Ringe: Treue oder Knechtschaft?

Über Last/Freude des Unverbrüchlichen.

Als Pippa Middleton, besser bekannt als die kleine Schwester von Herzogin Kate, endlich geheiratet wurde, durfte Harrys Freundin Meghan nicht an der Trauung teilnehmen. Der Grund: Sie trug keinen Ehering am Finger. Nur verheiratete Paare durften Zeugen des Ehegelöbnisses werden, obwohl böse Zungen lästerten, die Braut habe Angst gehabt, Meghan hätte ihr die Schau stehlen können

No Ring – No Bring

Wenn man allerdings den Gesellschaftsklatsch beiseitelegt, zeigt es, wieviel Bedeutung dem Reif am Finger zugestanden wird. Für die Einen ist dieses Kleinod am Digitus Anularis, neben Ring-, auch Gold – oder Herzfinger genannt, ein Symbol für Treue, Liebe und der Unzerbrechlichkeit der ehelichen Bindung. Für andere verzerrt sich diese Vorstellung eher in Tolkiens Version des knechtenden Ringes, „sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“. Das Erkennungsmerkmal für große Gefühle ist also eine Last des Unverbrüchlichen, der man sich nur mit Mühe entledigen kann? Zumindest sieht es Gollum so. Aber der wurde zum Glück in Heiratsdingen selten gefragt. Bilde ich mir jedenfalls ein.

Vena Amoris fließt zum Herzen

Eheringe waren schon bei den Römern populär, wobei dort allerdings nur die Frauen den Ring an ihrer linken Hand trugen. Wir Deutschen das Symbol der Bindung meist an der rechten Hand tragen. In den südlichen Ländern dagegen hält sich die Vorstellung, dass am vierten Finger der linken Hand, die Liebesader (Vena Amoris) direkt zum Herzen fließt. Verlobungsringe gab es auch schon im Mittelalter, die sogenannten „mani in fede“; im Ring geformte zwei sich haltende Hände. Das Zusammenführen der Hände während der Trauung gab es schon im alten Rom und wurde „dexatrum iunction“ genannt.

Mani in Fede Verlobungsringe

Der Ring in Amt und Würden

Doch Ringe trug man schon zu Beginn der Bronzezeit. Anhand des Materials war die Macht erkennbar, die Man (n) sich leisten konnte. Ob an Händen, Hals oder Fuß – Ringe wurden an allen Körperteilen getragen. Sie verkörperten nicht nur den momentanen Status für eine bestimmte Person, sondern konnten auf andere übertragen werden.  Ein Siegelring zum Beispiel, unterstützt den Träger dieses Stückes in der Ausübung seines Amtes. Der Papst bekommt den Ring des Fischers überreicht. Dieser Ring, auf den das Motiv von Petrus, dem ersten Papst in Gestalt eines Fischers eingraviert ist, gilt als höchstes Siegel für päpstliche Dokumente.

Der magische Ring von Paußnitz

Interessanterweise erfährt dieses bedeutungsgeladene Kleinod erst jetzt in Deutschland öffentliche Würdigung. 2019 eröffnete das Landesmuseum in Halle eine Ausstellung im Zeichen der Ringe. Der Stein des Anstoßes dazu gab ein schon 1848 gefundener Silberring, der zusammen mit Silbermünzen in einem Baumloch im sächsischen Paußnitz lagerte.  

Behandelt wie ein Stiefkind

Während sich alle um die Münzen rissen, erfuhr der Ring eine stiefkindliche Behandlung. Tatsächlich jedoch hatte der zwölfeckige Reif mehr zu bieten, als im Tresor zu lagern. Doch erst 2002 besann man sich und holte ihn hervor. Schnell stellte man Folgendes fest: Der Ring passte mit seinen 18,8 mm Durchmesser einer Männerhand, er wurde getragen (das bewiesen die Abnutzungsspuren), er war aus reinem Silber. Und last, but not least: er musste zusammen mit den Münzen um 1150 herum vergraben worden sein.

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NAINE MI XPS: Rufe nach dem christlichen Seelenheil

Doch alles, was darüber hinaus ging – Fehlanzeige. Eine Inschrift zierte seine Außenkante; allerdings wirkten die Buchstaben wie wahllos ineinander verflochten. Lediglich Krückenkreuz und Palmwedel waren drauf erkennbar. Mehr als zwei Jahre tüftelten Wissenschaftler verschiedener Gattungen dran, dem Ring sein Geheimnis zu entlocken. Zwei Jahre später gelang mit Hilfe von Epigraphen, Linguisten und Theologen der Durchbruch: Die verklausulierte Inschrift zeugt von der religiösen Hingabe eines Mannes. Denn die auf ein Schreibschnipsel reduzierte Inschrift heißt NAINE MI XPS, was von den Wissenschaftlern als „Verneine mich Christus“ übersetzt und im Sinne von „Vernichte mich Christus“ interpretiert wird.

Über den Ring zum Trägerprofil

Danach gelang es den Wissenschaftlern, quasi auch ein Täterprofil zu erstellen. Mittlerweile gehen sie von einem hochgebildeten, weitgereisten und weltgeistlichen Mann aus, der in vielen Schriften zu Hause war. Und diese quälende Frage nach dem Seelenheil trug er am Ringfinger mit sich herum. Tolkien hätte daraus eher ein Ringen um Seelenpein gemacht. Bleibt nur zu hoffen, der Träger zum Schluss nicht ein zweiter Gollum wurde, der in Höhlen hauste, mit sich selbst sprach und den Ring „mein Eigen, mein Schatz“ nannte. 

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