Entartete Sphinx an Düsseldorfs Tonhalle

Jupp Rübsams Denkmal an den 1. Weltkrieg

Zwei aus Basalt gehauenen Figuren, die wilden Tieren gleich auf alle Vieren auf dem grauen Stein zu kauern scheinen. Die Pfoten ähnliche Hände liegen wie Löwentatzen vor den dunklen Körpern und berühren sich. Die Gesichtszüge muteten mit ihren breiten Lippen und die längs gehauenen Augen für die rheinische Bevölkerung seltsam fremd an.

Diese Figur des Bildhauers Rübsam ist die Einzige, die noch existiert. Sowohl der Rumpf, auf dem sie steht ist verschwunden als auch der Kamerad mit der Mütze, ©Marion Rissart

Bildhauer gedenkt seinen Kameraden mit »Innerer Festung«

Einzig deren Kopfbedeckungen (Mütze und Helm) gaben Auskunft darüber, was diese beiden Figuren darstellten sollten. Der Künstler Jupp (Josef) Rübsam (1896-1976), »Soldat aus dem Felde« im 39 er Nieder-Füsilier Regiment, schuf die »Innere Festung«, wie er die beiden Figuren nannte, in Andenken an seine Kameraden aus dem 1.Weltkrieg.

Erich Ludendorff, Ex Regimentschef der 39er, weigerte sich, das Denkmal einzuweihen. Für ihn waren es „viehische Rohlinge“, ©wikipedia commons

Sauerländische Sphinx statt »Innere Festung«

Während die Wohlmeinenden unter den Düsseldorfern noch mit einem großen Fragezeichen vor dem Denkmal standen, schäumten die Rechten und viele aus der politischen Mitte vor Wut. Sie sahen in den Figuren »sauerländische, übersetzte ägyptische Sphinxe«[1]  Kaum einer bemerkte, was Rübsam eigentlich darstellen wollte: Kameradschaft, Verwundung, das gegenseitige Beschützen im Schützengraben.

Düsseldorfer Tonhalle. Davor steht der Rest des Denkmals Jupp Rübsam, der 1927 eigentlich die Kameradschaft des 39er Regiments hervorheben wollte, ©Marion Rissart

Für Ludendorff »viehische Rohlinge«

Der ehemalige Chef des 39 er Regiments Erich Ludendorff, der das an der östlich der Tonhalle aufgestellte Denkmal einweihen sollte, weigerte sich. Wutschnaubend sprach er in einem Brief an Düsseldorfs Oberbürgermeister Lehr von »Verhöhnung der gefallenen Helden« und sah in den Figuren nichts anderes als »viehische Rohlinge«.[2]

So sahen die Nazis das 39 er Regiment. Nachdem sie Rübsams „Innere Festung“ abgerissen hatte, ließen sie am Reeser Platz ein neues Denkmal in Erinnerung an den Kameraden des 1. Weltkrieges erbauen. Bis heute Düsseldorfs Zankapfel, ©Marion Rissart

Keine Erinnerungskultur in der Weimarer Republik?

Zwar wurde das Denkmal aufgestellt. Aber es besaß eine solche Sprengkraft im wahrsten Sinne, dass auf den Basalt Schmierereien und gar einen Sprengstoffanschlag verübt wurde, als handele es sich um eine Art Antichristen als Gegenpart edler deutscher Gesinnung. Gleichzeit vereinigten sich in diesem Denkmal alles, was bisher an Fehlleistungen in Sachen Andenken an die gefallenen Kameraden bislang in der Weimarer Republik gegeben hatte. Und, darin lag die Tragik, war es längst zu spät war, darin etwas zu ändern.

Gerd Krumeich ist einer der besten Kenner über den 1. Weltkrieg, ©Ziko

Kein Denkmal-keine Aufarbeitung

Die Weimarer Republik, so der Historiker Gerd Krumeich, hatte es in den Anfangsjahren schlichtweg versäumt, den Gefallenen, Verwundeten und Kriegsteilnehmern Denkmäler zu setzen. Das Trauma um den verlorenen Krieg, der »Schandfrieden«, »“Kriegsschuld« mit dem ganzen Rattenschwanz, was die junge Republik zu bewältigen hatte, schmurgelten als aufgestaute Gefühle in den ehemaligen Frontsoldaten und ihren Söhnen vor sich hin und mündeten in einem »Nicht gesehen werden«.[3]

