Einmal Berlin mit Joseph Roth. Weltuntergang plus Hausmannskost

Wer in Berlin in geweihter literarischer Stätte speisen will, der kehrt ein in die „Joseph Roth Diele“, Potsdamerstraße 75. Nach außen hin wirkt es wie ein gutbürgerliches Bistro/Kneipe mit gepflegter Hausmannskost. Doch das Innere der Kneipe beinhaltet die reinste Devotionaliensammlung über den berühmten österreichischen Schriftsteller, der nebenan in Nr. 73 (früher 115a) mit seiner Frau Friederike (Friedel) wohnte. Dass neben seinem Wohnhaus die Joseph Roth Diele entstand, ist einem puren Zufall zu zuschreiben.

Blick auf den Tresen in der Joseph Roth Diele @Bildrechte Marion Rissart

Kneipe statt „Ave Maria“

Dieter Funk, einer von drei Inhabern, schwäbischer Filmregisseur und Joseph Roth Kenner, besaß nebenan ursprünglich einen Laden mit sakralen Gegenständen, das „Ave Maria“. Als im Haus Nr. 75 das Lager im Erdgeschoss frei wurde, schlugen er und seine Mitinhaber zu. Beim Renovieren entdeckten sie alte Dielen und legten den schwarz-weißen Kachelboden frei. Das Interieur, so erfuhren sie später, gehörte zu der Konditorei in der Joseph Roth immer einkaufte. Dort, so die Fama, schrieb er auch Teile seinen Fortsetzungsroman „Das Spinnennetz“, welche in der österreichischen „Arbeiter-Zeitung“ erschien.  

  

Portät Joseph Roths @ Bildrechte Marion Rissart

Journalist im Berliner Zeitungsdschungel

Er hatte Berlin nie geliebt. Und doch verbrachte der galizische Journalist und Autor bedeutender Werke wie „Radetzkymarsch“ und „Hiob“ insgesamt fünf Jahre dort. Berlin galt in der Weimarer Republik neben dem Film als das Mekka für Journalisten und Verlage. Die Feuilletonchefs, ausgestattet mit einem guten Riecher für Talente, förderten den jungen Schreiber aus Wien nach Kräften. Roth arbeitete zwischen 1920 -1925 für renommierte Blätter wie dem „Börsen Curier“, der „Vossischen Zeitung“, „Berliner Zeitung“, „12-Uhr-Blatt“, „Vorwärts“ und zuletzt für die „Frankfurter Zeitung“, die aus ihm einen der bestbezahlten Journalisten Deutschlands machte. In dem Zeitungsdschungel befand sich Roth in illustrer Gesellschaft; Kurt Tucholsky, Leopold Schwarzschild und Carl von Ossietzky gaben sich in Leitartikeln die Ehre, während sich der Theaterkritiker Alfred Kerr eine Dauerfehde mit Herbert Ihering lieferte.

Radetzkymarsch in Mampes Gute Stuben

Mit Fleiß, Ehrgeiz, Begabung und einer guten Portion Arroganz ausgestattet, schrieb der junge Feuilletonist seine Beiträge und nebenbei, weil er unbedingt auch als Autor wirken wollte, seinen „Radetzkymarsch“ in Mampes Gute Stuben am Kurfürstendamm. Roth arbeitete in Cafes, Kneipen, Hotels; eine Praxis, die er sein Leben lang beibehalten sollte. In „Mampe“ fand Roth das Ambiente, die ihm zusagte: Ein süß-bittere Kräuterschnaps in heimeligem Ambiente, wo Kachelöfen, alte Stiche und Holztäfelung zum Verweilen einluden. Vor Mampe saß der Gast unter einer überdachten Veranda und genoss, ganz nach Roths Geschmack, das Treiben des Kudamms.  

Romanisches Café und Künstlertreff

Cafés statt Schreibtisch

Schreibtische und Arbeitszimmer wie Thomas Manns „heilige Hallen“ waren seine Sache nicht. Roth hockte nie alleine in seiner Nische, sondern scharrte dabei immer Trinkkumpane/Kollegen um sich, weil er ohne Gesellschaft bzw. Unterhaltung nicht schreiben konnte. Seine Fähigkeit, sich mitten im Gespräch ein Blatt Papier hervorzuholen und zu arbeiten, blieb eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften. Stille ließ ihn innehalten; er konnte sie nicht ertragen, geschweige denn arbeiten.  

Weltuntergang im Alkoholrausch

In der nie enden wollenden Schar seiner Mittrinker verfasste er Beiträge über den Berliner Alltag wie die Teuerungen, eine Ausstellung über den Boxer Dempsey, Theater, Konzerte, Ausstellungen (z.B „die Sowjetausstellung“) und die Verlorenen der Berliner Gesellschaft (Prostituierte, Schieber Exilanten). Seine Fortsetzungsromane „Das Spinnennetz“ oder „die Rebellion“ entstanden an Orte wie dem berühmten Romanischen Cafe, dass zwischen Budapester Straße und Kudamm lag. Artikel über den Mord an dem Außenminister von Rathenau mögen im Cafe Schneider (Schneiderstraße/Ecke Kurfürstenstraße) geschrieben worden sein, oder eben im Mampe, wo er zumeist noch auf einen Absacker mit dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen saß und sich in Weltuntergangsszenarien erging. Die Stimmung entsprang nicht nur seinem Alkoholrausch (Joseph war schon in seinen Berliner Jahren ein schwerer Trinker), sondern entstammte seinem guten Gespür für ein politisches Klima, was ihn, den jüdischen Außenseiter, schon fast schon visionär erscheinen ließ.

Die Wohnung als Bahnhofshalle

Hatte er endlich genug getrunken, ging er in sein Zuhause, dem „Hotel am Zoo“, das an der Kurfürstenstr. 25 lag. Sowie er Zeit seines Lebens in Bars, Cafés, Kneipen hockte, brauchte Roth Hotels, um sich wohl zu fühlen. Der Versuch, sich in der Potsdamer Straße 115a niederzulassen, blieb eine misslungene Episode. Seine Hände in den Manteltaschen vergraben, ging er in seiner Wohnung und wie in der Bahnhofshalle auf und ab. Niemand weiß heute, wie diese Wohnung eingerichtet war, außer dass sie düster ausgesehen hat.  Roth, das ist bekannt, sammelte keine Möbel, sondern Dinge, die in seine Koffer passten: Messer, Spazierstöcke, speziell Degenstöcke. Weder hob er Bücher oder Briefe auf, auch nicht seine Artikel.  

Joseph Roth als Stammgast in seiner eigenen Diele

Lange jedenfalls hielt er es in der Wohnung nicht aus, denn schon wenige Monate später reiste er mit Friedel nach Prag. Heute hätte er wohl die Diele zu seiner Stammkneipe erhoben und das getan, was er am liebsten mochte: Schreiben, trinken, schwatzen. Ob er zum Rauchen vor die Tür gegangen wäre, ist unwahrscheinlich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Roth sich bei geöffnetem (?) Fenster über die Regeln hinweggesetzt hätte und das ganz ohne Heimlichkeit.

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