Mein zweifacher Urgroßvater Anton Rissart starb im Alter von 41 Jahren – und zwar „subito“. So lautet jedenfalls der knappe Vermerk im Gerresheimer Kirchenbuch von 1905. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen gewöhnlichen Sterbeeintrag zu handeln.
Fußball im Vatikan: Wo Archivare Meister werden und Sünder eine blaue Karte bekommen
Während die Fußballwelt auf die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko blickt, wurde vor wenigen Tagen eine ganz andere Meisterschaft entschieden. Die vatikanische Fußballauswahl Archivio Calcio besiegte die Supermarkt-Mannschaft Dirseco mit 4:0 und sicherte sich den Meistertitel.
„Fußball im Vatikan: Wo Archivare Meister werden und Sünder eine blaue Karte bekommen“ weiterlesenZehn Mark gegen lange Haare: Als die Small Faces 1968 nach Düsseldorf kamen
Für zehn Mark ließ mein Vater seine Haare abschneiden.
Heute klingt das nach keinem besonders guten Geschäft. Im Frühjahr 1968 erschien es ihm jedoch als notwendiges Opfer. Die Small Faces, damals eine der erfolgreichsten Bands Englands, sollten in der Düsseldorfer Rheinhalle spielen. Für einen Sechzehnjährigen aus Hilden war das nicht weniger als der Aufbruch in die große weite Welt. Es gab nur ein Problem: Das Geld eines Teenagers war knapp. Zehn Mark fehlten ihm für das Konzert.
Mein Großvater war bereit, sie ihm zu geben – allerdings nur unter einer Bedingung: Vorher musste der Sohn zum Friseur.
Die Fotos, das Konzertplakat, die Eintrittskarte und der zeitgenössische Pressebericht stammen aus dem Archiv von Dieter Petzold bzw. der Sammlung Wolfgang Stöhr.

Lange Haare als Provokation
Dabei waren die langen Haare meines Vaters keineswegs bloß eine Frage der Mode. Er pflegte seine dunklen Locken mit Hingabe, sehr zum Missfallen meiner Großmutter, die darin nichts weiter als einen verrückten Zeitgeist erkannte.
Die Elterngeneration verstand die Langhaarigen jener Jahre oft nicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini sah in den langen Haaren mehr als einen modischen Spleen. Für ihn standen sie für Freiheit, Ausgelassenheit und die Verweigerung einer Gesellschaft, die viele Jugendliche als eng und autoritär empfanden.[1] Solche Gedanken waren für die meisten Eltern jedoch böhmische Dörfer. Die Eltern meines Vaters begnügten sich nicht nur mit den düsteren Prophezeiungen über die Jugend von heute.
Mein Großvater ging einen Schritt weiter.

Der teuerste Friseurbesuch seines Lebens
Mein Vater willigte in den Handel ein. Was er nicht bedacht hatte: Der Friseur war sein Onkel. Und der war offenbar instruiert worden, wenn er den Bengel auf dem Friseurstuhl sitzen hatte, ihm die Haare so richtig kurz zu schneiden. Aus den sorgfältig gepflegten Locken wurde ein militärischer Einheitsschnitt.
Als die langhaarigen Fans wenig später Richtung Düsseldorfer Rheinhalle strömten, stand der Teenager mit schimmernder Kopfhaut an der Kasse und bat um ein Billett. Seine Freunde zeigten sich entsetzt und forderten ihn scherzhaft auf, sich woanders hinzusetzen. Zu groß war ihnen die Peinlichkeit.
Doch die eigentliche Enttäuschung sollte erst noch folgen.
Vier Lieder und Schluss
Wie der Düsseldorfer Express am 20. Mai 1968 berichtete, spielten die Small Faces gerade einmal vier Lieder, bevor das Konzert im Chaos versank. Durch einen fehlerhaften Anschluss der Elektrokabel fielen nacheinander Bassgitarre und Orgel aus.
Die Stimmung innerhalb der Band kippte schlagartig. Eine Art Nervenkrise erfasste die gesamte Combo. Bassist Ronnie „Plonk“ Lane schleuderte seine Gitarre zu Boden. Bandleader Steve Marriott bearbeitete hinter der Bühne einen Fan mit Tritten, von dem er irrtümlich annahm, er habe den Verstärker lahmgelegt. Ein Souvenirjäger, der die Schlagzeugstöcke an sich genommen hatte, bekam ebenfalls die Wut der Musiker zu spüren.
Der Manager der Band machte später Alkohol und die Technik für das Desaster verantwortlich. Die Musiker verzogen sich schließlich in ihre Hotelzimmer, wo die Party mit Drinks und Mädchen zum Ärger des Hotelmanagements weiterging. [2]Die Zuschauer hingegen traten den Heimweg an.
Und meinem Vater dämmerte langsam die Erkenntnis, dass er seine Haarpracht für exakt vier Songs geopfert hatte.



