Wie Gauleiter Friedrich Karl Florian den Luftkrieg überstand, während Düsseldorf brannte
„Moral Bombing“ forderte Opfer
Bis 1942 blieben die Düsseldorfer weitgehend von jenen Nächten verschont, die später das Leben der Stadt bestimmen sollten. Doch dann begann der Luftkrieg auch den Alltag am Rhein zu verschlingen. Besonders der Pfingstangriff 1943 grub sich tief in das kollektive Gedächtnis Düsseldorfs ein. Wie nah Leben und Tod in diesen Nächten beieinanderlagen, zeigt auch dieser Bericht über ein Baby, das aus dem zerbombten Marienhospital gerettet wurde.
Für die Menschen, die nicht aufs Land evakuiert worden waren, bedeutete Fliegeralarm vor allem eines: so schnell wie möglich einen Platz in einem Hochbunker oder Luftschutzkeller zu erreichen. Bis heute prägen die massiven Betonquader in Stadtteilen wie Rath, Lierenfeld oder Gerresheim das Stadtbild. Nach dem Krieg verzichtete man häufig darauf, sie zu sprengen, weil Aufwand und Kosten enorm gewesen wären. Diese meterdicken Betonklötze boten zwar keinen vollkommenen Schutz – manche wurden von alliierter Abwurfmunition durchschlagen –, doch für viele Düsseldorfer bedeuteten sie trotzdem den Unterschied zwischen Leben und Tod.
Frischluftkurbeln gegen das Ersticken
Anders als beim Hochbunker führte der Weg in den Luftschutzkeller tief hinab über enge Treppen, durch Schleusen und schwere Stahltüren. Dort saßen die Menschen stundenlang dicht gedrängt auf Holzbänken, umgeben von stickiger Luft, Angst und der dumpfen Hoffnung, dass die Einschläge nicht näherkommen mochten. Damit die Schutzsuchenden nicht erstickten, musste ständig Frischluft hineingekurbelt werden, die anschließend über Filter gereinigt wurde. Der Krieg veränderte nicht nur die Nächte, sondern auch den Alltag der Stadt bis ins Kleinste hinein. Selbst im einst vornehmsten Haus Düsseldorfs ersetzte irgendwann Seifenlauge die Rindfleischbrühe.



Versteckte Bunker im Stadtbild
Doch nicht jeder Bunker in Düsseldorf sieht auf den ersten Blick wie ein Bunker aus. Manche verstecken sich bis heute unscheinbar im Stadtbild. Im Lantz’schen Park in Düsseldorf-Lohausen steht ein mit Graffiti übersäter Betonverschlag, den viele Spaziergänger eher für einen heruntergekommenen Jugendtreff oder eine verwahrloste Parktoilette halten würden. Nur wenige Meter weiter, überwuchert von Moos und Gestrüpp, befindet sich ein zweiter solcher Bau. Dort hatte sich der General der Waffen-SS Karl Gutenberger einen Rückzugsort reservieren lassen.

Großmannssucht und Intrigen des Gauleiters Florian
Auch der Düsseldorfer Gauleiter Friedrich Karl Florian hatte in Lohausen seine Finger im Spiel. Der korrupte und skrupellose Nationalsozialist, den Historiker später als „bösen Geist Düsseldorfs“ [1]bezeichneten, hatte die Stadt längst zu seiner Bühne gemacht. Mit monumentalen Bauprojekten und gigantomanischen Inszenierungen nach Berliner Vorbild wollte er Düsseldorf zur nationalsozialistischen Musterstadt formen. Die Reichsausstellung »Schaffendes Volk« von 1937 gehörte ebenso zu diesem Größenwahn wie sein Versuch, die gesamte Stadt seiner politischen Selbstdarstellung zu unterwerfen.
Während Florian öffentlich das »Moral Bombing« der Alliierten als „Mord an Frauen, Kindern und Greisen“ verurteilte, verlangte er zugleich von der Bevölkerung bedingungslose Opferbereitschaft und unerschütterlichen Glauben an Adolf Hitler. Vielleicht traute er den städtischen Bunkeranlagen selbst nicht ganz. Jedenfalls ließ er sich außerhalb der Innenstadt einen eigenen Rückzugsort herrichten.

Dujardin und Schweinehälften
Dort warteten offenbar keine kargen Feldbetten und keine schlaflosen Nächte im Bombenhagel, sondern Cognac und Schweinehälften. Dem Lohausener Bauern Heinrich Pannen wurde befohlen, Lebensmittel und Alkoholika mit seinem Traktor in die Unnaer Kaserne zu transportieren. Was Florian dort genau veranstaltete, blieb sein Geheimnis. Der Kontrast zwischen den ausgehungerten, erschöpften Menschen in den Luftschutzkellern und diesem grotesken Rückzugsort könnte allerdings größer kaum sein.

