Kürzlich las ich ein interessantes Zitat über Sammler. Sammler seien Menschen, die eine Leere füllen würden. Wer Fotos, insbesondere alte Fotos sammelt, der füllt sein leeres Gedächtnis mit Erinnerungen, die nie vergehen. Die Leere, die berühmte Gedächtnislücke darf nicht vergehen. Alte Fotoalben ziehen uns magisch an. Wir haben die Möglichkeit, in eine Zeit zu verschwinden, die wir temporär gestreift haben oder nur vom Hörensagen kennen. Oft aber noch nicht einmal das.

Streifzug in die eigene unendliche Geschichte
In meiner Kindheit war das Fotoalbum ein Zeitvertreib, den ich zusammen mit meiner Oma teilte. Ich blätterte durch die Seite der von der Flucht geretteten Bilder, staunte über die quadratisch-praktisch-guten Polaroid-Fotos, der 60er Jahre und fand mein Konterfei wieder in den 70er, 80 er Jahren. Doch danach wurden keine Bilder mehr eingeklebt. Eigentlich schon lange nicht mehr.

Neue Fotoalben sind out
Fotoalben waren und sind nicht mehr en vogue. Man bewahrt die Konterfeis seiner Lieben eher in alte Zigarrenkisten auf, als dass man sich ein Album den Bücherschrank stellt. Auch ich war nicht viel besser; mein Kinderalbum löste ich in Erwartung etwas Besserem auf und die Fotos klebten bald auf weißen Bögen hinter Klarsichtfüllen in einem hässlichen Leitzordner. Schön geht bekanntlich anders.

Es kommt nicht auf die Schönheit an
Aber auch das Album meiner Oma war nicht schön. Kein verzierter Ledereinband, vom Golddeckel ganz zu schweigen. Weder verzierten gepresste Vergissmeinnichtsträuße die einzelnen Bilder, noch wurden in Schnörkelschrift einzelne Ereignisse unter den Porträts gemalt, eher nur dann und wann einzelne Namen gekritzelt. Kein Kulissenalbum, wo die Bilder von Fotografen in speziell ausgestanzte Fenster geschoben werden

Sehen und Hören zugleich
Angezogen von dem Album, zählte für mich auch die die dazugehörige die mündliche Überlieferung. Dadurch, dass meine Oma mir zu jedem Bild etwas erklärte, speicherte mein Hirn das dazugehörige Gesicht. Sozusagen eine persönliche Erinnerungskultur.

Unser Gedächtnis braucht Erinnerungskulturen. Oder nicht?
Erinnerungskulturen sind handfest, geradezu prädestiniert für Haptiker. Sie dienen zur Untermalung historischer, gesellschaftlicher und kultureller Ereignisse. Das Fotoalbum ist eine simple Formalie, wo private Ereignisse sich in ganzen Generationen verewigen lassen, die uns Betrachter und selbst Erlebende wiederrum einreihen lassen in eine gewisse Zeitspanne, bis die nächsten kommen. Ähnlich wie Keating in »Club der toten Dichter« seine Klasse die Fotosammlung vorangegangener Schüler betrachten ließ. So seid ihr auch, so werdet ihr werden und irgendwann nicht mehr sein. Das ist Fakt. Wie füllt ihr den Inhalt eures Lebens?

Erinnerungen müssen gefüttert werden
Wenn diese Erinnerungskultur allerdings nicht regelmäßig gefüttert wird, so wird sie brüchig, schemenhaft und geht später gänzlich verloren. So starb meine Oma relativ früh. Keiner konnte mehr fragen, was es für Bewandtnis mit einzelnen Personen gab, die man nicht zuordnen konnte. Hinzu kam, dass ihr grau in grün kariertes Fotoalbum schon langsam eine anfing, sich zu leeren. Zuerst begann es damit, dass sich eine Tante Bilder zum Abfotografieren auslieh. Sie brachte die Originale zurück und diese wurden sorgfältig eingeklebt. Doch nach bedienten sich wer auch immer aus dem Album, bis es irgendwann erhebliche Leerstellen aufwies. Jahrelang waren die Bilder nebst Album verschollen, bis ich sie zusammen mit einer Cousine in einer Kiste ihrer verstorbenen Mutter fand.

