Wer kennt sie nicht: Die zu Stadtoriginalen herangewachsenen Menschen, die überhaupt zu wissen, wer ihnen dieses Etikett auf dem Leib gestempelt hat. Vielleicht liegt es daran, dass sie so elementar und echt sind, sie in der lauten Welt mit ihren Eigenheiten einstehen, dass ihre Originalität von Generation zu Generation weitergetragen werden.

Waldemar aus Hilden mit Nashorn und Pferd
In meiner Heimatstadt Hilden gab es den von Mund-zu-Mund-Propaganda weitergetragenen Künstler Waldemar Schnellenpfeil. Auf die Frage, was an diesem Mann so Besonderes sei, gab es zur Antwort, er DAS Stadtoriginal. Die Betonung liegt auf das, denn ähnlich wie bei dem Highlander, kann es nur einen geben. Ob er je Frau und Kind besessen hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Warum es ihn nach Hilden verschlug, auch. Was man weiß ist, dass er 1913 in Berlin zur Welt kam. Warum es ihn nach Hilden verschlug – keine Ahnung. Bekannt sind nur zahlreiche Anekdoten über ihn. Wie er auf seine Krücken durch Hilden schlurfte und in den alt eingesessen Hildener Kneipen immer ein Bier mit »Vorleger« spendiert bekam. Obwohl er wenig Geld hatte, ließ er es sich nicht nehmen, mit seinen Kunstwerken dafür zu bezahlen, vornehmlich mit selbstgemalten Bildern mit Nashörnern und Pferden.

Dabei war er kein Dorftrottel, über den die Hildener kopfschüttelnd die Nase rümpften. Vielleicht weil er meinte, was er tat. Jedenfalls etablierte sich Waldemar über Jahrzehnte hinweg zu einer städtischen Größe. Bei den Honoratioren des 60 Geburtstages Hildens ewiger Bürgermeisterin Ellen Wiederhold, marschierte er einfach an den geladenen Gästen vorbei und überreichte ihr einen selbstgepflückten Strauß Tulpen.

Düsseldorfs Hexe als Living Doll
In Düsseldorf gab es lange Jahre ein ebenso anekdotenreiches Stadtoriginal. Ihr Name lautete Angelika Tampier alias Angela Spook. Sommer wie Winter stand sie, mit dunklem Mantel, Hexenhut, Reisigbesen und Raben 25 Jahre lang auf Düsseldorfs Prachtstraße Königsallee vor dem Kö-Center als »Living Doll«. Bewegungslos verharrte sie stundenlang an derselben Stelle und wer Geld in ihren Hut schmiss für die von ihren bemalten Postkarten und auch sonst, bekam ein Zwinkern.[1]

Alle Verwirklichung äußert sich im Zwielicht
Den das war sie neben ihrer Performance nämlich auch, eine Malerin. In ihrem Wohn-Atelier in der Ackerstraße 191 sammelte sie nicht nur Trödel, den sie zu Gebrauchsgegenständen umfunktionierte. Hier malte sie auch ihre Bilder, die sie zu Kunstkarten ausschnitt, um sie an ihrem Standplatz zu verkaufen. »Alle Verwirklichung äußert sich im Zwielicht, alle Verwirklichung hat blaue Stunde«, erklärte sie etwas kryptisch einem Fernsehteam, dass sie bei der Arbeit im Atelier filmte. Für manchen mag ihre Bemerkung, wenn nicht gar schrullig erscheinen, aber es war ihr völlig ernst damit. Für sie schien das ganze Leben aus einer einzigen Verwirklichung in einem einzigen Vorgang zu bestehen. Auf den Knien ihr Atelier fegend, sagte sie dazu, dass man bei dieser archaischen Beschäftigung nicht nur in ihr aufginge, sondern auch in die Tiefe in ihren Möglichkeiten.[2]

Nicht verrückt, sondern unschuldig Stolz
Was macht diese Stadtoriginale aus? Sie fallen durch ihr exzentrisches Verhalten aus dem Rahmen der Zeit – und der Gesellschaft. Edith Sitwell, die Grande Dame der Exzentrik, musste es wissen. Exzentrische Menschen hätten keinerlei Furcht vor den Ansichten der Menge, schrieb sie in ihrer Biographie. Es sei keine Verrücktheit, sondern vielmehr eine Form unschuldigen Stolzes.[3]

