Über Provenienz, Zufall und die Geschichten hinter Bildern
Fotos sind wie Dokumente. Sie können jahrzehntelang ihren Dornröschenschlaf in alten Schachteln, vergessenen Umschlägen oder abgegriffenen Brieftaschen halten. Wenn sie nicht vorher im Altpapiercontainer landen oder verbrannt werden – auch das ist ein mögliches Schicksal –, wird es irgendwann jemanden geben, der sich ihrer annimmt: den Künstler, den Archivar, den Ahnenforscher. Oder den berühmten Kommissar Zufall, Sherlock Holmes oder die drei Fragezeichen.
Fotos warten darauf, entdeckt zu werden.
Fotos warten nur darauf, entdeckt zu werden.
In meinem letzten Blogtext über Ernst Jachtmann erzählte ich, dass ich diese Fotos über diesen Segelflug im Nachlass meines Mannes entdeckt habe. Sein Schwiegervater durfte als Soldat der Luftwaffe und passionierter Segelflieger bei diesem Rekordversuch dabei und behilflich sein. Wie wichtig dieses Projekt und wie viel Menschen darin involviert waren, zeigt nicht nur der kleine Beitrag. Der für die Wochenschau gedreht wurde und den man heute noch auf Youtube abrufen kann. Sondern auch, dass vermutlich jeder Teilnehmer ein Andenken sein Eigen nennen durfte, nämlich Fotos, auf denen sie selbst mit Jachtmann zu sehen sind.

Ein Fund im Nachlass
In meinem letzten Blogtext über Ernst Jachtmann erzählte ich von Fotografien, die ich im Nachlass meines Mannes entdeckt habe. Sie zeigen einen Segelflugrekord, an dem sein Schwiegervater beteiligt war – als Soldat der Luftwaffe und passionierter Segelflieger, der diesen Rekordversuch unterstützte.
Wie bedeutend dieses Projekt war und wie viele Menschen daran beteiligt waren, belegt nicht nur der kurze Beitrag, der damals für die Wochenschau gedreht wurde und heute noch auf YouTube abrufbar ist. Es zeigt sich auch darin, dass offenbar jeder Teilnehmer ein Andenken erhielt: Fotografien, auf denen er selbst gemeinsam mit Jachtmann zu sehen ist.

Wenn Fotos mehr erzählen als erwartet
Diese Aufnahmen sind deutlich professioneller als die üblichen privaten Fotografien jener Zeit. Alles deutet auf einen Pressefotografen hin. Dreht man die großformatigen Abzüge um, fällt sofort ein Stempel ins Auge:
Copyright by Wohnsdorf – Steindamm 154, Königsberg Pr.
Zusätzlich findet sich eine Nummer. Für einen kurzen Moment bin ich versucht, die Vorwahl von Königsberg zu suchen und das Atelier anzurufen – bis mir bewusst wird, dass weder der Ort noch das Atelier noch der Anschluss in dieser Form existieren.
Ein kleiner Stempel darunter gibt jedoch einen entscheidenden Hinweis:
Der Fotograf war eine Frau.
Hertha Wohnsdorf.[1]

Wer war Hertha Wohnsdorf aus Königsberg?
Neugierig geworden, beginne ich zu recherchieren. Fündig werde ich in der Weihnachtsausgabe 2023 des Preußen Kuriers. Der Artikel von Jörn Prekul widmet sich eigentlich dem Königsberger Fotografen und Maler Victor Moslehner. Doch beiläufig liefert er wichtige Informationen zum Atelier Wohnsdorf.
Geführt wurde es von Erich Wohnsdorf. Seine Frau Hertha stand ihm an fotografischem Talent jedoch offenbar in nichts nach..[3] Fotografin, Mannequin, Covergirl
Hertha Wohnsdorf war nicht nur eine versierte Fotografin, sondern auch eine elegante Erscheinung der ostpreußischen Metropole. Zuvor hatte sie als Mannequin gearbeitet und zierte 1943 als Covergirl die Deutsche Moden-Zeitung.
Das Magazin erschien erstmals 1891 als Leipziger Modenzeitung und wurde später umbenannt. Ähnlich wie heute Burda bot es Schnittmuster – von schlichten Kleidern bis hin zum eleganten Kostüm – zum Selbstschneidern für Frauen aller Gesellschaftsschichten.
Wie Hertha und Erich Wohnsdorf sich kennenlernten, ist nicht überliefert. Überliefert ist jedoch, dass Erich als unangenehmer Zeitgenosse galt, dem man besser aus dem Weg ging, während Hertha als Muster an Liebenswürdigkeit, Weltgewandtheit und Durchsetzungsfähigkeit beschrieben wird.

