Über Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt
Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird
Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schön. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erzählt sie etwas über mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: über Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.
Kürzlich las ich ein interessantes Zitat über Sammler. Sammler seien Menschen, die eine Leere füllen würden. Wer Fotos, insbesondere alte Fotos sammelt, der füllt sein leeres Gedächtnis mit Erinnerungen, die nie vergehen. Die Leere, die berühmte Gedächtnislücke darf nicht vergehen. Alte Fotoalben ziehen uns magisch an. Wir haben die Möglichkeit, in eine Zeit zu verschwinden, die wir temporär gestreift haben oder nur vom Hörensagen kennen. Oft aber noch nicht einmal das.
Passend zur EM sehe ich nicht nur die neuen Magentafarbenen Trikots, die in gestählten Körper stecken. Aus den Ärmeln lugen allerdings keine behaarte Männerarme hervor, sondern glattrasierte, mit Tinte oder anderen Pigmenten unter die Haut gestochene Verfärbungen, die manchmal zur Besorgnis anregen. War der Arm mal wirklich hautfarben? Oder hat ihn jemand oberhalb der Schulter abgeklemmt?
Keine Bange. Während sich Paul Breitner seines Felles und Wolle im Gesicht nicht schämte, verzieren sich die Fußball-Eleven ihre Arme (oder wo auch immer) mit dem, was sie selbst niedlich finden oder heilig ist. So wie kleine Jungs Feuerwehrmann oder Polizist werden wollen, sieht sich Marco Reus als Löwen. Geburtsdatum und sein Name weisen darauf hin, dass er beim Löwenkopf nicht etwa an seinen Deutschlehrer denkt, sondern nur an sich.
Was Mesut Özil über seine Tattoos denkt, bleibt wie auch sonst bei seinen Gedanken sein Geheimnis. Am linken Oberarm prangt ebenfalls ein Panthera Leo, aber nach dem Training mit seinem Drill-Instructor zeigte er nicht nur seine gestählten Bauchmuskeln, sondern lüpfte sein Shirt bis hoch zu seiner linken Brust.
Und was sehen die kritischen Pupillen? Drei Halbmonde und ein heulender Wolf zieren die Haut neben seiner linken Brustwarze. Diese Motive entspringen nicht etwa Mesuts mögliche Einschlafmärchen wie »Rotkäppchen« und/oder »Peterchens Mondfahrt«, sondern handelten von dem Symbol der rechten, türkisch-nationalistischen Bewegung der »Grauen Wölfe«. Ob es sich hierbei um ein Abziehbild handelt oder er es immer noch besitzt, entzieht des Betrachters Erkenntnis.
Weiter im Text. Bei dem uruguayischen Keeper Sebastian Sosa soll die Macht und Stärke nicht aus dem Oberarm springen. Die Kraft des Löwen hämmert ihm förmlich aus dem Hinterkopf hinaus und zu körperlichen Höhenflügen hinauf.
Prince_Boateng luca.Byse 91 at it.wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons
Kevin Prince Boateng: Eifriger Tattoo-Studio Gänger
Kevin Prince Boateng, wie sein Bruder Jerome eifriger Tattoo-Studio Gänger in Berlin-Spandau, stellte – ups – zu seinem Erstaunen fest, dass Trends endlich sind. Bedauerlicherweise ist er nun mit seinen Tattoos nur noch einer unter vielen. Kevin Prince gibt sich selbstkritisch. Heute sei man schöner und cooler, wenn man keine habe, erklärte er. So würde es Ronaldo bestätigen, denn er hält, genau wie Thomas Müller, nichts von Körperverzierungen. Allerdings weiß ich nicht, ob Ronaldo mit Kevin Prince Boateng auch über andere Dinge außer Fußball redet.
Ronaldo ist glatt, wie Gott ihn schuf. Cristiano_Ronaldo_20120609_(1)Football.ua, via Wikimedia Commons
Tattoos von Underdogs
Waren Tätowieren früher ein Zeichen der Underdogs (Matrosen, Häftlinge, Rocker, Prostituierten). In Alexandre Dumas »Drei Musketieren« ward die Frau von Arthos, Frau Lady de Winter mit einer Lilie gebrandmarkt, die sie als Kriminelle auswies. Religiöse Motive sind ebenso gern genommen wie Namen und Gesichter der Kinder.
Tattooed_sailor_aboard_the_USS_New_JerseyLt. Comdr. Charles Fenno Jacobs (1904-1975) for the U.S. Navy, Public domain, via Wikimedia Commons
Oli P. und David Haselhoff
Oli P., Ex Schauspieler bei GZSZ und definitiv KEIN Fußballer und Underdog ließ nicht nur seinen Berliner Heimat Code »20« für Spandau in Nacken tätowieren, sondern auch als David Haselhoffs Hardcore Fan an seiner linken Seite Textzeilen aus dessen Evergreen »I`ve been looking for freedom«
Was die Tattoo Motive anbelangt, so hat Jerome Boateng den Vogel abgeschossen. Zwar erscheint er momentan viel im Anzug vor Gericht wegen Gewaltvorwürfe an seine Ex-Freundin zu sehen und da ist Seriosität angesagt.
