Provenienzforschung und ihre Kehrseite
Fotos wie Dokumente mögen jahrelang ihren Dornröschenschlummer in alte Schachtel, abgegriffenen Brieftaschen, vergilbten Brieftaschen schlummern. Wenn sie nicht vorher im Altpapiercontainer landen oder verbrennen (auch so ein Schicksal), wird es immer einen geben, der sich ihrer nimmt. Der Künstler, der Archivar, der Ahnenforscher, der berühmte Kommissar Zufall, Sherlock Holmes oder die drei Fragezeichen;-)
Fotos warten nur darauf, entdeckt zu werden.
In meinem letzten Blogtext über Ernst Jachtmann erzählte ich, dass ich diese Fotos über diesen Segelflug im Nachlass meines Mannes entdeckt habe. Sein Schwiegervater durfte als Soldat der Luftwaffe und passionierter Segelflieger bei diesem Rekordversuch dabei und behilflich sein. Wie wichtig dieses Projekt und wie viel Menschen darin involviert waren, zeigt nicht nur der kleine Beitrag. Der für die Wochenschau gedreht wurde und den man heute noch auf Youtube abrufen kann. Sondern auch, dass vermutlich jeder Teilnehmer ein Andenken sein Eigen nennen durfte, nämlich Fotos, auf denen sie selbst mit Jachtmann zu sehen sind.

Wer war Hertha Wohnsdorf aus Königsberg?
Diese Fotos sind weitaus professioneller als die üblichen Bilder, die mit der privaten Kamera aufgenommen wurden und lassen den Pressefotografen vermuten. Wenn man diese großformatigen Fotos umdreht, fällt einem der Stempel des Fotoateliers sofort ins Auge. Mit Copyright by Wohnsdorf- Steindamm 154 Königsberg Pr. hat jemand, vermutlich der Fotograf, sein Brandzeichen auf dem Barytpapier hinterlassen. Sogar eine Nummer ist beigefügt und fast bin ich gewillt, die Vorwahl Königsberg zu suchen und das Atelier unter der 39672 anzurufen, bis eine Sekunde später auffällt, dass weder der Ort, noch das Atelier, geschweige denn der Anschluss in dieser Form noch existiert. Ein kleiner Stempel darunter gibt Auskunft darüber, dass es sich bei dem Fotografen um eine Frau handelt: Hertha Wohnsdorf. Unwillkürlich werde ich neugierig, gebe Name und Adresse in Google ein und stelle fest, dass das Netz Erstaunliches zu Tage befördert.

Fotos dienen der Provenienzforschung
Im Sinne der Provenienzforschung sind es mittlerweile auch die alten Fotos, »die Geschichte geschrieben haben«. In dieser Sparte hat man schon längst erkannt, wie wichtig es ist, neben der detektivischen Arbeit über gute archivarische Kenntnisse zu verfügen und Recherche zu leisten. Problematisch wird es dann, wenn zwar ein Beleg für eine Momentaufnahme vorliegt, aber die Beweiskette Lücken aufweist, die nicht zu beheben sind. Wissenschaftler sehen Fotos als Impulsgeber für die Provenienzforschung. Sie dienen nicht nur zur Beweisaufnahme, bilden Objekte ab, sondern sind selbst Objekte. Mithilfe eines Fotos kann man eine ganze Epoche beleuchten, je nachdem aus welchem Blick heraus das Foto entstand. Denn der Macher des Fotos, also der Fotograf selbst, lässt seine subjektive Wahrnehmung in das Foto einfließen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird wissenschaftlich untersucht, was das Foto noch an »nicht subjektiven« Informationen liefert. [1]

Königsberg – Stolz Ostpreußens
Doch zurück zu dem Königsberger Fotoatelier. Königsberg war, wie Jochen Buchsteiner in seinem Buch »Wir Ostpreußen« schrieb, nicht nur das unbestrittene Zentrum der Provinz, sondern der Stolz aller Ostpreußen. In dieser Stadt spiegelte sich nicht nur die 700-jährigen Geschichte dieser Provinz wider. Königsberg besaß den internationalen Ruf einer Handelsmetropole, in der sich auch das intellektuelle Weltbürgertum tummelte.[2] Unter Steindamm 154 ist, oder besser war, ein Erich Wohnsdorf gemeldet, der sich als Sport- und Pressefotograf, Heimataufnahmen, Architektur, Industrie und Vergrößerungen einen Namen gemacht hat. Das Foto, dass auf der Seite abgebildet ist, und er offenkundig geschossen hat, zeigen Männer, die mit Presslufthammer riesige Steine bearbeiten, dazu die Bemerkung, dass diese Arbeiten am Tannenberg-Denkmal erfolgten, das bei Hohenstein in Ostpreußen zwischen 1924-1927 errichtet wurde.[3] Doch von einer Hertha Wohnsdorf keine Spur.

