Bert Brechts beherrschte Wohnkultur

An Bert Brecht scheiden sich schulisch, literarisch und politisch oft die Geister; kaum jemand würde an ihm   unter dem Begriff „Heimat in den eigenen vier Wänden“ einen Gedanken zu verschwenden. Und doch – wer sich bei seinem Berlin Besuch mal die Mühe macht, das Brechtarchiv http://www.adk.de/de/archiv/museen/brecht-weigel-museum/index.htm zu besuchen, wird möglicherweise eines Besseren belehrt.

Der Eingangsflur zum Brechthaus bzw. Archiv mit Blick auf die Chausseestr. Bildrechte Marion Rissart

Das Brechtarchiv in der Berliner Chausseestr. 125 war nicht zuletzt Brechts letzte Wohnung, die er von Oktober !953 bis zu seinem Tod, 14. August 1956, bewohnte. Zuerst allein. Seine Frau, die Theaterintendantin Helene Weigel trennte sich von ihm, nachdem er ihr während der Proben am Berliner Ensemble geworfen hatte, sie sei eine schlechte Schauspielerin.  Sie verließ das gemeinsame Haus in Berlin-Weißensee http://www.brechtweigelhaus.de und ihr Mann musste sich eine neue Unterkunft suchen.   

Ursprüngliche Eingangstür zu den Wohnungen Brecht und Weigel Bildrechte Marion Rissart

Doch Brecht ließ nicht locker, warb um sie, bis sie nachgab und ebenfalls in das Hinterhaus direkt neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof zog. Konsequent wie sie war, bestand die Intendantin des Berliner Ensembles, auf getrennte Wohnungen. Sie bezog über ihn ihr eigenes Reich; nur das Erdgeschoß mit Küche und Wintergarten blieb dem Paar als gemeinsames Terrain.

Die gemeinsame Klingel H.W.B. ist noch erhalten Bildrechte Marion Rissart

No Pictures allowed!

Wer als Besucher das erste Mal heranschneit, stellt mit Erstaunen fest, dass er sein Handy bzw. jegliche Kamera getrost im Spind lassen kann. Wie jetzt, keine Fotos? Auf die erstaunte Frage gibt es nur ein mildes Lächeln. Erst durch den Rundgang wird klar, warum fotografieren nicht erlaubt ist. Denn die Wohnung, durch die der Besucher geht, hat sich seit seinem Todestag nicht geändert. Blitzgewitter von Besucherscharen schaden daher nur. Seine Frau, mit großem Durchblick gesegnet, betrat die Räume danach nie wieder und konservierte sie damit praktisch ein; das erste private Brecht-Museum (in der DDR!) ward damit geboren.

ADN-Zentralbild Friedenskundgebung des Kulturbundes am 24.10.1948 in der Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) in Berlin. Unter dem Motto „Verteidigung des Friedens ist Verteidigung der Kultur“ treten namhafte Vertreter der Kultur- und Geistesschaffende auf und fordern, dem Krieg den Kampf anzusagen, damit der Frieden Wirklichkeit wird. U.B.z.: v.l.n.r.: Julius Hay, Bert Brecht, Ernst Legal, Alexander Abusch. 5050-50 Bildrechte Bundesarchiv_Bild_183-H0611-0500

Wohnung nicht als Selbstbestätigung

Brecht besaß in der DDR die Fähigkeit und das Privileg, sich sein Umfeld selbst zu schaffen. Er forderte die Räume ein, die er für seine Kreativität brauchte. Mit Hilfskräften für Wohnung, Theater oder dem Sommerhaus in Buckow inklusive.

Philosophischer Allrounder

Statt auf bürgerliches Ambiente schauend, wandelt der Zuschauer so von Zimmer zu Zimmer, auf den Spuren von Brechts Arbeitsrhythmus. Und lernt dennoch eine Menge von ihm kennen. Über das „Morgenzimmer“ zum Beispiel, in dem der Frühaufsteher, am Schreibtisch sitzend, die ersten Sonnenstrahlen genoss. Umgeben von Sessel, Kachelofen und hüfthohem Bücherregal schrieb er dort bis zum Probenbeginn gegen 10 Uhr. An der Wand hängen Schriftzeichen von Konfuzius und Mao Tse-tung. Brecht war ein philosophischer Allrounder, der mühelos zwischen Bibel, Lao-Tse und den Werken Lenins hin und her schwebte. Nachmittags verlagerte er seine Arbeit in den Salon, wo er entscheiden konnte, ob er am Stehpult kritzeln, oder an seinem Fensterplatz auf seine Schreibmaschine tippen wollte. Dazwischen eine Sitzgruppe vor dem Bücherregal (was sonst?), reserviert für das Gespräch mit Kollegen, Freunden und Schriftstellern.

Das Grab von Helene Weigel und Bert brecht auf Dorotheenstädtischen Friedhof, direkt neben ihrem Wohnhaus. Man achte auf die Stifte neben Brechts Grabstein. Bildrechte Marion Rissart

Lasse dich nicht von den Gegenständen beherrschen

Herbert Henselmann, ein Architekt, der den Städtebau in der DDR stark geprägt hat, erklärte, Brecht habe „seine Bedürftigkeit immer so weit kultiviert, wie er sie mit Blick auf diese Dürftigkeit verantworten wollte“.  Brecht, der um den halben Erdball emigrierte, bewohnte eine Wohnung, die er auch nach wenigen Stunden hätte verlassen können. Allerdings erst nachdem er seine wenigen Gegenstände eingepackt hätte, die ihm lieb und teuer waren. Dazu zählte u.a. der vor seinem Sterbebett liegende Teppich, seine drei Nō-Masken oder die Figur Lao-Tse auf einen Büffel reitend. Die anderen Dinge wurden nicht gehortet, damit sie ihn nicht irgendwann beherrschten. Was ihm wichtig war, erzählter er in seinem Gedicht „Vergnügungen“ von 1954. Dort sinniert er über „Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen“, erfreut sich an „das wiedergefundene alte Buch“, liebt „Duschen und Schwimmen“ und mahnt am Ende mit den Worten „Freundlich sein“. Das Resultat ist, was der Besucher heute noch spürt und Max Frisch http://mfa.ethz.ch treffend formulierte: „Ein unheimisches Wohnen“. Aber mit Gefühl des Augenblicks.

Laotse auf einem Büffel reitend

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