Wenn der Frosch aus dem Nebel kommt: Eine Liebeserklärung an German Grusel

Warum Nebel bei mir das Kopfkino startet

Keine Ahnung, warum mich der Nebel so fasziniert. Oder doch? Nebel hat meiner Meinung nach eine ähnliche Wirkung wie das Wattenmeer. Dadurch, dass wir weniger sehen können, sind unsere Sinne aufs Äußerste gespannt. Nebel, der aus den Senken herauskriecht, wie der weiße Dampf aus einem Kochkessel und hinaufsteigt. Das Einzige, was noch zu erkennen ist, sind die Baumwipfel, deren blattloses Geäst sich wie dunkle Gerippe in der Helligkeit ausmacht. Paradoxerweise wirken auf uns Gegenstände oder auch Personen in greifbarer Nähe in gewisser Weise pythonesk. Scharf umrandete Konturen tauchen vor unseren Augen auf, die geradezu hyperreal wirken, während andere Gestalten weiter entfernt seltsam konturlos wirken, als wären sie sich aus der realen Welt vom Nebel verschluckt worden.

Winternebel über dem Kittelbach, ©Marion Rissart
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Geplündertes Fotoalbum

Kürzlich las ich ein interessantes Zitat über Sammler. Sammler seien Menschen, die eine Leere füllen würden. Wer Fotos, insbesondere alte Fotos sammelt, der füllt sein leeres Gedächtnis mit Erinnerungen, die nie vergehen. Die Leere, die berühmte Gedächtnislücke darf nicht vergehen. Alte Fotoalben ziehen uns magisch an. Wir haben die Möglichkeit, in eine Zeit zu verschwinden, die wir temporär gestreift haben oder nur vom Hörensagen kennen. Oft aber noch nicht einmal das.

Ein kostbarer Deckel, dahinter verbirgt sich das Fotoalbum. So etwas wird heute nicht mehr hergestellt
album_photograph_am_1966.11-1, ©wikipedia commons.

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Ahnenforschung – doch nur ein Zufallsprodukt?

           

Während der Fahndung nach Vorfahren ;-), kommt mir unwillkürlich manchmal der Name der Rose von Umberto Eco in den Sinn. Das mag auch an der grandiosen Verfilmung liegen, die vor einigen Tagen an Weihnachten lief. In erster Linie liegt es aber an dem Roman selbst. Dort kehrt ein alter Adson von Melk am Ende an den Ort zurück, der ihn in seiner Jugend so sehr geprägt hat.

Der Autor des Romans „Name der Rose Umberto Eco, © Bogaerts, Rob Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Die Abtei existiert nicht mehr. Das Aedificium, ursprünglich ein gewaltiges Monument an (geheimen) Wissen beherbergend, besteht nur noch aus kümmerlichen Ruinen, die ihn an heidnische Monumente erinnern. Dennoch kann es der alte Adson nicht lassen, dort herumzustöbern. Von seinem alten Lehrmeister William von Baskerville inspiriert, hofft er noch auf alte Schriftstücke, die das Feuer nicht vernichtet hat. In der Tat findet er einige Bruchstücke dessen, was die Bibliothek einst ausmachte. In einem Schrank des Skriptoriums lagern noch Pergamentfetzen – eine karge Beute längst vergangener Pracht.

Dennoch macht er sich nicht nur daran, die Überbleibsel zu sammeln, sondern auch zu studieren. Ich sehe ihn vor mir, wie er, seine Schnipsel vor sich ausbreitend, daran macht, mit dem Augenglas seines alten Meisters, zu untersuchen und sie, nach jahrelangen Mühen, zu einem Puzzle zusammen zu legen. Wenn es denn klappt. In Bezug auf die Ahnenforschung fühlen wir uns manchmal wie Adson von Melk, besonders wenn wir wissen, dass es an einem Punkt nicht mehr weitergeht.

Pergamentrolle wie in Name der Rose – oder in Hogwarts?, ©2049_-Byzantine_Museum,_AthensParchement_scroll,_13th_century-_Photo_by_Giovanni_Dall’Orto,_Nov_12 Attribution, via Wikimedia Commons

In meinem Fall weiß ich genau, dass ich in meinem Hauptzweig aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr über den vierfachen Urgroßvater hinauskommen werde. Und das hängt von einigen Faktoren ab. Zum einen stammt besagter Ahnherr nicht aus Gerresheim, weil sein Name auf französischen, bzw. belgischen Ursprung schließen lässt. Er heiratete recht spät; mit 46 Jahren ehelichte er eine 19-jährige und wurde ein später Vater seiner ersten Tochter. Zehn Kinder sollten folgen.

