Jupp Rübsams Denkmal an den Ersten Weltkrieg
„Innere Festung“ zwischen Trauma, Ablehnung und politischer Instrumentalisierung
Zwei Körper aus Basalt
Zwei aus Basalt gehauene Figuren kauern auf allen Vieren auf grauem Stein. Ihre händeartigen Pfoten liegen wie Löwentatzen vor den dunklen Körpern und berühren sich. Die Gesichtszüge wirken archaisch: breite Lippen, längs gehauene Augen, grob stilisiert.
Einzig die Kopfbedeckungen – Mütze und Helm – geben Auskunft darüber, dass es sich um Soldaten handelt.
Geschaffen wurden die Figuren von Jupp (Josef) Rübsam (1896–1976), selbst Kriegsteilnehmer und Soldat des 39. Nieder-Füsilier-Regiments. Er nannte sein Werk „Innere Festung“ – ein Denkmal für seine gefallenen Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg.

Sauerländische Sphinx statt Kameradschaft
Während viele Düsseldorfer ratlos vor dem Denkmal standen, reagierten rechte Kreise und Teile der politischen Mitte mit offener Wut. Sie sahen in den Figuren keine trauernden Soldaten, sondern „sauerländische, übersetzte ägyptische Sphinxe“.
Kaum jemand nahm wahr, was Rübsam eigentlich darstellen wollte: Verwundung, Schutz, Kameradschaft im Schützengraben – das Zusammenrücken im Angesicht des Todes.

Ludendorffs Empörung: „Viehische Rohlinge“
Besonders heftig fiel die Reaktion des ehemaligen Regimentschefs Erich Ludendorff aus. Er sollte das Denkmal einweihen – verweigerte jedoch seine Teilnahme.
In einem Brief an Düsseldorfs Oberbürgermeister sprach er von einer „Verhöhnung der gefallenen Helden“ und bezeichnete die Figuren als „viehische Rohlinge“.
Das Denkmal widersprach dem heroischen Soldatenbild, das Ludendorff und andere propagieren wollten.

Für Ludendorff »viehische Rohlinge«
Der ehemalige Chef des 39 er Regiments Erich Ludendorff, der das an der östlich der Tonhalle aufgestellte Denkmal einweihen sollte, weigerte sich. Wutschnaubend sprach er in einem Brief an Düsseldorfs Oberbürgermeister Lehr von »Verhöhnung der gefallenen Helden« und sah in den Figuren nichts anderes als »viehische Rohlinge«.[2]

Schmierereien, Sprengstoff und Ablehnung
Zwar wurde die „Innere Festung“ aufgestellt, doch ihre Sprengkraft war real. Das Denkmal wurde beschmiert, beschädigt und schließlich Ziel eines Sprengstoffanschlags.
In ihm bündelte sich alles, was in der frühen Weimarer Republik in der Erinnerungskultur versäumt worden war: fehlende Orte der Trauer, keine öffentliche Auseinandersetzung mit Verwundung, Schuld und Niederlage.

Kein Gedenken – keine Aufarbeitung
Der Historiker Gerd Krumeich weist darauf hin, dass die Weimarer Republik es versäumte, frühzeitig Orte des Erinnerns für Gefallene, Verwundete und Kriegsteilnehmer zu schaffen.
Der verlorene Krieg, der „Schandfrieden“, die Kriegsschuldfrage – all das blieb unbearbeitet.
Das Ergebnis war ein kollektives Gefühl des „Nicht gesehen Werdens“, das sich bei Frontsoldaten und ihren Familien festsetzte.3]

Die Rechten übernehmen die Deutungshoheit
Dieses Vakuum nutzten ab Mitte der 1920er Jahre rechte Parteien und Wehrverbände.
NSDAP, DNVP, der Stahlhelm und andere Organisationen übernahmen schrittweise die symbolische und öffentliche Deutung des Ersten Weltkriegs.
Heldentum, Opfermythen und martialische Ästhetik verdrängten Trauer und Ambivalenz.[4]

Zerstörung der „Inneren Festung“
Das Denkmal von Rübsam wurde schließlich entfernt.
An seiner Stelle errichteten die Nationalsozialisten ein neues Denkmal für das 39. Regiment – martialisch, siegesgewiss, eindeutig im Gestus.
Bis heute steht dieses Denkmal am Reeser Platz und bleibt ein Zankapfel.

