Ernst Jachtmanns Segelflug in Ostpreußen
Harry Gieses martialischer Ton dröhnte in die Ohren der Kinogänger, die sich am 22. September 1943 vor dem Hauptfilm die obligate Wochenschau anschauten. Geradezu ekstatisch formulierte er Sätze wie »Wie eine Möwe schwebt das Flugzeug über der Küste.“ Dazu schwenkte die Kamera auf die »Weihe« des Segelflugpiloten Ernst Jachtmann, dann zu seinen zu seinen Hilfstruppen, bestehend aus Kameraden der NSFK-Gruppe 1 und der Luftwaffe. »Wind bleibt!«, haben die Kameraden auf der Erde als Fingerzeig in den Sand geschrieben«, schnarrte Harry Gieses Stimme weiter. Jachtmann nutzte scheinbar ungerührt die Aufwinde der ostpreußischen Küstenlandschaft und flog über deren Köpfe hinweg scheinbar mühelos 55 Stunden, 50 Minuten und 50 Sekunden den Küstenabschnitt hin und her. [1]

Disziplinierter Segelflieger und Tüftler
Was ein wenig anmutet, wie die Zeitansage in Dieter Thomas Hecks Hitparade, war nichts anderes als der erneute Weltrekordversuch Ernst Jachtmanns im Segelflug. Der Versuch im Mai 1937 konnte nicht gewertet werden, weil Jachtmann das Barometer vergessen hatte. Und was bis heute so einfach aussieht, basierte nicht nur auf jahrelangen Erfahrungen Jachtmanns, sondern auch Eigenschaften, die ihn bereits als Jugendlicher für das Segelfliegen auszeichneten. Seine eiserne Disziplin (schließlich musste ihm zwei Jahre zuvor bei einem Flugunfall der rechte Oberschenkel amputiert werden), Ausdauer, Neugierde, Flexibilität und eine gute Portion Eigensinn zeichneten ihn aus, dass er bis heute eine Koryphäe im Segelfliegen darstellt. Ständig verbesserte er die Schulgleiter, wägte ab, beobachtete, motivierte seine Schüler, flog Wettbewerbe und tüftelte in eine Art Daniel Düsentrieb Manier an den Autostarts und späteren Windstart. [2]

Ein vorzüglich gelungener Start eines Segelflugzeuges der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in den Gatower Bergen, © Bundesarchiv Bild 102-11640
Otto Lilienthal – Pionier der Segelflieger
Schon früh kam der 1907 geborene Ernst mit der Fliegerei in Kontakt, die ihrerseits zwar selbst noch etwas unausgegoren war, aber an Pioniergeist nichts zu wünschen übrigließ. Erst 16 Jahre zuvor gelang Otto Lilienthal als erster Deutscher ein Flug mit dem Gleiter. Hand in Hand spazierte er mit seinem Vater bei einem Sonntagsspaziergang zum Griesheimer Sand, beobachtete das Starten und Landen der Zeppeline und betrachtete das Treiben der »August Eulers Flugsport Vereinigung«.[3] Mit Sicherheit wird er schon früh von den stetig purzelnden Flugrekorden gewusst haben: Der Belgier Pierre de Caters schaffte es 1909 als erster Mensch, 35 Minuten in der Luft zu bleiben, im gleichen Jahr flog der Franzose Louis Blériot über dem Ärmelkanal.[4]

Das Wassersegelflugzeug hat vogelähnliche Tragflächen und ruht auf Gummischwimmern. Mittels eines Motorbootes wird das Flugzeug in die Luft gezogen, ©Bundesarchiv
Unbedingter Glaube an die Lufthoheit
Das wilhelminische Zeitalter mit seinem Glauben an technischen Eroberungen brachte eine Fliegergeneration hervor, die nicht nur davon träumte, einmal Ikarus zu sein. Sondern im Vollgefühl ihrer selbst waren sie keine verrückten Spinner, sondern konnten beweisen, nicht einfach nur zu fliegen, die Lufthoheit zu besitzen. Sie überwanden Landesgrenzen in einer Art, von denen man nie zu träumen wagte.
Beseelt vom Geist der Luftpioniere
Und sie überwanden damit auch Klassenschranken. Flugplätze,- Schulen und Vereine schossen wie Pilze aus dem Boden. Flugbegeisterte Reiche kauften sich ein Flugzeug und suchten Piloten, die sie für sie flogen. Sie brauchten nicht lange zu warten. Es gab genügend Mechaniker, die darauf brannten, an Flugwettbewerben teilzunehmen, wo jede Menge Preisgelder und Ehre winkten. Flugbegeisterte Zuschauer kamen zu den Schauen mit einem Picknickkorb bewaffnet und verbanden Freizeitvergnügen mit Sensationslust, wenn sie Fliegern bei ihren waghalsigen Kunststücken zusahen.