Taufeintrag aus dem Kirchenbuch im Stadtarchiv Düsseldorf, ©Marion Rissart

Aber wann ist er gestorben? Dieses Geheimnis ließ mich echte Nerven kosten. Ich dachte daran, dass in seiner Sterbeurkunde es ein Hinweis auf seine Eltern geben würde. Aber sein Name war blieb im Düsseldorfer Stadtarchiv wie vom Erdboden verschluckt. Der Monheimer Stadtarchivar vermutete sogar, dass der Ahnherr in seiner Eigenschaft als Schäfer an einem anderen Ort das Zeitliche gesegnet hatte (denn Schäfer wanderten weit, wie er mir grinsend versicherte) – und ich bat darum, dass eben dieser Archivar unrecht hatte😉

Papier ist Wissen, ©Marion Rissart

Also wieder zurück zu den Dokumenten, die ich besaß. Akribisch wie Adson durchforstete ich alte Kopien… nicht nur von meinem direkten Vorfahren, sondern auch von den Anverwandten. Und wurde irgendwann fündig. Einer seiner Söhne heiratete 1820 und, siehe da, fand ich doch auf der Heiratsurkunde die ungelenke, daher krakelige Unterschrift des Vierfach-Opas. Ergo konnte ich das Sterbedatum schon ein bisschen eingrenzen und da die Hochzeit 1820 stattfand, es musste auch dank napoleonischen Verwaltungssystems eine Sterbeurkunde geben. Also ging die Suche weiter.

Skriptorium eines ehemaligen Klosters,© 1024px-Marmagne_Abtei_Fontenay_Scriptorium_Innen_4Zairon, CC BY-SA 4.0 httpscreativecommons.orglicensesby-sa4.0, via Wikimedia Commons

Es heißt ja immer »Wer suchet, der findet«. Ich aber sage, wer nicht mehr sucht, der findet erst recht. Denn so ist es bei mir: Wegen einer anderen Sache stieß ich im Düsseldorfer Stadtarchiv auf seine Sterbeurkunde mit etwas entstelltem Namen (Denkt immer daran, eure Familiennamen können groteske Weise entstellt werden;-))

Nobelpreisträger Heinrich Böll bei einer Pressekonferenz in Heerlen am 26.03.1983, ©Niederländisches Staatsarchiv

Als ich in meiner ersten Freude mich über den Fund beugte (ohne Augengläser), war ich enttäuscht. Denn dieses Dokument gab nichts von weiteren Vorfahren her; ich blieb und bleibe genauso schlau wie vorher. Das hängt zum einen daran, dass es wohl auch zu einfach gewesen wäre. Und zweitens liegt es an dem Alter des Verstorbenen. Besagter Ahnherr erreichte ein wahrhaft biblisches Alter, starb er doch im Alter von 96 Jahren. Kein Wunder, dass sich keiner mehr an seine Eltern erinnern konnte. Wer so alt geworden ist, wie die Zeit, der ist quasi schon immer da.

Die Stiftsbibliothek von Admont- ein Traum für jeden Forscher, ©1024px-Admont_Bib_10 Use_Fb78, CC BY-SA 2.0 DE via Wikimedia Commons

In meiner Enttäuschung musste ich an den guten Adson denken. Weise geworden durch die Unbill und Freuden der Zeit, erklärte er gegen Ende des Romans, dass die Überreste der Schnipsel eine Art Mini-Bibliothek darstellten, deren Vollendung er nie erreichen werden. Genau wie die Familienforschung ein Mini-Archiv der eigenen Herkunft ist, dessen Lücken wir nie ganz füllen werden.

Adson sagt aber auch, dass seine Sammlung keine Botschaft enthält, sondern ein Produkt des Zufalls sei. Genauso, wie meine Dokumente zufällig doch in irgendwelchen Archiven lagern (und nicht etwa bei einem Brand vernichtet wurden, wie z.B. wie Wehrstammrollen aus dem 1. Weltkrieg), geht es zufällig auch einfach nicht mehr weiter. Es geht ihm bei seiner Arbeit um die Freude des Sammelns an sich. Und die Genugtuung darüber, dass manchmal ein Puzzlestein zum anderen gefügt werden kann.

Eine vollständige Seite wäre adsons Traum, ©512px-Meister_der_Wenzel-Werkstatt_002 Meister der Wenzel-Werkstatt, Public domain, via Wikimedia Commons

                

       Telle et lege, sagt Adson, neben seiner Frage, wer denn die Rose eigentlich sei.

             (Nimm und lies). So einfach ist das.  