Als lange Haare plötzlich normal wurden
Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Welt bereits verändert. Selbst der damalige Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte den Siegeszug der langen Haare nicht mehr aufhalten. Das Haarnetz der „German Hair Force“ machte Schlagzeilen, Schmidt erhielt dafür sogar den Orden wider den tierischen Ernst, machte später den Erlass jedoch rückgängig.[3]
Was wenige Jahre zuvor als Provokation gegolten hatte, war dann ab Mitte der 70er plötzlich gesellschaftsfähig geworden.
Für meinen Vater kam diese Entwicklung zu spät. Zwar waren die Haare längst wieder nachgewachsen. Aber geblieben ist die Erinnerung an einen verhängnisvollen Zehn-Mark-Deal und an eine Band, die in Düsseldorf gerade einmal vier Lieder spielte, und an einen Friseurbesuch, der ihm noch lange nachhing.
Immerhin hatte die Sache einen Nebeneffekt. Bis heute bin ich vermutlich die einzige Person meiner Generation, die „Tin Soldier“, „All or Nothing“ und „Lazy Sunday“ auswendig mitsingen kann. Und das ist schließlich auch etwas wert.

Nachtrag vom 22.06.2026: Ein Besucher erinnert sich
Natürlich ist die Wirklichkeit oft banaler – und zugleich aufregender.
Nach Veröffentlichung dieses Beitrags meldete sich Dieter Petzold, vielen als ehemaliger Archivar und Administrator der Gruppe „Geschichte der Stadt Düsseldorf 2.0“ bekannt, der damals selbst in der Rheinhalle dabei war.
Seiner Erinnerung nach weigerte sich Sänger Steve Marriott vor allem deshalb weiterzusingen, weil eine Hallendurchsage mitten durch das Programm lief. Von den im Express geschilderten Tumulten blieb ihm etwas anderes in Erinnerung: Lediglich ein Fan versuchte, die Trommelstöcke von Schlagzeuger Kenney Jones zu stibitzen – und bekam dafür prompt eins aufs Maul.
Dieter und seine Freunde nahmen das abrupte Ende des Konzerts nicht allzu tragisch. Schließlich hatte bereits die Vorgruppe The Smoke mit ihrem Hit »My Friend Jack« für Stimmung gesorgt. Für ihn zählte ohnehin nur eines: seinen Helden einmal nahe gewesen zu sein.
Sein O-Ton:
„Danach steckte ich ein ausgeschnittenes Gesicht von Ronnie Lane in eine Monatskarte über mein Passfotogesicht. Ein Kontrolleur fand das nicht witzig. Ich kaufte mir eine hellgrüne Cordhose und Clarks-Schuhe. Mit T-Shirt fühlte ich mich dann wie ein verhinderter Rockstar für Arme.“

Was blieb einem Jungen aus Düsseldorf-Heerdt schließlich anderes übrig?
Solche Erinnerungen erzählen oft mehr über die Sechzigerjahre als jede Konzertkritik. Denn am Ende blieb nicht der Ärger über eine Hallendurchsage in Erinnerung, sondern das Gefühl, den eigenen Helden ganz nah gewesen zu sein.
Noch einmal herzlichen Dank an Dieter Petzold für diese Erinnerungen.
Und eine Frage an Dieter bleibt natürlich: Hast du die Cordhose eigentlich noch?

