Als Marlene Dietrich 1960 nach Düsseldorf kam – und nicht überall willkommen war

Eine Diva zwischen Bewunderung und Ablehnung

Vor wenigen Tagen stand ich erneut in der Lobby eines traditionsreichen Hotels in München. Gegenüber der Rezeption hing noch immer das große Tourneeplakat von Marlene Dietrich. Es zeigt sie in ihrem berühmten Schwanenmantel und kündigt einen Gala-Abend ihrer Deutschlandtournee 1960 an.

Zum ersten Mal war ich 2022 dort. Damals machte mich der Hotelier auf das Plakat aufmerksam. Er erzählte mir, dass dieses Exemplar mit dem Veranstaltungsbanner am unteren Rand nach seinem Wissen das einzige seiner Art sei. Im selben Gespräch berichtete er mir auch von einer persönlichen Begegnung mit Marlene Dietrich. Seine Ausbildung hatte er – wie es sich für einen Hotelier alter Schule gehörte – in Paris absolviert. Dort sah er die Dietrich noch einmal, als sie bereits zurückgezogen lebte und fast unbeachtet im Rollstuhl durch die Straßen geschoben wurde.

Als ich nun wieder vor dem Plakat stand, musste ich unwillkürlich an ihren Besuch in Düsseldorf denken. Dort war sie am 16. Mai 1960 Weltstar – und für manche noch immer eine Verräterin.

Als Marlene Dietrich am 16. Mai 1960 nach Düsseldorf kam, war sie einer der größten Film- und Chansonstars der Welt. Doch fünfzehn Jahre nach Kriegsende war sie für viele Deutsche noch immer eine Verräterin. Während Fans vor ihrem Hotel laut ihren Namen riefen, spuckte ihr eine 18-Jährige beim Verlassen des Hotels ins Gesicht und beschimpfte sie als „Vaterlandsverräterin“, nachdem sie zuvor vergeblich versuchte hatte, der Diva die Stola vom Hals zu reißen. Kaum ein Besuch zeigt deutlicher, wie gespalten die Stimmung im Nachkriegsdeutschland noch war.[1]

Die Kritiker überschlugen sich förmlich und registrierten selbst die kleinsten Details ihres Auftritts. Bei ihrer Ankunft auf dem Düsseldorfer Flughafen trug Marlene Dietrich einen weißen Topfhut zu einem schlichten grauen Schneiderkostüm. Die Zigarette lässig in der weißbehandschuhten Hand haltend, beantwortete sie auf der anschließenden Pressekonferenz in einem Düsseldorfer Hotel die Fragen der Journalisten. Ihre Stimme klang müde und angeraut. Wie immer mit preußischer Haltung bemühte sie sich, sich nichts anmerken zu lassen. Dennoch war ihr der Kummer über die schlechte Presse und den schwierigen Verlauf ihrer Deutschland-Tournee anzusehen. Den Vorwurf der hohen Eintrittspreise – immerhin bis zu 100 Mark – schob sie, sie übereinander geschlagenen Beinen, eine Zigarette in der weißbehandschuhten rechten Hand, ihren Agenten und Veranstaltern zu. Es war für mich unbegreiflich, dass ich teurer als etwa die Callas bin“, sagte sie und erklärte, dass von dem Eintrittsgeld ihre hochkarätigen Musiker bezahlt werden mussten.[2]

Marlene Dietrich bei ihrer Ankunft in Düsseldorf am 16. Mai 1960. Die Rheinische Post zeigte sie mit dem charakteristischen Topfhut, der auch in den Presseberichten erwähnt wurde.

Marlene Dietrich und das schwierige Verhältnis zu Deutschland

Doch die Eintrittspreise waren nicht das eigentliche Problem.

Wir schrieben das Jahr 1960, und an Marlene Dietrich schieden sich noch immer die deutschen Geister. Ihre klare Haltung gegen das NS-Regime, ihr Leben in den USA und ihre amerikanische Staatsbürgerschaft machten sie für viele bis heute zur „Vaterlandsverräterin“.

Jubel vor dem Hotel – und eine Spuckattacke

Vor ihrem Düsseldorfer Hotel hatten sich zahlreiche Fans versammelt und skandierten laut ihren Namen. Die Dietrich ließ sich nicht lange bitten, trat ans Fenster und ließ durch einen Pagen die von ihr unterschriebenen Autogrammbücher zurückbringen.Kurz darauf verließ sie das Hotel, um zu ihrem Auftritt zu fahren.In diesem Moment spuckte ihr eine 18-jährige Düsseldorferin ins Gesicht und bezeichnete sie als „Vaterlandsverräterin“.

Kühl und gelassen

Die Dietrich reagierte erstaunlich ruhig auf den Vorfall. Auf Nachfrage erklärte sie lediglich, sie bedaure, dass sie vor dem Auftritt keine Zeit mehr gefunden habe, mit dem verwirrten Mädchen zu sprechen. Sie habe ihr längst verziehen. Lapidar fügte sie hinzu: „Die Jugend ist auf der ganzen Welt verwirrt.“[3]

Der berühmte Schwanenmantel gehörte auch bei ihrem Düsseldorfer Gastspiel zur Bühnengarderobe. Hier im Tuschinski Theater in Amsterdam, 28.05.1960, ©Fotograf Henk Lindebom, Nationaal Archief