Daher können wir nicht sehen, dass er trägt er seine 16 Ahnen auf dem Rücken trägt. Nachhaltig ist es auf jeden Fall, weil er keinem lästigen Papierausdruck benötigt, clever, weil er seine Gene so nie vergisst, obwohl Schmerzen und Kosten des Tattoo-Studios im in seinem Hinterkopf erhalten bleiben. Ob es für mich als Ahnenforscher allerdings eine Option ist, bleibt fraglich. Nur ein breiter Rücken kann bekanntlich entzücken. Bei Boateng mag es angehen, seine Generationen bis hinunter zum Arschgeweih festzuhalten. Ich allerdings habe am Strand schon etliche Menschen gesehen, deren Steißbein-Tattoo schon mit Anfang 40 dem Verfall preisgegeben wurden.
Ergo muss ich trainieren, bis ich ebenso einen starken Rücken zuhabe. Da die Wahrscheinlichkeit gegen mein Alter plus Trainingseinheit spricht, tätowiere ich lieber geduldiges Papier. Es sei denn, ich komme an die Kontaktdaten von Mesut Özils Fitness Trainer heran. Aber – ob ich dann wie ein tätowierter Fußballspieler herumlaufen will?
Während der Fahndung nach Vorfahren ;-), kommt mir unwillkürlich manchmal der Name der Rose von Umberto Eco in den Sinn. Das mag auch an der grandiosen Verfilmung liegen, die vor einigen Tagen an Weihnachten lief. In erster Linie liegt es aber an dem Roman selbst. Dort kehrt ein alter Adson von Melk am Ende an den Ort zurück, der ihn in seiner Jugend so sehr geprägt hat.
Die Abtei existiert nicht mehr. Das Aedificium, ursprünglich ein gewaltiges Monument an (geheimen) Wissen beherbergend, besteht nur noch aus kümmerlichen Ruinen, die ihn an heidnische Monumente erinnern. Dennoch kann es der alte Adson nicht lassen, dort herumzustöbern. Von seinem alten Lehrmeister William von Baskerville inspiriert, hofft er noch auf alte Schriftstücke, die das Feuer nicht vernichtet hat. In der Tat findet er einige Bruchstücke dessen, was die Bibliothek einst ausmachte. In einem Schrank des Skriptoriums lagern noch Pergamentfetzen – eine karge Beute längst vergangener Pracht.
Dennoch macht er sich nicht nur daran, die Überbleibsel zu sammeln, sondern auch zu studieren. Ich sehe ihn vor mir, wie er, seine Schnipsel vor sich ausbreitend, daran macht, mit dem Augenglas seines alten Meisters, zu untersuchen und sie, nach jahrelangen Mühen, zu einem Puzzle zusammen zu legen. Wenn es denn klappt. In Bezug auf die Ahnenforschung fühlen wir uns manchmal wie Adson von Melk, besonders wenn wir wissen, dass es an einem Punkt nicht mehr weitergeht.
In meinem Fall weiß ich genau, dass ich in meinem Hauptzweig aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr über den vierfachen Urgroßvater hinauskommen werde. Und das hängt von einigen Faktoren ab. Zum einen stammt besagter Ahnherr nicht aus Gerresheim, weil sein Name auf französischen, bzw. belgischen Ursprung schließen lässt. Er heiratete recht spät; mit 46 Jahren ehelichte er eine 19-jährige und wurde ein später Vater seiner ersten Tochter. Zehn Kinder sollten folgen.
Aber wann ist er gestorben? Dieses Geheimnis ließ mich echte Nerven kosten. Ich dachte daran, dass in seiner Sterbeurkunde es ein Hinweis auf seine Eltern geben würde. Aber sein Name war blieb im Düsseldorfer Stadtarchiv wie vom Erdboden verschluckt. Der Monheimer Stadtarchivar vermutete sogar, dass der Ahnherr in seiner Eigenschaft als Schäfer an einem anderen Ort das Zeitliche gesegnet hatte (denn Schäfer wanderten weit, wie er mir grinsend versicherte) – und ich bat darum, dass eben dieser Archivar unrecht hatte😉
Also wieder zurück zu den Dokumenten, die ich besaß. Akribisch wie Adson durchforstete ich alte Kopien… nicht nur von meinem direkten Vorfahren, sondern auch von den Anverwandten. Und wurde irgendwann fündig. Einer seiner Söhne heiratete 1820 und, siehe da, fand ich doch auf der Heiratsurkunde die ungelenke, daher krakelige Unterschrift des Vierfach-Opas. Ergo konnte ich das Sterbedatum schon ein bisschen eingrenzen und da die Hochzeit 1820 stattfand, es musste auch dank napoleonischen Verwaltungssystems eine Sterbeurkunde geben. Also ging die Suche weiter.
