Was Alice Schwarzer mit der To-Do-Liste von Dienstmädchen zu tun hat?

War Alice Schwarzer, bekannte Publizistin und Frauenrechtlerin, etwa schon Vorkämpferin für die Rechte von Dienstmädchen im 19. Jahrhundert? Zwar haben wir den Eindruck, als hätte sie sich schon ewig für die Frauenrechte stark gemacht, aber so alt ist sie denn doch nicht;-)

Kaum Rechte- aber eine Menge Pflichten

Als die jungen Mädchen vom Lande damals in „Stellung gingen“, wie man so schön sagte, gab es kaum Rechte für sie. Die preußische Gesindeordnung von 1810 legte vielmehr fest, was Dienstboten im Allgemeinen und Stubenmädchen insbesondere zu leisten hatte. Und zwar sich komplett dem Haushalt zur Verfügung zu stellen. Ausgang gab es üblicherweise alle 14 Tage, der allerdings wegen besonderer Vorkommnisse aufgehoben werden konnte. Heute kaum vorstellbar, aber die Herrschaft durfte an den jungen Bauernmädchen ihr Züchtigungsrecht ausüben. Gleichwertiges Arbeitsverhältnis? Keine Spur.

Totale Unterordnung gesucht

Gesucht wurden deshalb willfährige Mädchen, die laut Zeitungsannoncen treu, fleißig, sittlich, bescheiden, reinlich, ordentlich und tüchtig zu gelten hatten. Die jungen Frauen konnte jeder dieser Eigenschaften gut gebrauchen, denn die Arbeit im Haushalt war in der Regel ein Knochenjob. Schlimmer noch, sie fand nie ein Ende. 

Tägliche Plagerei

Die Schufterei fing in der Regel im Morgengrauen an, wenn die Herrschaften noch schliefen. Öfen richten, Wasser (heißes wohlgemerkt) zum Waschen auf die Zimmer bringen, Frühstück vorbereiten, Mahlzeiten servieren, abräumen, spülen, putzen. Zwischenzeitlich Pflichten wie Silber putzen, Nähen, Einkäufe erledigen, Teppiche klopfen und Botengänge erledigen – und was der Hausfrau sonst noch einfiel.

Gab es kein Kindermädchen im Hause, durfte das Dienstmädchen nachmittags mit den Kindern des Hauses spazieren gehen, wobei die Herrschaften ihr die Ausfahrt praktischerweise als „Freizeit“ anrechneten.

Alice Schwarzer als Au Pair mit Familienanschluss

Doch zurück zu Alice Schwarzer. Was hat das alles mit ihr zu tun? Was viele nicht wissen, Schwarzer war Au-Pair in der französischen Hauptstadt. Wie viele Landmädchen hundert Jahre zuvor sich nach einem besseren Leben in der Stadt sehnten, so träumte in den 60er Jahren ganz Paris nicht nur von der Liebe, sondern viele deutsche Mädchen von einem neuen Leben im Ausland. 

Auch Alice Schwarzer gehörte zu dieser neuen Generation des Aufbruchs und arbeitete im Herzen Paris bei einer Familie für Taschengeld und Logis. Ihr obliegt die Betreuung der drei Kinder. Spülen, abräumen, bügeln mit Sprachschule inklusive bestimmen zusätzlich ihr eng getaktetes Leben.

Ständige Schikanen von Madame 

Trotz der Arbeit könnte es ein angenehmes Leben sein, wenn nicht die Art der Stellung und die ständigen Schikanen von „Madame“ ein wenig an die einer Hausherrin vor 100 Jahren erinnern würden. (Zum Glück gibt es keine Nachstellungen vom Hausherrn, aber das ist ein anderes Thema)

Der Kragen platzt Schwarzer, als Madame ihr beim Müll raustragen „elendes Nazi-Weib“ hinterher ruft. Es muss etwas geschehen. Und zwar sofort.

Mit Selbstbewusstsein in eine neue Stelle

Anders als die Dienstmädchen besitzt Schwarzer das Selbstbewusstsein und die Chuzpe, sofort zum Vermittlungsbüro zu gehen und sich ein neues Zimmer zu besorgen.  Diese harrten aus, bis sich eine neue (bessere?) Stellung oder einen Ehemann fand. Und im Gegensatz zu Schwarzer mussten sie bei einem neuen Dienstherrn ihr Gesindebuch und Zeugnisse vorlegen, wo die frühere Hausherrin Arbeitsweise und Verhalten bewertet hatte. Kein Wunder, dass die Dienstmädchen in den Vermittlungsbüros ihre Zeugnisse „verschwinden“ ließen.

Und für Schwarzer? Eine Versorgungsheirat wäre wohl in den 60ern des 20. Jahrhunderts kein Thema für sie;-) Und ihr Gesindebuch? Das hätte sie nicht unterschlagen, sondern nebst Zeugnisse vor Madames Augen zerrissen. Wetten?

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