Jugend von heute.

Mein Großvater ging einen Schritt weiter.

Friseur Willi Rissart (links) als Lehrling. 1968 sorgte er auf Wunsch meines Großvaters dafür, dass die Locken meines Vaters einem deutlich kürzeren Haarschnitt wichen. Bildrechte: Marion Rissart

Der teuerste Friseurbesuch seines Lebens

Mein Vater willigte in den Handel ein. Was er nicht bedacht hatte: Der Friseur war sein Onkel. Und der war offenbar instruiert worden, wenn er den Bengel auf dem Friseurstuhl sitzen hatte, ihm die Haare so richtig kurz zu schneiden. Aus den sorgfältig gepflegten Locken wurde ein militärischer Einheitsschnitt.

Als die langhaarigen Fans wenig später Richtung Düsseldorfer Rheinhalle strömten, stand der Teenager mit schimmernder Kopfhaut an der Kasse und bat um ein Billett. Seine Freunde zeigten sich entsetzt und forderten ihn scherzhaft auf, sich woanders hinzusetzen. Zu groß war ihnen die Peinlichkeit.

Doch die eigentliche Enttäuschung sollte erst noch folgen.

Vier Lieder und Schluss

Wie der Düsseldorfer Express am 20. Mai 1968 berichtete, spielten die Small Faces gerade einmal vier Lieder, bevor das Konzert im Chaos versank. Durch einen fehlerhaften Anschluss der Elektrokabel fielen nacheinander Bassgitarre und Orgel aus.

Die Stimmung innerhalb der Band kippte schlagartig. Eine Art Nervenkrise erfasste die gesamte Combo. Bassist Ronnie „Plonk“ Lane schleuderte seine Gitarre zu Boden. Bandleader Steve Marriott bearbeitete hinter der Bühne einen Fan mit Tritten, von dem er irrtümlich annahm, er habe den Verstärker lahmgelegt. Ein Souvenirjäger, der die Schlagzeugstöcke an sich genommen hatte, bekam ebenfalls die Wut der Musiker zu spüren.

Der Manager der Band machte später Alkohol und die Technik für das Desaster verantwortlich. Die Musiker verzogen sich schließlich in ihre Hotelzimmer, wo die Party mit Drinks und Mädchen zum Ärger des Hotelmanagements weiterging. [2]Die Zuschauer hingegen traten den Heimweg an.

Und meinem Vater dämmerte langsam die Erkenntnis, dass er seine Haarpracht für exakt vier Songs geopfert hatte.

Express Artikel vom Auftritt. Fotos Wolfgang Stöhr, Archiv Dieter Petzold. Die Bilder darunter zeigen Drummer Kenney Jones, dem später die Schlagstöcke geklaut wurden und Bassist Ronnie Plonk Lane, der seine Gitarre zu Boden warf.

Als lange Haare plötzlich normal wurden

Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Welt bereits verändert. Selbst der damalige Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte den Siegeszug der langen Haare nicht mehr aufhalten. Das Haarnetz der „German Hair Force“ machte Schlagzeilen, Schmidt erhielt dafür sogar den Orden wider den tierischen Ernst, machte später den Erlass jedoch rückgängig.[3]

Was wenige Jahre zuvor als Provokation gegolten hatte, war dann ab Mitte der 70er plötzlich gesellschaftsfähig geworden.

Für meinen Vater kam diese Entwicklung zu spät. Zwar waren die Haare längst wieder nachgewachsen. Aber geblieben ist die Erinnerung an einen verhängnisvollen Zehn-Mark-Deal und an eine Band, die in Düsseldorf gerade einmal vier Lieder spielte, und an einen Friseurbesuch, der ihm noch lange nachhing.

Immerhin hatte die Sache einen Nebeneffekt. Bis heute bin ich vermutlich die einzige Person meiner Generation, die „Tin Soldier“, „All or Nothing“ und „Lazy Sunday“ auswendig mitsingen kann. Und das ist schließlich auch etwas wert.

Nachtrag vom 22.06.2026: Ein Besucher erinnert sich

Natürlich ist die Wirklichkeit oft banaler – und zugleich aufregender.

Nach Veröffentlichung dieses Beitrags meldete sich Dieter Petzold, vielen als ehemaliger Archivar und Administrator der Gruppe „Geschichte der Stadt Düsseldorf 2.0“ bekannt, der damals selbst in der Rheinhalle dabei war.

Seiner Erinnerung nach weigerte sich Sänger Steve Marriott vor allem deshalb weiterzusingen, weil eine Hallendurchsage mitten durch das Programm lief. Von den im Express geschilderten Tumulten blieb ihm etwas anderes in Erinnerung: Lediglich ein Fan versuchte, die Trommelstöcke von Schlagzeuger Kenney Jones zu stibitzen – und bekam dafür prompt eins aufs Maul.