Pressefotografin und Königsberger Mannequin
Dafür werde ich in der Weihnachtsausgabe 2023 des »Preussen Kuriers« fündig. Eigentlich geht es in diese Artikel von Jörn Prekul um den Königsberger Fotografen und Maler Victor Moslehner. Das Fotoatelier wurde von besagtem Erich Wohnsdorf geführt, aber seine Frau Hertha, so Prekul, stand ihm an fotografischem Talent in nichts nach. Sie war nicht nur eine talentierte Fotografin, sondern auch eine elegante Erscheinung in der ostpreußischen Metropole, wo sie zuvor als Mannequin gearbeitet hatte. Außerdem zierte Hertha als »Covergirl« die Ausgabe der Deutschen-Moden Zeitung von 1943. Ursprünglich erschien 1891 die erste Ausgabe des Magazins unter dem Namen »Leipziger Modenzeitung« aus dem Leipziger Beyer Verlag Otto Beyer. Dann wurde sie nach drei Probeheften in eben jene Deutsche Moden-Zeitung umbenannt. Ähnlich wie heute die Modezeitschrift »BURDA« erschien das Magazin mit Schnittmustern von einfachen Kleidern bis hin zum eleganten Kostüm zum Selbstschneidern für die Frau in der Gesellschaft. Wie sie und der Fotograf Erich Wohnsdorf sich kennenlernten, ist nicht bekannt. Aber es wird erzählt, dass Erich eher als unangenehmer Zeitgenosse auffiel, dem man besser aus dem Weg ging. Daneben galt seine strahlend schöne Frau Hertha als Muster an Liebenswürdigkeit, Weltgewandtheit und Durchsetzungsfähigkeit.[4]

Victor Moslehner – ostpreußischer Landschaftsfotograf
Schon in ihrer Zeit als Königsberger Mannequin hatte sie bereits »Kenntnisse in den technischen Zusammenhängen von Belichtungsmessung und Brennweiten, Filtern, den unterschiedlichen Kamerasystemen und ihren dazu gehörigen Komponenten« bekommen. Die mechanische Bildbearbeitung brachte sich die lebenstüchtige Dame nicht nur sich selbst bei, sondern bildete eben jenen Victor Moslehner zum Fotografen aus, von dem der sich mit wunderschönen Bildern seiner ostpreußischen Heimat zum Landschaftsfotografen weiterentwickelte.[5] Höchstwahrscheinlich schoss diese Dame die Fotos von Jachtmann und seinem Weltrekord, denn nicht umsonst setzte sie den Stempel mit ihrem Namen auf die Rückseite der entwickelten Fotos.

Eleganz bis zum Schluss
Die eigenwillige Hertha trennte sich von Erich Wohlsdorf. Wann sie sich scheiden ließ, nicht bekannt, genauso wenig, wie sie es schaffte, aus Königsberg zu fliehen. Allerdings besuchte sie die Familie Moslehner, die ebenfalls aus Königsberg fliehen konnte, im Westerwald, wo sich der Vater eine Existenz als Fotograf aufbaute. Sie selbst arbeitete nicht mehr als Fotografin, sondern wurde Hausdame bei einem Schweizer Herrn, den sie mit seinem Sohn dann und wann zu ihren Besuchen in den Westerwald mitnahm. Frau Bean-Keiffenheim erinnert sich bis heute an Herthas bedrucktem Tellerrock und weist daraufhin, dass sie ihre Eleganz auch nach dem Krieg nie verlor. Genauswenig wie ihren breiten ostpreußischen Akzent😉

Hinter einem Foto steckt mehr, als wir meinen
Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Agnes Matthias erklärt in einem Statement, dass wir durch die Fotos »wünschen, projizieren, rekonstruieren und denken weiter. Was zeigt die Rückseite des Fotopapiers und warum wurden die drei Porträts aus dem Steckalbum entfernt? (…) So wie der Kosmos im Atelier entsteht, verschwindet die Welt hinter der roten Scheibe – und ist nurmehr Vorstellungsbild«.[6] Man darf also nicht unterschätzen, was so ein Foto preisgeben kann.
Ich danke Frau Brigitte Bean-Keiffenheim für die Zeit, mit mir in die Erinnerung nach Königsberg zu gehen.
img src=“http://vg05.met.vgwort.de/na/4f0da5dcb581440082d88a410d5934d0″ width=“1″ height=“1″ alt=““>–
[1] Vgl. Agnes Matthias. »What do photographs do to history?« Überlegungen zu Fotografie und Provenienzforschung, in: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Hrsg.), Provenienz und Forschung. Fotografien, 2023, S.9
[2] Buchsteiner, Jochen. Wir Ostpreußen. Eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte, dtv. Verlag 2025, S.31ff
[3] Lexikon der Fotografen – http://www.fotorevers.eu – fotorewers, fotorevers, Thiel-Melerski | Berufsfotografie, Revers, Avers, Fotografie, Jugendstil, Litografie, Thiel-Melerski (abgerufen am 29.10.2025)
[4] [4] Prekul, Jörn. Victor Moslehner – Technik und Kunst, in: Preussen Kurier. Heimatnachtrichten für Ost- und Westpreussen in Bayern. Weihnachtsausgabe 2023, 14. Jahrgang, S. 46
[5] Ebd.
[6] dfa.photography/curator/agnes-matthias (abgerufen am 5.11.2025)
Hinterlasse einen Kommentar