Zum ersten Mal hörte ich von Verrat, als ich als Kind »Fünf Freunde und das Burgverlies« von Enid Blyton las. Die alte Normannenburg brannte nieder, weil innen in der Burg zusätzlich Verräter waren, die zur gleichen Zeit ein Feuer legten. Damals fragte ich, wie um alles in der Welt es Verräter in den eigenen Reihen geben kann?
Verrat: Fluch oder Segen für die Gesellschaft?
Verrat ist ein Teil unseres gesellschaftlichen Phänomens. Klatsch, Tratsch, kleine Geheimnisse ausplaudern; wer kennt das nicht von sich selbst. In der Regel harmlos, ist es das Salz in der Suppe. In einer stabilen Gesellschaft hat das Weitersagen von Geheimnissen keine Folgen von Leben oder Tod. Manchmal ist die bewusste Bekanntgabe von Geheimnissen ein Segen für die Menschheit zum Beispiel bei Kenntnissen über Kindesmissbrauch, Mord oder Diebstahl.

Verrat bekommt eine höhere Weihe
In einer Diktatur sieht der Fall schon anders aus. Gerät ein Mensch unter Folter, plaudert er nur zu gerne aus Angst und vor Schmerzen aus, was ihn in den Sinn kommt oder andere ihm in den Mund legen. Wo die Sache dann richtig faulig wird, wenn einem Verrat quasi eine höhere Weihe angehängt wird, frei nach dem Motto, man tue es für »Volk« und »Vaterland«. Es gilt hier den berühmten feinen Unterschied zwischen legitimer Anzeige und Denunziation. Sie befindet sich im Spannungsfeld eher privaten-ethischen Normen und staatlichen Erwartungen.[1]

Antifaschistische Wachsamkeit und Heimtückegesetz
In der DDR gab es zum Beispiel nicht nur die aus dem Film »Das Leben der Anderen« die bekannten »Inoffiziellen Mitarbeiter«, kurz IM genannt, sondern auch die gern genommenen, von der Stasi genannten »Auskunftspersonen« (AKP`s), ohne die im Staat im Grunde nichts lief. Die AKP`S beobachten und sondierten über den Gartenzaun hinweg ihre lieben Mitmenschen und teilten auskunftsfreudig (und freiwillig!!) mit, was sie sahen, meinten oder glaubten zu wissen. Während Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit das Denunziantentum in der DDR als »antifaschistische Wachsamkeit« bezeichnete, gab es im NS-Staat ab Dezember 1934 das sogenannte »Heimtückegesetz«[2], die Denunziationen aller Art Tür und Tor öffnete. Mit beabsichtigten, bösen Folgen.

Flüsterwitze von Erich Ohser und Erich Knauf
Ein gutes Beispiel sind die beiden Erichs, die im Dritten Reichs ihr Leben verloren. Erich Ohser alias e.o. plauen, besser bekannt als der Zeichner der Serie »Vater und Sohn«, wurde Opfer eines Verrats. Ebenso wie sein Busenfreund, der Schriftsteller Erich Knauf, der zusammen mit Ohser aufgrund beider ausgebombten Wohnungen in einer WG lebte. In dem Haus, das dem Arzt und Frontsoldaten Dr. Daubenspeck gehörte, wohnten auch Herr und Frau Schultz. Herr Schultz war Herausgeber der Zeitung »Der neue deutsche Lichtblick«, was ihm das Vertrauen (er ist Künstler wie wir) der beiden Erichs sicherte. Was sie beiden gekonnt ignorierten, war die Tatsache, dass Schultz auch Hauptmann im Oberkommando der Deutschen Wehrmacht war.

