Sarotti-Mohr, Gipkens und Otto Ledertheil

Wer hat die Werbefigur erfunden – und warum bleibt die Antwort offen?

Es gab mal die Werbung über ein Schweizer Kräuterbonbon, in der ein Almöhi streng in die Kamera fragte: „Wer hat`s erfunden?“ Die Antwort wartete er nicht ab, sondern triumphierte gleich darauf: „Die Schweiz“. So ungefähr müsste jede Antwort in der Ahnenforschung vorkommen: knackig, klar, benennbar. Allerdings ist die Wahrheit oft umwoben von Geschichten, aus denen neue Wahrheiten gebildet werden. Schon allein deswegen, weil andere sie glauben wollen oder müssen (mangels Alternative).

Sarotti Mohr – eine Idee von vielen?

Beim Sarotti-Mohren ist zwar vordergründig alles klar erkennbar, aber wie immer steckt der Teufel im Detail.  Als ich nämlich in meinem Blog über den kleinen Kerl mit Turban und seinem Erfinder Julius Gipkens veröffentlichte, schrieb mich ein gewisser Ralf Ledertheil an. Wie sich herausstellte, ging in seiner Familie die Legende um, sein Urgroßvater, ein gewisser Otto Julius Ledertheil aus Berlin, habe an der Entstehung der berühmten Werbefigur mitgearbeitet. Im Laufe des Mailverkehrs fügte Ralf Ledertheil nicht nur die Bilder seines Urgroßvaters bei, sondern auch den Gesellenbrief von 1883, der ihn offiziell als Schildermaler auswies. Wie so oft in Familiengeschichten gibt es immer diesen einen Beweis, der andere Menschen veranlasst, weiter zu suchen. In meinem Fall (und weil ich ohnehin nach Berlin musste), weckte der Schildermaler Ledertheil mein Interesse. Hat er nun oder nicht? Und wenn ja, gibt es irgendwo Belege darüber, wie in seinem (möglichen) Atelier gearbeitet hat? Allein oder im Team? Oder direkt beim Kunden?

Keine Unterlagen bei Nestlé oder Stollwerck

Urenkel Ralf Ledertheil war zuvor in der Geschichte seines Urgroßvaters ebenfalls nicht untätig gewesen. Allerdings stieß er auch auf Mauern, weil in dieser Hinsicht keine Unterlagen von der Firma Sarotti und der nachfolgenden Firma Nestlé, geschweige denn von der Firma Stollwerck vorhanden waren.  Und er stellte die gute Frage (die auch mir schon durch den Kopf schoss): Warum gibt es über das Atelier Gipkens nicht mehr Unterlagen?

Kaskelines Sarotti-Mohr Werbefilm

Von Düsseldorf aus schrieb ich das Berliner Stadtmuseum an.  Dort war man durchaus angetan, obwohl man sich die Frage, wer eigentlich alles an dem kleinen Kerl mitwirkte, noch nie gestellt hatte.  In ihrer Datenbank, so die Antwort des Stadtmuseums, sei ein Otto Ledertheil nicht verzeichnet und Julius Gipkens fast nur mit Kriegsverlusten vertreten. Hm, okay. Aber das Stadtmuseum hatte wiederrum eine andere Idee auf Lager: Ob ich denn etwas von der Filmkarriere des Mohren gehört habe.  1930 schuf Wolfgang Kaskeline den ersten Sarotti-Mohr-Werbefilm für das Kino, was ein gewaltiger Erfolg wurde, der bis in die frühen sechziger Jahre anhielt. DAS würde mir zum Sarotti-Mohren noch fehlen.

Vom Berliner Stadtmuseum zu Hollerbaum & Schmidt

Klingt interessant, aber eins nach dem anderen😉 Und ich solle mich an die Dekolonisierungsstelle des Stadtmuseums wenden (was aber auch nichts brachte), dann an das Bröhan Museum, wo es etwas über die berühmte Berliner Kunstanstalt Hollerbaum&Schmidt gibt, die Anfang des 20. Jahrhundert die renommierten Maler und Graphiker in der sogenannten Gebrauchsgrafik wie Lucien Bernhard, Julius Klinger, Hans Rudi Erdt, Paul Scheurich und eben auch Gipkens unter Vertrag hatte.

