Wenn der Frosch aus dem Nebel kommt: Eine Liebeserklärung an German Grusel

Warum Nebel bei mir das Kopfkino startet

Keine Ahnung, warum mich der Nebel so fasziniert. Oder doch? Nebel hat meiner Meinung nach eine ähnliche Wirkung wie das Wattenmeer. Dadurch, dass wir weniger sehen können, sind unsere Sinne aufs Äußerste gespannt. Nebel, der aus den Senken herauskriecht, wie der weiße Dampf aus einem Kochkessel und hinaufsteigt. Das Einzige, was noch zu erkennen ist, sind die Baumwipfel, deren blattloses Geäst sich wie dunkle Gerippe in der Helligkeit ausmacht. Paradoxerweise wirken auf uns Gegenstände oder auch Personen in greifbarer Nähe in gewisser Weise pythonesk. Scharf umrandete Konturen tauchen vor unseren Augen auf, die geradezu hyperreal wirken, während andere Gestalten weiter entfernt seltsam konturlos wirken, als wären sie sich aus der realen Welt vom Nebel verschluckt worden.

Winternebel über dem Kittelbach, ©Marion Rissart

Wenn Hesse recht hat und jeder Busch plötzlich solo unterwegs ist

Hermann Hesses Nebel Gedicht passt hierzu, wo er schreibt, kein Baum würde den andern sehen und jeder ist allein.

                             

Nebel über dem See, ©Niederländisches Staatsarchiv

Tröpfchenphysik für Leute, die eigentlich nur gruseln wollten

Ruft man die Seite des Wetterdienstes auf, so klärt sie auf, dass Nebel durch feine, durch Kondensation entstandene Wassertröpfchen entstehen, die in der Atmosphäre verteilt sind und dadurch für eine Trübung der Sicht sorgen. Dabei handelt es sich um ein Aerosol, also ein Gemisch aus einem Gas und Schwebeteilchen. Die Zusammensetzung des Nebels entspricht demnach der der Wolken und unterscheidet ihn von diesen nur insofern, dass er Bodenkontakt hält. Von Nebel wird erst dann gesprochen, wenn die Sichtweite unter einem Kilometer liegt. Bei einer Sicht bis zu vier Kilometern handelt es sich um Dunst, der weniger dicht ausfällt.[1] Doch das ist Wissenschaft, der Nebel macht mehr mit uns, als wir meinen.

Nebel in Haarlem, ©Niederländisches Staatsarchiv

Mythologie-Express: Von Nebelgöttinnen bis Zwischenwelten-Chaos

Denn der Nebel in vielen Kulturen ein Zeichen für Unsicherheit, Geheimnis, Gratwanderungen in den Zwischenwelten, in denen wir uns befinden. In der nordischen Mythologie haben Menschen Prüfungen zu bestehen. Bei den Griechen gab es Nephele, die Wolkengöttin, die mit dem König der Lapithen, Ixion, Kentaurus zeugt, eine Mischung aus Menschen und Pferd. Nebel inspiriert nicht nur für Mystik anfällige Menschen, sondern auch diejenigen, die in ihm etwas Unheimliches verspüren, eine Art Vorboten für das ständig durchschimmernde Böse in unserer realen Welt.

Schneespuren in einer Nacht, Stille, Nebel, Kälte.© Niederländisches Staatsarchiv

Nebel des Grauens? Eher Nebel des „Bitte nicht schon wieder Poe“

John Carpenters »Fog – Nebel des Grauens« aus dem Jahre 1980 ist ein Beispiel dafür. Untermalt wird der Klassiker mit einem Zitat eines weiteren Klassikers des Horror Genres, dem Großmeister Edgar Allan Poe: »Was wir auch sehen oder scheinen, ist bloß ein Traum in einem Traum«[2] Etwas, was ich ebenso immer und ewig mit Nebel verbinden werde und mir wohligen Schauer über den Rücken treibt, sind die Edgar-Wallace-Filme. Der sogenannte German Grusel für ganze Generationen. Reißerische Titel wie »Die toten Augen von London«, »Das Geheimnis der gelben Narzissen«, »Der Zinker« (ohne genau zu wissen, was das war), der berühmte »Frosch mit der Maske« (obwohl ich den eher zur Gattung Fruchtfliege einordnete). Dunkle Gassen und Kanäle, aus denen Leichen gefischt wurden (»Die Tote aus der Themse«), wo der Nebel waberte und immer ein Lieferwagen aus dem milchigen Nichts auftauchte und Verbrecher mit bleichen Vollmondgesichtern auslud. Überhaupt erschienen die Gestalten immer etwas skurril oder ihrem Genre gemäß ein a little bit too much.

