Entnazifizierung im Archiv: Was ein leer gelassenes Feld verrät

Archive sind keine Orte der Vergangenheit — sie sind Orte der Überraschung.
Zwischen Fragebögen, Stempeln und vergilbten Formularen tauchen plötzlich Lebensgeschichten auf, die lange verborgen geblieben sind. Zum Tag der Archive habe ich einen Blick in die digitalisierten Entnazifizierungsakten des Landesarchivs NRW geworfen. Was zunächst nach trockener Verwaltung klingt, entpuppte sich schnell als persönliche Spurensuche: ein Schreiner, ein leer gelassenes Feld im Fragebogen — und eine Parteimitgliedskarte, die an ganz anderer Stelle wartete. Manchmal erzählen Archive mehr, als ihre Besitzer je preisgeben wollten.

Viele wissen mittlerweile, dass das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg die Entnazifizierungsakten nicht nur freigegeben, sondern auch digitalisiert hat. Damit ist eine Quelle zugänglich geworden, die lange Zeit schwer erreichbar war – und die heute für Historiker, Familienforscher und Neugierige gleichermaßen von Bedeutung ist.

Strahlend weiße Wäsche soll es im eigenen Schrank geben, ©Niederländisches Staatsarchiv

Die Entnazifizierung beginnt

Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstand das neu gegründete Bundesland Nordrhein-Westfalen zunächst der britischen Militärverwaltung. Bereits 1946 begannen die Alliierten mit der sogenannten Entnazifizierung. Ziel war es, die deutsche Bevölkerung nach ihrer politischen Belastung während der NS-Zeit einzuordnen.

Später ging das Verfahren in deutsche Hände über. Die Betroffenen wurden dabei in fünf Kategorien eingeteilt:

  1. Hauptschuldige
  2. Belastete
  3. Minderbelastete
  4. Mitläufer
  5. Entlastete

Während sich die schwer belasteten Fälle heute überwiegend im Bundesarchiv befinden, lagern im Landesarchiv NRW vor allem die Akten der Kategorien drei bis fünf — also jene der Minderbelasteten, Mitläufer und als nicht schuldig Eingestuften.

Wenn Ahnen plötzlich Akten werden

Wie viele andere begann auch ich, nach Angehörigen zu suchen. Tatsächlich fand ich Unterlagen zu zwei Verwandten. Einer von ihnen war Schreiner — zunächst war ich überrascht, dass auch er ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen musste.

Erst beim genaueren Hinsehen wurde klar warum: Neben seiner handwerklichen Tätigkeit arbeitete er bei der Freiwilligen Feuerwehr und gehörte damit zum öffentlichen Dienst. Allein das genügte bereits, um überprüft zu werden. Die Fragebögen wirken heute fast nüchtern: persönliche Angaben, berufliche Stationen, politische Zugehörigkeiten. Doch zwischen den Zeilen erzählen sie von Unsicherheit, Anpassung und dem Versuch, nach dem Krieg wieder ein normales Leben zu beginnen.

Mein Urgroßonkel verschwieg anders als andere seine Parteimitgliedschaft nicht. Er gab an, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein.

Auffällig ist jedoch, was im Formular fehlt. Das Feld für die Mitgliedsnummer ließ er leer. Dabei war gerade diese Nummer entscheidend, denn an ihr ließ sich erkennen, wann jemand der Partei beigetreten war. Spätere Eintrittsdaten galten meist als weniger belastend als früher. Wer seine Nummer verschwieg, entzog sich also einer genaueren Einordnung.Die Mitgliedskarte meines Verwandten existiert jedoch noch – sie liegt heute im Bundesarchiv. Dort steht die Nummer schwarz auf weiß.

Manchmal erzählen Archive das, was Menschen lieber nicht aufschreiben.

Bei zwei meiner Verwandten haben sich die Fragebögen erhalten — sogenannte Leumundsschreiben, die später als „Persilscheine“ bekannt wurden, fanden sich hingegen nicht. Vermutlich brauchten sie diese auch nicht mehr. Der Wiederaufbau verlangte nach Arbeitskraft, nicht nach endlosen Verfahren.

Der Pragmatismus des Neubeginns

Dass der Wiederaufbau schließlich von einem gewissen Pragmatismus geprägt war, lag nicht zuletzt an der politischen Haltung der jungen Bundesrepublik.
Bundeskanzler Konrad Adenauer formulierte es 1962 bei einem Pressetee mit britischen Journalisten so:

„Seit ich hier tätig bin, habe ich immer das Gefühl, dass die Angehörigen eines Volkes, die nie unter einer Diktatur gelebt haben, gar nicht die Mentalität des Volkes verstehen, das unter einer Diktatur gelebt hat.“

Eine mit porentiefer Reinheit ausgefüllte Entlastung muss her- der Persilschein; ©Marion Rissart

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