Dieter und seine Freunde nahmen das abrupte Ende des Konzerts nicht allzu tragisch. Schließlich hatte bereits die Vorgruppe The Smoke mit ihrem Hit »My Friend Jack« für Stimmung gesorgt. Für ihn zählte ohnehin nur eines: seinen Helden einmal nahe gewesen zu sein.

Sein O-Ton:

„Danach steckte ich ein ausgeschnittenes Gesicht von Ronnie Lane in eine Monatskarte über mein Passfotogesicht. Ein Kontrolleur fand das nicht witzig. Ich kaufte mir eine hellgrüne Cordhose und Clarks-Schuhe. Mit T-Shirt fühlte ich mich dann wie ein verhinderter Rockstar für Arme.“

Der umkringelte Kopf des Bassisten Ronnie Lane klebte als Dauer-Konterfei auf Dieter Petzolds Monatskarte. Aus Dieter Petzolds Fundus. Vielen Dank dafür.

Was blieb einem Jungen aus Düsseldorf-Heerdt schließlich anderes übrig?

Solche Erinnerungen erzählen oft mehr über die Sechzigerjahre als jede Konzertkritik. Denn am Ende blieb nicht der Ärger über eine Hallendurchsage in Erinnerung, sondern das Gefühl, den eigenen Helden ganz nah gewesen zu sein.

Noch einmal herzlichen Dank an Dieter Petzold für diese Erinnerungen.

Und eine Frage an Dieter bleibt natürlich: Hast du die Cordhose eigentlich noch?

Bevor die Small Faces die Bühne betraten, sorgte The Smoke mit „My Friend Jack“ für Stimmung. An diesen Auftritt erinnerte sich später auch Zeitzeuge Dieter Petzold. Fotos Wolfgang Stöhr, Archiv Dieter Petzold.


[1] Vgl. http://www.journal-ethnologie.de/Schwerpunktthemen/Schwerpunktthemen_2006/Haare/Haarige_Zeiten/index.html (abgerufen am 20. Mai 2026)

[2] Heus, Dieter A. Nacht der Skandale mit den Small Faces. Beat-Stars prügeln sich auf der Bühne, in: Düsseldorfer Express vom 20. Mai 1968

[3] Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/laengere-haare-gewagt-102.html (abgerufen am 20.Mai 2026)

Düsseldorf für Fortgeschrittene: Ein Bierdeckel reicht

Vom Gehen und Sehen

Der Frühling und die Feiertage – sie gehören zum Spazierengehen. Zur Blütenfrische, zum ziellosen Schlendern, zum scheinbar zweckfreien Unterwegssein.

Und doch hat das Gehen Methode. Promenadologen – also Spaziergangsforscher – preisen den ausgedehnten Schritt als „letztes Backup unserer Mobilität“. Bertram Weisshaar formuliert es so: Wer zu Fuß geht, lässt seine Füße gehen, schaut nach links und rechts und schärft dabei seine Wahrnehmung für die Umgebung.

Eine Stadt, die auf einem Bierdeckel stehen kann. Wer hat das schon?, ©via wikipedia commons
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NSDAP in der Familie: Was wir herausfinden – und was es mit uns macht

„War Opa ein Nazi?“ scheint momentan in aller Munde zu sein. Mussten wir noch bis vor wenigen Monaten „mühsam“ einen Antrag beim Bundesarchiv stellen, um Auskunft über die Mitgliedschaft in der NSDAP zu erhalten, ist die Suche nach der Parteimitgliedschaft um einiges leichter geworden. Der Grund: die Veröffentlichung von rund acht Millionen Mitgliederkarteikarten im US-Nationalarchiv

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Entnazifizierung im Archiv: Was ein leer gelassenes Feld verrät

Archive sind keine Orte der Vergangenheit — sie sind Orte der Überraschung.
Zwischen Fragebögen, Stempeln und vergilbten Formularen tauchen plötzlich Lebensgeschichten auf, die lange verborgen geblieben sind. Zum Tag der Archive habe ich einen Blick in die digitalisierten Entnazifizierungsakten des Landesarchivs NRW geworfen. Was zunächst nach trockener Verwaltung klingt, entpuppte sich schnell als persönliche Spurensuche: ein Schreiner, ein leer gelassenes Feld im Fragebogen — und eine Parteimitgliedskarte, die an ganz anderer Stelle wartete. Manchmal erzählen Archive mehr, als ihre Besitzer je preisgeben wollten.

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Warum das „H“ an der Haltestelle mehr Geschichte hat als der Busfahrplan

Morgen und Samstag streikt wieder die Rheinbahn.
Während man frierend an der Haltestelle steht und sich fragt, ob Bewegung vielleicht doch eine Form der Selbsttäuschung ist, fällt der Blick zwangsläufig auf das große „H“.

Ein Buchstabe, den jeder kennt.
Und über den erstaunlich wenige je nachgedacht haben.

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