Nur mit weißen Handschuhen

Im April 2023 fuhr ich nach Berlin und fand Zeit, mich im Bezirksarchiv Berlin-Schöneberg einzufinden. Ein Grund, sich mit dem Mohren zu beschäftigen gibt es schließlich immer. Mit weißen Handschuhen an den Händen studierte ich in Unterlagen zu der Firma Nestlé, die ja 1929 Mehrheitseigner der Firma Sarotti AG wurde. Ich las über das Aus der Tempelhofer Schokoladenfabrik, was Ende 2002 bekannt gegeben wurde, und erfuhr von der Traurigkeit der alten „Sarottianer“, als der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte und nach Köln weiterzog, weil die Firma Stollwerck aufkaufte, die später ihrerseits von der belgischen Firma Baronie übernommen wurde. Aber vom Schildermaler Ledertheil fehlte jede Spur.

Gebrauchsgrafik in der Kunstbibliothek

Im Sommer dieses Jahres ergab sich noch einmal die Möglichkeit, nach Berlin zu fahren. Dort fand ich die Zeit, mich in der Kunstbibliothek umzuschauen, wo es, wie man mir versicherte, einige Werke zur Gebrauchsgrafik gibt. Auch dort las ich eine Menge zur Entstehung einer neuen Generation von Werbegrafikern, aber von besagtem Otto Ledertheil … nun ja, ich wiederhole mich.😊

Niemand forscht über Werbegrafiker Gipkens

Eine Mitarbeiterin der Kunstbibliothek brachte das eigentliche Problem auf den Punkt: Über Gipkens und insbesondere seine Arbeitsweise sei noch nie geforscht worden. Über die Methoden vieler damaliger Kunstateliers, ihre Mitarbeiter und die praktische Arbeitsteilung wissen wir wenig. Gerade diese Lücke ist für die Geschichte Ledertheils entscheidend. Sein Name in einem Auftragsbuch oder auf einer Rechnung wäre ein Beleg gewesen. Dass sein Name in den erhaltenen Unterlagen nicht auftaucht, beweist dagegen nicht automatisch, dass es niemals irgendeine Verbindung gegeben hat.

Alte Firmenunterlagen erzählen nicht alles

Hinzu kommt, dass Sarotti für die Forschung meist unter anderen Fragestellungen interessant war: als Teil der Konsum- und Unternehmensgeschichte, wegen der bekannten Schokolade und natürlich wegen des Sarotti-Mohren selbst, dessen koloniale Bildsprache heute kritisch betrachtet wird. Die unbekannten Menschen, die möglicherweise in Ateliers und Werkstätten an der Herstellung von Reklame beteiligt waren, standen dagegen kaum im Mittelpunkt.

Dabei hatte Sarotti selbstverständlich schon lange vor dem berühmten Mohren Werbung betrieben. Als Gipkens die Figur 1918 entwarf, blickte das Unternehmen bereits auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück. Hugo Hoffmann hatte das Geschäft 1872 übernommen und war in die Mohrenstraße gezogen. Noch weiter zurück führte die Geschichte zu Heinrich Ludwig Neumann, der mit seinem Sohn 1852 in der Berliner Friedrichstraße die Confiseur-Waren-Handlung Felix & Sarotti eröffnet hatte.

Wenn Otto Ledertheil tatsächlich einmal für Sarotti gearbeitet haben sollte, muss dies deshalb keineswegs mit dem Mohren zu tun gehabt haben. Genau an diesem Punkt könnte eine Familiengeschichte im Laufe mehrerer Generationen ihre Form verändert haben.

Otto Ledertheils mögliche Beteiligung bleibt ungeklärt

Einen Beleg dafür, dass Otto Ledertheil an der Entstehung des Sarotti-Mohren beteiligt war, habe ich nicht gefunden. Auch seine Biografie wirft Fragen auf. Nach den Recherchen seines Urenkels war er bereits 1900 nach Franken, nach Cadolzburg bei Nürnberg, gezogen. Zwar bestanden weiterhin Kontakte nach Berlin, unter anderem zu seiner Stiefmutter, doch diese starb 1918, also ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Gipkens den Mohren entwarf.

Damit lässt sich eine Beteiligung Ledertheils nicht nachweisen. Aus den fehlenden Unterlagen lässt sich allerdings ebenso wenig ableiten, dass er niemals für Sarotti, einen Grafiker oder eine mit Reklame befasste Werkstatt gearbeitet haben kann. Denkbar wäre auch eine frühere Tätigkeit, die mit der später berühmt gewordenen Figur überhaupt nichts zu tun hatte.

