Ich habe die Wahl: mich über den Streik zu ärgern, weil Busse und Straßenbahnen nicht fahren – oder aus der Situation etwas zu lernen. Die S-Bahn fuhr an diesem Tag zwar zuverlässig, doch ausgerechnet ihr allgegenwärtiges Logo brachte mich auf eine Spur, die mir bis dahin völlig entgangen war.
Ein Geburtstagsgruß an den patriotischen Weltbürger Heinrich Heine
Düsseldorf wäre nicht Düsseldorf, wenn die Stadt sich nicht um ihre Berühmtheiten kümmern würde. Heinrich Heine, der große deutsche Dichter, taucht hier immer irgendwo auf. Sei es in Form von Straßennamen, Namensgeber der Universität oder das zum Heine Haus Literaturhaus umfunktionierte Geburtshaus. Auch das Heinrich-Heine- Institut in der Carlstadt mit Archiv, Bibliothek und Museum gehört dazu.
Zwischen Königsallee und Graf-Adolfplatz hat sich vor vielen Jahren eine leichtbekleidete Muse niedergelassen und ziert seit 1932 das kleine Blumengärtchens. Es ist eine in griechischen Chiton gehüllte bronzene junge Dame, die ungerührt Touristen, Einkaufswütige und Büroangestellte an sich vorüberziehen lässt.
Was der Prater für Wien ist der Hofgarten für Düsseldorf. Die grüne Lunge unserer rheinischen Metropole lädt früher wie heute zum Verweilen ein. Vor gut 300 Jahren galt das „Spazierengehen“ als das Privileg des Adels. Der Hochherrschaftliche besaß Zeit, während seine Untertanen von A nach B stauchten, um ihre Arbeit zu erledigen. Promenieren war ein Ausdruck der Freiheit und des Genusses. Etwas, was das Bürgertum nach der französischen Revolution begierig aufsog und zu nutzten verstand.
Nähe, Netzwerke undVernunftehen im historischen Kontext
In Duisburg gab es etliche Annas, doch keine schien recht zu passen. Gerhard hatte zwar eine Schwester namens Anna, aber Geschwisterliebe erschien mir dann doch zu gewagt. Schließlich stamme ich nicht aus einer Pharaonenfamilie.
Dabei war es im alten Ägypten durchaus üblich, Geschwister miteinander zu verheiraten. Ähnlich wie bei den Göttern hielt man es auch in der ersten Familie des Landes so: Das königliche Blut sollte rein bleiben, Macht, Reichtum und Einfluss innerhalb der eigenen Mischpoke zirkulieren. Tutanchamun war höchstwahrscheinlich der Sohn von Echnaton, hatte jedoch nicht Nofretete zur Mutter, sondern eine Schwester Echnatons. Er selbst heiratete wiederum Anchesenamun, seine Halbschwester. Ausgestattet mit Klumpfuß und diversen gesundheitlichen Problemen – möglicherweise Folgen jahrzehntelanger Inzucht – war der junge Pharao körperlich stark beeinträchtigt.
Nun gut, haken wir die alten Ägypter ab.
Was mir jedoch partout nicht in den Sinn kam, war eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit: Anna könnte Gerhards Cousine gewesen sein. Da es in meiner Familie bis dahin keine bekannten Verwandtenehen gegeben hatte, erschien mir dieser Gedanke zunächst abstrus.
Dabei muss man historisch gar nicht weit reisen. In europäischen Herrscherhäusern waren Ehen unter Verwandten über Jahrhunderte hinweg eher Regel als Ausnahme. Elizabeth II und Prince Philip waren Cousine und Cousin dritten Grades – sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits. Franz Joseph I und Elisabeth von Österreich waren sogar Cousin und Cousine ersten Grades und benötigten für ihre Eheschließung einen päpstlichen Dispens. Selbst Elisabeths Eltern waren miteinander verwandt. Die Wittelsbacher galten ohnehin als exzentrisch – man denke nur an Ludwig II. Immerhin hinterließ er Neuschwanstein.
Nachdem ich mich mit der Erkenntnis abgefunden hatte, dass auch meine zweifachen Urgroßeltern Vetter und Cousine gewesen sein könnten, stellte sich mir die nächste Frage: Warum?
Gab es so etwas wie Liebe? Archäologen glauben, auf einem Relief verliebte Blicke zwischen Tutanchamun und seiner Frau erkannt zu haben. Mangels Fotografien bleibt das Spekulation. Oder überwogen pragmatische Gründe? Von Gütern oder einem Familienimperium weiß ich in meinem Fall nichts. Wahrscheinlicher ist, dass man sich schlicht zusammentat, weil „zusammen weniger allein“ war. Heiraten musste man ohnehin. Oder, um es mit Charles III zu sagen, der bei seiner Verlobung mit Diana nur nuschelte: „Whatever love means.“
Verleiht Inzest geistige Höhenflüge?
