Wieso der Mohr zu Sarotti kam und dabei seinen Typ veränderte

Ein kleiner Kerl mit Turban, Pluderhosen und Schnabelschuhen. Das Gesicht schwarz wie ein Kohlekeller und die mit Kinder-Kulleraugen Augen mit einem Tablett in der Hand.

Turban, Pluderhosen und Schnabelschuhe

So präsentierte er sich ganzen Generationen von Schokoladenliebhabern auf der Verpackung Schokoladentafeln.  Später zierte er Fensterbänke Postkarten und war überhaupt ein beliebtes Gimmick. Doch – wie kam es dazu?

„Ick bin ein Berliner“

Geboren wurde er in Berlin und zwar in der Schokoladenfirma Sarotti. Die wollte einem kriegsmüden Volk mit der Sehnsucht nach fernen Ländern (und den verlorenen Kolonien) aufmuntern und animierte zum Verzehr feinster Schokolade, in dem sie einen kleinen Schwarzen mit dem gewundenen Schal aus der Taufe hob.

Die Geburtsstunde der Werbeikone

Doch der endgültige Durchbruch kam zwei Jahre später. Hugo Hoffmann, der Besitzer von Sarotti legte den Mohren in die professionellen Hände des  Grafikers Julius Gipkens. Mit seiner Agentur baute er den kleinen dunklen Mann nach allen Regeln der Kunst markengerecht auf, zweifellos inspiriert durch den Sarotti- Firmensitz in der Berliner Mohrenstrasse.

Im Reich der Scheherazade

Zwar wirkte der Mohr eher wie der Butler eines Großwesirs aus dem Reich der Scheherazade, aber das tat seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Bis auf eine kleine Abkühlung während der Nazi-Zeit, avancierte er sich ab dem Wiederaufbau und Wirtschaftswunders  und später mit Hilfe  des Fernsehens zur Werbeikone und generell zum Cover-Boy.  Jeder sah den farbenfrohen Winzling, dachte an 1001 und eine Nacht mit türkischen Mokka und sehnte sich nach cremig-zarten Geschmack von Schokolade  auf seiner Zunge. Herz, was willst du eigentlich mehr?

Schaumkuss

Mohr als rassistisches Stereotyp? 

Doch die Unkenrufe ließen nicht im Zeitgeist der Vergangenheitsbewältigung nicht lange auf sich warten. Auf einmal ging es nicht mehr darum, schokoladenfrohe Menschen glücklich zu machen, sondern um rassistische Vorurteile.

Der kleine Mann polarisiert

Der schwarze Typ solle verschwinden, entrüsteten sich seine Kritiker und sahen in ihm ein verachtenswertes Beispiel für kolonialrassistische Sklaverei, während die anderen sich ihre Kindheitserinnerungen nicht nehmen lassen wollten. Und überhaupt, es gäbe schließlich Wichtigeres zu tun.   

Starker Tobak also für den Mohr, der jahrzehntelang die immer stärker werdende Polarisierung zweier Gruppen erdulden musste.

Neuer Job als Magier

Doch Anfang der 2000er riss auch ihm der Geduldsfaden. Mit Hilfe seines neuen Arbeitgebers, der Kölner Firma Stollwerck, begann er seinen Typ zu ändern. Er warf sein Tablett fort,  schulte um und verdiente ab 2004 als Magier seine Brötchen.

Aus schwarz wird creme-karamell

Im Zeitalter von Botox ging auch er mit der Zeit und setzte konsequent auf Anti-Age Kosmetik. Statt Schwarz schimmert seine Haut nun zwischen Gold und Creme Karamell. Waren die Schönheitschirurgen daran schuld wie einst bei Michael Jackson? Er selbst mit seinen magischen Künsten? Oder doch wieder die Werbegrafiker? Doch das wird keiner je erfahren…

Ein Kommentar zu „Wieso der Mohr zu Sarotti kam und dabei seinen Typ veränderte

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  1. Hallo flockati, dein Bericht über den Sarotti Mohren ist interessant. Und jetzt kommt meine Familienüberlieferung dazu.
    Mein Urgroßvater Otto Julius Ledertheil wurde am 20.01.1875 in Berlin geboren und ist am 06.08.1939 in Nürnberg gestorben. Er soll laut meiner verstorbenen Oma den Mohren entworfen haben.

    Zunächst machte er eine Ausbildung zum Stuben- und Schildermaler. Der Gesellenbrief datiert vom 18.04.1893.
    Wie und ab wann er auf Kunstmaler umsattelte, weiß ich nicht. Ein Bild kenne ich von 1899.

    Der 1868 von Hugo Hoffmann gegründete und 1881 unter dem Namen Sarotti bekannt gewordene Schokoladenhersteller wirbt seit den 1920er Jahren mit dem „schokoladenbraunen Sarotti-Mohr“ als Firmenlogo. Nach Beendigung des Krieges entwarf die Werbeagentur des Grafikers Julius Gipkens anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Unternehmung, in Anlehnung an die erste Fabrikationsstätte in der Mohrenstraße, das erste Mohrenzeichen: drei Mohren mit dem Tablett. Am 27. August 1918 wurde das Markenzeichen angemeldet. Die bis heute verwendete Gestalt erhielt der Mohr dann von Gipkens 1920 und wurde 1922 zur eingetragenen Marke.
    Auf einem der Fotos von Otto Julius steht „Freund Hofmann und ich in seinem Atelier“.

    Ob es überhaupt Spuren zum Sarottimohren gibt, weiß ich zurzeit nicht. Eventuell kann man herausbekommen, wer in dieser Firma Gipkens arbeitete. Wenn Otto Led. allerdings nur projektbezogen angestellt war, wird es schwierig.
    Ob und wenn, welchen wahren Kern, die Geschichte meiner Großmutter hat, wäre für mich sehr interessant herauszufinden.
    Beim Rechtsnachfolger von Sarotti habe ich schon nachgefragt. Das ist Nestle und die haben dazu leider keine weiteren Unterlagen. Meine Idee wäre jetzt eventuelle Unterlagen des Graphikbüros Julius Gipkens zu finden. Leider habe ich keine Idee wo ich da ansetzen sollte. Das Internet gibt dazu nicht arg viel her.
    Herzlichen Dank schon mal für eventuelle Ideen
    Beste Grüße aus Franken
    Ralf Ledertheil

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