NSDAP in der Familie: Was wir herausfinden – und was es mit uns macht

„War Opa ein Nazi?“ scheint momentan in aller Munde zu sein. Mussten wir noch bis vor wenigen Monaten „mühsam“ einen Antrag beim Bundesarchiv stellen, um Auskunft über die Mitgliedschaft in der NSDAP zu erhalten, ist die Suche nach der Parteimitgliedschaft um einiges leichter geworden. Der Grund: die Veröffentlichung von rund acht Millionen Mitgliederkarteikarten im US-Nationalarchiv

Eine Karteikarte überlebt

Die schlichte Tatsache, dass die Amerikaner im Besitz dieser Karten waren – und das schon seit 1945 –, hatte bis dato nur wenige interessiert. Die Geschichte in Kurzform: Am 18. April 1945 hatten SS-Leute die Aufgabe, über zehn Millionen Karteikarten in die Münchner Papiermühle Josef Wirth zu bringen, um sie vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen zu vernichten. Der Müller, Hans Huber, merkte schnell, welchen historischen Wert er da vernichten sollte. Allerdings gab er – wohl auch aufgrund seines familiären Hintergrundes – nicht mehr viel auf die Kommandos der altgedienten Schergen. Also versteckte er die Papiere unter Altpapier, harrte der Dinge, die mit den Alliierten kommen sollten, und tauchte im Mai ’45 mit drei Säcken Mitgliederkarten im Schlepptau im Büro des amerikanischen Stadtkommandanten von München auf.[1]

Hitlerjunge mit Gewehren. Einige von ihnen traten später in die NSDAP ein. Ohne ihr Wissen? Bildnachweis: Niederländisches Staatsarchiv

Prominente – und viele andere

Schon früh grub der Historiker Malte Herwig politische Prominenz des neuen Deutschlands aus, die Parteimitglieder geworden waren – teilweise angeblich ohne ihr Wissen: Hans-Dietrich Genscher, Horst Ehmke und Erhard Eppler; der Soziologe Niklas Luhmann, der Dramatiker Tankred Dorst, der Kabarettist Dieter Hildebrandt, die Schriftsteller Erich Loest, Siegfried Lenz und Martin Walser; der Journalist Peter Boenisch, der Rhetoriker Walter Jens, der Komponist Hans Werner Henze sowie Hilmar Hoffmann, ehemaliger Präsident des Goethe-Instituts. Männer, die sich um Demokratie und ihre Werte verdient gemacht haben – was die spätere gesellschaftliche Brisanz umso größer erscheinen lässt.[2]

Andere, nicht prominente Mitglieder verschwiegen ihren Parteieintritt ebenso wohlweislich – und sagten auch nichts, wenn Familienangehörige die Mär vom „gezwungenen Eintritt“ weiter sponnen. Einer der besten Treppenwitze der Ahnenforschung ist der, dass Vati eintreten musste, als die halbe Stadt schon mit dem Parteiabzeichen herumlief – und der Sohn oder Enkel dann auf dem Speicher in einer Truhe herumkramt und das Parteibuch findet, mitsamt Eintrittsdatum von 1932. Soso.

Eigene Funde

Ich kam schon früh mit den Mitgliedskarten in Kontakt, da ich den Antrag beim Bundesarchiv gestellt hatte. Bei meinem Urgroßvater überraschte es mich nicht – das hatte ich geahnt. Bei einem anderen allerdings doch. Als ich nun auf den US-Server zugriff (klappte bei mir noch ganz gut), entdeckte ich weitere Karten mit familiärem Bezug.

Dass das Sein oder Nicht-Nazisein nachfolgende Generationen immer noch interessiert, zeigt sich auch daran, dass der US-Server derzeit unter der Last der Neugierde zusammenbricht.[3] Dabei ist nicht allein die Tatsache wichtig, ob und wann Großväter oder Urgroßväter eintraten, sondern auch unsere Reaktion darauf, wenn wir es wissen.

Geschichten, die wir uns erzählen

Schon als ich früher von meinen Forschungen erzählte, war ich erstaunt über manche Reaktionen. Zunächst gab es verblüfftes Schweigen. Dann:

„Der war bestimmt nicht in der Partei.“
„Der hätte so etwas nie getan.“
„Der musste eintreten – das ging nicht anders.“

Sätze, die wir alle kennen.