Jachtmann – der Individualist in der Fliegerfamilie
Auch Jachtmann wurde ein Teil von ihnen. Für ihn, beseelt vom neuen Geist der Luftpioniere und gefördert von Rhönvater Oskar Ursinus, muss diese Atmosphäre berauschend gewesen sein. Jeder war willkommen und gehörte zur »Familie«, wenn er sich nur für das Fliegen interessierte. Heroische Mythologisieren der Fliegerei sei »nicht spezifisch Nationalistisches« gewesen, sondern Ausdruck der schon früheren medialen Inszenierung der Luftfahrtbewegung[5]. Denn Ernst Jachtmann, mit seinen blonden Haaren, blauen Augen und schneidigem Aussehen sicherlich ein Prototyp der deutschen Blut- und Bodenpolitik, war ein viel zu gradliniger Typ und überzeugter Individualist, um sich komplett von dem Gedankengut vereinnahmen zu lassen. Wie sich später bei seinen Rekordversuchen zeigte, setzte man ihm vom NSFK genügend Steine in den Weg.[6]

Die Wasserkuppe ist das Mekka des Segelfliegens
Doch noch war es nicht soweit. Nach dem 1. Weltkrieg, als nach den Bedingungen des Versailler Vertrages „Flugzeuge von militärischem Nutzen“ der alliierten Rüstungskontrolle unterstanden und verboten waren, wich man in den 20er Jahren auf die Segelfliegerei aus. Als das Mekka des deutschen Segelflugs kristallisierte sich die Wasserkuppe heraus, dem höchsten Berg Hessens. Rhönwettbewerbe, an denen sich die Fliegerelite vor Zuschauern zeigte, gewannen immer mehr an Attraktion. Zahlreiche Höhen-, Strecken-, und Langflugrekorde wurden dort gebrochen. Auch die die technischen Innovationen gingen mit den Rekorden Hand in Hand. Erkenntnisse der Thermik gewann man 1926 dank des Flugs von »Gewitter-Maxe« (Max Kegels). 1928 war die Wasserkuppe Austragungsort bei der Vorführung eines Raketenflugmodells, um nur einige zu nennen.

Harry Giese, der Sprecher, dessen Stimme in allen deutschen Lichtspieltheatern zur Wochenschau ertönt, © Bundesarchiv_Bild_183-2007-1026-501
Die Eleven der Luftfahrt
Die Segelflieger erwiesen sich als die neuen Eleven der Luftfahrt und brachten es auf Höchstleistungen, bei denen einige ihr Leben für immer ließen. Ferdinand Schulz, der »Ikarus von Ostpreußen« gehört dazu oder Johannes Nehring, auch »Meister des Hangsegelns« genannt.
Ihr Tod wurde, ganz nach Otto Lilienthals Devise, als Opfer im »Dienst des Vaterlandes« angenommen. So gesehen mag es für flugverrückten Jachtmann, der 1937 durch einen Absturz den Unterschenkel seines rechten Beines verlor, die Prothese, mit der den Weltrekord antrat, ein notwendiges Opfer gewesen zu sein oder zumindest etwas, was er in Kauf nahm.

Vorbereitung für den Rekordversuch
Die Aufwindverhältnisse, für das Segelfliegen unerlässlich, an der ostpreußischen Samlandküste hatte er genau studiert. In Erinnerung an seine früheren Dauerflugrekorde warf Jachtmann seinen enormen Erfahrungsschatz und sein Tüftlerherz in die Waagschale. Für den Fall des schlechten Wetters und nachts montierte er starke Scheinwerfer an der Flugzeugschnauze. Proviant, Thermosflaschen mit Kaffee; Batterien für das Radio etc. lagerten im Schwerpunkt der Maschine. Alle Gegenstände präparierte er so, dass er sie mit einer Schnur zu sich ziehen konnten. Der Kaffee (zum Wachhalten) wollte er sich aus den Rohrleitungen zwei gegenüberliegenden Thermoskannen zapfen. Eigentlich.
Mobilisierung von NSFK und Luftwaffe
Mit Hilfe von Menpower (Luftwaffe und NSFK) wurde sein Flugzeug, die »Jacobs Schweyer Weihe« (Kennzeichen D – 4 – 1841) in die richtige Position geschoben. Um 10.46 Uhr war es dann soweit. Die Wetterwarte Staaken prognostizierte das zu erwartendes Sturmtief, den beleuchteten Windsäcken waren auch schon aufgestellt. Startklar!