Einen kleinen Hinweis darauf, in welcher Berufswelt sich ein Mann wie Ledertheil bewegte, liefert die zeitgenössische Reklamegeschichte selbst. Hans Sachs beschrieb 1914 in Das Plakat ein Berlin voller Tapezierer, Dekorationsmaler, Möbelfabrikanten und anderer Gewerbetreibender, die an jener neuen Welt der Warenpräsentation und Reklame beteiligt waren.[2]

Als ausgebildeter Schildermaler gehörte Ledertheil zumindest beruflich in ein Umfeld, in dem Malerei, Schrift, Dekoration und kommerzielle Gestaltung eng miteinander verbunden waren.

Ledertheils Bilder und die Welt der Verpackungen

Dass Otto Ledertheil tatsächlich malte, ist keine bloße Familienüberlieferung. Fünf seiner Bilder haben sich im Familienbesitz erhalten, und Ralf Ledertheil stellte mir Aufnahmen davon für meine Recherche zur Verfügung. Eines davon ist ein 1919 signiertes Stillleben mit Rosen, Weintrauben und einer gefüllten Obstschale. Ein weiteres erhaltenes Werk zeigt große Blüten und Blätter in einer ausgesprochen dekorativen Gestaltung.

Gerade diese Bilder ließen mich noch einmal über die Familiengeschichte nachdenken. Wer sich alte Reklamen und Verpackungen aus dem frühen 20. Jahrhundert ansieht, begegnet einer ähnlichen dekorativen Bilderwelt. Rosen, andere Blüten, Früchte und üppig arrangierte Lebensmittel waren beliebte Gestaltungsmittel.

Eine Schokoladenschachtel von 1927 aus der Sammlung des Museu Paulista zeigt beispielsweise an ihren Seiten große Rosen und Blätter.[3] Die Ähnlichkeit mit der dekorativen Bildwelt in Ledertheils erhaltenen Arbeiten fällt auf.

Natürlich ist das kein Beweis dafür, dass Otto Ledertheil Verpackungen entworfen oder gar für Sarotti gearbeitet hat. Eine stilistische Ähnlichkeit erlaubt keine Aussage über einen konkreten Auftrag. Sie zeigt aber, dass seine Malerei einer Bildsprache nicht fremd war, die auch in der damaligen Waren- und Verpackungsgestaltung ihren Platz hatte. Otto Ledertheil selbst bezeichnete sich später als Kunstmaler – der Gesellenbrief, der ihn als Schildermaler ausweist, erzählt also nur einen Teil seiner beruflichen Entwicklung. Seine erhaltenen Arbeiten zeigen jedenfalls, dass er sich malerisch weiterentwickelt hatte. Besonders seine fein ausgeführten Stillleben lassen erkennen, wie weit er sich von der handwerklichen Ausbildung seiner frühen Jahre entfernt hatte.

Hier setzt meine eigene, bislang nicht belegbare Vermutung an. Ich halte es für gut möglich, dass erfolgreiche Gebrauchsgrafiker wie Julius Gipkens oder Lucian Bernhard schon früh mit einem eingespielten Kreis von Mitarbeitern und Handwerkern arbeiteten. Die zahlreichen Aufträge mussten schließlich nicht nur entworfen, sondern auch pünktlich und in hoher Qualität umgesetzt werden. Könnte Otto Ledertheil zeitweise zu einem solchen Umfeld gehört haben? Und könnte diese Arbeit zugleich dazu beigetragen haben, dass er sich vom ausgebildeten Schildermaler zum Kunstmaler weiterentwickelte? Belegen kann ich das bislang nicht. Es bleibt eine Hypothese. Aber es würde dazu passen, dass aus einem über Generationen weitergegebenen „Unser Urgroßvater hat einmal etwas für Sarotti gemacht“ irgendwann ein „Unser Urgroßvater hat den Sarotti-Mohren mit erfunden“ wurde.

Und gerade deshalb ist es schade, dass sich heute wohl nicht mehr feststellen lässt, was tatsächlich dahintersteckte.

Otto Julius Ledertheil 1913© Ralf Ledertheil

Fama oder Wahrheit?

Genau darin liegt für mich der Reiz dieser Geschichte. Ich habe keinen Beleg für eine Beteiligung Otto Ledertheils am Sarotti-Mohren gefunden, aber ebenso wenig eine Erklärung dafür, wie die ungewöhnlich konkrete Familienüberlieferung entstanden ist.

Übrig bleiben sein Gesellenbrief als Schildermaler, seine nachgewiesene künstlerische Tätigkeit, die erhaltenen Bilder, seine Verbindungen nach Berlin und eine Familiengeschichte, deren ursprünglicher Kern nicht mehr zu ermitteln ist.