Festhalten am Nero-Befehl des Führers
Als amerikanische Truppen im April 1945 bereits die linksrheinischen Stadtteile Düsseldorfs besetzt hatten, wollte Florian die Stadt dennoch um jeden Preis halten. Obwohl die militärische Lage aussichtslos war, hing er fanatisch dem abstrusen Gedanken nach, ein weiterer Widerstand könne noch eine Einigung zwischen dem Deutschen Reich und den westlichen Alliierten ermöglichen, um anschließend gemeinsam gegen die Sowjetunion vorzugehen.[2]
Währenddessen versuchten mutige Düsseldorfer Bürger, weiteres Leid zu verhindern und die Stadt kampflos zu übergeben. Eine Gruppe sammelte sich um den Kaufmann Hermann Smeets. Eine weitere bestand aus dem Rechtsanwalt Karl August Wiedenhofen, dem Architekten Aloys Odenthal, dem Rechtsanwalt Karl Müller, dem Bauunternehmer Theodor Andresen und dem Amtsgehilfen Theodor Winkens. Weil sie wussten, dass der Schutzpolizeikommandeur Franz Jürgens dem Regime kritisch gegenüberstand, suchten sie seine Unterstützung.
Zwar gelang es zwei von ihnen, Kontakt zu den Alliierten aufzunehmen, doch der Rest der Gruppe wurde verraten. In der Nacht vom 16. auf den 17. April 1945 ermordete ein Exekutionskommando die Männer auf dem Hof der Berufschule in der Färberstraße.[3] Später stellte sich im Gerichtsverfahren heraus, dass Florian die treibende Kraft hinter den Todesurteilen gewesen war.
Der Mann, der von den Düsseldorfern verlangte, bis zuletzt durchzuhalten, verschwand jedoch selbst mitsamt der Stadtkommandantur aus Düsseldorf und harrte außerhalb der Stadt in einem Bunker aus.[4] Dabei hatte er noch wenige Tage zuvor pathetisch erklärt, er habe sich mit seinem Adjutanten, dem SA Brigadeführer Thiel durch das von Amerikanern besetztes Gebiet durchgeschlagen (Was ihm später vom Gericht geglaubt wurde), um wieder zu seinem Gau zurück zu kehren. Nun sei er wieder auf seiner Kommandobrücke“[5]. Verlogener konnte die nationalsozialistische Durchhaltepropaganda kaum enden.

Nach dem Krieg: Unbehelligt und unbelehrbar
Nach dem Krieg blieb auch die juristische Aufarbeitung unerquicklich, zumal schriftliche Beweise vom vorausschauenden Gauleiter und seinen Schergen verbrannt wurden. Während viele Düsseldorfer empört reagierten, endeten die Verfahren gegen Florian zunächst mit Freisprüchen oder erstaunlich milden Urteilen. Erst Jahrzehnte später wurden die Entscheidungen gegen die Widerstandskämpfer aufgehoben.
Florian selbst wurde 1949 lediglich wegen seiner Zugehörigkeit zur politischen Organisation der NSDAP zu sechs Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt, wobei ihm ein Großteil der Zeit angerechnet wurde. Bereits 1951 kam er wieder frei. Das Gericht hielt ihm damals sogar zugute, er habe sich „in vorbildlicher Weise bei Luftangriffen in seinem Gau eingesetzt“ und seine Rückkehr nach Düsseldorf im Frühjahr 1945 beweise seine Bereitschaft, „mit seinem Gau unterzugehen“[6]. Tatsächlich hatte sich der Mann, der anderen Opferbereitschaft predigte, längst in Sicherheit gebracht.
Unbelehrbar blieb Florian bis zuletzt. Den angehenden Historiker Hans-Peter Görgen, der in seiner Doktorarbeit auch über Florians Rolle bei der Exekutions Jürgens schrieb, verklagte er – und das Kulturamt gleich mit.[7] Er selbst lebte in seinem von braunem Geist umwölkten Haus in Düsseldorf- Unterbach, wo »das Prunkstück des Zimmers ein Couchtisch von zwei Metern Länge (war). An den Ecken Hakenkreuze und eingebrannt die Wappen der Kreise des Gaues Düsseldorf«[8] Seine politischen Ansichten verbreitete er über Vertriebenenverbände und alte Netzwerke ehemaliger Nationalsozialisten. Noch Jahre später stilisierte er sich zum missverstandenen Patrioten und behauptete allen Ernstes, ohne den „idealistischen Einsatz“ der NSDAP säßen heute die Bolschewisten am Atlantik.[9]
Dass Männer wie Friedrich Karl Florian nach 1945 nicht nur vergleichsweise glimpflich davonkamen, sondern sich teilweise erneut als Retter Deutschlands inszenieren konnten, gehört zu den bittersten Nachgeschichten des Krieges.

http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/friedrich-karl-florian-/DE-2086/lido/57c6ae52069cf3.26220086%5B1%5D (abgerufen am 20.01.2021)
[2] Vgl. Zimmermann, Volker. NS-Täter vor Gericht. Düsseldorf und die Strafprozesse nationalsozialistischer Verbrechen, in Justizministerium des Landes NRW in Zusammenarbeit mit der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf 2001, S.117
[3]the-duesseldorfer.de/duesseldorfer-widerstand-unvergessen-die-helden-des-16-april/ (abgerufen am 06.05.2026)
[4] Zimmermann, Volker, S. 115-117
[5] Vgl. [5] ttps://www.facebook.com/MahnundGedenkstaetteDuesseldorf/posts/-9-april-1945-gauleiter-florian-in-der-rheinischen-landeszeitung-und-eroberung-d/1302121263323527/ (abgerufen am 06.05.2026)
[5] Ein Prozess zum Kriegsende in Düsseldorf (abgerufen am 06.05.2026)
[6] [6] Auszug aus der Begründung des Urteils der VII. Spruchkammer des Spruchgerichts in Bielefeld am 13.06.1949, in Zimmermann, Volker. S. 208
[7] Ebd. S. 123
[8] Zitiert nach Gauleiter ohne Gedächtnis. Die Prozesse des Friedrich Karl Florian, Manuskript eines Hörfunkbeitrags von Heiner Liechtenstein. Der Beitrag wurde am 03.06.1972 vom Sender WDR 2 ausgestrahlt, hier in Zimmermann, Volker, S. 123
[9] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/hoch-und-hehr-a-7e6bbea6-0002-0001-0000-000046265080 (abgerufen am 06.05.2026)
Hinterlasse einen Kommentar