Die Totenhalle von Verdun. Mehr als ein Ort der Erinnerung, ©Marion Rissart

Die Rechten übernehmen die Heldenverehrung

Indem man es versäumte, in den Anfängen Denkmäler zu setzen, wohin die Teilnehmer ihr Leid und ihre Trauer tragen konnten, übernahmen die Rechten die »Heldenverehrung«, deren Folgen uns bis heute allzu bekannt sind. Denn ab der Mitte der 20er Jahre erwarben Parteien wie die NSDAP, DNVP, Wehrverbände wie Stahlhelm, Vaterländische Verbände etc. quasi die die Deutungshoheit über den 1. Weltkrieg, öffentlich wie symbolisch.[4]

Das von den Nazis eingeweihte Denkmal am Reeser Platz. Die Erinnerungskultur vom 1. Weltkrieg wurde von ihnen okkupiert, ©Marion Rissart

Zerstörung des Rübsam-Denkmals

Nachdem die »Innere Festung« halb zerstört und weggeschafft wurde, ließen die Nazis in Gedenken an die Kameraden aus dem 1. Weltkrieg ein neues Denkmal bauen. Eines, an dem sich bis heute wieder die Geister scheiden und an dem sich immer noch der Unmut entzündet.


Düsseldorfer_Lazarett_im_Universitätsgebäude_place_du_vingt_bei Lüttich_1914, ©wikipedia-commons.

Heutiger Schandfleck – 39er Denkmal in Düsseldorf

Die Rede ist von »Düsseldorfs 39 er Denkmal«, das bis heute den Reeser Platz »verziert«. Der Reeser Platz war bis vor Beginn des 2. Weltkrieges ein fantastischer Ort für Nazi Propaganda und diverse Aufmärsche. Das Denkmal der Kameraden aus dem 1. Weltkrieg, (martialischer Gang, Knobelbecher, Siegesgewissheit im Blick), tat sein Übriges hinzu. Bis heute ist es Zankapfel geblieben. Selbst die Anwohner waren/sind gespalten: Verändern oder abreißen? Einige plädierten für dessen Zerstörung, eine Dame hingegen plädierte für die Erhaltung. Sie käme aus einer Offiziersfamilie und es hätten auch Opfer gegeben, denen man Gedenken müsste. [5] Was also tun?

Sollen wir Gras über die Vergangenheit wachsen lassen?, ©Marion Rissart

Verrotten lassen oder Neugestaltung?

Düsseldorf rief 2019 zu einem Wettbewerb aus, der eine Neuinterpretation des 39 er Denkmals erwirken sollte. Die Künstlergruppe »Ultrastudio« (Lars Breuer, Sebastian Freytag, Guido München und der Architekt Christian Heuchel) gewann das Rennen. Sie schlugen eine Brücke über das Denkmal vor, die es diagonal kreuzen würde. Mit der 50 Meter lange metallenen Brücke würde das Denkmal, so die Idee, quasi durchgestrichen werden.

Kitschpathetische NS- Denkmal?

Erneut gab es Ärger. Künstler wie Bogumir Ecker, Thomas Ruff und Gerhard Richter verwarfen den Entwurf des Ultrastudios sofort und sprachen von »Reproduktion NS-Ästhetik«. Also passierte wieder einmal nichts. Und das bis heute. Bogumir Ecker, der Initiator des Widerstandes, kam mit keiner neuen Idee, dazu sei er außerstande, wie er erklärte, sondern sprach sich dafür aus, das Denkmal einfach »verrotten« lassen.[6] Aber ist es möglich, Denkmäler einfach dem Zahn der Zeit zu überlassen, damit die Steine quasi als irgendwann als Steinbruch dienen?

Verdun. Blick auf den französischen Soldatenfriedhof, ©Marion Rissart

Die Ideologie sei das Problem, nicht die Kunst selbst

Dagegen sprach die 2. Bürgermeisterin von Nürnberg, Julia Lehner, von einer pragmatischen Umgestaltung. Sie selbst, immer den Reichsparteitag vor Augen, sagte erklärte, man könne Denkmäler zur Freizeitgestaltung UND Information mutzen, ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Auch Miron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank plädierte für den Erhalt. NS- Architektur sei eine Kunstform, eine Inszenierung. Die Ideologie sei das Problem, nicht die Kunst selbst.[7]

Washington. Vietnam Memorial, ©ichbinimGarten

Verdun und Washington D.C- Memorials

Ich habe durch meine Besuche in Verdun und in Washington D.C. eine differenzierte Sicht der Dinge. In Verdun stand ich vor der Totenhalle und den Gräbern. Washington besuchte ich ausgerechnet an dem Veteransday, wo Vietnamsoldaten ihre Kränze vor dem Memorial niedergelegt hatten.