Damit war meine Suche nach Otto Ledertheil zunächst beendet. Während ich damals über ihn schrieb, ahnte ich noch nicht, dass mich die Geschichte Jahre später wieder zu Julius Gipkens zurückführen würde. Denn inzwischen fand ich neue Unterlagen über den vermeintlich so gut bekannten Erfinder des Sarotti-Mohren. Dabei stellte sich heraus, dass selbst über den berühmten Mann erstaunlich viel falsch oder gar nicht überliefert worden war.

Vor allem wollte ich nun wissen, was aus Julius Gipkens geworden war, nachdem er Deutschland verlassen hatte. Warum verschwand ein einst erfolgreicher Berliner Gebrauchsgrafiker nach seiner Emigration nahezu aus der Kunstgeschichte, und stimmte überhaupt die immer wieder zu findende Angabe, er sei in New York gestorben?

Julius Gipkens – eine Karriere, die „nur in Berlin möglich“ war

Gipkens war ein Autodidakt, der ohne akademisches Kunststudium in der renommierten Berliner Werbewelt seinen Platz fand und sich neben Künstlern wie Lucian Bernhard, Hans Rudi Erdt, Paul Scheurich und Julius Klinger einen Namen machen konnte. Seine beruflichen Anfänge lagen in der Schaufensterdekoration, bevor er sich zunehmend der Gebrauchsgrafik zuwandte.

Eine besonders interessante zeitgenössische Beschreibung stammt von Julius Klinger, der 1912 die Einleitung zu dem Gipkens gewidmeten Heft der Reihe Monographien deutscher Reklamekünstler schrieb. Klinger beschrieb ihn als einen „breitschultrigen Mann mit offenem ernstem Auge“ und als einen Mann „mit starkem Selbstgefühl“. Zugleich hielt er dessen ungewöhnlichen beruflichen Aufstieg in dieser Form für „nur in Berlin möglich“.[4]

Dieser Satz bekommt rückblickend eine besondere Bedeutung. Berlin bot einem Autodidakten wie Gipkens offenbar die Möglichkeit, sich vom Schaufensterdekorateur zum anerkannten Gebrauchsgrafiker zu entwickeln.

Schon früh zeigte sich bei ihm eine Vorliebe für asymmetrische Gestaltungen. Später arbeitete er unter anderem für bekannte Unternehmen wie Continental und Kupferberg und machte sich besonders auf dem Gebiet hochwertiger Verpackungen einen Namen. Schließlich entstand jene Arbeit, mit der sein Name bis heute am stärksten verbunden ist: die Werbung für Sarotti.[5]

Julius Gipkens, 1924. Fotograf unbekannt. Quelle: Gebrauchsgraphik – International Advertising Art, 1924. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Ein auffallender Mann mit blitzblauen Augen

Während über Gipkens‘ Arbeiten einiges bekannt ist, sind persönliche Zeugnisse über ihn selten. Eine wichtige Quelle ist Angelika Schrobsdorff, die in ihrem Roman Du bist nicht so wie andere Mütter über ihre Mutter und deren Berliner Freundes- und Künstlerkreis berichtet, zu dem auch Gipkens gehörte.

Schrobsdorff war damals noch ein Kind und hatte bereits eine sehr eindeutige Meinung über ihn. Sie erinnerte sich an »einen auffallenden Mann, der Sportautos fuhr und viel zu laut gekleidet war, der blitzblaue Augen hatte und eine Kappe silberne Haare, – ein widerlicher Mann«, dem sie nie die Hand geben wollte, so sehr er sich auch darum bemühte.[6]

Ihre Erinnerung entstand Jahrzehnte nach Klingers Beschreibung von 1912 und aus einer völlig anderen Perspektive. Dennoch ähneln sich beide Darstellungen in einem Punkt: Gipkens muss ein Mann gewesen sein, der auffiel. Bei Klinger erscheint er selbstbewusst und mit internationalem Auftreten, bei Schrobsdorff extravagant und für das Kind ausgesprochen unsympathisch.

Unauffällig war er offenbar nicht.

Warum verließ Gipkens Deutschland?

Erstaunlich ist, dass sich viele Darstellungen, die sich mit Gipkens und dem Sarotti-Mohren beschäftigen, kaum für seinen späteren Lebensweg interessieren. Dabei ist gerade seine Emigration interessant.