Wahrnehmung von Zwischentönen
Auch in anderen Städten gibt es Exzentriker, wie zum Beispiel in Oldenburg. Dort gibt es auch einen Waldemar. Der greift in der Innenstadt zu seiner Gitarre, Verstärker und Mundharmonika inklusive und zupft in die Saiten, während er seine Gassenhauer singt. Alles klingt irgendwie gleich, weil Gitarre und Verstärker nicht viel hergeben. Doch peinlich ist es erst am Anfang, denn je länger die Leute zuhören wollen, desto mehr fällt besagte Peinlichkeit ab. Sein kleines Konzert sei keine Bloßstellung, sondern eher eine »Einführung in Toleranz, ins Hinlauschen, in die Wahrnehmung von Zwischentönen, was vielen Menschen in diesen digitalen Zeiten abhandenkommen mag«.[4]

Stadtoriginale sind keine Gags auf Social Media
Natürlich kann das Verhalten der Originale ins Lächerliche, Tragikomische abgetan werden. Gerade dann, wenn das exzentrische Verhalten einer Person nichts mehr nützt, sie bestenfalls wie ein Schoßhund oder mit Spitznamen versehen als lustiger Gag in den Social Medias behandelt wird, vergessen die Leute, dass auch die Stadtoriginale ihre Würde und ihren richtigen Namen haben.[5]

Selbstgewähltes Leben ohne Heizung, PC und Bad
Bei Düsseldorf einziger Hexe bestand die Gefahr nicht. Man wusste, woher sie kam und warum sie hier war. Angela Spook stammte ursprünglich aus Enkhausen und strandete in Düsseldorf, weil sie sich vergeblich an der Kunstakademie bewarb. Im Laufe der Jahre richtete sie sich in ihrem Atelier und in ihrem selbstgewählten Leben sehr bescheiden ein. Sie glaube nicht an Magie und Aberglauben. Bewusst habe sie aber entschieden sie, ohne Heizung, Telefon, Computer und Fernseher zu leben, für ihre Malerei und Literatur zu leben. Der Tag begann um drei Uhr morgens mit Mediation, kalter Dusche und Lesen. Im Laufe des Tages radelte sie auf ihrem Fahrrad Richtung Kö.[6]

Die Hexe von der Kö hat ein Fahrraddenkmal
Als sie im Sommer 2020 starb, löste ihr Tod große Bestürzung aus. Ihr wohlgesinnte Bürger unterschrieben eine Petition, um ein Denkmal auf ihrem Standplatz an der Kö errichten zu lassen. Ein Fahrraddenkmal hat sie bereits. Vor ihrem Wohnhaus in Düsseldorf-Flingern steht ihr, mit ihrem Künstlernamenversehenes blumengeschmücktes Fahrrad. Und in den Köpfen der Passanten geistern vielleicht auch ihre Worte, die sie bei einem Interview mal gegeben hat. Ihr Leben sei immer schwer gewesen, erzählte sie. Aber sie habe sich entschieden, ihr Leben so zu leben, wie es kommt.[7]
[1] Vgl. www.wz.de/nrw/duesseldorf/duesseldorf-trauert-um-die-hexe-von-der-koe_aid-52335069 (abgerufen 25.08.2024)
[2] Vgl. Film: Die Hexe von der Kö“. Ein Film von Fred Schmitz & Norbert Köllschen 2012. www.youtube.com/watch?v=9fmI5qnFibU (abgerufen am 10.08.2024)
[3] Vgl. Sitwell, Edith. Mein exzentrisches Leben, Frankfurt a. M., 1989, S. 195-205
[4] Geschonke, Marc. Konzert der feinen Zwischentöne. Waldemar spielt im Kinoladen, in NWZ online 07.01.2017
[5] Vgl. www.zeit.de/zett/2018-05/die-tragik-der-stadtoriginale-jeder-kultet-sie-ab-niemand-kennt-sie-wirklich (abgerufen am 10.08.2024)
[6] Vgl. rp-online.de/schulprojekte/lesepass/die-hexe-von-der-koe_aid-13033369 (abgerufen am 10.08.2024)
[7] Ebd.
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Ach..mal wieder herrlich formuliert, nie langatmig und immer neugierig machend auf mehr…das hat Spaß gemacht zu lesen.
Vielen Dank:-)