Wie aus dem Sparfach ein überzeugter Darwinist wurde…

…oder: Den Kneipen ihr Sparfach, dem Deutschen seinen Cent.

Früher hing in der Kneipe meines Großvaters ein grauer, mit Schlitzen versehener Kasten neben einem dunklen Vorhang an der Wand, der die Kneipe vom Gang zum Klo unterteilte.

Früher – und um gefühlte Ewigkeiten jünger als heute- hielt ich dieses Ding mit dem Charme eines Stromkastens für ein Postfach. Auch wenn ich ewig darüber nachgrübelte, wie oft man um alles in der Welt die Briefe falten muss, um sie in die kleinen Schlitze zu schieben. Eine Frage, die mich jedes Mal beschäftigte. Aber schon als Sechsjährige hatte ich ein ungutes Gefühl, diese Frage zu stellen, sagte mir doch mein Instinkt, dass sie lautes Gelächter hervorrufen würde.

Sparen mit Sozialfunktion

Heute frage ich mich wieder, wer dieses Ding benutzt und stelle erneut fest, früher war alles anders. Und zwar: Das Sparfach (um das handelt es sich hier), gab es schon im 19. Jahrhundert. Der Ursprung liegt u.a. auch in den Hamburger Hafenkneipen verborgen, wo Seeleute und Hafenarbeiter ihre paar Groschen von der Heuer, die sie erübrigen konnten, in das Fach steckten, um dem Pleitegeier oder Pechvogel ein Schnippchen zu schlagen. Sparen mit Sozialfunktion sozusagen.

Während dieses spezielle Haushalten im 20 Jahrhundert im zweiten Weltkrieg fast zum Erliegen kam, blühte es in der Zeit nach der Währungsreform wieder auf. Von Sparkassen und Banken angefeuert, schossen die Sparvereine wie Pilze aus dem Boden und damit auch das Anbringens der Sparfächer in der Kneipe.

„Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar“

Auch bei Westernhagen hieß es immer „ Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar“. Und so wurde es gemacht: Kassensturz gab es einmal im Jahr. Unter Argusaugen des ehrenamtlichen Kassenbuchführers wurde jede Mark gezählt, jeder Schein geglättet, ordentlich in das Kassenbuch eingetragen und auf die Sparkasse gebracht.  Wo das Sparbuch ordentlich Zinsen brachte. Damals wohlgemerkt. Und das war gar nicht so wenig.

Nur mal zur Info: 1950 verbuchten beim Vereinssparen  allein 143 Sparkassen einen Umsatz von 14.08 Mio. Mark. Zwei Jahre später waren 333 Sparkassen bei  49.23 Mio. harte deutsche Mark. Nicht schlecht für den Kleinanleger;-) Und als es mit den Sparbuch-Zinsen in den 80er – und 90e bergab ging, drohte das Sparfach seinen Heldentod in der Schrottpresse (sofern Metall) zu erliegen. 

Das Sparfach als Darwinist: Nur die Harten kommen in den Garten

Doch wie so oft im Leben schlagen sich die Härtesten durch, taumeln sich durch sparendes Brachland, um in den 2000ern eine erstaunliche Renaissance zu erfahren. Das Vereinssparen ist in einigen Kneipen zurückgekehrt – und keiner hat`s gesehen.  Deswegen sei es jetzt an dieser Stelle besonders erwähnenswert. Denn statt zu Hause seine Moneten in die Spardose zu stecken, gibt es Gruppen Unermüdlicher die jeden Monat redlich ihren Mindesteinsatz in den Schlitz werfen.

Kneipengänger sind Cleverle: Verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen

Sparen und dabei ein Bierchen trinken? In der Kneipe ist bis heute alles möglich.  Der sparende Gast verbindet Unterhaltung mit dem Ernst des Lebens. Genießt das Feierabendbier, während das Geld in seinem Sparfach klingelt. Der Wirt hält seine Kundschaft mit Hilfe des Sparfachs an der kurzen Leine und sorgt dafür, dass das Geld nicht auf einem langweiligen Konto verschwindet. Sondern bietet nach der Ausschüttung eventuell ein große Sause an, bei dem der Gewinn verprasst wird. Eine „win-win“ Situation für alle Beteiligten.

Alternative Geldwäsche im Kneipenschließfach?

Und  noch einen Vorteil gibt es. Die Möglichkeit, ganz legal sein Geld in der Kneipe zu waschen, wenn man nur lange genug sein Geldsparfach stopft.  Denn bei den fleißigen Vereinssparern fragt hinterher kein Mensch mehr, woher der Geldsegen stammt;-) Wichtigste Voraussetzung: Geduld und langer Atem. Und immer an das griechische Sprichwort denken, wo es so schön heiß: „Bohne für Bohne füllt den Sack!“ Na denn.

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