Zwischen Königsallee und Graf-Adolfplatz hat sich vor vielen Jahren eine leichtbekleidete Muse niedergelassen und ziert seit 1932 das kleine Blumengärtchens. Es ist eine in griechischen Chiton gehüllte bronzene junge Dame, die ungerührt Touristen, Einkaufswütige und Büroangestellte an sich vorüberziehen lässt.
Nur die Zurufe der Bauarbeiter wehen vom Mannesmannufer herüber. In dem kleinen Rosarium mit der barocken Sonnenuhr in der Mitte herrscht absolute Stille. Absolut? Nicht ganz. Ein leises Summen dringt aus den Lavendelbüschen, die zwischen den Rosensträuchern wuchern. Obwohl tropische Temperaturen herrschen und die Sonne am höchsten steht, lassen sich die Bienen nicht von der Arbeit abhalten.
Als Pippa Middleton, besser bekannt als die kleine Schwester von Herzogin Kate, endlich geheiratet wurde, durfte Harrys Freundin Meghan nicht an der Trauung teilnehmen. Der Grund: Sie trug keinen Ehering am Finger. Nur verheiratete Paare durften Zeugen des Ehegelöbnisses werden, obwohl böse Zungen lästerten, die Braut habe Angst gehabt, Meghan hätte ihr die Schau stehlen können.
Nähe, Netzwerke undVernunftehen im historischen Kontext
In Duisburg gab es etliche Annas, doch keine schien recht zu passen. Gerhard hatte zwar eine Schwester namens Anna, aber Geschwisterliebe erschien mir dann doch zu gewagt. Schließlich stamme ich nicht aus einer Pharaonenfamilie.
Dabei war es im alten Ägypten durchaus üblich, Geschwister miteinander zu verheiraten. Ähnlich wie bei den Göttern hielt man es auch in der ersten Familie des Landes so: Das königliche Blut sollte rein bleiben, Macht, Reichtum und Einfluss innerhalb der eigenen Mischpoke zirkulieren. Tutanchamun war höchstwahrscheinlich der Sohn von Echnaton, hatte jedoch nicht Nofretete zur Mutter, sondern eine Schwester Echnatons. Er selbst heiratete wiederum Anchesenamun, seine Halbschwester. Ausgestattet mit Klumpfuß und diversen gesundheitlichen Problemen – möglicherweise Folgen jahrzehntelanger Inzucht – war der junge Pharao körperlich stark beeinträchtigt.
Nun gut, haken wir die alten Ägypter ab.
Was mir jedoch partout nicht in den Sinn kam, war eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit: Anna könnte Gerhards Cousine gewesen sein. Da es in meiner Familie bis dahin keine bekannten Verwandtenehen gegeben hatte, erschien mir dieser Gedanke zunächst abstrus.
Dabei muss man historisch gar nicht weit reisen. In europäischen Herrscherhäusern waren Ehen unter Verwandten über Jahrhunderte hinweg eher Regel als Ausnahme. Elizabeth II und Prince Philip waren Cousine und Cousin dritten Grades – sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits. Franz Joseph I und Elisabeth von Österreich waren sogar Cousin und Cousine ersten Grades und benötigten für ihre Eheschließung einen päpstlichen Dispens. Selbst Elisabeths Eltern waren miteinander verwandt. Die Wittelsbacher galten ohnehin als exzentrisch – man denke nur an Ludwig II. Immerhin hinterließ er Neuschwanstein.
Nachdem ich mich mit der Erkenntnis abgefunden hatte, dass auch meine zweifachen Urgroßeltern Vetter und Cousine gewesen sein könnten, stellte sich mir die nächste Frage: Warum?
Gab es so etwas wie Liebe? Archäologen glauben, auf einem Relief verliebte Blicke zwischen Tutanchamun und seiner Frau erkannt zu haben. Mangels Fotografien bleibt das Spekulation. Oder überwogen pragmatische Gründe? Von Gütern oder einem Familienimperium weiß ich in meinem Fall nichts. Wahrscheinlicher ist, dass man sich schlicht zusammentat, weil „zusammen weniger allein“ war. Heiraten musste man ohnehin. Oder, um es mit Charles III zu sagen, der bei seiner Verlobung mit Diana nur nuschelte: „Whatever love means.“
Verleiht Inzest geistige Höhenflüge?
Auch mit geistigen Höhenflügen konnten Anna und Gerhard – samt Nachfahren – zunächst nicht dienen. Oder vielleicht doch, nur auf eine andere Art? Eventuell müsste man die Familiengeschichte weniger nach Genialität absuchen als nach Eigenarten.
Ein Blick auf die Finanzelite zeigt, dass man dort gern unter sich blieb. Die Rothschilds verfügten nicht nur über Banken, Schlösser, Brieftauben und Weinberge, sondern auch über ein ausgeprägtes Familienbewusstsein. Mayer Amschel Rothschild hatte strenge Familienregeln erlassen, um Unternehmen und Clan zusammenzuhalten. Verwandtenehen waren Teil dieses Systems – Inzuchtfolgen schienen nebensächlich.
Exzentrik hingegen nicht. Lionel Walter Rothschild spannte Zebras vor seine Kutsche, während meine Familie mit ähnlichem Verhalten vermutlich als Dorfdeppen gegolten hätte. Seine Nichte Miriam Rothschild, bekannt als „Herrin der Flöhe“, erforschte als Autodidaktin die Sprungkraft und Fortpflanzung von Flöhen und erlangte damit akademisches Ansehen. Ihr Bruder Victor arbeitete im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst MI5.
