Archive sind keine Orte der Vergangenheit — sie sind Orte der Überraschung.
Zwischen Fragebögen, Stempeln und vergilbten Formularen tauchen plötzlich Lebensgeschichten auf, die lange verborgen geblieben sind. Zum Tag der Archive habe ich einen Blick in die digitalisierten Entnazifizierungsakten des Landesarchivs NRW geworfen. Was zunächst nach trockener Verwaltung klingt, entpuppte sich schnell als persönliche Spurensuche: ein Schreiner, ein leer gelassenes Feld im Fragebogen — und eine Parteimitgliedskarte, die an ganz anderer Stelle wartete. Manchmal erzählen Archive mehr, als ihre Besitzer je preisgeben wollten.
Was uns Foto-Rückseiten verraten
Über Provenienz, Zufall und die Geschichten hinter Bildern
Fotos sind wie Dokumente. Sie können jahrzehntelang ihren Dornröschenschlaf in alten Schachteln, vergessenen Umschlägen oder abgegriffenen Brieftaschen halten. Wenn sie nicht vorher im Altpapiercontainer landen oder verbrannt werden – auch das ist ein mögliches Schicksal –, wird es irgendwann jemanden geben, der sich ihrer annimmt: den Künstler, den Archivar, den Ahnenforscher. Oder den berühmten Kommissar Zufall, Sherlock Holmes oder die drei Fragezeichen.
Fotos warten darauf, entdeckt zu werden.
Fliegerweltrekord im 2. Weltkrieg
Ernst Jachtmanns Segelflug in Ostpreußen
Harry Gieses martialischer Ton dröhnte in die Ohren der Kinogänger, die sich am 22. September 1943 vor dem Hauptfilm die obligate Wochenschau anschauten. Geradezu ekstatisch formulierte er Sätze wie »Wie eine Möwe schwebt das Flugzeug über der Küste.“ Dazu schwenkte die Kamera auf die »Weihe« des Segelflugpiloten Ernst Jachtmann, dann zu seinen zu seinen Hilfstruppen, bestehend aus Kameraden der NSFK-Gruppe 1 und der Luftwaffe. »Wind bleibt!«, haben die Kameraden auf der Erde als Fingerzeig in den Sand geschrieben«, schnarrte Harry Gieses Stimme weiter. Jachtmann nutzte scheinbar ungerührt die Aufwinde der ostpreußischen Küstenlandschaft und flog über deren Köpfe hinweg scheinbar mühelos 55 Stunden, 50 Minuten und 50 Sekunden den Küstenabschnitt hin und her. [1]
„Fliegerweltrekord im 2. Weltkrieg“ weiterlesenAls Marlene Dietrich 1960 nach Düsseldorf kam – und nicht überall willkommen war
Eine Diva zwischen Bewunderung und Ablehnung
Vor wenigen Tagen stand ich erneut in der Lobby eines traditionsreichen Hotels in München. Gegenüber der Rezeption hing noch immer das große Tourneeplakat von Marlene Dietrich. Es zeigt sie in ihrem berühmten Schwanenmantel und kündigt einen Gala-Abend ihrer Deutschlandtournee 1960 an.
Zum ersten Mal war ich 2022 dort. Damals machte mich der Hotelier auf das Plakat aufmerksam. Er erzählte mir, dass dieses Exemplar mit dem Veranstaltungsbanner am unteren Rand nach seinem Wissen das einzige seiner Art sei. Im selben Gespräch berichtete er mir auch von einer persönlichen Begegnung mit Marlene Dietrich. Seine Ausbildung hatte er – wie es sich für einen Hotelier alter Schule gehörte – in Paris absolviert. Dort sah er die Dietrich noch einmal, als sie bereits zurückgezogen lebte und fast unbeachtet im Rollstuhl durch die Straßen geschoben wurde.
Als ich nun wieder vor dem Plakat stand, musste ich unwillkürlich an ihren Besuch in Düsseldorf denken. Dort war sie am 16. Mai 1960 Weltstar – und für manche noch immer eine Verräterin.
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