Paul Henckels alias Bömmel, Pudlich oder ewige Düsseldorfer Leiche

Die Weihnachtszeit ist längst schon wieder passe und ein jeder fragt sich, was er eigentlich so gemacht hat außer Essen und Geschenke verschenken respektive wieder auspacken. Spielfilme gucken ist eine gute Alternative, besonders die Filme, deren Inhalt man über Generationen kennt und die von jedem Zuschauer immer wieder neu kennengelernt werden.

50er Jahre Dauerbrenner: Feuerzangenbowle und Immenhof-Trilogie

Der sogenannten Klassiker ist nicht allein »Der kleine Lord«, sondern auch »Die Feuerzangenbowle« und last, but not least der 50er Jahre Dauerbrenner »Die Mädels vom Immenhof«. Bei der Bowle gab es nicht nur Pfeiffer mit drei F, sondern »Leven un Leve lasse« Professor Bömmel, der seinen unaufmerksamen Primanern das Innenleben einer Dampfmaschine erklärte. »Janz dumm anstelle«, sollten die Schüler sich bei seiner Vorstellung, »janz dumm anstelle» aber auch die Lehrer bei dem Streich mit der Schulschließung. Rheinische Lebensfreude »Wat für ein Wetterchen«, oberstes Bömmel-Gebot inklusive einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit »wenn ihr eusch einbildet, isch hopps hier auf einem Bein durch die Klasse, isch habs Zeit«, verkörpert Bömmel alias Paul Henckels den Rheinländer par excellence. Als »Onkel Pudlich« vom Immenhof heilt er nicht nur als Tierarzt die Ponies vom Immenhof, sondern sieht in dem Düsseldorf berühmten Stück »Schneider Wibbel« seines Schulfreundes Hans Müller-Schlösser, als eben jeder Schneider seiner eigenen Beerdigung zu.  Das Stück wird ein voller Erfolg im Düsseldorfer Schauspielhaus, obwohl Theaterdirektor Gustav Lindemann bereits die Premiere als Fiasko wähnte.

Kinoplakat, fotografiert im Bilker Kino Metropol, ©Marion Rissart

Schneider Wibbel: Düsseldorfs ewige schöne Leich

Paul Henckels, der unter Louise Dumont und dem oben genannten Lindemann seine ersten Sporen verdiente, nachdem er zuvor von seiner Mutter unterrichtet wurde, ist nicht nur Spielleiter und Schneider Wibbel in Personalunion, ist auch Ideengeber der eigentlichen Pointe im vierten Bild, wo er darauf drängt, als Leiche wieder zu erscheinen. Insgesamt spielte Henckels die Rolle zusammen mit seiner Ehefrau und kongenialen Partnerin Thea Grodtczinsky Schneider Wibbels Ehefrau Fin. 1500 Mal. Das Stück erwies sich als Goldesel für das Düsseldorfer Schauspielhaus, den das Ehepaar Dumont/Lindemann immer wieder auf den Spielplan setzten.

Schneider_Wibbel,Szene_aus_dem_4._Akt–_Trauergesellschaft_in_der_guten_Stube,_1913. Public Domain Wikimedia Commons

Kriegstheater in Lille

Auch bei ihm machte der erste Weltkrieg nicht halt, wo er vor den Kriegern in Lille Hans Sachs, Kleist, Shakespeare und Niebergall spielten. Eine wüste Szenerie voller Schreie, Rufe und Stöhnen am Bahnhof und dann alle Mann in feldgrau hinein in einem, mit Goldzierrat beladenen Theater französischen Barocks, das angesichts des Elends wie ein blank polierter Zahn inmitten eines faulen Gebisses erscheint.

die-drei-partner-of-crime.-thea-grodtczinsky-als-fin-wibbel-der-autor-hans-mueller-schloesser-und-paul-henckels-als-schneider-wibbel.-public-domain-via-wikipedia-commons-.jpg

Berlin- Das Theater-Mekka

Doch auch er folgt nach dem Krieg dem Mekka der Theaterkunst. Berlin ruft!, heißt es in seiner Biographie. Zuerst geht es über die Vororte; er wird Direktor am Schlosstheater Steglitz. Hier müssen sich Paul und Thea bewähren, oder besser gesagt „Auf allen Brettern getummelt“. Hier wollte er wirken, unter der Ägide berühmter Männer wie Max Reinhardt, Viktor Barnowski, Leopold Jeßner, Meinhard, Bernauer etc.

bz-am-mittag.-in-der-weimarer-zeit-eroberte-paul-henckels-berlin,© Marion Rissart

Theater spielen ist atmen, treiben-planen, wirken-leben

Das Leben sei eine ewige Hetzte, so sein Credo, in Henckels bestem Sinne. Vom Theater zum Film und zurück. Das Leben des Paares besteht aus Proben, Regisseure, Applaus, Verrisse. Und doch macht es ihm nicht aus, denn für ihn war es »atmen, treiben-planen, wirken-leben«.