Stille den Geist in der Düsseldorfer Altstadt

Im klösterlichen Maxhaus seinen Gedanken Zeit geben  

Reichlich obskur, so scheints, seinen Geist in der betriebsamen, feierfreudigen Altstadt mit der besinnlichen Ruhe stillen zu wollen. Auf die Idee, dass sich am Rande dessen, zwischen Rhein, Carlsplatz und Brauerei Uerige gelegen, ein ehemaliges Franziskanerkloster einen Platz zur inneren Einkehr bietet, kommen nicht viele. Eigentlich verwunderlich, denn laut Faltblatt liegt es optimal: Zwei Minuten fußläufig vom Carlsplatz und vom Rhein und nur vier Minuten von der U-Bahn Haltestelle und Nadelöhr zur Altstadt, der Heinrich-Heine-Allee entfernt.  

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Einmal Berlin mit Joseph Roth. Weltuntergang plus Hausmannskost

Wer in Berlin in geweihter literarischer Stätte speisen will, der kehrt ein in die „Joseph Roth Diele“, Potsdamerstraße 75. Nach außen hin wirkt es wie ein gutbürgerliches Bistro/Kneipe mit gepflegter Hausmannskost. Doch das Innere der Kneipe beinhaltet die reinste Devotionaliensammlung über den berühmten österreichischen Schriftsteller, der nebenan in Nr. 73 (früher 115a) mit seiner Frau Friederike (Friedel) wohnte. Dass neben seinem Wohnhaus die Joseph Roth Diele entstand, ist einem puren Zufall zu zuschreiben.

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Monheimer Kirchenarchiv öffnet die Büchse der Pandora

Pfarrer Franz Boehms Widerstand gegen die Nazis in Monheim und Sieglar

Archivare schmurgeln nicht immer nur vor sich hin. Sie öffnen auch gerne ihre Pforten für netten Besuch und sind dabei ganz Ohr. Am Mittwoch, dem 6. September 2023, reiste eine Schulklasse aus Sieglar an (Schuljahrgang 1951), die sich für das Leben des Pfarrers Franz Boehm interessieren.

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Bert Brechts beherrschte Wohnkultur

An Bert Brecht scheiden sich schulisch, literarisch und politisch oft die Geister; kaum jemand würde an ihm   unter dem Begriff „Heimat in den eigenen vier Wänden“ einen Gedanken zu verschwenden. Und doch – wer sich bei seinem Berlin Besuch mal die Mühe macht, das Brechtarchiv http://www.adk.de/de/archiv/museen/brecht-weigel-museum/index.htm zu besuchen, wird möglicherweise eines Besseren belehrt.

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Geisterjäger John Sinclair feiert 50. Jahre Grusel

Was weiß man eigentlich von Geisterjäger John Sinclair dem Meister des Übersinnlichen, dessen gruseligen Abenteuer seit 1973 von einer begeisterten Leserschaft verschlungen wird? „Sohn des Lichts“ nennt ihn sein bester Freund und Journalist Bill Conolly, den er seit seiner Studienzeit kennt. Obwohl John Englands Hauptstadt wie seine Westentasche kennt, kommt er gebürtig aus Schottland.  Ursprünglich wollte er wie sein Vater Jura studieren, bis er dann die Polizeilaufbahn bei Scotland Yard einschlug.

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Lächelnd auf seine eigene Leiche schauen oder schlumpfig in des Schneiders Gasse.

Eine Kreuzung aus Alfred E. Neumann, dem Maskottchen der Satirezeitschrift MAD, und einem asketischen Yogi ziert mit gekreuzten Beinen als Statue die Schneider-Wibbel-Gasse in der Düsseldorfer Altstadt. Das bronzene Männlein mit den von Touristen blankgeriebenen Ellbogen und Knien ist Namensgeber dieser Gasse.  Und zugleich Düsseldorfs Patron für Pfiffigkeit und rheinische Augenzwinkerei, was schon sein schlumpfiges Lächeln bezeugt. (Eventuelle daraus ergebenen Ähnlichkeiten mit prominenten Politikern sind rein zufällig;-)) Außerdem gibt es den Schneider-Wibbel schon seit über 100 Jahren, wenn auch als Figur eines Theaterstücks von Hans Müller-Schlösser.

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Die Liebe zu Winnetou endet niemals

  

Alle Vorbilder haben innerhalb Generationen ihre Zeit.  Und oft überdauern auch diese. Was bei manchen Vorbildern wirklich erstaunt, da bis heute keiner deren Daseinsberechtigung erklären. Oder jedenfalls nicht genau.  

Winnetou (Pierre Brice) bei den Karl May Festspielen in Elspe@ Elke Wetzig

Idole sind Phänomene, das keiner so recht erklären kann

Zum Beispiel gibt es Facebookgruppen, die Enid Blytons „5 Freunde“ zu ihren Idolen auserkoren haben. Schallplatten werden aus ihren Hüllen ziehen, auf den Plattenteller gelegt, um damit den Feierabend mit den Stimmen der eigenen Jugend einzuläuten.

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