Pfarrer Franz Boehms Widerstand gegen die Nazis in Monheim und Sieglar
Archivare schmurgeln nicht immer nur vor sich hin. Sie öffnen auch gerne ihre Pforten für netten Besuch und sind dabei ganz Ohr. Am Mittwoch, dem 6. September 2023, reiste eine Schulklasse aus Sieglar an (Schuljahrgang 1951), die sich für das Leben des Pfarrers Franz Boehm interessieren.
Franz Boehms Widerstand im Glauben

Franz Boehm, der zuletzt der Gemeinde St. Gereon in Monheim während der Nazizeit diente, war ein widerständiger Geist. Jemand, der in seinem festen Glauben an Gott die Nazis verurteilte und letztlich für seine Haltung im Konzentrationslager Dachau dafür mit seinem Leben bezahlte. In der Gemeinde Sieglar, wo er 1933 als Pfarrer tätig war, legte er sich mit dem ehemaligen Verwaltungsassistenten und Ortsgruppenleiter der NSDAP Jakob Hörsch an, der 1933 Bürgermeister von Sieglar wurde.

NSDAP Bürgermeister Hörsch aus Sieglar
Schon vor der Machtergreifung verweigerte Boehm dem überzeugten Nazi, der zuvor ein kümmerliches Dasein fristete und von der Fürsorge abhängig war, an Palmsonntag die Sakramente. Dazu muss man wissen, dass Hörsch aus einer tieffrommen, katholischen Familie stammte, sein Vater war bis 1933 im Kirchenvorstand gewesen. Das Wort der katholischen Kirche, NSDAP hin oder her, galt in der Familie viel. Allerdings handelte Franz Boehm dabei genau nach den Richtlinien der im August 1932 folgenden Fuldaer Bischofskonferenz, die die Irrlehrern der NSDAP anprangerte und die Zugehörigkeit der Partei für einen Katholiken für unerlaubt erklärte und der bei Zuwiderhandlung von den Sakramenten ausgeschlossen war.

Vor der Glasplatte St. Gereons @ Bildrechte Marion Rissart
Ein Todfeind fürs Leben
Pech für Boehm war nur, dass sich der „Zeitgeist“ zwar wandelte, aber seine Gedanken immer noch die Alten blieben. Hatte er sich in Hörsch schon vorher einen Todfeind fürs Leben geschaffen, setzte der neue Bürgermeister von nun an Himmel und Hölle in Bewegung, um seinen Widersacher aus Sieglar zu vertreiben. Seinen neuen Einfluss nutzend, schrieb er an den Landrat und Generalvikar, wohlwissend, dass seine Beschwerden über die „Gehässigkeiten“ des Pfarrers irgendwann bei der Stapo Köln landen musste.
Kein Rückhalt aus der Kirche
Es kam, wie es kommen musste: Boehm zog den Kürzeren und musste seinen Koffer packen. Von der Bischofskonferenz 1932 war von Seiten Boehms Vorgesetzten spätestens ab 1934 nichts mehr zu spüren. Der Generalvikar setzte auf Mäßigung, teils aus Furcht, teils auch um die Kirche zu schützen, während sein oberster Dienstherr, der Kölner Erzbischof Schulte durch Vermittlung von Papens, sich im Februar 1934 mit Hitler in Berlin traf. Als er nach längerem Gezerre 1937 aus Sieglar ausgewiesen wurde, stand Pfarrer Boehm vor dem Scherbenhaufen seiner Tätigkeit. Für die Kirche war er zum „Querulanten“ geworden, der seinen Mund nicht halten konnte und für den man erst einmal keine Verwendung mehr hatte.

Franz Boehm ist „der schlimmste Gegner des Staates“
Als man ihm wegen dem Tod des Monheimer Pfarrers Johannes Krüll doch wieder eine Pfarrstelle in St. Gereon zuwies, war es für die Kirche ein Drahtseilakt, für ihn dagegen sicherlich eine Erleichterung. Allerdings musste auch Böhm bewusst gewesen sein, dass seine Akte aus Köln überall dorthin reiste, wo er sich ansiedelte. So geschah es auch. Auf Anfrage Düsseldorfs, wen man sich denn nun in den eigenen Regierungsbezirk geholt habe, erklärte Stapo Köln, der Mann sei einer der schlimmsten Gegner des Staates. Das konnte ja nicht gut gehen.

