Die Handschrift als Fußabdruck

Über Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt

Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird

Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schön. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erzählt sie etwas über mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: über Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.

Denn Handschrift ist mehr als Schrift. Sie kann Geduld verlangen, irritieren, Erinnerungen wachrufen – und manchmal mehr über einen Menschen verraten, als ihm selbst bewusst ist.

Wie oft fluche ich bei der Entzifferung einer Schrift – wobei meine Abneigung besonders der Sütterlin-Handschrift einer Großtante gilt. Deren Gekrakel ist kaum zu lesen. Ich bin gespannt, was meine Nachkommen eines Tages sagen werden, sollten ihnen einige meiner eigenen schriftlichen Kritzeleien in die Hände fallen.

Für meine Lehrer war meine Handschrift jedenfalls eine Qual. Einige empfahlen mir nicht nur das Medizinstudium – die Handschrift hätte ich ja schon –, sondern sahen in ihr auch etwas Skurriles, wenn nicht gar Zerstörerisches, das etwas in Menschen auslöste. So in etwa wurde es durch die Blume ausgedrückt. Und die Qual, sich Seite um Seite mit meiner Sauklaue abgeben zu müssen, war manchen Lehrkräften deutlich anzusehen.

Goethes Handschrift im Goethe-Museum Düsseldorf.
Lateinischer Spruch nach Horaz (Epistulae I, 16):
Der Tod ist die letzte Zeile oder der Tod ist das Ende aller Dinge.

Der Tag der Handschrift – und warum es ihn gibt

Warum ich das schreibe?
Am 23. Januar ist der Tag der Handschrift. Initiiert wurde er 1977 von der Writing Instrument Association. Als Datum wählte man einen für US-Amerikaner bedeutenden Tag: den Geburtstag von John Hancock, der am 4. Juli 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnete – mit einer Unterschrift, die bis heute sprichwörtlich ist.[1]

Ganz unrecht haben die Initiatoren nicht. Handschrift, so heißt es, sei Hirnschrift – und wer flüssig mit der Hand schreibt, denke auch flüssig.

Der Mensch im Geschriebenen

Der renommierte Autographenhändler Wolfgang Mecklenburg sieht im handgeschriebenen Text den Fußabdruck eines Menschen – etwas, in dem sich viel lesen lässt. Handschrift fördere nicht nur nachweislich die Feinmotorik, sie sei auch eine jahrhundertealte Kulturtechnik, die weit mehr transportiere als bloße Information.[2]

Während unser Getipptes am PC einheitlich und steril daherkomme, spiegele der handgeschriebene Text die Persönlichkeit des Verfassers wider. Ausladend oder gedrängt, rechts- oder linkslastig, abgehackt oder flüssig – all das werde zunächst unvoreingenommen betrachtet, um schließlich ausgewertet zu werden.

Mecklenburg untersuchte unter anderem die Handschriften von Theodor Fontane und Johann Wolfgang von Goethe und kam zu folgendem Schluss:

„Es ist beiden zu eigen, dass es sehr ausdrucksvolle, schwungvolle, lebendige Handschriften sind. Sie haben beide etwas sehr Freies, halten sich in vielen Fällen nicht an Konventionen, sondern haben im Laufe ihres Lebens ihre Eigenheiten entwickelt. Bei Fontane ist zu sehen, dass die Buchstaben deutlich größer sind. Er hat einfach mehr Platz gebraucht als Goethe, der auch Spaß daran hatte, schön zu schreiben.“

Warum gerade Ahnenforscher alte Schriften lieben

Gerade wir Ahnenforscher springen auf alte Handschriften an wie das Streichholz auf Papier. Der Traum ist ja immer derselbe: auf dem Speicher oder im Keller ein Kästchen mit noch nie gesehenen Familiendokumenten zu finden – Liebesbriefe, Trauerkarten, Dokumente, Feldpostbriefe.

Ich habe andere oft darum beneidet, denn meine Familie gehört leider nicht dazu. Wahrscheinlich gab es keinen Platz dafür. Vielleicht nahm man sich selbst nicht so wichtig. Und so fehlte auch das Bewusstsein dafür, dass sich ein Nachkomme eines Tages für die Seelennöte oder Banalitäten eines Vorfahren interessieren könnte.

Kleine Spuren, große Wirkung

Wer das Glück hat, auf der Rückseite eines Fotos eine Begebenheit oder eine momentane Gemütsverfassung zu entziffern, erhält – wenn auch nur minimal – einen Einblick in einen Menschen, der einmal gelebt hat und dessen Gene man in sich trägt.

Wie wichtig schon allein Unterschriften sein können, habe ich bei der Forschung nach einem Gerresheimer Ahnherrn der Familie Rissart bemerkt. Ich kannte weder sein Geburts- noch sein Todesdatum, sondern wusste lediglich, wann er geheiratet hatte: 1792 in Gerresheim. Nachdem ich mehrere Heiratsurkunden seiner Nachkommen gesammelt hatte, fiel mir bei der Heirat seines Sohnes im Jahr 1820 die ungelenke Unterschrift dieses Wilhelm ins Auge.

Von da an konnte ich den Zeitraum eingrenzen – und wusste außerdem, dass mein vierfacher Urgroßvater zumindest mühsam seinen Namen schreiben konnte. Er starb, wie ich später herausfand, im Mai 1842, im 96. Lebensjahr.

Sehnsucht nach dem Unikalen

Vor einiger Zeit fand ich im amerikanischen Zweig der Familie einen entfernten Cousin wieder, der mich bat, seine Fotos aufzubewahren. Gerührt betrachtete ich nicht nur die Bilder selbst, sondern auch die handgeschriebenen Erklärungen und Namen auf der Rückseite.

Warum wir Menschen so sensibel auf Handschrift reagieren – selbst wenn es sich nur um Schnipsel handelt –, erklärt Wolfgang Mecklenburg so:

„Viele Menschen haben eine Übersättigung gegenüber dieser Allverfügbarkeit, dieser Kopierbarkeit. Jeder kann innerhalb von 30 Sekunden die Mona Lisa auf seinem Smartphone haben. Alles ist da, duplizierbar, kopierbar. Gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht: Wo kommt das her? Wo ist die Quelle? Eine Sehnsucht nach dem Einzigartigen, nach dem Unikalen. Und das liefert die Handschrift.“[3]

Wenn dem so ist, dann verfügen gerade Ahnenforscher womöglich über eine besonders große Sehnsucht.

Verteidigung der Sauklaue

Noch ein Wort zu jener sogenannten Sauklaue, die man mir immer wieder unterstellte – als Zeichen dafür, mir beim Schreiben keine Mühe zu geben. Auch eine Sauklaue hat ihre eigenen Charakteristika und ist so etwas wie ein sozialer Code. Lesbar nur für Eingeweihte, versteht sich – für Menschen, die die schreibende Person gut kennen.

Wenn ich es also richtig interpretiere, war es keine böse Absicht, sondern vielleicht der feste Wille, mich nicht vollständig entziffern zu lassen. Nur so gelang es mir, als Rumpelstilzchen der Schrift durch die Schulzeit zu kommen.


[1] /schrifthof.de/tag-der-handschrift (abgerufen am 23.01.2026)

[2] http://www.uni-hildesheim.de/kulturpraxis/handschrift/ (abgerufen am 23.01.2026)

[3] http://www.deutschlandfunkkultur.de/kulturtechnik-der-handschrift-persoenlichkeit-die-sich-auf-100.html

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