[1] Vgl. http://www.journal-ethnologie.de/Schwerpunktthemen/Schwerpunktthemen_2006/Haare/Haarige_Zeiten/index.html (abgerufen am 20. Mai 2026)
[2] Heus, Dieter A. Nacht der Skandale mit den Small Faces. Beat-Stars prügeln sich auf der Bühne, in: Düsseldorfer Express vom 20. Mai 1968
[3] Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/laengere-haare-gewagt-102.html (abgerufen am 20.Mai 2026)
Düsseldorf für Fortgeschrittene: Ein Bierdeckel reicht
Vom Gehen und Sehen
Der Frühling und die Feiertage – sie gehören zum Spazierengehen. Zur Blütenfrische, zum ziellosen Schlendern, zum scheinbar zweckfreien Unterwegssein.
Und doch hat das Gehen Methode. Promenadologen – also Spaziergangsforscher – preisen den ausgedehnten Schritt als „letztes Backup unserer Mobilität“. Bertram Weisshaar formuliert es so: Wer zu Fuß geht, lässt seine Füße gehen, schaut nach links und rechts und schärft dabei seine Wahrnehmung für die Umgebung.

NSDAP in der Familie: Was wir herausfinden – und was es mit uns macht
„War Opa ein Nazi?“ scheint momentan in aller Munde zu sein. Mussten wir noch bis vor wenigen Monaten „mühsam“ einen Antrag beim Bundesarchiv stellen, um Auskunft über die Mitgliedschaft in der NSDAP zu erhalten, ist die Suche nach der Parteimitgliedschaft um einiges leichter geworden. Der Grund: die Veröffentlichung von rund acht Millionen Mitgliederkarteikarten im US-Nationalarchiv
„NSDAP in der Familie: Was wir herausfinden – und was es mit uns macht“ weiterlesenEntnazifizierung im Archiv: Was ein leer gelassenes Feld verrät
Archive sind keine Orte der Vergangenheit — sie sind Orte der Überraschung.
Zwischen Fragebögen, Stempeln und vergilbten Formularen tauchen plötzlich Lebensgeschichten auf, die lange verborgen geblieben sind. Zum Tag der Archive habe ich einen Blick in die digitalisierten Entnazifizierungsakten des Landesarchivs NRW geworfen. Was zunächst nach trockener Verwaltung klingt, entpuppte sich schnell als persönliche Spurensuche: ein Schreiner, ein leer gelassenes Feld im Fragebogen — und eine Parteimitgliedskarte, die an ganz anderer Stelle wartete. Manchmal erzählen Archive mehr, als ihre Besitzer je preisgeben wollten.
Warum das „H“ an der Haltestelle mehr Geschichte hat als der Busfahrplan
Morgen und Samstag streikt wieder die Rheinbahn.
Während man frierend an der Haltestelle steht und sich fragt, ob Bewegung vielleicht doch eine Form der Selbsttäuschung ist, fällt der Blick zwangsläufig auf das große „H“.
Ein Buchstabe, den jeder kennt.
Und über den erstaunlich wenige je nachgedacht haben.
Vom Streik zum Stammbaum:
Was das S-Bahn-Logo mit Ahnenforschung zu tun hat
Ich habe die Wahl: mich über den Streik zu ärgern, weil Busse und Straßenbahnen nicht fahren – oder aus der Situation etwas zu lernen. Die S-Bahn fuhr an diesem Tag zwar zuverlässig, doch ausgerechnet ihr allgegenwärtiges Logo brachte mich auf eine Spur, die mir bis dahin völlig entgangen war.
„Vom Streik zum Stammbaum:“ weiterlesenDie Handschrift als Fußabdruck
Über Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt
Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird
Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schön. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erzählt sie etwas über mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: über Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.
„Die Handschrift als Fußabdruck“ weiterlesenJeder Mensch ist ein Künstler. Tschibbi nahm Beuys beim Wort.
Spurensuche auf einem Grab und in Düsseldorfs Kunstgeschichte
Weihnachten ist auch die Zeit des Spazierengehens. Der Joseph-Beuys Blogtext mit dem Hungerstreik war längst vergessen, als ich auf dem Friedhof in meiner Nähe plötzlich und ungewollt sehenden Auges auf den Spuren vergangener Düsseldorfer Künstler wandelte. Erstaunt blieb ich vor einer gelb-blauen Skulptur auf einem Grab stehen, deren Aussage sich mir nicht erschloss.
Muss sie auch nicht. Grabkunst hat kein Erklärungsbedürfnis. Die Skulptur wirkt vom gelben Kopf her wie eine Art Kobra, während der untere türkis-bläuliche Teil eher an eine orientalische Flasche erinnert.