Bespitzelung durch Monheimer Nazis
Tat es auch nicht. Monheim, damals ein Nest mit ca. 3600 Einwohnern, darunter 2900 Katholiken, 500 Protestanten und 200 Nichtchristen, war mit dem nationalsozialistischen Überzeugungstäter (Träger des goldenen Parteiabzeichens und SA-Sturmführer) Bürgermeister Josef Grütering ähnlich gestrickt wie Sieglar. Da dem Pfarrer aus Sieglar seinen Ruf bereits bei seiner Ankunft in Langenfeld vorauseilte, trat Grütering mit den üblichen Maßnahmen auf den Plan: Überwachung sowohl der Post als auch seiner Predigten. Franz Boehm blieb von der Bespitzelung zunächst unbeeindruckt. Er wollte wirken und tat es auch, in dem er z.B. Geld für die Renovierung des Pfarrsaales sammelte (was ihm prompt eine Geldstrafe vom Amtsgericht Opladen einbrachte), für sein Jugendheim warb und polnische Kriegsgefangene und Fremdarbeiter seelsorgerisch betreute, die ihn, der aus Westpreußen stammte, sehr am Herzen lag. Der darauffolgende scharfe Verweis war beinahe schon obligat.

Schweinefutter zur Speisung
Als er in seiner Osterpredigt 1944 vor seiner Gemeinde (und den eifrig mitschreibenden Spitzeln) davon sprach, im gegenüberliegenden Kino gäbe man den Seelen der Kinder Schweinefutter zur Speisung, brachte es das Fass endgültig zum Überlaufen. Grütering sah endlich seine Zeit gekommen, sich dieses Problem ein für alle Mal aus dem Wege zu schaffen. Via Stapo Düsseldorf Richtung Reichsicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin, das die sofortige Festnahme verlangte, ging es zurück nach Monheim, wo man nur auf Placet aus Berlin gewartet hatte. Der Pfarrer wurde am 6. Juni 1944 in der Apsis in der Kirche St. Gereon verhaftet und später ins Konzentrationslager Dachau überführt. Dort starb er am 13. Februar 1945 wahrscheinlich an einer Gesichtsrose.

Messbuch aus den Trümmern geborgen
Wir, die Mitarbeiter des Monheimer Kirchenarchivs und der Archivar a.D., Peter Buter, zeigten den Sieglarern die aus den Landesarchiv NRW zusammengetragenen Kopien der Gestapoakten und verwiesen auf das Messbuch Pfarrer Boehms, dass die Gemeinde Gerresheim-Vennhausen ihm zu Andenken dem Archiv gegeben hat. St. Katharina in Gerresheim war Boehms erste Pfarrstelle gewesen. Auch das Messbuch St. Gereons holten wir hervor, dass nach der Bombennacht vom 21. auf den 22. Februar 1945 aus den Trümmern der völlig zerstörten Pfarrkirche geborgen wurde und daher einen ideellen Wert besitzt.
Kein stummer Hund, aber Schweigen nach dem Krieg
Interessant für uns auch war auch, wie die Schulklasse von einst als Zeitzeugen über das allgemeine Schweigen nach dem Krieg berichtete. Während Franz Boehm kein „stummer Hund“ sein wollte, musste die Klasse aus Sieglar (Geburtsjahrgang 44/45) erfahren, dass weder ihre Eltern über die Vergangenheit sprachen, als auch über Franz Boehm erzählten. Stattdessen habe man die „alten Nazis“ noch am eigenen Leib erlebt. So berichteten ehemalige Schüler von einem prügelnden Lehrer, der keine Gnade kannte, Schüler mit dem Holzstock zu knüppeln, auch wenn sie schon am Boden lagen. Mehrere Lehrer in Sieglar hatten Böhm damals denunziert. Ein Schüler der Gruppe, Karl-Josef Nies, später ebenfalls Pfarrer in Sieglar, erzählte mir, dass die Nazivergangenheit der katholischen Kirche nie ein Thema gewesen sei.

Das Schweigen in Monheim hat ein Ende
Im Gegensatz dazu stellte sich Monheim sich Dank der unermüdlichen Initiative des Kirchenarchivs und Peter Buters seiner Vergangenheit. Eine von Professor Kesseler gestaltete Büste Boehms sowie die zwei 600 kg schwere und fast fünf Meter hohe Glasbilder, welche die von Bomben zerstörte Kirche zeigen, stehen seit dem 20. Juni 2020 von nun an auf dem Platz der ehemaligen Apsis und vor der Kirche St. Gereons in ihrer jetzigen Gestalt. Für jeden sichtbar. Das Schweigen in Sachen Boehm ist in Monheim beendet.
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