Pressefotografin und Königsberger Mannequin
Dafür werde ich in der Weihnachtsausgabe 2023 des »Preussen Kuriers« fündig. Eigentlich geht es in diese Artikel von Jörn Prekul um den Königsberger Fotografen und Maler Victor Moslehner. Das Fotoatelier wurde von besagtem Erich Wohnsdorf geführt, aber seine Frau Hertha, so Prekul, stand ihm an fotografischem Talent in nichts nach. Sie war nicht nur eine talentierte Fotografin, sondern auch eine elegante Erscheinung in der ostpreußischen Metropole, wo sie zuvor als Mannequin gearbeitet hatte. Außerdem zierte Hertha als »Covergirl« die Ausgabe der Deutschen-Moden Zeitung von 1943. Ursprünglich erschien 1891 die erste Ausgabe des Magazins unter dem Namen »Leipziger Modenzeitung« aus dem Leipziger Beyer Verlag Otto Beyer. Dann wurde sie nach drei Probeheften in eben jene Deutsche Moden-Zeitung umbenannt. Ähnlich wie heute die Modezeitschrift »BURDA« erschien das Magazin mit Schnittmustern von einfachen Kleidern bis hin zum eleganten Kostüm zum Selbstschneidern für die Frau in der Gesellschaft. Wie sie und der Fotograf Erich Wohnsdorf sich kennenlernten, ist nicht bekannt. Aber es wird erzählt, dass Erich eher als unangenehmer Zeitgenosse auffiel, dem man besser aus dem Weg ging. Daneben galt seine strahlend schöne Frau Hertha als Muster an Liebenswürdigkeit, Weltgewandtheit und Durchsetzungsfähigkeit.[4]

Technisches Können und fotografische Handschrift
Bereits während ihrer Zeit als Mannequin verfügte Hertha Wohnsdorf über Kenntnisse in Belichtungsmessung, Brennweiten, Filtern und Kamerasystemen. Die mechanische Bildbearbeitung brachte sie sich selbst bei. Darüber hinaus bildete sie Victor Moslehner zum Fotografen aus, der sich später mit eindrucksvollen Aufnahmen der ostpreußischen Landschaft einen Namen machte.
Vieles spricht dafür, dass Hertha Wohnsdorf auch die Fotos von Ernst Jachtmann und seinem Weltrekord aufgenommen hat. Nicht ohne Grund trägt die Rückseite der Abzüge ihren Namen.[5]

Eleganz bis zum Schluss
Hertha Wohnsdorf trennte sich von Erich Wohnsdorf. Wann genau die Scheidung erfolgte, ist nicht bekannt – ebenso wenig, wie ihr die Flucht aus Königsberg gelang. Sicher ist jedoch, dass sie die Familie Moslehner, die im Westerwald eine neue Existenz als Fotografen aufbaute, dort mehrfach besuchte.
Sie selbst arbeitete nicht mehr als Fotografin, sondern wurde Hausdame bei einem Schweizer Herrn, den sie gemeinsam mit dessen Sohn gelegentlich in den Westerwald begleitete. Frau Bean-Keiffenheim erinnert sich bis heute an Herthas bedruckten Tellerrock – und daran, dass sie ihre Eleganz auch nach dem Krieg nie verlor. Ebenso wenig wie ihren breiten ostpreußischen Akzent.

Fotografien als Objekte der Provenienzforschung
Inzwischen ist längst erkannt, welche Bedeutung Fotografien für die Provenienzforschung haben. Sie sind nicht nur Belege, sondern selbst historische Objekte. Sie dokumentieren nicht nur – sie tragen Geschichte in sich.
Problematisch wird es dort, wo zwar eine Momentaufnahme existiert, die Beweiskette jedoch Lücken aufweist, die sich nicht mehr schließen lassen. Dennoch gelten Fotografien als wertvolle Impulsgeber: Mitunter lässt sich anhand eines einzigen Bildes eine ganze Epoche beleuchten – abhängig davon, aus welcher Perspektive es entstanden ist.
Denn jeder Fotograf bringt seine subjektive Wahrnehmung in das Bild ein. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird untersucht, welche nicht-subjektiven Informationen ein Foto dennoch preisgibt.[6] Man darf also nicht unterschätzen, was so ein Foto preisgeben kann.
Die Kehrseite der Spurensuche
Und manchmal bleibt am Ende genau das: eine Spur, eine Ahnung, ein Name auf der Rückseite. Nicht jede Geschichte lässt sich vollständig erzählen. Aber jede bewahrte Fotografie widersetzt sich dem Vergessen.
Vielleicht liegt genau darin ihr größtes Potential.-
[1] Vgl. Agnes Matthias. »What do photographs do to history?« Überlegungen zu Fotografie und Provenienzforschung, in: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Hrsg.), Provenienz und Forschung. Fotografien, 2023, S.9
[2] Buchsteiner, Jochen. Wir Ostpreußen. Eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte, dtv. Verlag 2025, S.31ff
[3] Lexikon der Fotografen – http://www.fotorevers.eu – fotorewers, fotorevers, Thiel-Melerski | Berufsfotografie, Revers, Avers, Fotografie, Jugendstil, Litografie, Thiel-Melerski (abgerufen am 29.10.2025)
[4] [4] Prekul, Jörn. Victor Moslehner – Technik und Kunst, in: Preussen Kurier. Heimatnachtrichten für Ost- und Westpreussen in Bayern. Weihnachtsausgabe 2023, 14. Jahrgang, S. 46
[5] Ebd.
[6] dfa.photography/curator/agnes-matthias (abgerufen am 5.11.2025)
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