Auch mit geistigen Höhenflügen konnten Anna und Gerhard – samt Nachfahren – zunächst nicht dienen. Oder vielleicht doch, nur auf eine andere Art? Eventuell müsste man die Familiengeschichte weniger nach Genialität absuchen als nach Eigenarten.
Ein Blick auf die Finanzelite zeigt, dass man dort gern unter sich blieb. Die Rothschilds verfügten nicht nur über Banken, Schlösser, Brieftauben und Weinberge, sondern auch über ein ausgeprägtes Familienbewusstsein. Mayer Amschel Rothschild hatte strenge Familienregeln erlassen, um Unternehmen und Clan zusammenzuhalten. Verwandtenehen waren Teil dieses Systems – Inzuchtfolgen schienen nebensächlich.
Exzentrik hingegen nicht. Lionel Walter Rothschild spannte Zebras vor seine Kutsche, während meine Familie mit ähnlichem Verhalten vermutlich als Dorfdeppen gegolten hätte. Seine Nichte Miriam Rothschild, bekannt als „Herrin der Flöhe“, erforschte als Autodidaktin die Sprungkraft und Fortpflanzung von Flöhen und erlangte damit akademisches Ansehen. Ihr Bruder Victor arbeitete im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst MI5.
Das ist, zugegeben, eine ganz andere Hausnummer.
Am Ende blieb Anna dennoch das, was sie von Anfang an gewesen war: eine Frau, die in den Quellen kaum greifbar ist. Kein großer Name, kein außergewöhnliches Vermögen, keine Exzentrik, die Spuren hinterlassen hätte.
Vielleicht lag die Wahrheit ihrer Ehe nicht in genetischen Höhenflügen oder strategischen Allianzen, sondern in etwas sehr Profanem. Man kannte sich. Man vertraute sich. Und man tat, was zu tun war.
Cousinenliebe war keine Grenzüberschreitung, sondern eine Möglichkeit. Eine von vielen, die in einer Zeit gewählt wurden, in der Nähe Sicherheit bedeutete und Heiraten weniger mit Romantik als mit Verlässlichkeit zu tun hatte.
Und vielleicht erklärt gerade diese Unauffälligkeit, warum Anna so lange unsichtbar blieb – nicht nur in den Archiven, sondern auch in meinem eigenen Blick auf die Vergangenheit.
Wer es kennt, weiß, wo es liegt: Das Stadtarchiv Düsseldorf liegt strategisch günstig neben dem Hauptbahnhof. Eingekeilt zwischen dem Schauspielhaus (oben drüber) und dem Ordnungsamt (Hallo Nachbar), versieht es auch in Corona Zeiten treu und redlich seinen Dienst als Hirn der immerwährenden Retrospektive.
Ein himmlisch-irdischer Acker zwischen zwei Orten Berlins (Greifswalderstr. bzw. Prenzlauer Allee) inmitten der permanenten Rushhour von Autos, Straßenbahnen, dem steten Fluss von Tourist und Einwohner auf dem Asphalt. Dieses Stück Erde ist weder ein Park noch ein Cluster aus Boutiquen, Shops, Fresstempel oder Touristenmeile. Hier ist die Rede von einem Friedhof am Puls unserer Bundeshauptstadt: Nämlich der Kirchhof in der evangelischen St. Georgen-Parodialgemeinde am Prenzlauer Berg.
Für uns Niederrheiner stellt sich mitunter die Frage, wo wir die Geburts-, Heirats- und Sterbeeinträge aus Monheim vor 1810 bekommen können. (In den linksrheinischen Gebieten wurde dank der französischen Besatzung die Personenstandsunterlagen, zu denen auch Monheim gehörte, ab 1810 geführt. In den rechtsrheinischen Gebieten erst ab 1876.)
Der frühe Vogel fängt den Wurm, heißt es ein Sprichwort. Und impliziert, dass der notorische Frühaufsteher morgens am ehesten fette Beute macht, während der Langschläfer (und Faule) sich mit den Krumen begnügen muss.
Aber hier geht es nicht um preußische Disziplin, mit dem ersten Hahnenschrei aus den Federn zu hüpfen. Sondern darum, was Mann unter einer gepflegten Freizeitgestaltung am Sonntagvormittag verstand. Wovon wir hier sprechen? Ist doch klar – der Frühschoppen.
Bei der Ahnenforschung begegnet mir immer wieder eine Untugend, die mich zunehmend umtreibt: Arroganz. Nicht laut, nicht spektakulär – sondern leise, bequem und oft unbemerkt.
Ich ertappte mich selbst dabei, als ich meine dreifache Urgroßmutter vorschnell zum Mauerblümchen erklärte, weil sie erst mit 31 Jahren heiratete. Erst später stellte sich heraus, dass sie bereits verheiratet gewesen war. Ihr Mann war gestorben, sie blieb mit zwei kleinen Söhnen zurück. Ihr späterer Ehemann – mein dreifacher Urgroßvater – war 15 Jahre älter, dreifacher Witwer und Vater mehrerer Kinder aus früheren Ehen.