Die Deutung von Möwenflugs und Prasseln des Regens
Jachtmann war ein Einzelgänger und Einzelgänger zeichnen sich oft als gute Beobachter aus. Das ermöglichte es ihm, die Flügelschläge der Möwen während seines Flugs zu deuten. Schon früh hatte er erkannt, dass die Tiere schon lange im Voraus in den Aufwindböen segelten und diese für ihre Zwecke zu nutzen wussten. Jachtmann tat es ihnen nach. Er lauschte in der stockfinsteren Nacht auf abnehmende Geprassel des Regens – und konnte so den Kern eine Böe ausweichen.

Höllischer Durst im Cockpit
Neben dem Nebel, der eine Notlandung unmöglich machte, dem Regen, dem Schlafmangel und dem Handicap mit seiner Beinprothese, war der Durst sein Hauptproblem. Denn der Kaffee war durch das Entlüftungsröhrchen nach draußen gedrückt worden. Zwar versuchte Jachtmann, mit dem Mund Regenwasser aufzufangen, aber die paar Tropfen waren ein Tropfen auf dem heißen Stein. Schokolade und Traubenzucker nahm er nicht, weil sie ihm auf der Zunge brannten. Vor Äpfeln und ihre verdauungsfördernden Eigenschaften hatte er Angst; deswegen spuckte er den Apfelmatsch immer wieder aus dem Fenster, anstatt ihn zu schlucken. Um sich wach zu halten, ließ er sich zwischenzeitlich nass regnen.
Futterbeutel per Schnur – Coolness bis zum Schluss
Seine Crew gab ihm Blinkzeichen, umkreisten ihn ständig mit ihren »Kranichen, wobei sie vergeblich versuchten, mit Hilfe einer Schnur ihm Futterbeutel zukommen zulassen. Nach mehr als 55 Stunden seilten sie einen Blumenstrauß zu ihm herunter. Cool, als wäre nichts gewesen, flog Jachtmann dem Empfangskomitee von NSK, Presse, Luftwaffe, Bevölkerung etc. entgegen. Natürlich tat er so, als sei nichts gewesen, obwohl ihm kurz vorher die Beinprothese aus der Absatzkappe des Seitensteuerpedal herausgerutscht war. [7] Die anschließende Party nahm der Mann auch noch mit. Natürlich. Was anderes hätte auch gewundert.

P.S.
Hintergrund der Geschichte sind die Fotos, die ich im Nachlass meines Schwiegervaters Karl Huber entdeckte. Als ich die Bilder sortierte und einscannte, entdeckte ich großformatige, von einem Fotoatelier in Königsberg /Ostpreußen angefertigte Bilder, die ich zuerst nicht zu deuten wusste. Erst später erkannte ich, dass Karl, der als jugendlicher Segelflieger als Pilot zur Luftwaffe eingezogen wurde, als Helfer für Jachtmanns Segelflugrekord fungierte.
Für alle weiteren Fragen halfen mir Peter Ocker und Uli Braune vom Deutschen Segelflugmuseum an der Wasserkuppe. Ich habe mir fest vorgenommen, es zu besuchen. Ob ich in ein Segelflugzeug einsteigen werde, bin ich mir allerdings nicht so sicher😉
[1] https://youtu.be/5ORar8d_KbA?si=QQBo5te2HyTJiZQT (abgerufen am 01.08.2025)
[2] Eckstein, Ursula. Ernst Jachtmann. Windenpionier und Weltrekord-Segelflieger, Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2011, S.89-101
[3] Ebd. S.22
[4] Bietau, Pauline. »Volk, flieg du wieder!«. Die Geschichte des Fliegens auf der Wasserkuppe bis 1945. Hessische Landeszentrale für politische Bildung 2023, S. 16-17
[5] Trittel, Katharina. Krieg und Fliegen. Hundert Jahre nach Versailles, in Institut für Demokratieforschung online, Juli 2019
[6] Vgl. Eckstein, Ursula, S. 176 ff.
[7] Jachtmann, Ernst. 3 Tage und 2 Nächte im Segelflugzeug über der Samlandküste, in NS Fliegerkorps 11/43
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