Auch hier liefert Schrobsdorff einen wichtigen Hinweis. Gipkens wollte Deutschland verlassen und äußerte nach ihrer Erinnerung, er habe als »Arier« allen Grund, »ein Land zu verlassen, in dem man ihm dieses lächerliche Wort wie eine Auszeichnung anhänge«. Sein Land sei dabei, eine Jauchegrube zu werden.[7]

Amerika war für Gipkens zu diesem Zeitpunkt keineswegs unbekannt. Bereits 1927 war er mit der George Washington von Bremen nach New York gereist. Die Passagierliste vom 31. August führt den 44-jährigen, geschiedenen Julius Gipkens als in Berlin lebenden »Artist«. Als Reiseziel ist wiederum Berlin angegeben.

Eine weitere Passagierliste verzeichnet ihn am 27. Februar 1936 an Bord der Deutschland von Hamburg nach New York. Diese Reise fällt genau in den Zeitraum, in dem Gipkens Deutschland offenbar dauerhaft verließ. Wann seine Emigration im engeren Sinne anzusetzen ist, lässt sich anhand der bislang vorliegenden Unterlagen nicht auf den Tag genau bestimmen. Die vorhandenen Hinweise sprechen für 1935/36.[8]

Damit war die Fahrt von 1936 etwas anderes als die belegte Reise von 1927: Sie könnte bereits Teil seines endgültigen Abschieds aus Deutschland gewesen sein.

Dort lebte inzwischen auch ein Mann, den Gipkens aus der Berliner Gebrauchsgrafik kannte: Lucian Bernhard.

Lucian Bernhard: „19.1.19“, Berlin 1919.
Farblithografie. Berlin Museum, Inv.-Nr. IV 80/642 SP. Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin.

Lucian Bernhard, Fritz Rosen und die Frage nach New York

Bernhard gehörte ebenfalls zu den großen Namen der Berliner Gebrauchsgrafik und war wie Gipkens mit Hollerbaum & Schmidt verbunden. Bereits in den 1920er-Jahren ging er nach New York und versuchte dort, sich eine zweite berufliche Existenz aufzubauen. Sein Berliner Atelier verschwand dadurch nicht. Sein Mitarbeiter Fritz Rosen führte das Berliner Büro weiter, während Bernhard in Amerika lebte.[9] Über diese Verbindung habe ich bereits in meinem Beitrag »Vom Streik zum Stammbaum« geschrieben.

Gerade deshalb stellt sich bei Gipkens eine naheliegende Frage. Die beiden kannten sich aus der Berliner Gebrauchsgrafik, Bernhard lebte bereits seit Jahren in den Vereinigten Staaten und verfügte dort über Erfahrungen und Kontakte. Dennoch habe ich bislang keinen Hinweis darauf gefunden, dass sich daraus für Gipkens eine dauerhafte berufliche Zusammenarbeit entwickelte.

Dass Gipkens in New York tatsächlich Kontakt zu Bernhard hatte, ist allerdings überliefert. Die kleine Geschichte um Gipkens, Bernhard und einen Pelzmantel habe ich bereits in meinem Beitrag »Wieso der Mohr zu Sarotti kam – und dabei seinen Typ veränderte« erzählt.[10] Ich möchte sie deshalb hier nicht noch einmal wiederholen.

Was Gipkens in den Vereinigten Staaten beruflich tatsächlich gelang, bleibt ohnehin eine der großen Lücken seiner Biografie.

Mit der SS Pennland nach New York

Weitere amerikanische Einwanderungs- und Einbürgerungsunterlagen erlauben es, Gipkens‘ Weg anschließend genauer zu verfolgen.

Seine Declaration of Intention vom 6. April 1938 nennt Berlin als letzten ausländischen Wohnort. Darin gab Gipkens an, von Antwerpen mit der SS Pennland in die Vereinigten Staaten gereist und am 28. Februar 1938 in New York angekommen zu sein. Er war 55 Jahre alt, wohnte zu diesem Zeitpunkt in der 35 West 93rd Street und gab als Beruf schlicht »artist« an.[11]

Die Angabe »Berlin« als letzter ausländischer Wohnort steht dabei neben der bereits belegten Fahrt von Hamburg nach New York im Februar 1936. Wie sich seine Aufenthalte zwischen 1936 und 1938 genau gestalteten, lässt sich aus den bislang vorliegenden Unterlagen nicht vollständig rekonstruieren. Sicher ist aber, dass die Fahrt von 1938 nicht seine erste Reise in die Vereinigten Staaten war.

