Ein Blick hinter die Kulissen der Archivarbeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Dieser Beitrag entstand ursprünglich nach einem Besuch im Monheimer Kirchenarchiv im Juni 2023.
Anlässlich des Tags der Archive am 7. März und eines erneuten Besuchs im Landesarchiv NRW im Januar 2026 habe ich ihn noch einmal überarbeitet und ergänzt.
Im Januar 2026 ergab sich die Möglichkeit, hinter die Kulissen des Landesarchivs NRW zu schauen – ein Besuch, der mich an meine Arbeit im Monheimer Kirchenarchiv zwei Jahre zuvor erinnerte.
Archive wirken nach außen oft still, doch ohne ihre Arbeit gäbe es keine überprüfbare Geschichte. Jede Urkunde, jede Akte und jedes Kirchenbuch ist ein kleines Gedächtnis einer Gesellschaft – und muss ständig gepflegt werden, damit Vergangenheit überhaupt lesbar bleibt. Deswegen bedarf einer ständigen Rundumerneuerung.

Was passiert eigentlich in einem Archiv?
Botox oder besser gesagt, Botulinumtoxin A, ist das bekannte Nervengift, das seine häufigste Anwendung in der Neurologie findet. Es wirkt u.a. gegen Bewegungsstörungen, Schiefhals, Schwitzen, Muskelzittern, Spasmen etc. So steht es jedenfalls im Internet.
Durch unsere Mimik werden wir alt – das Papier auch.
In der Allgemeinheit findet Botox allerdings Anwendung gegen die natürlichen Alterungsprozesse in unserem Gesicht, mit denen wir uns nicht anfinden wollen. Übermäßige Aktivität ist der Killer jeder natürlichen Schönheit und jeder, der kann, soll möglichst jede Mimik vermeiden (weil sonst alt), oder aber beim Doktor des Vertrauens den Weg zur Spritze nicht zu scheuen. Die Injektionstechnik, so stehts geschrieben, „ermöglicht dem Behandler ein gezieltes Arbeiten ohne diffuse Streuung des Medikaments in den benachbarten Gesichtsstrukturen.“ Diese gilt für unsere beliebten Krähenfüße, Stirnfalten, die früher als intellektuell galten und die berühmte Zornesfalte, über die sogar einen Filmtitel entstand (Triangel of Sadness). Wohl dem Doktor, der sein Handwerk zu verstehen weiß.
Lifting gegen Papierhautfalten
Die Leute vom Kirchenarchiv Monheim betreiben in ihrer Eigenschaft als Bewahrer des alten Wissens ebenfalls Schönheitschirurgie. Allerdings applizieren sie keine Spritze in Papierhautfalten, sondern bevorzugen mehr das sogenannte Lifting. Dazu muss man wissen, dass wir Menschen daran schuld sind, indem wir das glatte Papier überdehnen. Dadurch erschlafft das Bindegewebe und fräst sowie wegen jahrhundertelang schlechter Behandlung tiefe Gräben in die Papierhaut ein. Im Großen und Ganzen sehen diese Dokumente ähnlich vergleichbar aus, wie nach ständig durchzechten Nächten. Na denn Prost!

Platz fand sich (leider) in der kleinsten Hütte
Das Kirchenarchiv Monheim verfügt zum Beispiel über eine alte Urkunde aus dem Jahre 1585 (vermutlich aus dem Truchsessischen Krieg). Nach dem Motto: Platz findet sich in der kleinsten Hütte lagerte das alte Schätzchen, gefühlt 70-fach zusammengefaltet, Jahrzehnte in einer Schachtel. Wer schon mal einen alten, zwischen Schubladen eingeklemmten Stadtplan fand, der weiß, wovon ich rede.

Falzen statt Falten ist angesagt
Als ich in den Regalen des Landesarchiv schaute, stellte ich fest, dass auch nicht viele Akten in den säurefreien Behältern lagern. Als ich damals im Kirchenarchiv am Großprojekt: „Aktion säurefreie Behälter“ wirkte, weiß, was für eine Arbeit das ist. Dann geht, es ähnlich wie im Landesarchiv zur Sicherung bzw. Wahrung der richtigen Oldies. Zunächst geht es an das Scannen dieses einzigartigen Dokuments im Stadtarchiv Monheim, das über einen Spezial-Scanner verfügt. Digitale Sicherung ist schließlich angesagt. Dann zurück zum Kirchenarchiv, wo der Archivar Hans Thielen zeigen kann, was ein Buchbinder auf die Schnelle draufhat. Die alte Urkunde wird glatt auf eine Hälfte säurefreie Pappe gelegt. Der andere Teil der Pappe lappt über den Tisch. Mit einem Falzbein machen wir das was Buchbinder „Falzen statt Falten“ nennen. Das Falzbein besteht aus einer Seite mit zusammenlaufenden Kanten und einer stumpfen Spitze. Die andere Seite ist abgerundet und ein wenig abgeflacht. Die über den Tisch hängende Seite wird jetzt an der Tischkante gerillt, statt geknickt, d.h. die Spitze des Falzbeins wird bewusst in die Pappe gedrückt, um eine vorgezeichnete Spur zu vertiefen.

Falzen statt Knicken ist angesagt
Nun gehört zu unserem Großprojekt „Aktion säurefreie Behälter“ auch die Sicherung bzw. Wahrung dieses Oldies. Zunächst geht es an das Scannen dieses einzigartigen Dokuments im Stadtarchiv Monheim, das über einen Spezial-Scanner verfügt. Digitale Sicherung ist schließlich angesagt. Dann zurück zum Kirchenarchiv, wo unser Archivar Hans Thielen zeigen kann, was ein Buchbinder auf die Schnelle draufhat. Die alte Urkunde wird glatt auf eine Hälfte säurefreie Pappe gelegt. Der andere Teil der Pappe lappt über den Tisch. Mit einem Falzbein machen wir das was Buchbinder „Falzen statt Falten“ nennen. Das Falzbein besteht aus einer Seite mit zusammenlaufenden Kanten und einer stumpfen Spitze. Die andere Seite ist abgerundet und ein wenig abgeflacht. Die über den Tisch hängende Seite wird jetzt an der Tischkante gerillt, statt geknickt, d.h. die Spitze des Falzbeins wird bewusst in die Pappe gedrückt, um eine vorgezeichnete Spur zu vertiefen und die Pappe nicht zu verletzen.



Wellness zwischen Papiertoastscheiben
Wellness zwischen Papiertoastscheiben
Das Ergebnis ist, dass unsere über 500 Jahre alte Urkunde sich quasi wie die Käse-Beilage eines Sandwich sich zwischen zwei säurefreien Papiertoastscheiben ausbreitet und endlich mal richtig entspannen kann, statt wie sonst sich das Papierrückgrat zu krümmen.
Vielleicht ist Archivarbeit deshalb weniger Vergangenheit als Zukunftsarbeit. Denn was heute sorgfältig bewahrt wird, entscheidet darüber, was morgen noch erinnert werden kann.

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