Denunziert aus Missgunst
Im Luftschutzkeller, wo aus Schultzens Vorräten (scheinbar eine freigiebige Natur) geraucht und gerne getrunken wurden, machten die beiden Erichs ihrer Anspannung Luft. Jahrelang hatten sie sich mit dem Regime arrangieren müssen, Erich Knauf war deswegen sogar im KZ gelandet. Jetzt schufen die Bombennächte eine seltsame Art der Nähe, wie sie nur in Endzeitstimmungen aufkommt. Die Erichs erzählten sich laut (Ohser war schwerhörig) kursierende Flüsterwitze und kicherten über böse Anekdoten der Nazi-Bonzen. Eine tör(dl)iche Idee, wie sich später herausstellte. Zuerst machten die Schultzens mit oder taten doch so, nebenbei schrieben sie alles Gesagte auf (man kann ja nie wissen) und hielten es später für ihre Vaterländische Pflicht, schriftlich die Gestapo davon in Kenntnis zu setzen.
Verrat zum eigenen Vorteil
Zwei Patrioten also? Nicht ganz. Den Denunziationsbrief schrieb Schultz bereits im Februar 1944, im März gab es zwischen den Erichs und ihnen Streit bzgl. der Zimmeraufteilung, denn Schultzens wollte die Küche für sich. Vielleicht lag es auch daran, dass sich Schultz mit seiner Muschi (so der Spitzname seiner Frau) den frechen Sprüchen der beiden Dichter auch nicht gewachsen fühlte. Wie auch immer. Jedenfalls versuchten sie, zunächst über den Hausbesitzer, die beiden Künstler loszuwerden. Als das nicht gelang, schickten sie im April `44 den Brief an die Gestapo ab.[3]

Angekratztes Ego wegen Flüsterwitze
Wie sehr es den Eheleuten gewaltig an ihr Ego kratzte, diese beiden Künstler zu beherbergen, zeigte sich vor der Gerichtsverhandlung unter dem Präsidenten Roland Freisler im Volksgerichtshof. Frau Schultz stand vor der baldigen Witwe Erich Knaufs (Ohser hatte sich zuvor in seiner Zelle erhängt) und wähnte sich als Opfer von Ohser und Knauf. Sie und ihr Mann hätten sich so »zersetzt« vorgekommen, dass sogar ihre Ehe darunter gelitten hätte. Gleichzeitig bot sie Erna Knauf ihre Hilfe an.[4]
Teilhabe an Macht im Bewusstsein Recht zu haben
Teilhabe an der Macht, also das Gefühl, Recht zu haben, das Bedürfnis, auf der Seite der Sieger zu stehen, von deren Glanz etwas abzubekommen und dadurch Macht auf diejenigen auszuüben, die anscheinend zu den Verlierern gehören – das seien eines der wichtigsten Motive für Denunziationen, erklärte die Forscherin Inge Marßolek. Umbruchszeiten wie die Bombenächte 1944 seien besonders gefährlich für Menschen wie Knauf und Ohser gewesen. Der unsicher gewordene Alltag, Kriegswirren und die unbewusste Ahnung, dass der Endsieg doch nicht in naher Zukunft am Himmel winke, gab den Schultzens das Gefühl, sie hätten alles Recht der Welt, wenigstens doch in diesem Punkt für Ordnung zu sorgen.[5]

Denunzianten denunzieren, weil sie nichtssagend sind
Ein typischer Denunziant sei, so Marßolek, unscheinbar. Völlig nichtssagend. Helene Schwärzel, die den Widerstandskämpfer Carl Goerdeler in einem Café erkannte und ans Messer lieferte, war, so die Presse, ein schmuddeliges, ältliches Fräulein.[6] Sie, die wir er aus Ostpreußen stammte, verehrte den einstigen Bürgermeister von Königsberg. Das Insistieren in das ständige »den kenne ich!« und »tun Sie was!«, zunächst spontan, wurde dann penetrant, weil ihr die Vorgesetzten nicht glauben, wollten. Erst als sie drang, es sei eine Männeraufgabe, rannten die Vorgesetzten hinterher und machten Goerdeler dingfest. Sie sonnte sich in dem kurzfristigen Glanz, das Zünglein an der Waage zu sein und in die neue Ordnung einzugreifen. Gleichzeitig verteidigte sie ihre nun anstehende Belohnung vor ihren Vorgesetzten, die ihren Anteil haben wollten, Als das Kopfgeld in Höhe von eine Million Reichsmark ihr von Adolf Hitler persönlich überreicht wurde, wusste sie damit gar nichts anzufangen.