Wasser und Nebel gehören zusammen. Etwas Unheimliches kann passieren, ©Niederländisches Staatsarchiv

Gert Fröbe als fetter Millionär Abel Bellamy in seinem gekauften »Lost Place« Castle Garre Castle, Schieber, Spelunken und überkandidelte Butler (Eddy Arent), als Bobbies ausstaffierte Polizisten, die in die Trillerpfeife bliesen. Im »Frosch mit der Maske« gab es das schlüpfrige Nachtlokal »Lolita-Bar« als Hauptquartier der Froschbande und den eher intuitiv erfassenden Inspektor Elk (Siegfried Lowitz). Alles irgendwie vorausschaubar, aber das tat (und tut) dem Erfolg der Filme keinen Abbruch.

Nachtlokale sind gern genommen und Sammelbecken für windiges Klientel, ©Niederländisches Staatsarchiv

German Grusel Deluxe: Wallace, Kinski und das indische Halstuch

»Die Wallace-Filme», so heißt es treffsicher, »boten was guter Schund schon immer geboten hat. Das Spiel mit dem Kruden, Abgeschmackten, dem Sadistischen und Phantastischen unter der Doktrin einer konservativen, biederen Schlussmoral. Das Plündern der Arsenale des kollektiven Unter Bewusstseins und der imaginären Museen des schlechten Geschmacks. Die ungenierte Mischung des Alten mit dem Neuen.«[3] Wahre Worte.

Lost Place in den schottischen Highlands, ©Niederändisches Staatsarchiv

Und über allen der englische Nebel, der so gar nicht englisch war, weil die Filme (bis auf wenige Ausnahmen) nicht in England gedreht wurden. Doch danach fragte keiner und tut es bis heute nicht. Gerade die stimmungsvoll arrangierten Schwarz-Weiß-Filme erlangten ein bis heute anhaltenden Kultstatus, der weiterhin von längst nachgewachsenen Generationen verschlungen wird. Mise-en-scène heißt hier das Schlüsselwort. Der Begriff stammt aus der Theaterwelt und umfasst alles, was es mit diesen Arrangements auf sich hat:  Bildkomposition, die Bildgestaltung im sichtbaren Bildausschnitt, die Farbkomposition, Lichtgestaltung, Anordnung der Figuren und Dinge im Bild, Umgang mit Raum und Tiefe, Ausstattung, Kostüm, Maske, Schauspielerführung. Dadurch wird eine filmische Wirklichkeit geschaffen, eine Illusion, die durch den Einsatz kurzer Optiken, von Tiefenschärfe und langen Einstellungen geschaffen wird.[4]

Wie in einem Edgar Wallace Film. Das Setting stimmt jedenfalls. Nebel in London, ein Polizist regelt den Verkehr, ©Niederländisches Staatsarchiv

Warum der Bogenschütze ein Brotmesser hätte nehmen sollen

Wallace Baukastenprinzip gehört in eine Ordnung, mit der ich (filmisch) gut leben kann. Die Filme bieten alles, was man für einen Kindergeburtstag und dem Mörderspiel braucht: Dunkle Geheimgänge, Hinterzimmer mit Falltüren, Spinnenweben umwobene alte Gemäuer, verschrumpelte Gräfinnen in Witwentracht, die Glupschaugen von Klaus Kinski, für dessen Geisteszustand ich kein psychologisches Gutachten brauche. Eigentlich müsste in vielen Schloss-Szenen ein Wassereimer beiseite stehen. Denn die Kerzen flackerten gefährlich, drohten umzukippen und den Vorhang zu versengen, weil immer und ewig die Stromversorgung unterbrochen wurde. Gemordet wurde auch nicht mit Effizienz (zack und weg), sondern kunstvoll inszeniert. Der grüne Bogenschütze täte sich leichter, wenn er nur das Brotmesser nehmen würde. Stattdessen musste er den Bogen jedes Mal spannen und sich wie Robin Hood in die richtige Position bringen. Der Frosch drohte erst mit einer glühenden Eisenstange (gellendes Geschrei von der Frau: »Du Mörder!«), bevor er die Frau doch mit der Waffe hinrichtet. Im »Rätsel des silbernen Halbmonds« dagegen tut es zum Morden auch die Bohrmaschine. Das indische Halstuch hingegen warf jemand (ich spoilere hier nicht) mit einem gekonnten Schwung um den schlanken Hals und warum der »Mönch mit der Peitsche« erst mühsam durch den Kamin klettern muss, um zu morden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Lieferwagen im Nebel, ©Niederländisches Staatsarchiv

Zurück ins Gaslaternenlicht: Schluss mit Grusel, weiter im Leben

Doch spätestens mit Eddie Arent, Butler und Deus-Ex-Machina in Personalunion lichtet sich auch mein Edgar-Wallace-Nebel und es zieht mich raus, wo der sanfte Schein der Düsseldorfer Gaslaternen durch die Dämmerung schimmert und einen Blick auf das feuchte, gelbe Wintergras freigibt. Zum Glück taucht kein Lieferwagen aus dem Nichts auf. Von German Grusel habe ich genug.  

  

Schlösser und Herrensitze spielen in diesen Filmen eine große Rolle, ©Niederländisches Staatsarchiv


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