Eine Bekannte war überzeugt, ihr Großvater könne kein Parteimitglied gewesen sein – allein schon deshalb, weil er keinen hohen Posten in seiner Firma bekleidet habe. Als ich ihren Vater darauf ansprach, schüttelte dieser nur den Kopf und sagte leise: „Es war schwer.“

In der Partei waren viele und wollten es doch nicht gewesen sein. Bildnachweis: via wikipedia commons

Unser Dilemma

Und es sagt viel über uns aus. Zum einen, weil wir vor einem Dilemma stehen. Denn auch wenn wir die Taten dieser Zeit und des Regimes verachten, wurden sie nicht von abstrakten Wesen begangen, sondern von Menschen – auch aus unserer eigenen Sippe. Und eine Sippe, auch wenn wir sie nicht mehr genau kennen, wiegt bis heute schwer.

Zum einen dürfen wir nicht vorschnell das Fallbeil über sie schwingen, eben weil sie tot sind und sich nicht mehr wehren können. Zum anderen dürfen wir nichts relativieren. Betrug die Mitgliederzahl am Stichtag (01.01.1935) 2.493.890 Personen, so schoss die Zahl nach der kurzfristigen Aufhebung der Sperre 1937 auf zuletzt 8,5 Millionen Mitglieder.[4] Diese Mitglieder haben das Regime durch ihren Eintritt umso fester etabliert.

Der Alltag jener Zeit war dabei oft geprägt von Strukturen, die wir heute nur noch schwer nachvollziehen können – ähnlich wie in Bereichen der damaligen Lebensmittelversorgung

Widerspruch aushalten

Was will ich damit sagen? Dass wir neben unserer Neugier, es wissen zu wollen, auch unsere Reaktion darauf betrachten sollten. Auch ich habe bei mancher Karteikarte ungläubig die Augen gerieben. Gleichzeitig wollte ich mich nicht unbewusst in Dementis ergehen und Rechtfertigungen aussprechen, die ich ohnehin nicht beweisen kann. Vielleicht ist es das Beste, den Widerspruch auszuhalten.

Ein gutes Beispiel ist der Schriftsteller Erich Loest, bei dem der Forscher Malte Herwig entdeckte, dass auch er das Parteiabzeichen getragen hatte. Der damals 85-Jährige widersprach nicht – wie viele andere –, obwohl er sich an den Eintritt nicht erinnern konnte. Aber er stand zu dem, was er mit 18 Jahren unterschrieben hatte, und sagte sachlich: „Dieser Fakt ist in meinem Lebenslauf nachzutragen.“[5][6]

Wahrheit und Erinnerung

Altbundeskanzler Helmut Schmidt (kein Parteitmitglied) antwortete auf die Frage, warum so viele prominente Politiker ihre Mitgliedschaft nicht wahrhaben wollten, mit den Worten: „Tell a lie and stick to it – wenn man einmal gelogen hat, fällt es schwer, später mit der Wahrheit herauszukommen.“

Genauso wie wir heute mit der Unzulänglichkeit unserer Vorfahren leben müssen, mussten auch sie mit ihrer Ambivalenz in der NS-Zeit und dem Danach leben.

Ergänzend lohnt sich auch ein Blick auf die Entnazifizierungsakten, die zeigen, wie nach 1945 mit Schuld, Verantwortung und Neubeginn umgegangen wurde.


[1] Vgl. Herwig, Malte: Die Flakhelfer. Eine gebrochene Generation. Deutsche Verlagsanstalt München, 2013. S. 34-37

[2] Vgl. Jung, Irene. NSDAP Mitgliedschaft – die Sache mit dem Eintritt, in: Das Hamburger Abendblatt vom 02.07.2013

[3] NSDAP-Mitglieder-Dateien erstmals online: War Opa Nazi? – Kultur – SZ.de (abgerufen am 22.03.2026)

[4] Vgl. Benz, Wolfgang (Hrsg.). Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt am Main 2009, S.16

[5] Herwig, Malte, S. 85

[6] Vgl. Jung, Irene

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