Vom Kümmerer zum Tyrannen…
ist es oft nur ein kleiner Schritt. Thomas Lackmann vom »Tagesspiegel« schrieb nicht umsonst in seinem Artikel, dass es darin kein Patentrezept gibt, wie man von einem besorgten Bürger, der sich kümmert zum Tyrannen seinen Blocks mutiert, wobei ein totalitärer Kontext die Kultivierung niedriger Unterdrückerinstinkte fördert.[7] Denn in den meisten Fällen kamen die Tipps nicht vom berüchtigten Blockwart selbst, der im Wohngebiet in einer Mischung aus Hausmeister und Schnüffler mit einer Hauskarte versehen sein Unwesen trieb, sondern der Nachbar rannte oft zum Blockwart selbst. Er erzählte ihm, über wenn er sich ärgerte, schickte den Mittelsmann zur Gestapo, um dort seinerseits als Zeuge auf zu treten. [8] In dem Stadtteil Düsseldorf- Gerresheim, auch bekannt als »roter Stadtteil«, überwachte ein Zellenleiter auf Wunsch des Ortsgruppenleiters einen Kommunisten, verhaftete eine Englandfreundliche Dame und wusste über Tagesablauf ganzer Familien genau Bescheid.[9]
Männer denunzieren am meisten
Zu behaupten, dass Frauen besonders klatschsüchtig und daher denunziationsfreudig waren, lässt sich nicht bestätigen. Laut des Historikers Bernward Dörner dominieren die Männer bei der Nutzung des Heimtückegesetzes.[10] Der diktatorische Staat schuf Normen, die wiederum dem natürlichen Verhalten an Klatsch, Tratsch Missgunst Tür und Tor öffnete, obwohl es paradoxerweise im NS-Staat keine Verpflichtung dazu gab, außer beim Hoch- und Landesverrat.[11]
Beide Geschlechter seien denunziationsfähig, aber in ihren Ausführungen und Begründungen verschieden. Während Frauen an der Heimatfront ihre große Stunde sahen und Verrat als Mittel benutzten, quasi per Wehrkraftzersetzung benutzten, sich ihrer Männer zu entledigen oder persönliche Streitigkeiten in der Nachbarschaft zu »lösen«, ging es bei den Männern eher um Konkurrenzkampf im Berufsleben oder Neid auf den Besitz anderer.[12] Der Grund, alleine für das Vaterland zu denunzieren, reichte selten.
Lohnt es sich, zu denunzieren?
In den wenigsten Fällen ist bekannt geworden, wie die Täter mit ihrer Schuld weiterleben konnten. In manchen Fällen gibt jedoch Hinweise. Die Schultzens schafften es, neben den Erichs auch die Haushälterin heraus zu ekeln und konnten dann, welch zweifelhafter Erfolg, die Wohnung für sich alleine nutzen. Muschi erfreute sich mit ihrem Liebsten an den blühenden Krokussen im Garten und polierte das derangierte Ego ihres Gatten auf. Gemeinsam waren sie sich darüber einig, die beiden Erichs zurecht ans Messer geliefert zu haben. Allerdings nur für ein knappes Jahr. Am 23.04.1945 erreichten die Sowjets das Viertel und für eine Flucht war es leider, leider zu spät. Schultz wurde seinerseits ebenfalls verraten und bei den Sowjets angezeigt. Sie stecken ihn in ein Gefangenenlager, wo er an Typhus starb. Muschi Schultz ward ebenfalls gesucht, konnte aber entwischen. Von ihr verliert sich jede Spur.[13].
Vom Held zum nationalen Sündenbock
Helene Schwärzel ereilte schon kurz nach ihrem Verrat das schlechte Gewissen. Trotz der Vorstellung, etwas Besonders zu sein, plagten sie kurz danach nachts Alpträume und das Gefühl, ihre von der Denunziation geschockten Mutter damit in den Tod getrieben zu haben.[14] Die Belohnung rührte sie kaum an. In der Nachkriegszeit wurde die einstige Volksheldin zum nationalen Sündenbock gemacht und mit sechs Jahren Zuchthaus bestraft.[15]