Das Dokument enthält außerdem ein Foto von Gipkens. Nach all den Plakaten, Verpackungen und Beschreibungen bekommt der Mann, nach dem ich gesucht hatte, damit plötzlich ein Gesicht.

Eine wichtige Korrektur gegenüber meiner früheren Annahme ergibt sich ebenfalls aus diesen Unterlagen. Gipkens reiste offenbar nicht gemeinsam mit seiner geschiedenen Frau Gertrud Charmack und seinen beiden Kindern Peter und Susanne nach Amerika. Seine späteren Einbürgerungsunterlagen nennen die Kinder noch mit Wohnorten außerhalb seines amerikanischen Haushalts.[12]

Hier zeigt sich wieder einmal, weshalb genealogische Originalquellen so wichtig sind: Eine plausible Geschichte ist noch lange keine belegte Geschichte.

Von Julius Gipkens zu Julian Frederick Gipkens

New York wurde nicht Gipkens‘ endgültige Heimat. Spätestens Anfang der 1940er-Jahre lebte er in Los Angeles. Eine amerikanische Registrierungskarte aus dem Jahr 1942 nennt ihn unter der Adresse 1006 Carol Drive in Los Angeles.[13] In seiner späteren Petition for Naturalization erscheint dieselbe Adresse; auch dort bezeichnete er sich weiterhin als »artist«.[12]

Am 14. April 1944 erhielt er schließlich die amerikanische Staatsbürgerschaft. Auf dem Einbürgerungsnachweis erscheint sein Name nun in amerikanisierter Form als Julian Frederick Gipkens.[14]

Seine Ehe mit Gertrud Charmack hatte zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr bestanden. Der Berliner Heiratseintrag dokumentiert, dass Julius Emil Friedrich Gipkens und Gertrud Charmack 1911 in Berlin-Schöneberg geheiratet hatten; ein späterer Randvermerk hält die Scheidung fest.[15]

Was Gipkens in Amerika tatsächlich als Künstler machte, bleibt dagegen erstaunlich schwer zu fassen. In amtlichen Unterlagen bezeichnete er sich weiterhin als Künstler. Bislang habe ich jedoch keinen Beleg dafür gefunden, dass er in den Vereinigten Staaten noch einmal vergleichbar öffentlich als Gebrauchsgrafiker hervortrat.

Damit bekommt Klingers Bemerkung von 1912, Gipkens‘ Karriere »sei nur in Berlin möglich« gewesen, Jahrzehnte später beinahe etwas Prophetisches. Der Autodidakt, dem in Berlin der Aufstieg vom Schaufensterdekorateur zum bekannten Reklamekünstler gelungen war, konnte diesen Erfolg in Amerika offenbar nicht ohne Weiteres fortsetzen. Zumindest habe ich bislang keine Quelle gefunden, die eine vergleichbare amerikanische Karriere belegt.

Berlin war das Eldorado für Werbegrafiker. Hier ein Plakat von
Paul Scheurich: Plakatentwurf zur Kunstausstellung Berlin 1919.
Kohle über Bleistift auf Aquarellpapier. Berlin Museum, Inv.-Nr. GHZ 87/10. Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin. In New York wehte ein anderer Wind.

Julius Gipkens starb nicht in New York

An diesem Punkt hätte sich seine Spur beinahe wieder verloren. In verschiedenen Veröffentlichungen und Internetquellen findet sich die Angabe, Gipkens sei in New York gestorben. Das klingt zunächst plausibel, schließlich war New York sein erster amerikanischer Wohnort.

Bei meiner genealogischen Recherche stieß ich jedoch auf ein Dokument des amerikanischen Außenministeriums mit dem Titel Report of the Death of an American Citizen. Es wurde vom amerikanischen Generalkonsulat in Zürich ausgestellt und klärt ziemlich eindeutig, wo Gipkens‘ Leben tatsächlich endete.

Julian Frederick Gipkens starb am 19. April 1962 im Kurhaus Sonnmatt in Luzern. Er war 79 Jahre alt. Als Todesursache wurde „cardiac failure“, also Herzversagen, angegeben; anschließend wurde er in Luzern eingeäschert.[16] Seine letzte bekannte Adresse in den Vereinigten Staaten befand sich weiterhin in Los Angeles.

Damit lässt sich zumindest ein kleiner, aber hartnäckiger Fehler in seiner Biografie korrigieren:

Julius Gipkens starb nicht in New York, sondern in Luzern.