Keine Fotos vergrößern gedankliche Leerstellen
Ich erkannte das Fotoalbum sofort, aber als ich die leicht kartonisierten Seiten umschlug, sah ich sofort, dass es ausgeschlachtet war: von vergilbten Fotoecken eingerahmte Leerstellen, darunter eine verblasste, beinahe unsichtbare Schrift. Nur ab und zu befanden sich einige Fotos in ihrer ursprünglichen Position, als seien sie es nicht würdig gewesen, entnommen zu werden.

Jeder scheint sich bedient zu haben
Später fanden wir in Umschlägen ein ganzes Bündel von alten Fotos, die lose am Boden der Kiste lagern. Ich erkannte einige aus dem Album wieder. Andere konnte ich nicht zuordnen, wiederum andere hatte ich noch nie gesehen. Immerhin fand ich Bilder der Urgroßeltern wieder, von der ostpreußischen Seite und auch der schlesischen, wenn auch nicht alle. Oder konnte ich mich einfach nicht erinnern?

Welches Bild bekommt seinen angestammten Platz?
Ich wäre gerne so sorgfältig wie Oskar Matzerath aus der »Blechtrommel« gewesen, der die sich aus dem Album lösenden Bilder mit Klebstoff auf ihrem angestammten Platz verwies. Aber auch mein Wissen war über die lange Zeit brüchig geworden. Der Soziologe Stefan Selke sagt hierzu: »Ganz offensichtlich haben klassische Erinnerungshilfen wie Fotoalben und Tagebücher für die meisten ausgedient. Aber was tritt an ihre Stelle? Wie wird sich die »Generation Internet« an die eigene Kindheit und Jugend, an das eigene Leben erinnern?[1]

Individualismus auf alten Bildern erkennen
Ganz besonders interessant ist, wenn sich in den Fotos ein Funken Individualismus zeigt. So gibt es ein beim Fotografen aufgenommen Foto meiner Urgroßmutter, das sie mit ihrer Freundin zeigt. Bei müssen so um die sechzehn sein. Was hat die beiden jungen Mädchen wohl veranlasst, sich in einem Fotoatelier verewigen zu lassen? Mich rührt diese kleine Geste der Eigenständigkeit bis heute an. In unserer Zeit, wo jeder von sich in hundertfacher Ausgabe mit irgendwem diverse Selfies postet, ist diese Art von Zweisamkeit beliebig geworden. Auch ich schließe mich da nicht aus. Würde ich mit einem Menschen ins Fotoatelier gehen, um die Freundschaft auf diese Art zu besiegeln?

Eine gute Frage. Dennoch; bis heute rühren mich alte Foto an, die in alten Bilderrahmen stecken und nur deshalb interessant sind, weil der Rahmen interessant ist. Wenn der Käufer seine Fotos einrahmt, werden die alten Bilder weggeschmissen. Bei den Japanern dagegen läuft es anders.
Die Japaner huldigen ihre Ahnen
Die Japaner, mit ihrer besonderen Huldigung ihrer Ahnen, besitzen ja nicht nur den Hausaltar (butsudan). Sondern sie bringen es auch nicht über sich, Foto ihrer Angehörigen einfach zu entsorgen. So gibt es in der Präfektur Mie in Zentraljapan im Shitennoji- Tempel am 1. Juni eine besondere Feier zur Verabschiedung alter Ahnenbilder.

Ausgediente Bilder im Tempel würdig verabschiedet
Die alten Fotos sind nicht etwa eine Sache für das Altpapier, sondern gelten für viele Menschen als eine Verbindung zu ihrer persönlichen Vergangenheit. Bevor sie die alten Bilder vernichten, sortieren Japaner bewusste ihre Fotos aus, lösen sie aus Alben und Rahmen. Dann schicken sie die Fotos in einem Karton an gewisse Fotostudios, die wiederum die Bilder dann im besagten Tempel hinterlegen. Dort werden die Konterfeis der Ahnen würdig verabschiedet, bevor sie vernichtet werden.[2]
Sollte ich noch einmal alte Rahmen vom Trödel kaufen, werde ich es mit den Fotos der mir Unbekannten genauso halten: sie mir anschauen, kurz innehalten und mit einem Feuerzeug anzünden und die feine Asche dem Universum übergeben. ©
[1] Selke, Stefan. Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert, Berlin, 2014, S. 133
[2] sumikai.com/nachrichten-aus-japan/foto-gedenkfeier-in-japan-bietet-wuerdevollen-abschied-von-bildern-355168/ (abgerufen am 18.08.2025)
<img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/3764f356d7a1418bb42f9ce7e1174c5b" width="1" height="1" alt="
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