Es heißt ja immer »Wer suchet, der findet«. Ich aber sage, wer nicht mehr sucht, der findet erst recht. Denn so ist es bei mir: Wegen einer anderen Sache stieß ich im Düsseldorfer Stadtarchiv auf seine Sterbeurkunde mit etwas entstelltem Namen (Denkt immer daran, eure Familiennamen können groteske Weise entstellt werden;-))
Als ich in meiner ersten Freude mich über den Fund beugte (ohne Augengläser), war ich enttäuscht. Denn dieses Dokument gab nichts von weiteren Vorfahren her; ich blieb und bleibe genauso schlau wie vorher. Das hängt zum einen daran, dass es wohl auch zu einfach gewesen wäre. Und zweitens liegt es an dem Alter des Verstorbenen. Besagter Ahnherr erreichte ein wahrhaft biblisches Alter, starb er doch im Alter von 96 Jahren. Kein Wunder, dass sich keiner mehr an seine Eltern erinnern konnte. Wer so alt geworden ist, wie die Zeit, der ist quasi schon immer da.
In meiner Enttäuschung musste ich an den guten Adson denken. Weise geworden durch die Unbill und Freuden der Zeit, erklärte er gegen Ende des Romans, dass die Überreste der Schnipsel eine Art Mini-Bibliothek darstellten, deren Vollendung er nie erreichen werden. Genau wie die Familienforschung ein Mini-Archiv der eigenen Herkunft ist, dessen Lücken wir nie ganz füllen werden.
Adson sagt aber auch, dass seine Sammlung keine Botschaft enthält, sondern ein Produkt des Zufalls sei. Genauso, wie meine Dokumente zufällig doch in irgendwelchen Archiven lagern (und nicht etwa bei einem Brand vernichtet wurden, wie z.B. wie Wehrstammrollen aus dem 1. Weltkrieg), geht es zufällig auch einfach nicht mehr weiter. Es geht ihm bei seiner Arbeit um die Freude des Sammelns an sich. Und die Genugtuung darüber, dass manchmal ein Puzzlestein zum anderen gefügt werden kann.
Wer hat die Werbefigur erfunden – und warum bleibt die Antwort offen?
Es gab mal die Werbung über eines Schweizer Kräuterbonbon, in der ein Almöhi streng in die Kamera fragte: „Wer hat`s erfunden?“ Die Antwort wartete er nicht ab, sondern triumphierte gleich darauf: „Die Schweiz“. So ungefähr müsste jede Antwort in der Ahnenforschung vorkommen: knackig, klar, benennbar. Allerdings ist die Wahrheit oft umwoben von Geschichten, aus denen neue Wahrheiten gebildet werden. Schon allein deswegen, weil andere sie glauben wollen oder müssen (mangels Alternative).
Pfarrer Franz Boehms Widerstand gegen die Nazis in Monheim und Sieglar
Archivare schmurgeln nicht immer nur vor sich hin. Sie öffnen auch gerne ihre Pforten für netten Besuch und sind dabei ganz Ohr. Am Mittwoch, dem 6. September 2023, reiste eine Schulklasse aus Sieglar an (Schuljahrgang 1951), die sich für das Leben des Pfarrers Franz Boehm interessieren.
Ein Blick hinter die Kulissen der Archivarbeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Dieser Beitrag entstand ursprünglich nach einem Besuch im Monheimer Kirchenarchiv im Juni 2023. Anlässlich des Tags der Archive am 7. März und eines erneuten Besuchs im Landesarchiv NRW im Januar 2026 habe ich ihn noch einmal überarbeitet und ergänzt.
Im Januar 2026 ergab sich die Möglichkeit, hinter die Kulissen des Landesarchivs NRW zu schauen – ein Besuch, der mich an meine Arbeit im Monheimer Kirchenarchiv zwei Jahre zuvor erinnerte.
Archive wirken nach außen oft still, doch ohne ihre Arbeit gäbe es keine überprüfbare Geschichte. Jede Urkunde, jede Akte und jedes Kirchenbuch ist ein kleines Gedächtnis einer Gesellschaft – und muss ständig gepflegt werden, damit Vergangenheit überhaupt lesbar bleibt. Deswegen bedarf einer ständigen Rundumerneuerung.
Warum das Monheimer Kirchenarchiv säurefrei vorgeht
Der Ahnenforscher ist mitunter recht ungeduldig, wenn seine Recherchen nicht zu einem fruchtbaren Ergebnis führen. Besonders, wenn an der Hauptlinie schon nach dritten oder vierten Generation Schluss ist.
Heute reißt es keinen mehr vom Hocker, doch früher war es ein romantisch verklärtes Motiv. Der röhrende Hirsch in Öl gegossen zierte nicht nur die bürgerlichen Räume, sondern auch, in Bronze, Düsseldorfs Hofgarten.
Ein Geburtstagsgruß an den patriotischen Weltbürger Heinrich Heine
Düsseldorf wäre nicht Düsseldorf, wenn die Stadt sich nicht um ihre Berühmtheiten kümmern würde. Heinrich Heine, der große deutsche Dichter, taucht hier immer irgendwo auf. Sei es in Form von Straßennamen, Namensgeber der Universität oder das zum Heine Haus Literaturhaus umfunktionierte Geburtshaus. Auch das Heinrich-Heine- Institut in der Carlstadt mit Archiv, Bibliothek und Museum gehört dazu.