Cousinenliebe

Nähe, Netzwerke und Vernunftehen im historischen Kontext

In Duisburg gab es etliche Annas, doch keine schien recht zu passen. Gerhard hatte zwar eine Schwester namens Anna, aber Geschwisterliebe erschien mir dann doch zu gewagt. Schließlich stamme ich nicht aus einer Pharaonenfamilie.

Dabei war es im alten Ägypten durchaus üblich, Geschwister miteinander zu verheiraten. Ähnlich wie bei den Göttern hielt man es auch in der ersten Familie des Landes so: Das königliche Blut sollte rein bleiben, Macht, Reichtum und Einfluss innerhalb der eigenen Mischpoke zirkulieren. Tutanchamun war höchstwahrscheinlich der Sohn von Echnaton, hatte jedoch nicht Nofretete zur Mutter, sondern eine Schwester Echnatons. Er selbst heiratete wiederum Anchesenamun, seine Halbschwester. Ausgestattet mit Klumpfuß und diversen gesundheitlichen Problemen – möglicherweise Folgen jahrzehntelanger Inzucht – war der junge Pharao körperlich stark beeinträchtigt.

Nun gut, haken wir die alten Ägypter ab.

Was mir jedoch partout nicht in den Sinn kam, war eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit: Anna könnte Gerhards Cousine gewesen sein. Da es in meiner Familie bis dahin keine bekannten Verwandtenehen gegeben hatte, erschien mir dieser Gedanke zunächst abstrus.

Dabei muss man historisch gar nicht weit reisen. In europäischen Herrscherhäusern waren Ehen unter Verwandten über Jahrhunderte hinweg eher Regel als Ausnahme. Elizabeth II und Prince Philip waren Cousine und Cousin dritten Grades – sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits. Franz Joseph I und Elisabeth von Österreich waren sogar Cousin und Cousine ersten Grades und benötigten für ihre Eheschließung einen päpstlichen Dispens. Selbst Elisabeths Eltern waren miteinander verwandt. Die Wittelsbacher galten ohnehin als exzentrisch – man denke nur an Ludwig II. Immerhin hinterließ er Neuschwanstein.

Nachdem ich mich mit der Erkenntnis abgefunden hatte, dass auch meine zweifachen Urgroßeltern Vetter und Cousine gewesen sein könnten, stellte sich mir die nächste Frage: Warum?

Gab es so etwas wie Liebe? Archäologen glauben, auf einem Relief verliebte Blicke zwischen Tutanchamun und seiner Frau erkannt zu haben. Mangels Fotografien bleibt das Spekulation. Oder überwogen pragmatische Gründe? Von Gütern oder einem Familienimperium weiß ich in meinem Fall nichts. Wahrscheinlicher ist, dass man sich schlicht zusammentat, weil „zusammen weniger allein“ war. Heiraten musste man ohnehin. Oder, um es mit Charles III zu sagen, der bei seiner Verlobung mit Diana nur nuschelte: „Whatever love means.“

Verleiht Inzest geistige Höhenflüge?

Auch mit geistigen Höhenflügen konnten Anna und Gerhard – samt Nachfahren – zunächst nicht dienen. Oder vielleicht doch, nur auf eine andere Art? Eventuell müsste man die Familiengeschichte weniger nach Genialität absuchen als nach Eigenarten.

Ein Blick auf die Finanzelite zeigt, dass man dort gern unter sich blieb. Die Rothschilds verfügten nicht nur über Banken, Schlösser, Brieftauben und Weinberge, sondern auch über ein ausgeprägtes Familienbewusstsein. Mayer Amschel Rothschild hatte strenge Familienregeln erlassen, um Unternehmen und Clan zusammenzuhalten. Verwandtenehen waren Teil dieses Systems – Inzuchtfolgen schienen nebensächlich.

