Während die Fußballwelt auf die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko blickt, wurde vor wenigen Tagen eine ganz andere Meisterschaft entschieden. Die vatikanische Fußballauswahl Archivio Calcio besiegte die Supermarkt-Mannschaft Dirseco mit 4:0 und sicherte sich den Meistertitel.
Zu meinem Erstaunen existiert die vatikanische Fußballliga bereits seit 1973. Gründer war Dr. Sergio Valci, der sich um die körperliche Fitness der Mitarbeiter sorgte und den „Coppa dell’Amicizia“ (Freundschaftspokal) ins Leben rief. Erster Meister wurde die Mannschaft des Osservatore Romano.
1981 erhielt der Wettbewerb einen deutlich professionellen klingenden Namen: Campionato della Città del Vaticano – die Vatikanmeisterschaft.[1]

Fußball zwischen Archiv und Supermarkt
Besonders ungewöhnlich sind die Teilnehmer der Liga. Statt großer Traditionsvereine treten Mannschaften vatikanischer Einrichtungen gegeneinander an. Die Spieler stammen aus Archiven, Redaktionen, Verwaltungsstellen oder anderen Einrichtungen des Kirchenstaates.
Auch die Mannschaftsstärken variierten im Laufe der Jahre. Neben dem klassischen Elf-gegen-Elf wurden zeitweise Spiele mit fünf, acht oder neun Spielern pro Mannschaft ausgetragen. Da der kleinste Staat der Welt keinen Platz für ein eigenes Stadion besitzt, werden die Begegnungen auf dem Kardinal-Spellman-Feld des Oratoriums St. Peter ausgetragen. [2]
Schon vor 500 Jahren wurde im Vatikan Fußball gespielt
Wer Ahnenforschung betreibt, vergisst leicht, dass unsere Vorfahren nicht nur arbeiteten, heirateten und starben. Sie feierten Feste, stritten sich, tranken Wein – und spielten.
Auch der Fußball besitzt eine längere Geschichte, als viele vermuten. Bereits am 7. Januar 1521 fand im Vatikan ein Spiel statt, das allerdings nur noch entfernt an den heutigen Fußball erinnerte.
Es orientierte sich am Calcio Storico aus Florenz. Bei dieser historischen Variante treten jeweils 27 Männer gegeneinander an. Gespielt wird mit Händen und Füßen, Tritte und Ringtechniken sind erlaubt. Ziel ist es, den Gegner möglichst wirksam abzulenken oder auszuschalten, damit ein Mitspieler den Ball ins Netz befördern kann.
Ausgeknockte Spieler dürfen nicht ersetzt werden. Lediglich Angriffe von hinten und Tritte gegen das Gesicht gelten als unsportlich. Den Siegern winkt traditionell keine Geldprämie, sondern eine Kuh. Bis heute wird das Spektakel in Florenz ausgetragen und versetzt die Stadt jedes Jahr für einige Tage in Ausnahmezustand.[3]

Die blaue Karte für Sünder
Der Vatikan entschied sich jedoch irgendwann für die deutlich zivilisiertere Form des Fußballs. Neben der Meisterschaft existieren heute ein Pokalwettbewerb und ein Superpokal. Besonders originell ist der Clericus Cup, bei dem Seminaristen, Ordensleute und angehende Priester gegeneinander antreten. Die Spiele dauern lediglich zweimal 30 Minuten. Neben der gelben und roten Karte existiert dort noch eine dritte Variante: die blaue Karte. Sie wird bei mittelschweren Fouls gezeigt. Der betreffende Spieler muss anschließend fünf Minuten auf der Bank Platz nehmen. Eine Art Denkpause für übereifrige Kicker.[4]
Vielleicht wäre das auch eine Idee für die nächste Weltmeisterschaft. Man stelle sich vor, ein Profi beschwert sich lautstark beim Schiedsrichter, erhält eine blaue Karte und muss fünf Minuten über sein Verhalten nachdenken (und aushalten).
Manches Problem des Weltfußballs ließe sich womöglich einfacher lösen als gedacht. Und falls nicht, könnte man als zusätzliche Motivation immer noch zur alten Tradition zurückkehren und dem Sieger statt eines Pokals eine Kuh überreichen.
[1] Vgl. en.wikipedia.org/wiki/Coppa_Sergio_Valci (abgerufen am 11.Juni 2026)
[2] Vgl. http://www.sportinvaticano.com/la-nostra-storia (abgerufen am 11.06.2026)
[3] Vgl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/florentinischer-fussball-fotoreportage-von-michael-loewa-a-1018800.html (abgerufen am 11. Juni 2026)
[4] Vgl. http://www.zeit.de/sport/2011-05/clericus-cup-vatikan-wm-kirche (abgerufen am 11.06.2026)
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