Düsseldorf für Fortgeschrittene: Ein Bierdeckel reicht

Vom Gehen und Sehen

Der Frühling und die Feiertage – sie gehören zum Spazierengehen. Zur Blütenfrische, zum ziellosen Schlendern, zum scheinbar zweckfreien Unterwegssein.

Und doch hat das Gehen Methode. Promenadologen – also Spaziergangsforscher – preisen den ausgedehnten Schritt als „letztes Backup unserer Mobilität“. Bertram Weisshaar formuliert es so: Wer zu Fuß geht, lässt seine Füße gehen, schaut nach links und rechts und schärft dabei seine Wahrnehmung für die Umgebung.

Eine Stadt, die auf einem Bierdeckel stehen kann. Wer hat das schon?, ©via wikipedia commons

Wenn das stimmt, braucht es gar nicht viele Schritte. Es reicht, so zu tun, als hätte man viel gesehen.

Eine Stadt auf einem Bierdeckel

Zum Beispiel, wenn man Düsseldorf umrundet.

Keine Angst: Dafür braucht es weder Kondition noch Zeit. Ein Bierdeckel genügt. Man stelle ein paar Monopolyhäuser darauf, denke sich einen Fluss, ein paar Gräben und eine Stadtmauer hinzu – und schon hat man eine Stadt. So klein war der Radius, in dem sich die Düsseldorfer bei der offiziellen Stadtgründung am 14. August 1288 bewegten.

Mehr Gedanke als Größe

Und vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Gedankenspiels: dass eine Stadt, die heute ausfranst, sich ausdehnt, Verkehrsadern ausbildet und ihre Ränder immer weiter nach außen verschiebt, einmal so überschaubar war, dass man sie in wenigen Minuten hätte durchqueren können.

Keine Münze, sondern Kalkül

Es wirkt beinahe so, als hätte Graf Adolf eine Münze in die Luft geworfen und dort, wo sie landete, einen Pflock in den Boden gerammt. Ganz so zufällig war es natürlich nicht.

Denn ringsum hatten sich längst mächtige Nachbarn etabliert: die Ritter von Benrode in Benrath, die Herren von Elnere in Eller, die Familie Hayc in Flingern, dazu Kaiserswerth mit Besitzungen in Golzheim, Stockum und Derendorf – und nicht zuletzt das Stift Gerresheim.

Die Stadtgründung folgte also einem Kalkül. Der Ort an Rhein und Düsselmündung war ein strategisch günstiger Knotenpunkt für Handelsbeziehungen – rechts wie links des Rheins. Dass hier Potenzial lag, hatte man früh erkannt: Bereits 1263 verlieh Margareta von Berg, die Mutter Adolfs, drei Düsseldorfern das erbliche Fährrecht zwischen Düsseldorf und Neuss.

Als Düsseldorf noch in den Kinderschuhen lag, ©Stadtarchiv Düsseldorf

Eine Stadt entsteht aus Bewegung

Man könnte auch sagen: Düsseldorf entstand aus Bewegung.

So klein, dass es reicht

Das „Städtchen“, das Adolf V. von Berg und seine Frau Elisabeth schließlich gründeten, war nicht größer als eine Parzelle, auf der man hätte Kohl pflanzen können. Südlich begrenzt durch einen Düsselarm, westlich durch den Rhein. Im Norden war hinter der „alten Straße“ bereits Schluss, während im Osten am Ende der Lewengasse die spätere Stadtmauer verlief.

Das Düsseldorfer Schloss, von dem heute nur noch der vielbesungene Schlossturm übrig ist, lag damals noch außerhalb der kleinen Stadt.

Unter unseren Füßen

Und vielleicht ist genau das der Moment, an dem man beim Spazierengehen kurz innehält.

Denn wenn man heute durch die Altstadt geht, zwischen Außengastronomie, Kopfsteinpflaster und Stimmengewirr, dann wirkt alles dicht, beinahe selbstverständlich gewachsen.

Doch unter diesen Wegen liegt ein viel kleinerer Plan. Ein Grundriss, der einmal genügte.

Das Lewenhaus heute, ©#Marion Rissart

Am Rand: das Lewenhaus

Wer sich diesem alten Düsseldorf annähern will, landet früher oder später am Ende der Liefergasse. Dort befand sich das sogenannte Lewenhaus, das älteste Haus Düsseldorfs, dessen Grundmauern bis heute erhalten sind.

Der Historiker Hugo Weidenhaupt vermutet, dass es sich ursprünglich um einen Eckturm handelte, möglicherweise sogar um den Sitz des „Kellners“ – also jenes Verwalters, bei dem die Bürger ihre Abgaben entrichteten.

Vor der Stadt war schon etwas da

Noch weiter zurück gedacht, könnte es sich sogar um eine sogenannte Motte gehandelt haben. Der Begriff hat nichts mit dem Kleinschmetterling zu tun, sondern stammt aus dem Französischen und bezeichnet eine Turmhügelburg – eine frühe Form befestigten Wohnens.

Solche Anlagen waren typisch für die niederrheinische Ebene. Klaus Lipinski zählt für den Raum Düsseldorf mehrere dieser künstlich aufgeschütteten Hügel, auf denen zunächst hölzerne, später steinerne Türme standen – umgeben von Palisaden und oft auch von Wassergräben geschützt.

Es ist gut möglich, dass auch Adolf von Berg hier zeitweise lebte – in einer Phase, in der ein fester Herrschaftssitz noch nicht nötig war und man von Ort zu Ort zog.

Unterwegs sein – damals wie heute

Vielleicht war auch das eine Form des Unterwegsseins. Nicht das ziellose Schlendern, das wir heute meinen, sondern ein Leben zwischen Orten, ohne festen Mittelpunkt.

Am Ende: ein Anfang

Und so schließt sich der Kreis. Der Spaziergang führt nicht nur durch die Stadt, sondern durch ihre Geschichte.

Und vielleicht ist Düsseldorf bis heute gar nicht größer geworden. Nur unübersichtlicher.

Und manchmal reicht tatsächlich ein Bierdeckel, um das wieder zu sehen.

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