Exzentrik hingegen nicht. Lionel Walter Rothschild spannte Zebras vor seine Kutsche, während meine Familie mit ähnlichem Verhalten vermutlich als Dorfdeppen gegolten hätte. Seine Nichte Miriam Rothschild, bekannt als „Herrin der Flöhe“, erforschte als Autodidaktin die Sprungkraft und Fortpflanzung von Flöhen und erlangte damit akademisches Ansehen. Ihr Bruder Victor arbeitete im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst MI5.

Das ist, zugegeben, eine ganz andere Hausnummer.

Am Ende blieb Anna dennoch das, was sie von Anfang an gewesen war: eine Frau, die in den Quellen kaum greifbar ist. Kein großer Name, kein außergewöhnliches Vermögen, keine Exzentrik, die Spuren hinterlassen hätte.

Vielleicht lag die Wahrheit ihrer Ehe nicht in genetischen Höhenflügen oder strategischen Allianzen, sondern in etwas sehr Profanem. Man kannte sich. Man vertraute sich. Und man tat, was zu tun war.

Cousinenliebe war keine Grenzüberschreitung, sondern eine Möglichkeit. Eine von vielen, die in einer Zeit gewählt wurden, in der Nähe Sicherheit bedeutete und Heiraten weniger mit Romantik als mit Verlässlichkeit zu tun hatte.

Und vielleicht erklärt gerade diese Unauffälligkeit, warum Anna so lange unsichtbar blieb – nicht nur in den Archiven, sondern auch in meinem eigenen Blick auf die Vergangenheit.

Badewonnen – Wie wir dem Gestank ein Ende bereiteten!

Samstag = Badetag. Frisch gewaschen saß das Kind auf dem Sofa vor dem Fernseher, und läutete mit einer Samstagabendshow das Wochenende einWas heute mit dem täglichen Duschen unvereinbar ist. Doch kehren wir 900 Jahre zurück. Damals galten wir damit als fortschrittlich! Denn mit dem Niedergang des römischen Reichs ging auch unsere Körperpflege den Bach runter. Und kehrte erst dann langsam mit den zurückgekehrten Kreuzfahrer zurück. Die verausgabten sich nicht nur im Kampf gegen die orientalische Ungläubige, sondern lernte im Gegenzug deren Verständnis für Reinlichkeit durchaus zu schätzen.

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Ein Beruf mit schlechten Ruf: Der Müller

Ein weiterer gesellschaftlich unverzichtbarer Beruf wurde von der Dorfgemeinschaft über Jahrhunderte hinweg misstrauisch beäugt und verachtet: der des Müllers. Nicht nur, dass der Müller im frühen Mittelalter im Kriegsfall als unabkömmlich galt und deshalb nicht zu den Waffen greifen durfte. Schon das reichte aus, um ihm die „Ehr im Leib“ abzusprechen – ein Mann, der nicht kämpfte, galt vielen nicht als vollwertig.

Dieb und Halsabschneider

Obwohl Müller und ihre Gesellen oft Tag und Nacht arbeiteten und für sie weder Sonn- noch Feiertage galten – man denke nur an das volkstümliche Lied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ –, haftete ihnen der Ruf des Betrügers an. Bauern brachten ihr Getreide zur Mühle und waren überzeugt, weniger Mehl zurückzubekommen, als ihnen zustand. Der Verdacht lautete: Der Müller zweige heimlich etwas ab.

Dieser Argwohn saß tief und ließ sich kaum ausräumen.

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Warum der Schäfer früher als unehrlicher Beruf galt

In der Ahnenforschung geben die Kirchenbücher und ab 1810 auch die Standesämter zum Glück Auskunft  darüber, in welchen Beruf der jeweilige Ahnherr innehatte. D.h. wenn man gelernt hat, die Kurrentschrift zu lesen;-) Aber die Berufe sind interessanter, als ich dachte. In meinen Reihen befindet sich kein Adeliger, von einer verqueren Linie Karls des Großen ganz zu schweigen.

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