Der Mann hinter Bömmel – ein deutsches Schauspielerleben

Paul Henckels, der Professor aus der Feuerzangenbowle, über Bühne, Bombennächte und schwarzen Humor

Man kennt ihn, ohne seinen Namen zu kennen.
Professor Bömmel aus der Die Feuerzangenbowle gehört zum kulturellen Gedächtnis – wie bestimmte Sätze, bestimmte Gesten, ein bestimmter Tonfall. Doch hinter der Figur steht ein Schauspieler, dessen Leben weit über die gemütliche Schulkomödie hinausreichte. Paul Henckels spielte sich durch Bühne, Krieg und Film, durch Bombennächte und politische Abgründe – getragen von einem Humor, der weniger Heiterkeit als Haltung war.

Wat bliev noh Weihnachte?

Die Weihnachtszeit ist längst vorbei, die Plätzchen gegessen, die Geschenke wieder verstaut. Zurück bleibt die Frage: Was war eigentlich außer Essen?
Eine Antwort lautet seit Generationen: Filme. Und zwar jene, die man in- und auswendig zu kennen glaubt – und die sich doch bei jedem Wiedersehen neu entfalten.

Der Klassiker schlechthin ist nicht nur Der kleine Lord, sondern ebenso Die Feuerzangenbowle – und, etwas leiser, aber nicht minder langlebig: Die Mädels vom Immenhof.
Beide verbindet eine Figur, die mehr war als Chargenspieler, mehr als Nebenrolle: Paul Henckels.

Düsseldorfer Schauspielhaus nach 1924, ©Theatermuseum Düsseldorf

Mehr als Pfeiffer mit drei F

Bei der Feuerzangenbowle geht es nicht nur um Pfeiffer mit drei F, sondern um Professor Bömmel. Um „Leven un leve lasse“, um rheinische Lebensklugheit, um dieses berühmte „Wat für ein Wetterchen“. Bömmel, der seinen Schülern das Innenleben der Dampfmaschine erklärt – „janz dumm anstelle“ – und damit zugleich ein Lebensprinzip formuliert.
Henckels verkörpert diesen Rheinländer mit listigem Humor, Schlitzohrigkeit und einer Gelassenheit, die aus Erfahrung stammt.

Rheinischer Witz auf Düsseldorfer Brettern

Doch Henckels war mehr als Bömmel. Als Onkel Pudlich vom Immenhof heilt er Ponys, als Schneider Wibbel sieht er seiner eigenen Beerdigung zu – in dem Düsseldorfer Kultstück Schneider Wibbel seines Schulfreundes Hans Müller-Schlösser.
1500 Mal spielte Henckels diese Rolle. Ein Goldesel für das Düsseldorfer Schauspielhaus – trotz anfänglicher Zweifel von Theaterdirektor Gustav Lindemann.

Schneider Wibbel, seine Paraderolle via wikipedia commons

Die Kunst, sich selbst zu Grabe zu tragen

Seine Lehrjahre verbrachte Henckels unter Louise Dumont und Lindemann. Der Erste Weltkrieg unterbrach alles. In Lille spielte er vor Soldaten Hans Sachs, Kleist, Shakespeare, Niebergall – Theater als seltsame Insel der Kultur, ein barockes Haus wie ein blank polierter Zahn im faulenden Gebiss des Krieges.

Berlin ruft – und der Rhein reist mit

Nach dem Krieg ruft Berlin. Das Mekka der Theaterkunst. Über Steglitz führt der Weg zu Reinhardt, Barnowsky, Jeßner. „Auf allen Brettern getummelt“, wie er selbst sagte.
Das Leben: Probe, Applaus, Reise, Regisseur. Hetze – und doch: „Atmen, treiben, planen, wirken, leben.“

Dann die dunkle Zeit.
Henckels spricht kaum darüber. Seine Frau Thea ist Jüdin, er gilt als Halbjude, erhält Auftrittsverbot. Es ist Gustaf Gründgens, einst sein Schüler, nun Intendant am Preußischen Staatstheater, der ihm das Überleben sichert. Lohn, Brot, Schutz. Thea versteckt sich zeitweise in der Theatergarderobe. Henckels steht auf der Gottbegnadetenliste – ein bitterer Schutzschild.

Berlin, 21. Januar 1936,
„Hamlet“ im Staatl. Schauspielhaus unter der Regie Lothar Müthels.
Gustav Gründgens in der Titelrolle.
909-36

Humor als Tarnkappe

Er spielt. Weil er spielen kann. Weil er spielen muss.
In Filmen wie Der Maulkorb, Napoleon ist an allem schuld, Die Zaubergeige – und natürlich wieder in der Feuerzangenbowle.
Das Gauklertum wird zur Lebensversicherung. Wie Gründgens sagte: „Die Unsicherheit, mit der wir alle lebten, ließ uns die Bühne als einzig sicheren Ort erscheinen.“

Lache, Bajazzo – och wenn et brennt

1943 verlieren sie bei einem Bombenangriff im Hotel Bristol alles. Übrig bleiben: das Leben, ein Handkoffer, Setter Sylva.
Der Schutzengel bleibt. Auch in Potsdam, auch nach dem Einmarsch der Russen. Schauspieler – das versteht man überall. Und manchmal braucht es zusätzlich Menschen wie Maria vom Don, eine Zwangsarbeiterin, die mit Mut und Menschlichkeit Schlimmeres verhindert.

Den Humor hat er nie verloren, ©wikipedia commons

Zeröck noh Düsseldorf

Nach der Berlin-Blockade ruft Düsseldorf. Wieder Gründgens. Noch einmal Film: Dr. Pudlich, Felix Krulls Pate Schimmelpreester, Dr. Gutknecht in Via Mala.
Dann der Rückzug. Boulevard, Vorträge, Wilhelm Busch. Schwarzer Humor als Lebenskunst.

Der Vogel hätt Humor

Wie er überlebt hat, beantwortet Henckels selbst – mit Busch:

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
er flattert sehr und kann nicht heim.

Der Vogel denkt: Weil das so ist
und weil mich doch der Kater frißt,
so will ich keine Zeit verlieren,
will noch ein wenig quinquillieren
und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Lebens:
Lache Bajazzo, lache. Nicht weil es leicht ist – sondern weil es überlebenswichtig ist.

Am Ende bleibt kein Helau, kein Vorhangdonner. Es bleibt das Weiterspielen. Paul Henckels hat diesen rheinischen Frohsinn gelebt: nicht laut, nicht blind, sondern mit Blick auf das, was droht – und dennoch mit Humor. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst: nicht zu entkommen, sondern zu pfeifen, solange es noch geht. Der Vogel, scheint mir, hatte Humor.

Ich habe diesen Text noch einmal gelesen – und ihm eine andere Ordnung gegeben.

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