Düsseldorfer_Lazarett_im_Universitätsgebäude_place_du_vingt_bei Lüttich_1914, ©wikipedia-commons.
Ein Schandfleck? Der Streit bis heute
2019 schrieb die Stadt Düsseldorf einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Denkmals aus.
Die Künstlergruppe Ultrastudio schlug eine diagonale, 50 Meter lange Metallbrücke vor, die das Denkmal symbolisch „durchstreichen“ sollte.
Doch erneut entbrannte Streit. Künstler wie Bogomir Ecker, Thomas Ruff und Gerhard Richter kritisierten den Entwurf als Reproduktion von NS-Ästhetik.
Der Entwurf wurde verworfen – eine Alternative folgte nicht. Stattdessen wurde vorgeschlagen, das Denkmal einfach verrotten zu lassen.[5] Was also tun?

Ideologie oder Kunst?
Dem widersprachen Stimmen aus der Erinnerungskultur.
Julia Lehner, zweite Bürgermeisterin von Nürnberg, plädierte für eine pragmatische Umgestaltung: Denkmäler könnten Orte der Information und Nutzung sein, ohne Ehrfurcht zu erzwingen.
Auch Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank betonte: Nicht die Kunst ist das Problem, sondern die Ideologie, die man ihr überstülpt.
Verdun, Washington – und die Frage nach Orten der Trauer
Meine eigenen Erfahrungen in Verdun und am Vietnam Veterans Memorial in Washington D.C. haben meinen Blick geschärft.
Ich sah Veteranen, die Blumen niederlegten – nicht aus Militarismus, sondern aus dem Bedürfnis nach einem Ort der Trauer.
Was geschieht, wenn es solche Orte nicht gibt?[6]

Keine Erinnerung – keine Trauer
Als Jupp Rübsam seine „Innere Festung“ schuf, war es bereits zu spät.
Die Demokraten der Weimarer Republik hatten den Raum der Erinnerung nicht gestaltet – andere übernahmen ihn.
Und genau hier liegt die Lehre bis heute:
Wenn Demokratien ihre Erinnerungsorte nicht benennen, umdeuten und erklären, tun es andere.
Und die haben oft anderes im Sinn.
Die Ideologie sei das Problem, nicht die Kunst selbst
Dagegen sprach die 2. Bürgermeisterin von Nürnberg, Julia Lehner, von einer pragmatischen Umgestaltung. Sie selbst, immer den Reichsparteitag vor Augen, sagte erklärte, man könne Denkmäler zur Freizeitgestaltung UND Information mutzen, ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Auch Miron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank plädierte für den Erhalt. NS- Architektur sei eine Kunstform, eine Inszenierung. Die Ideologie sei das Problem, nicht die Kunst selbst.[7]



[1] Krumeich, Gerd. Als Hitler den 1. Weltkrieg gewann. Die Nazis und die Deutschen 1921-1940. Herder Verlaf, Freiburg im Breisgau, 2024, S.220
[2] Ebd. S. 221
[3] Krumeich, Gerd. Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkrieges und die Weimarer Republik. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2021S. S.212ff
[4] Vgl. Schilling Rene. Kriegshelden. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945. Schöningh Verlag, Paderborn, 2002, S. 294
[5]Vgl. „Propaganda aus Stein“. Film von Nicole Blacha über den schwierigen Umgang mit Nazi-Architektur, u.a. am Beispiel des 39er Denkmals, abrufbar bis 21. August 2025.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
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Im Westen nichts Neues…
Danke für diesen tief gehenden und differenzierten Beitrag. Das Thema ist wichtig und gleichzeitig brisant. Ist es naiv sich zu wünschen, dass die Kriegsdenkmäler uns bewusst machen könnten wie viele Tote, Leid und Zerstörung die Kriege gebracht haben? Es ist wichtig über die Mechanismen der Kriegsentstehung zu sprechen und darüber nachzudenken wer von Kriegen profitiert. Wir könnten aus der Vergangenheit lernen – und der Angstmacherei und den Feindbildern etwas entgegen setzen: Frieden.
Lieber Herr Becker,
ich danke ihnen für die Antwort. Schön, dass Sie der Beitrag so bewegt. Im Grunde müsste an jedem Kriegsdenkmal stehen, dass man nicht nur für das Vaterland stirbt, sondern auch durch das Vaterland.
Nur- KEIN Denkmal zu setzen halte ich für grundfalsch. Wenn die Leidgeprüften und Angehörige von Opfern, wo auch immer, nicht gesehen werden, wird die Trauer der Verbliebenen sehr hart. Zu hart- manchmal.