Zwei Männer und viele offene Fragen

Meine Recherche hatte Jahre zuvor mit Otto Ledertheil begonnen, einem weitgehend unbekannten Schildermaler, von dem seine Familie erzählte, er habe etwas mit dem Sarotti-Mohren zu tun gehabt. Einen Beweis dafür habe ich nicht gefunden. Jahre später führte mich die Geschichte zurück zu Julius Gipkens, dessen Name zwar fest mit der Werbefigur verbunden ist, dessen Lebensweg aber ebenfalls voller Lücken steckt.

Über Gipkens wissen wir, dass er sich in Berlin vom Schaufensterdekorateur zum erfolgreichen Gebrauchsgrafiker entwickelte, dass Zeitgenossen ihn als auffällige und selbstbewusste Persönlichkeit wahrnahmen, dass er das nationalsozialistische Deutschland ablehnte und es vermutlich 1935/36 verließ. Wir können anhand der erhaltenen Dokumente einzelne Stationen seines Weges in den Vereinigten Staaten nachvollziehen und wissen inzwischen sogar, dass er 1962 in Luzern starb.

Was wir dagegen kaum kennen, ist seine alltägliche Arbeitswelt: Wer arbeitete mit ihm, wer setzte seine Entwürfe um und welche Namen verschwanden hinter dem Namen des bekannten Künstlers?

Genau dort begegnen sich die Geschichten von Julius Gipkens und Otto Ledertheil wieder.

Bei Gipkens haben wir den berühmten Namen, aber längst nicht alle Menschen, die hinter seinen Arbeiten standen. Bei Ledertheil haben wir einen Namen, einen Gesellenbrief, erhaltene Gemälde und eine hartnäckige Familienüberlieferung, aber keinen Beleg für Sarotti.

Wer den Kleinen denn nun erfunden? Hier der Mohr am
U-Bahnhof_Wittenbergplatz_-_Werbeflächen_(9)© 1971markus@wikipedia.de

Auf die eingangs gestellte Frage „Wer hat’s denn nun erfunden?“ gibt es deshalb nur teilweise die knackige Antwort, die sich der Almöhi aus der alten Werbung gewünscht hätte. Der Sarotti-Mohr wird Julius Gipkens zugeschrieben. Eine Beteiligung Otto Ledertheils lässt sich nicht nachweisen. Ob sich in der Familiengeschichte trotzdem ein Körnchen Wahrheit erhalten hat und Ledertheil irgendwann auf andere Weise mit Sarotti oder der damaligen Reklamewelt verbunden war, bleibt offen.

Vielleicht ist gerade das die ehrlichste Antwort, die Ahnenforschung manchmal geben kann.

Dank

Mein Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Berlin Museum, insbesondere Herrn Robert Wein, der meine Anfrage mit großem Interesse aufnahm und an die entsprechenden Stellen weiterleitete. Dem Berlin Museum danke ich außerdem für die Erlaubnis, zwei Plakate von Julius Gipkens in meinem Blog zu verwenden.

Vielen Dank auch an das Bezirksarchiv Berlin-Schöneberg, in dem ich recherchieren durfte, an das Bröhan Museum und an die Mitarbeiterinnen der Berliner Kunstbibliothek.

Mein besonderer Dank gilt Ralf Ledertheil, der mich an der Suche nach seinem Urgroßvater teilhaben ließ und mir den Gesellenbrief, Fotografien sowie Aufnahmen der im Familienbesitz erhaltenen Gemälde Otto Ledertheils für meine Recherche zur Verfügung stellte.

Fußnoten

[1] Vgl. zur Berliner Kunstanstalt Hollerbaum & Schmidt und den dort tätigen Künstlern die Bestände und Veröffentlichungen zur deutschen Plakat- und Reklamekunst des frühen 20. Jahrhunderts sowie die Informationen des Bröhan Museums.

[2] Vgl. Hans Sachs: „Julius Gipkens“, in: Das Plakat. Mitteilungen des Vereins der Plakatfreunde, 5. Jg., Heft 2, 1914, S. 61–72.

[3] Bomboneira (Caixa de Chocolates), Schokoladenschachtel, 1927, Karton, Museu Paulista da Universidade de São Paulo, Inventarnummer 1-07-04-000-10053-00-00-07. Fotografie: José Rosael/Hélio Nobre/Museu Paulista da USP, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

[4] Klinger, Julius: Einleitung, in: Gipkens, Reihe Monographien deutscher Reklamekünstler, Heft 6, Ruhfus Verlag, Hagen-Dortmund 1912, Einleitung o. S., Berlin, Mai 1912. Digitalisat: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Signatur 93 8 18018 001.

