Sarotti-Mohr, Gipkens und Otto Ledertheil

Wer hat die Werbefigur erfunden – und warum bleibt die Antwort offen?

Es gab mal die Werbung über eines Schweizer Kräuterbonbon, in der ein Almöhi streng in die Kamera fragte: „Wer hat`s erfunden?“ Die Antwort wartete er nicht ab, sondern triumphierte gleich darauf: „Die Schweiz“. So ungefähr müsste jede Antwort in der Ahnenforschung vorkommen: knackig, klar, benennbar. Allerdings ist die Wahrheit oft umwoben von Geschichten, aus denen neue Wahrheiten gebildet werden. Schon allein deswegen, weil andere sie glauben wollen oder müssen (mangels Alternative).

Sarotti Mohr – eine Idee von vielen?

Beim Sarotti-Mohren ist zwar vordergründig alles klar erkennbar, aber wie immer steckt der Teufel im Detail.  Als ich nämlich in meinem Blog über den kleinen Kerl mit Turban und seinem Erfinder Julius Gipkins veröffentlichte, schrieb mich ein gewisser Ralf Ledertheil an. Wie sich herausstellte, ging in seiner Familie die Legende um, sein Urgroßvater, ein gewisser Otto Julius Ledertheil aus Berlin, habe an der Entstehung der berühmten Werbefigur mitgearbeitet. Im Laufe des Mailverkehrs fügte Ralf Ledertheil nicht nur die Bilder seines Urgroßvaters bei, sondern auch den Gesellenbrief von 1883, der ihn offiziell als Schildermaler auswies. Wie so oft in Familiengeschichten gibt es immer diesen einen Beweis, der andere Menschen veranlasst, weiter zu suchen. In meinem Fall (und weil ich ohnehin nach Berlin musste), weckte der Schildermaler Ledertheil mein Interesse. Hat er nun oder nicht? Und wenn ja, gibt es irgendwo Belege darüber, wie in seinem (möglichen) Atelier gearbeitet hat? Allein oder im Team? Oder direkt beim Kunden?

Keine Unterlagen bei Nestlé oder Stollwerck

Urenkel Ralf Ledertheil war zuvor in der Geschichte seines Urgroßvaters ebenfalls nicht untätig gewesen. Allerdings stieß er auch auf Mauern, weil in dieser Hinsicht keine Unterlagen von der Firma Sarotti und der nachfolgenden Firma Nestlé, geschweige denn von der Firma Stollwerck vorhanden waren.  Und er stellte die gute Frage (die auch mir schon durch den Kopf schoss): Warum gibt es über das Atelier Gipkins nicht mehr Unterlagen?

Kaskelines Sarotti-Mohr Werbefilm

Von Düsseldorf aus schrieb ich das Berliner Stadtmuseum an.  Dort war man durchaus angetan, obwohl man sich die Frage, wer eigentlich alles an dem kleinen Kerl mitwirkte, noch nie gestellt hatte.  In ihrer Datenbank, so die Antwort des Stadtmuseums, sei ein Otto Ledertheil nicht verzeichnet und Julius Gipkens fast nur mit Kriegsverlusten vertreten. Hm, okay. Aber das Stadtmuseum hatte wiederrum eine andere Idee auf Lager: Ob ich denn etwas von der Filmkarriere des Mohren gehört habe.  1930 schuf Wolfgang Kaskeline den ersten Sarotti-Mohr-Werbefilm für das Kino, was ein gewaltiger Erfolg wurde, der bis in die frühen sechziger Jahre anhielt. DAS würde mir zum Sarotti-Mohren noch fehlen.

Vom Berliner Stadtmuseum zu Hollerbaum & Schmidt

Klingt interessant, aber eins nach dem anderen😉 Und ich solle mich an die Dekolonisierungsstelle des Stadtmuseums wenden (was aber auch nichts brachte), dann an das Bröhan Museum, wo es etwas über die berühmte Berliner Kunstanstalt Hollerbaum&Schmidt gibt, die Anfang des 20. Jahrhundert die renommierten Maler und Graphiker in der sogenannten Gebrauchsgrafik wie Lucien Bernhard, Julius Klinger, Hans Rudi Erdt, Paul Scheurich und eben auch Gipkins unter Vertrag hatte.

Nur mit weißen Handschuhen

Im April 2023 fuhr ich nach Berlin und fand Zeit, mich im Bezirksarchiv Berlin-Schöneberg einzufinden. Ein Grund, sich mit dem Mohren zu beschäftigen gibt es schließlich immer. Mit weißen Handschuhen an den Händen studierte ich in Unterlagen zu der Firma Nestlé, die ja 1929 Mehrheitseigner der Firma Sarotti AG wurde. Ich las über das Aus der Tempelhofer Schokoladenfabrik, was Ende 2002 bekannt gegeben wurde, und erfuhr von der Traurigkeit der alten „Sarottianer“, als der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte und nach Köln weiterzog, weil die Firma Stollwerck aufkaufte, die später ihrerseits von der belgischen Firma Baronie übernommen wurde. Aber vom Schildermaler Ledertheil fehlte jede Spur.

