Monheimer Kirchenarchiv: Facelifting für das alte Wissen

Botox oder besser gesagt, Botulinumtoxin A, ist das bekannte Nervengift, das seine häufigste Anwendung in der Neurologie findet. Es wirkt u.a. gegen Bewegungsstörungen, Schiefhals, Schwitzen, Muskelzittern, Spasmen etc. So steht es jedenfalls im Internet.

Durch unsere Mimik werden wir alt – das Papier auch

In der Allgemeinheit findet Botox allerdings Anwendung gegen die natürlichen Alterungsprozesse in unserem Gesicht, mit denen wir uns nicht anfinden wollen. Übermäßige Aktivität ist der Killer jeder natürlichen Schönheit und jeder, der kann, soll möglichst jede Mimik vermeiden (weil sonst alt), oder aber beim Doktor des Vertrauens den Weg zur Spritze nicht zu scheuen. Die Injektionstechnik, so stehts geschrieben, „ermöglicht dem Behandler ein gezieltes Arbeiten ohne diffuse Streuung des Medikaments in den benachbarten Gesichtsstrukturen.“ Diese gilt für unsere beliebten Krähenfüße, Stirnfalten, die früher als intellektuell galten und die berühmte Zornesfalte über die sogar einen Filmtitel entstand (Triangel of Sadness). Wohl dem Doktor, der sein Handwerk zu verstehen weiß.

Beginn des Faceliftings @ Bildrechte Marion Rissart

Lifting gegen Papierhautfalten

Wir vom Kirchenarchiv Monheim betreiben in unserer Eigenschaft als Bewahrer des alten Wissens ebenfalls Schönheitschirurgie. Allerdings applizieren wir keine Spritze in Papierhautfalten, sondern bevorzugen mehr das sogenannte Lifting.  Dazu muss man wissen, dass wir Menschen daran schuld sind, indem wir das glatte Papier überdehnen. Dadurch erschlafft das Bindegewebe und fräst sowie wegen jahrhundertelang schlechter Behandlung tiefe Gräben in die Papierhaut ein. Im Großen und Ganzen sehen diese Dokumente ähnlich vergleichbar aus, wie nach ständig durchzechten Nächten. Na denn Prost!

Faltig wie die Schachtel sie schuf. Übrigens: Wer kann die Schrift lesen? @Bildrechte Marion Rissart

Faltig in der kleinsten Hütte

Das Kirchenarchiv Monheim verfügt zu. Beispiel über eine alte Urkunde aus dem Jahre 1585 (vermutlich aus dem Truchsessischen Krieg) Nach dem Motto: Platz findet sich in der kleinsten Hütte lagerte das alte Schätzchen, gefühlt 70-fach zusammengefaltet, Jahrzehnte in einer Schachtel. Wer schon mal einen alten, zwischen Schubladen eingeklemmten Stadtplan fand, der weiß, wovon ich rede.

Hier die Übersetzung @ Bildrechte Marion Rissart

Falzen statt Knicken ist angesagt

Nun gehört zu unserem Großprojekt „Aktion säurefreie Behälter“ auch die Sicherung bzw. Wahrung dieses Oldies. Zunächst geht es an das Scannen dieses einzigartigen Dokuments im Stadtarchiv Monheim, das über einen Spezial-Scanner verfügt.  Digitale Sicherung ist schließlich angesagt. Dann zurück zum Kirchenarchiv, wo unser Archivar Hans Thielen zeigen kann, was ein Buchbinder auf die Schnelle draufhat. Die alte Urkunde wird glatt auf eine Hälfte säurefreie Pappe gelegt. Der andere Teil der Pappe lappt über den Tisch. Mit einem Falzbein machen wir das was Buchbinder „Falzen statt Falten“ nennen. Das Falzbein besteht aus einer Seite mit zusammenlaufenden Kanten und einer stumpfen Spitze. Die andere Seite ist abgerundet und ein wenig abgeflacht. Die über den Tisch hängende Seite wird jetzt an der Tischkante gerillt, statt geknickt, d.h.  die Spitze des Falzbeins wird bewusst in die Pappe gedrückt, um eine vorgezeichnete Spur zu vertiefen und die Pappe nicht zu verletzen.

Wellness zwischen Papiertoastscheiben

Das Ergebnis ist, dass unsere über 500 Jahre alte Urkunde sich quasi wie die Käse-Beilage eines Sandwich zwischen zwei säurefreien Papiertoastscheiben ausbreitet und endlich mal richtig entspannen kann, statt wie sonst sich das Papierrückgrat zu krümmen.

Selbst das zerbrochene Siegel darf sich entspannen @Bildrechte Marion Rissart

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