[5] Vgl. Blickpunkt 1926. Die Anfänge der neuen Sammlung. München. Internationales Plakat, hrsg. von Robert Stalla und Florian Hufnagel, Deutscher Kunstverlag München/Berlin, S. 141.

[6] Schrobsdorff, Angelika: Du bist nicht so wie andere Mütter, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994, S. 201.

[7] Schrobsdorff, Angelika: Du bist nicht so wie andere Mütter, S. 232–233.

[8] Passagierliste der George Washington, Abfahrt Bremen am 31. August 1927, Ankunftshafen New York, United States Lines; Julius Gipkens, 44 Jahre, geschieden, Wohnort Berlin, Beruf „Artist“, Archiv-Ident.-Nr. AIII15-31.08.1927_U. Passagierliste der Deutschland, Abfahrt Hamburg am 27. Februar 1936, Ankunftshafen New York, Hamburg-Amerika Linie; Julius Gipkens, Kabine 60, Archiv-Ident.-Nr. AIII15-27.02.1936-x_A. Transkriptionen: Passagierlisten.de.

[9] Vgl. zur Verbindung Lucian Bernhard/Fritz Rosen die biografischen Angaben zu Bernhard und Rosen; außerdem: Marion Rissart, Vom Streik zum Stammbaum, Die Ahnin, 4. Februar 2026.

[10] Vgl. Marion Rissart: Wieso der Mohr zu Sarotti kam – und dabei seinen Typ veränderte, Die Ahnin, 11. Januar 2021.

[11] Declaration of Intention, Julius Gipkens, U.S. District Court, New York, 6. April 1938, No. 412572. Das Dokument nennt Berlin als letzten ausländischen Wohnort, die Einreise über Antwerpen mit der SS Pennland am 28. Februar 1938, die New Yorker Adresse 35 West 93rd Street und als Beruf „artist“.

[12] Petition for Naturalization, Julius Emil Friedrich Gipkens, U.S. District Court, Los Angeles, Petition No. 110883. Das Dokument nennt die Adresse 1006 Carol Drive, Los Angeles, den Beruf „artist“, die Einreise am 28. Februar 1938 sowie die Kinder Peter und Susanne.

[13] U.S. Registration Card, Julius Emil Friedrich Gipkens, 1942, Adresse 1006 Carol Drive, Los Angeles, California.

[14] Einbürgerungsnachweis Julian Frederick Gipkens, U.S. District Court at Los Angeles, California, Certificate No. 6176361, 14. April 1944.

[15] Heiratseintrag Julius Emil Friedrich Gipkens und Gertrud Charmack, Standesamt Schöneberg, 1911, Nr. 216, mit späterem Randvermerk über die Scheidung.

[16] U.S. Department of State, Foreign Service of the United States of America: Report of the Death of an American Citizen, Julian Frederick Gipkens, American Consulate General Zurich, 29. Juni 1962. Danach starb Gipkens am 19. April 1962 um 11.30 Uhr im Kurhaus Sonnmatt in Luzern im Alter von 79 Jahren; als Todesursache wurde „cardiac failure“ angegeben.

© Marion Rissart – Die Ahnin
Text und eigene Recherche. Alle Rechte vorbehalten.

2 Antworten auf „Sarotti-Mohr, Gipkens und Otto Ledertheil“

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  1. Liebe Fr. Rissart, als der Nachfahre Ralf Ledertheil wollte ich mich hier für Ihre tolle Arbeit bedanken. Auch wenn solche Nachforschungen nicht immer das erwünschte Ergebnis bringen, beleuchten sie doch das Umfeld der beiden behandelten Männer und verschaffen Klarheit. Und sie haben ja viel Ergänzendes herausgefunden. Ich weiß auch, durch eigene Forschungen, wie aufwendig das sein kann. Also ganz herzlichen Dank Ralf Ledertheil

    1. Lieber Herr Ledertheil, die Geschichte fasziniert mich noch heute, vielleicht auch, weil von dem Erfinder selbst bis heute jegliche Spur fehlt. Ich wünschte, ich hätte irgendwo einen Beleg hervorzaubern können. Aber so ist es nun einmal. Schade nur, dass der Urgroßvater selbst nicht an dem Talent anknüpfen und selbst Gebrauchsgrafiker werden konnte. Aber -vielleicht wollte er das gar nicht.

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