die Bretter des Theaters bedeuteten ihm alles. Wenn der Vorhang aufging, war Henckels präsent, ©Marion Rissart

Beschützer Gustaf Gründgens und Hitlers Gottbegnadeten Liste

Ein Glück für ihn, dass auch Gründgens dort ist. Gustaf Gründgens ist nicht nur sein ehemaliger Schüler am Düsseldorfer Theater, sondern auch im Dritten Reich Intendant am Preußischen Staatstheater. Henckels spricht kaum über die dunkle Zeit in seinem Leben, und wenn dann verklausiert, aber Gründgens, mit einem guten Draht zu Hermann Göring, erweist sich als sein Gönner und Beschützer. Henckels Frau ist Jüdin, Henckels gilt als Halbjude und erhielt Auftrittsverbot.  Gründgens gibt ihm am Preußischen Theater Lohn und Brot, läßt ihn auf Hitlers Gottbegnadeten Liste setzen und gewährte Thea, als die Razzien und Deportationen zunahmen, Schutz in der Theatergarderobe.

Gustaf Gründgens in der Snob von Carl Sternheim, ©Deutsche Fotothek

Lache Bajazoo, lache

Dafür musste Henckels das tun, was ihm am besten lag, nämlich spielen. Mit berühmten Größen wie Albert Bassermann und in Filmen, wie der »Maulkorb«, »Napoleon ist an allem schuld« , »die Zaubergeige« und natürlich die berühmte »Feuerzangenbowle«. Sein Gauklertum sicherte sein Überleben oder wie Gründgens sagte: »Die Unsicherheit, mit der wir alle lebten, ließ uns die Bühne als einzig sicheren Ort erscheinen.« Der Tod spielte immer mit und Henckels wusste ja, wie am Beispiel Erich Knauf, (der für die Feuerzangenbowle das Liedchen »Der Frühling liebt das Flötenspiel« gedichtet hat) wie schnell es geht, enthauptet zu werden. Lache Bajazzo, lache, lautet die Devise.

Filmen geht immer,©Marion Rissart

Alles verlieren, aber sich selbst treu bleiben

Als ihr bisschen Hab und Gut bei einem Bombenangriff im November 1943 im Berliner Hotel Bristol in Flammen aufgeht, besitzen sie nichts weiter als ihr Leben, einen Handkoffer und Setter Sylva. Dennoch kreist der Schutzengel weiter über ihn auch nach dem Einmarsch der Russen in Potsdam, wohin er mit seiner Frau geflohen ist. Der Schauspielerberuf zieht auch bei den Russen, ebenso die russischen Klassiker, die bei ihm im Regal stehen. Aber einen größten Anteil an Völkerverständigung trägt Maria vom Don, eine Zwangsarbeiterin, die bei den Henckels lebt und einen unschätzbaren Dienst zur allgemeinen Unversehrtheit leistet.

Vielleicht hat Henckels da gesessen?, ©Marion Rissart

Zurück zu Gründgens in die rheinische Heimat

Eigentlich hat er Berlin nicht verlassen wollen, aber die Berlin – Blockade war schuld, der Ruf in die alte Heimat laut (und wohl auch der Wunsch nach einer eigenen Wohnung stark.) Ab ging es zurück unter der Ägide seines einstigen Schülers und Förderers Gustaf Gründgens. Der war inzwischen Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses geworden. Noch einmal ging er zum Film als bekannter »Dr. Pudlich«, der schrullige Tierarzt vom »Immenhof«, aber auch in »Felix Krull« dessen Pate »Schimmelpreester« oder in »Via Mala« den »Dr. Gutknecht«.

Heinz Rühmann, der Star aus der Feuerzangenbowle am Flughafen in Schiphol, ©Niederländisches Staatsarchiv

Schwarzer Humor dank Wilhelm Busch

Schließlich kehrte er dem Film den Rücken und besann sich auf das, was er auch mochte: seinen schwarzen Humor ausleben. In Vortragsreihen über »Wilhelm Busch« machte der sich besonders gut oder im Boulevard-Theater »Ich, Erste-Person Einzahl«.

Der ewige Schneider Wibbel, ©Marion Rissart

Wie der überzeugte Karnevalist und Ehrenbürger der »Derendorfer Jonges« die Zeit überlebt hat, zeigt sich am besten mit dem von ihm zitierten Gedicht von Wilhelm Busch:  

                                                    Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,

                                                    er flattert sehr und kann nicht heim.

                                                    Ein schwarzer Kater schleicht herzu,

                                                    die Krallen scharf, die Augen gluh.

                                                    Am Baum hinauf und immer höher

                                                    kommt er dem armen Vogel näher.

                                                    Der Vogel denkt: Weil das so ist

                                                    und weil mich doch der Kater frißt,

                                                    so will ich keine Zeit verlieren,

                                                   will noch ein wenig quinquillieren

                                                   und lustig pfeifen wie zuvor.

                                                  Der Vogel, scheint mir, hat Humor.  

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