Manche Texte altern nicht. Dieser entstand im Oktober 2024 und wurde jetzt erneut gelesen und überarbeitet.
Warum Helmut Ballot mehr Aufmerksamkeit verdient hätte
2012 kam Das Haus der Krokodile ins Kino und gewann den Deutschen Filmpreis.
Doch kaum jemand sprach über den Mann, der die Geschichte geschrieben hatte. Solche Geschichten gehören zur Alltagsgeschichte einer Stadt – ähnlich wie die wechselvolle Werbegeschichte rund um Sarotti oder das Arbeitsleben am Düsseldorfer Schweinehälften-Bunker.
Helmut Ballot.
Sein Jugendroman erzählt von Victor Laroche, einem Jungen in einer Berliner Jugendstilvilla, der einem lange zurückliegenden Unglücksfall nachspürt. Ein Mädchen, ein Treppengeländer, ein Tagebuch mit kleinen Lederkrokodilen – und die Frage: Unfall oder Verbrechen? Die Geschichte des Schriftstellers Helmut Ballot ist zugleich ein Stück Berliner und Düsseldorfer Alltagsgeschichte – erzählt anhand eines Jugendromans, der weit mehr über seine Zeit verrät, als man zunächst vermutet.
Mich hat dieses Buch früh gepackt. Vielleicht wegen der Villa mit Milchglastür. Vielleicht wegen der Räume mit Namen wie Salon und Herrenzimmer, ausgestattet mit Danziger Barock. Oder wegen der Figur Cäcilie im Spitzenkleid, die einem aus der Vergangenheit entgegenblickt.
Bis heute sehe ich bei jedem Rokoko-Sekretär die kleinen Lederkrokodile vor mir.

Kindheit im Toleranzviertel
Geboren wurde Ballot 1917 in der Krausnickestraße in Berlin-Mitte. Nicht weit von der Sophienkirche, vom Hedwigs-Krankenhaus, von der Synagoge in der Oranienburger Straße. Man nannte das Viertel das „Toleranzviertel“.
Evangelisch, katholisch, jüdisch – dicht nebeneinander.
Die Straße war seine Lebensschule. Hungerjahre, Generalstreiks, politische Unruhen, Kapp-Putsch – die Weimarer Republik war kein Geschichtskapitel, sondern Alltag.
Vielleicht bewahrte ihn genau diese frühe Weltoffenheit davor, im Dritten Reich sein kritisches Denken aufzugeben.

Von Berlin an den Rhein
Und doch wurde er Wahl-Düsseldorfer.
Warum verlässt ein Berliner seine Stadt?
In einem Text mit dem Titel „Ein Berliner geht durch Düsseldorf“ schrieb Ballot von der Begrenztheit Berlins. Vom Gefühl, nie vor die Tore seiner Stadt spazieren zu können.
Er wollte Weite.
Er wollte Wasser, das zum Meer fließt.
Der Rhein war für ihn das, was Berlin ihm nicht geben konnte: Horizont.

Mehr als nur Krokodile
Die Fernsehserie aus den 1970er Jahren mit Thomas Ohrner erlebte er noch.
Den Kinofilm nicht mehr. 1988 starb er in Düsseldorf.
Geblieben ist kein literarischer Starkult.
Geblieben ist eine Geschichte.
Und ein Satz:
„Wenn du für die Jugend schreibst, musst du schreiben wie für Erwachsene – nur besser.“

Weiterlesen: Düsseldorfer und Berliner Alltagsgeschichte
Wer sich für vergessene Geschichten hinter bekannten Namen interessiert, findet hier weitere Beiträge aus der Alltagsgeschichte:
→ Der Sarotti-Mohr – Werbung, Kolonialzeit und Erinnerungskultur https://dieahnin.com/2021/01/11/wieso-der-mohr-zu-sarotti-kam-und-dabei-seinen-typ-veranderte/
→ Schweinehälften im Stadtbild – Alltag am Düsseldorfer Schlachthof https://dieahnin.com/2021/12/22/dusseldorfs-geheimer-schweinehalften-bunker-was-hat-es-damit-auf-sich/
→ Der Schäfer – ein Beruf zwischen Tradition und Verschwinden https://dieahnin.com/2020/12/15/warum-der-schafer-fruher-als-unehrlicher-beruf-galt/
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