Der Abend gehörte Marlene

Danach konzentrierte sie sich auf das, was sie am besten konnte. Wie schon bei den anderen Konzerten ihrer Tournee trug sie ihr berühmtes, Strass übersäte, hautenge Kleid und darüber den legendären Pelzmantel aus den Brustdaunen von rund 300 Schwänen. . Flankiert von ihren besten musikalischen Hilfstruppen (das Aimé Barelli-Orchester, der erfolgreiche Pianist und Komponist Burt Bacharach sowie Joe Priviteer für die Beleuchtung), gab die Dietrich sich die Ehre und hofierte das Düsseldorfer Publikum. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ zurück in die verruchte Welt des Blauen Engels. Gassenhauer, Chansons, Sentimentales, Freches und Ordinäres – Marlene zog ihr Publikum scheinbar mühelos in ihren Bann. [4] Schon in den vorherigen Konzerten ergingen sich die Reporter in epischer Breite über ihre Garderobe. So schwärmte bereits der Autor später im »Badischen Tagblatt« von ihrer diamantfunkelnden Robe, die von dem weißen Schwanenpelz als Blütenkelch umschlossen wurde.[5]

Längere Beine als die „knackfrischen Dinger“

Später verschwand sie hinter der Bühne und erschien im Frack und Zylinder zwischen ihren Revue-Girls. Der Reporter der Westdeutschen Zeitung meinte anschließend augenzwinkernd, sie habe ihre Beine „zehn Zentimeter höher als die jungen, knackfrischen Dinger“ geworfen. Das Düsseldorfer Publikum dankte es ihr mit langanhaltenden Ovationen und Rufen nach einer Zugabe.[6]

Marlene Dietrich im Frack und Zylinder während ihrer Europa-Tournee 1960. Wenige Tage zuvor hatte sie mit diesem Programm auch das Düsseldorfer Publikum begeistert,© Fotograf Henk Lindeboom Nationaal Archief

Düsseldorf war nur eine Station

Trotz des Erfolgs sollte dies ihre letzte große Deutschland-Tournee bleiben. Das schwierige Verhältnis zwischen Marlene Dietrich und ihrem Heimatland änderte sich nicht mehr grundsätzlich.

Von Düsseldorf nach Israel

Nur wenige Wochen später reiste Marlene Dietrich nach Israel.. In ihrer Heimat als Verräterin beschimpft, stand sie gleichzeitig für diese ein, als sie sich in Israel weigerte, auf Englisch oder Französisch zu singen. Ihre Muttersprache sei nicht Sprache des Herrn Hitler, sondern die von Goethe und Heine.[7] Damit ging sie ein Risiko ein. Erst zwei Wochen zuvor war ein Konzert mit Werken Gustav Mahlers in deutscher Sprache auf heftigen Widerstand gestoßen. Doch Marlene Dietrich blieb bei ihrer Haltung. Das Publikum in Jerusalem jubelte, weinte und verlangte ihre Lieder aus der Weimarer Zeit. Selbst als sie „Lili Marleen“ sang, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Der Satiriker Ephraim Kishon kommentierte die Begeisterung seiner Landsleute bissig als „ein Nazi-Lied von einer deutschen Sängerin – auf allgemeines Verlangen“.[8]

Gerade darin zeigt sich die Widersprüchlichkeit dieser außergewöhnlichen Frau. In Deutschland wurde sie als Verräterin beschimpft, während sie im Ausland für die deutsche Sprache und Kultur eintrat. Ihr Besuch in Düsseldorf erzählt deshalb weit mehr als die Geschichte eines Konzerts. Er macht sichtbar, wie schwer sich die Bundesrepublik fünfzehn Jahre nach Kriegsende noch mit ihrer Vergangenheit tat – und wie kompliziert Erinnerung, Versöhnung und Heimat sein können.

Frack, Zylinder und weiße Nelke – mit diesem Auftritt verabschiedete sich Marlene Dietrich regelmäßig von ihrem Publikum während der Europa-Tournee 1960. Foto: Nationaal Archief / Inez van’t Hoff.

Wer sich für das kulturelle Düsseldorf der Nachkriegszeit interessiert, findet auf diesem Blog weitere Geschichten über Persönlichkeiten, die das kulturelle Leben der Stadt prägten – etwa über den Schauspieler Paul Henckels, der als Professor Bömmel aus der Feuerzangenbowle berühmt wurde und eng mit Düsseldorf verbunden war.


[1] Marlene, Mob und kleine Mädchen. Handgemenge in Düsseldorf – in Wiesbaden Plakat überklebt, in: Saarbrücker Zeitung vom 19.05.1960

[2] Marlene: Publikum ja – Presse nein, in Frankfurter Rundschau vom 17.05.1960

[3] Michael, Sabine. Marlene in München. Ich bin nicht so dramatisch, in: Abendzeitung vom 27.05.1960

[4] Vgl. Salmony, George:Das Wunder der Marlene. Die Dietrich erobert München, in: Süddeutsche Zeitung, 30.5.1960 

[5] Vgl.Marlene Dietrich im Badener Kurhaus stürmisch gefeiert, in: Badisches Tagblatt. 24.5.1960. Abgerufen unter: http://www.bad-bad.de/gesch/marlene-dietrich.htm (abgerufen am 22.11.2022)

[6] Halbstunden Ovationen für Marlene. Das Dietrich-Gastspiel im Düsseldorfer Schauspielhaus, in: Westdeutsche Zeitung vom 18.05.1960

[7] Rau, Fritz: Start Marlene Dietrich Deutschland Tournee, in: MDR, 30.5.1960 (abgerufen am 22.11.2022)

[8] Ebd.

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