Gebrauchsgrafik in der Kunstbibliothek

Im Sommer dieses Jahres ergab sich noch einmal die Möglichkeit, nach Berlin zu fahren. Dort fand ich die Zeit, mich in der Kunstbibliothek umzuschauen, wo es, wie man mir versicherte, einige Werke zur Gebrauchsgrafik gibt. Auch dort las ich eine Menge zur Entstehung einer neuen Generation von Werbegrafikern, aber von besagtem Otto Ledertheil … nun ja, ich wiederhole mich.😊

Niemand forscht über Werbegrafiker Gipkins

Eine Mitarbeiterin der Kunstbibliothek brachte es auf den Punkt: Über Gipkins und seine Arbeitsweise hat noch nie jemand geforscht. Generell gab und gibt es keinen Einblick in die Methoden der vielen Kunstateliers, geschweige denn Informationen über deren Mitarbeiter, sollte es sie gegeben haben. Hinzu kommt, dass die Firma Sarotti halt an anderer Stelle für Forschende interessant ist: Im Sinne als Erinnerung des kleinen Kerls mit Turban und Pluderhosen als Werbefigur für Schokolade, an den genussvollen Verzehr eben dieser Süßigkeit oder halt kritisch hinterfragt in einer Ausstellung gegen den Kolonialismus.

Alte Firmenunterlagen bergen keine Werbegrafiker

Auch in alten Firmenunterlagen, die im Archiv Berlin-Schöneberg durchaus vorhanden sind, hatte nie jemand Gedanken daran verschwendet, zu erfragen, ob und an wen die Firma Sarotti zusätzlich Werbung in Auftrag gab. Denn wenn Gipkins den Mohren 1918 erschuf wurde, gab es ja schon früher Werbung der Firma Sarotti, vom Inhaber Hugo Hoffmann initiiert, der 1872 das Geschäft übernahm und in die Mohrenstraße zog. Vom Gründer Heinrich Ludwig Neumann, der mit seinem Sohn 1852 in der Berliner Friedrichstraße die Confiseur-Waren-Handlung Felix & Sarotti eröffnete, ganz zu schweigen.

Hinzu kam, dass Gibkens, der ja Ende 1935/Anfang1936 Deutschland wegen dem Nationalsozialismus nach Amerika emigrierte, mit Sicherheit keine Unterlagen mitnehmen konnte. Sein Atelier, dass sich bis 1932 in der Hewaldstrasse 8 befand und wurde während des 2. Weltkrieges zerstört, wenn dort überhaupt noch vorhanden war. Heute befindet sich dort ein Wohnhaus, allem Anschein nach in den 50ern erbaut. Das Wohnhaus, das er ab 1932 bis zu seiner Emigration nutzte, steht in der Herbartstrasse noch.  Aber auch dort werden keine Unterlagen zu finden sein.

Otto Ledertheils Urheberschaft bei Sarotti bleibt ungeklärt

Gegen die Urheberschaft seines Urgroßvaters, so Ralf Ledertheil, spricht die Tatsache, dass er bereits 1900 nach Franken, nach Cadolzburg bei Nürnberg umgezogen war. Zwar bestanden noch gute Kontakte zu seiner Stiefmutter nach Berlin, doch diese starb 1918. Zu diesem Zeitpunkt, als Julius Gipkins den Mohren entwarf, könnte der Urgroßvater bestenfalls mitgewirkt haben.

Ledertheil als Mitarbeiter bei den Gebrauchsgrafikern?

Für den Schildermaler Otto Ledertheil gab es dennoch die Möglichkeit, dass er tatsächlich einen früheren Auftrag der Firma Sarotti erhielt. Und selbst als er nach Franken umzog, hätte es theoretisch eine Chance dazu gegeben. Kontakte nach Berlin besaß er allemal, die für einen Unterauftrag beim Atelier Gipkins gereicht hätten. Und ein kleiner Hinweis darauf, dass auch Otto Ledertheil ein Teil dieser Werbezunft war, gibt es in einem Artikel „Das Plakat“ von 1914. Berlin, so schrieb der Autor Hans Sachs, war voll von Tapezierern, Dekorationsmalern, Möbelfabrikanten, die Bedürfnisse schufen, die es zuvor nicht gab. Könnte auch Otto Ledertheil auch darunter gewesen sein? Und hat sich dann die Legendenbildung weiterentwickelt, er habe an der Erfindung des kleinen Mohren mitgearbeitet?

Fama oder Wahrheit?

Angesichts der Tatsache, dass Otto Ledertheil auch in Nürnberg seiner Berufung als Kunstmaler nachgehen wollte, zeigt, dass an dieser Geschichte etwas dran sein kann. Drei seiner Bilder haben sich im Familienbesitz erhalten. Ob das Körnchen Wahrheit in dem kleinen Mann mit Kulleraugen und Turban liegt oder in der Werbefigur Bär mit Bienen (beides Sarotti-Werbung) oder an irgendeinem Plakat … – wer will das so genau wissen? Fakt ist, dass es sich hier um eine spannende Familiengeschichte handelt, die es wert ist, aufgeschrieben zu werden. In diesem Fall ist es auch kein Körnchen mehr, die als Hirngespinst in der Familiensaga schwirrt, sondern schon ein größeres Korn.

Otto Julius Ledertheil 1913© Ralf Ledertheil

Vielen Dank an die Mitarbeiter vom Berliner Stadtmuseum, die voller Interesse meine Anfragen an die entsprechenden Stellen weiterleiteten und mir die Nutzung zweier Plakate von Julius Gipkins für meinen Blog erlaubten. Vielen Dank auch an das Bezirksarchiv Berlin-Schöneberg, in dem ich recherchieren durfte, das Bröhan Museum und an die emsigen Mitarbeiterinnen der Berliner Kunstbibliothek. Und schließlich natürlich auch an Ralf Ledertheil, der mich an der Suche nach seinem Urgroßvater und dessen Berufung teilhaben ließ und mir seine Fotos zur Verfügung stellte.

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