Das ist, zugegeben, eine ganz andere Hausnummer.
Am Ende blieb Anna dennoch das, was sie von Anfang an gewesen war: eine Frau, die in den Quellen kaum greifbar ist. Kein großer Name, kein außergewöhnliches Vermögen, keine Exzentrik, die Spuren hinterlassen hätte.
Vielleicht lag die Wahrheit ihrer Ehe nicht in genetischen Höhenflügen oder strategischen Allianzen, sondern in etwas sehr Profanem. Man kannte sich. Man vertraute sich. Und man tat, was zu tun war.
Cousinenliebe war keine Grenzüberschreitung, sondern eine Möglichkeit. Eine von vielen, die in einer Zeit gewählt wurden, in der Nähe Sicherheit bedeutete und Heiraten weniger mit Romantik als mit Verlässlichkeit zu tun hatte.
Und vielleicht erklärt gerade diese Unauffälligkeit, warum Anna so lange unsichtbar blieb – nicht nur in den Archiven, sondern auch in meinem eigenen Blick auf die Vergangenheit.
Wer es kennt, weiß, wo es liegt: Das Stadtarchiv Düsseldorf liegt strategisch günstig neben dem Hauptbahnhof. Eingekeilt zwischen dem Schauspielhaus (oben drüber) und dem Ordnungsamt (Hallo Nachbar), versieht es auch in Corona Zeiten treu und redlich seinen Dienst als Hirn der immerwährenden Retrospektive.
Draußen war es noch dämmrig und kühl. Leise schmatzte das Wasser an der Kaimauer vor dem Rhein. Über der Nebeldecke, die über dem Fluss hing, zeichnete sich der dunkle Qualm der Schlepper ab, die zu beiden Seiten langsam stromauf und stromab tuckerten.
Eigentlich gab es immer etwas Interessantes zu sehen, wenn die vierjährigen Zwillinge Luise und Mia sonntags zu ihren Großeltern gingen. Oma und Opa Thielen wohnten in der ältesten Straße von Düsseldorf. Dort, in der sogenannten Alten Stadt, Ecke Krämerstraße, direkt an die Lambertuskirche und das Haus „Zur Stadt Rom“ anschließend, stand das sogenannte Douven’sche Haus.
Der rund siebzig Meter hohe Turm der Lambertuskirche – das älteste Bauwerk der Stadt – war an diesem Morgen nur schemenhaft zu erkennen. Der Nebel verschluckte ihn ebenso wie das gegenüberliegende Kloster der Karmeliterinnen. Die Mädchen waren froh darüber, nicht auch die Kreuzigungsgruppe an der Westseite der Kirche sehen zu müssen, die sie sonst jedes Mal in Angst und Schrecken versetzte.
Das Douven’sche Haus – eine Perle des Frühklassizismus
Ein himmlisch-irdischer Acker zwischen zwei Orten Berlins (Greifswalderstr. bzw. Prenzlauer Allee) inmitten der permanenten Rushhour von Autos, Straßenbahnen, dem steten Fluss von Tourist und Einwohner auf dem Asphalt. Dieses Stück Erde ist weder ein Park noch ein Cluster aus Boutiquen, Shops, Fresstempel oder Touristenmeile. Hier ist die Rede von einem Friedhof am Puls unserer Bundeshauptstadt: Nämlich der Kirchhof in der evangelischen St. Georgen-Parodialgemeinde am Prenzlauer Berg.
Transit Non Sine Votis Mox Noster (Geh nicht vorüber ohne fromme Gebete, Du, bald der Unsrige). Mit diesen weisen Worten über dem Eingang empfängt die Kapelle im Lantz`scher Park ihre Besucher. Wohlwissend um die vergängliche Zeit, die ein jeder in sich trägt und in die er für einen Augenblick verweilen soll: mit sich, mit Gott und – nicht zu vergessen- mit der Liebe.
Für uns Niederrheiner stellt sich mitunter die Frage, wo wir die Geburts-, Heirats- und Sterbeeinträge aus Monheim vor 1810 bekommen können. (In den linksrheinischen Gebieten wurde dank der französischen Besatzung die Personenstandsunterlagen, zu denen auch Monheim gehörte, ab 1810 geführt. In den rechtsrheinischen Gebieten erst ab 1876.)
Ein weiterer gesellschaftlich unverzichtbarer Beruf wurde von der Dorfgemeinschaft über Jahrhunderte hinweg misstrauisch beäugt und verachtet: der des Müllers. Nicht nur, dass der Müller im frühen Mittelalter im Kriegsfall als unabkömmlich galt und deshalb nicht zu den Waffen greifen durfte. Schon das reichte aus, um ihm die „Ehr im Leib“ abzusprechen – ein Mann, der nicht kämpfte, galt vielen nicht als vollwertig.
Dieb und Halsabschneider
Obwohl Müller und ihre Gesellen oft Tag und Nacht arbeiteten und für sie weder Sonn- noch Feiertage galten – man denke nur an das volkstümliche Lied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ –, haftete ihnen der Ruf des Betrügers an. Bauern brachten ihr Getreide zur Mühle und waren überzeugt, weniger Mehl zurückzubekommen, als ihnen zustand. Der Verdacht lautete: Der Müller zweige heimlich etwas ab.
Dieser Argwohn saß tief und ließ sich kaum ausräumen.