Ich bin alles andere als ein Militarist, aber ich beobachtete einen von den alten Vietnamkämpfern, der einem Hollywoodfilm entsprungen schien. Längere Haare, ein zu einem Zopf geflochtenen Kinnbart, etwas verhuschter Blick. Mit etwas unsicherem Gang legte er Blumen vor dem Memorial nieder. Was ist, so dachte ich beim Zusehen, wenn es für ihn keinen Ort des Trauerns und des Erinnerns mehr gäbe? Wohin dann kann er die Trauer tragen?

Das Mahnmal „Drei Nornen“. Es ist den Opfern des 2. Weltkrieges gewidmet, des Feldes, der Heimat und des politischen Terrors. Unverkennbar trägt es die Handschrift Jupp Rübsams, ansonsten auch von Ulrich Wolf und Willy Tapp, ©Marion Rissart

Keine Erinnerung-keine Trauer

Jahrelang gab es nach dem 1. Weltkrieg keinen Ort des Erinnerns. Als Jupp Rübsam seine »Innere Festung« erstellte, war das Kind längst in den Brunnen gefallen. Erinnerungspunkte wie Denkmäler schaffen für die Opfer und den Angehörigen, deren Söhne noch nicht einmal ein eigenes Grab besitzen, einen Ort, wohin sie ihre Trauer hätten tragen können. Statt der Demokraten in der Weimarer Republik okkupierten die Nationalsozialisten die Denkmalspflege. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Ein Relief in den „Drei Nornen“, ©Marion Rissart

Wenn die Demokratie nicht von Demokraten gestaltet wird, tun es andere für sie

Zurück zu dem Reeser Platz und den heutigen Widerständlern:  Wenn ich in einer Demokratie das 39 er Denkmal nicht neugestalten und benennen kann, tun es andere für mich. Und die haben möglicherweise Schlimmeres im Sinn.


[1] Krumeich, Gerd. Als Hitler den 1. Weltkrieg gewann. Die Nazis und die Deutschen 1921-1940. Herder Verlaf, Freiburg im Breisgau, 2024, S.220

[2] Ebd. S. 221

[3] Krumeich, Gerd. Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkrieges und die Weimarer Republik. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2021S. S.212ff

[4] Vgl. Schilling Rene. Kriegshelden. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945. Schöningh Verlag, Paderborn, 2002, S. 294

[5]Vgl. „Propaganda aus Stein“. Film von Nicole Blacha über den schwierigen Umgang mit Nazi-Architektur, u.a. am Beispiel des 39er Denkmals, abrufbar bis 21. August 2025.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

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2 Antworten auf „Entartete Sphinx an Düsseldorfs Tonhalle

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  1. Im Westen nichts Neues…

    Danke für diesen tief gehenden und differenzierten Beitrag. Das Thema ist wichtig und gleichzeitig brisant. Ist es naiv sich zu wünschen, dass die Kriegsdenkmäler uns bewusst machen könnten wie viele Tote, Leid und Zerstörung die Kriege gebracht haben? Es ist wichtig über die Mechanismen der Kriegsentstehung zu sprechen und darüber nachzudenken wer von Kriegen profitiert. Wir könnten aus der Vergangenheit lernen – und der Angstmacherei und den Feindbildern etwas entgegen setzen: Frieden.

    1. Lieber Herr Becker,

      ich danke ihnen für die Antwort. Schön, dass Sie der Beitrag so bewegt. Im Grunde müsste an jedem Kriegsdenkmal stehen, dass man nicht nur für das Vaterland stirbt, sondern auch durch das Vaterland.

      Nur- KEIN Denkmal zu setzen halte ich für grundfalsch. Wenn die Leidgeprüften und Angehörige von Opfern, wo auch immer, nicht gesehen werden, wird die Trauer der Verbliebenen sehr hart. Zu hart- manchmal.

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