Knochenjob statt Idylle

Warum Schäfer früher als „unehrlicher“ Beruf galt

Aus heutiger Sicht wirkt das Bild idyllisch: Ein Schäfer zieht mit seiner Herde durch die Landschaft. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Der Beruf war hart, schlecht bezahlt – und gesellschaftlich standen Schäfer lange auf einer der untersten Stufen der Dorfgemeinschaft.

Als ich mich vor einigen Jahren mit meinen eigenen Vorfahren beschäftigte, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass ein Schäfer innerhalb eines Dorfes früher auf einer der untersten Stufen der Gemeinschaft stand.

Wie kann das sein?

ADN-ZB Lehmann 23.5.80 Bez. Halle: Jugend. An der einzigen Schäferschule unserer Republik in Wettin erlernen Jungen und Mädchen aus allen Bezirken das Einmaleins der Schafzucht und Pflege. Martina Götz ist bester Lehrling in einem Leistungsvergleich des Bezirkes Halle und wurde nun zum Zentralen DDR-Leistungsvergleich nach Cavertitz im Bezirk Leipzig delegiert. Die künftige 19jährige Schäferin kommt aus Berlin. (vergl. dazu auch W0523-9+10N)

Kein ehrbarer Stand

Für mich war das Bild eines Hirten allein schon durch den bekannten Psalm geprägt: „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23). Dass Schäfer zu den sogenannten „unehrlichen Berufen“ zählten, hatte allerdings weniger mit Moral zu tun als mit sozialem Misstrauen.
Solche Bilder prägen bis heute unsere Vorstellungen – ähnlich wie andere historische Darstellungen, die sich im Laufe der Zeit verändert haben.

Der Beruf war hart, schlecht bezahlt – und gesellschaftlich standen Schäfer lange auf einer der untersten Stufen der Dorfgemeinschaft. Der Alltag war hart, körperlich fordernd und oft wenig angesehen – ähnlich wie in anderen Bereichen der Lebensmittelversorgung, die heute kaum noch sichtbar sind.

Schon im Mittelalter galten Schäfer als „unehrlich“. Das bedeutete nicht, dass sie unmoralisch gewesen wären. „Unehrlich“ hieß vielmehr: nicht ehrbar, also nicht standesgemäß. Zwar gehörten Totengräber und Scharfrichter zur absolut untersten Kategorie – mit ihnen wollte niemand etwas zu tun haben. Sie durften oft nur innerhalb ihres Standes heiraten und lebten am Rand der Gesellschaft.

Doch auch andere Berufe genossen kein hohes Ansehen. Dazu gehörten unter anderem Müller, Gerber, Bader, Leinweber – und eben auch der Schäfer. Auf den ersten Blick ist schwer zu erkennen, warum gerade diese Berufe gesellschaftlich so gering geschätzt wurden.

Ein Mann ohne Waffe ist kein Mann

Ein Grund lag im mittelalterlichen Ehrenverständnis. Als ehrbar galt vor allem derjenige, der im Kriegsfall mit der Waffe für seine Gemeinschaft kämpfen konnte. Männer, die aus beruflichen Gründen zurückbleiben mussten, um die wirtschaftliche Grundlage zu sichern, galten dagegen als weniger ehrenhaft.

Der Schäfer gehörte zu genau dieser Gruppe. Er sorgte für Fleisch und Wolle und konnte seine Herde auch im Kriegsfall nicht einfach verlassen. So erfüllte er zwar eine wichtige Aufgabe für die Gemeinschaft – doch gesellschaftlich brachte ihm das wenig Anerkennung.

Schäfer auf der Schwäbischen Alb, ©Rainer Halama via wikipedia commons

Ruf des Einzelgängers

Hinzu kam, dass Schäfer meist außerhalb des Dorfes lebten. Sie verbrachten den Großteil ihres Lebens mit ihren Tieren auf den Weiden, kannten sich mit Kräutern, Heilmitteln und Wetterzeichen aus und bewegten sich oft fern der Dorfgemeinschaft.

Gerade dieses Wissen erregte bei vielen Dorfbewohnern Misstrauen. Wer über Kenntnisse verfügte, die andere nicht verstanden, geriet schnell in den Ruf, über mysteriöse Fähigkeiten zu verfügen. So entstand das Bild des Schäfers als sonderbarer Einzelgänger, der zwar gebraucht wurde, aber nicht wirklich zur Gemeinschaft gehörte.

Trotz Armut neun Kinder

Mein vierfacher Urgroßvater dürfte selbst ein solcher Mann gewesen sein: ein Schäfer, dessen Leben wohl von harter Arbeit, Armut und einem gewissen Abstand zur Dorfgemeinschaft geprägt war.

Doch trotz seines geringen Standes gelang ihm etwas Bemerkenswertes. Er zog neun von elf Kindern groß. Angesichts der damals hohen Kindersterblichkeit war das eine enorme Leistung – und vielleicht der deutlichste Beweis dafür, dass hinter dem Bild des „unehrlichen Schäfers“ in Wirklichkeit Menschen standen, die schlicht versuchten, unter schwierigen Umständen ihr Leben zu meistern.  

Ein letzter Schäfer in der Familie

Der letzte Schäfer in meiner Familie war Andreas Rissardt, der Halbruder meines Ur-urgroßvaters. Während es die übrigen Familienmitglieder – ganz im Einklang mit der Zeit – in die Fabriken zog, hielt er noch an diesem alten Beruf fest.

Andreas lebte nicht nur in Gerresheim, sondern zeitweise auch in der Kirchstraße im heutigen Oberbilk sowie in der Rather Straße in Derendorf. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es zwischen Buscher Mühle und Rath genügend Freiflächen für eine Schafherde.

Seine Kinder jedoch starben früh – und mit ihnen verschwand auch das alte Handwerk aus unserer Familie. Ob die nächste Generation es fortgeführt hätte – oder ob der Wandel der Zeit ohnehin stärker gewesen wäre?

Ohne Hütehund ist der Schäfer nur ein halber Mensch, ©Bundesarchiv

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