Der Verräterin plagt das schlechte Gewissen
Die Vorgesetzten, die auf ihren Druck hin Goerdeler einfingen, wurden freigesprochen, als hätten sie keinen eigenen Willen gehabt. Unerwähnt blieb auch, dass die beiden die Belohnung Schwärzel streitig machen wollten. Doch im Gegensatz zu Schultzens besaß die Frau ein schlechtes Gewissen, das sie quälte. Denn nicht umsonst vernichtete sie vernichtete nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches just die Tagebuchseiten, die von Verrat und Belohnung handelten.[16] Oder wie der Journalist und Zeitzeuge Axel Eggebrecht formulierte, dass jeder von ihnen ein heimliches Tagebuch, jener dunklen Jahre in sich trug, am liebsten herausgerissen und vernichtet hätte., anstatt ehrliche Bilanz zu ziehen. Oder einfach nur die Frage stellen, was die Menschen alles taten oder aus Furcht unterließen – und was aus redlicher Einsicht?[17]
[1] Vgl. taz.de/Soziale-Kontrolle-in-der-DDR/!5030597/ (abgerufen am 25.10.2024)
[2] Vgl. www.br.de/nachricht/machtergreifung-april100.html (abgerufen am 25.10.2024)
[3] Vgl. Eckert, Wolfgang. Heimat, deine Sterne… Leben und Sterben des Erich Knauf, 1998, Chemnitzer Verlag S.114
[4] Ebd. S. 132
[5] Vgl. Peine, Sibille. Der kleine Finger Gottes, in: Wissenschaft.de vom 16.12.2003
[6] Ebd.
[7] Vgl. www.tagesspiegel.de/berlin/der-blockwart-in-uns-allen-3526006.html (abgerufen 21.09.2024)
[8] Vgl. Dörner, Bernward. Alltagsterror. und Denunziation. Zur Bedeutung von Anzeigen aus der Bevölkerung für die Verfolgungswirkung „des nationalsozialistischen Heimtückgesetzes in Krefeld“, in: Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis der Alltagsgeschichte, hrsg. Von der Berliner Geschichtswerkstatt, Münster 1994, S. 254-271
[9] Vgl. Skrentny, Werner. „Meine Herren, lassen Sie es nun gut sein“. Beispiele nationalsozialistischer Willkür, in: Erlebtes und Erlittenes. Gerresheim in Nationalsozialismus. Berichte, Dokumente, Erzählungen, Düsseldorf 1998, S. 593
[10] Vgl. Dörner, Bernward. NS-Herrschaft und Denunziation Anmerkungen zu Defiziten in der Denunziationsforschung, in: Historical Social Research, Vol. 26, 2001, Nr. 2/3, 55-69, S.59
[11] Vgl. www.deutschlandfunk.de/fuer-30-silberlinge-100.html (abgerufen am 29.10.2024)
[12] Vgl. Peine, Sibille.
[13] Vgl. Erich Kästner: Eine unbezahlte Rechnung, in: Der tägliche Kram. Chansons und Prosa. 1945–1948.Atrium Verlag, Zürich 1948, S. 26–28
[14] Weigel, Sigrid. »Judasfrauen«. Sexualbilder im Opfer-Täter-Diskurs über den Nationalsozialismus. Zu Helga Schuberts Fallgeschichten, in: Feministische Studien, Heft 1, 1992
[15] Vgl. taz.de/Die-Frau-die-Carl-Goerdeler-verriet/!1610121/ (abgerufen am 20.10.2024)
[16] Marßolek, Inge. Die Denunziantin. Die Geschichte der Helene Schwärzel 1944-1947,
[17] Eggebrecht, Axel. Die herausgerissenen Tagebuchseiten, in: Charles Schüddekopf (Hrsg.), in: Vor den Toren der Wirklichkeit; deutschland 1946 – 47 im Spiegel der Nordwestdeutschen Hefte, Bonn 1980, S. 113-114
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