Bei der Ahnenforschung begegnet mir immer wieder eine Untugend, die mich zunehmend umtreibt: Arroganz.
Nicht laut, nicht spektakulär – sondern leise, bequem und oft unbemerkt.
Ich ertappte mich selbst dabei, als ich meine dreifache Urgroßmutter vorschnell zum Mauerblümchen erklärte, weil sie erst mit 31 Jahren heiratete. Erst später stellte sich heraus, dass sie bereits verheiratet gewesen war. Ihr Mann war gestorben, sie blieb mit zwei kleinen Söhnen zurück. Ihr späterer Ehemann – mein dreifacher Urgroßvater – war 15 Jahre älter, dreifacher Witwer und Vater mehrerer Kinder aus früheren Ehen.
Ich hatte nicht gründlich geforscht. Es interessierte mich auch nicht weiter. Ich wollte von Generation zu Generation springen, mir Erfolge präsentieren – und übersah dabei das Leben hinter den Daten.
Arroganz als Forscher ist tödlich
Was hat das mit Arroganz zu tun? Sehr viel.
Denn Arroganz zeigt sich nicht im Besserwissen, sondern im Überspringen. Im Drang, schnell voranzukommen, statt genau hinzusehen.
Dabei ist es genau dieses Verhalten, das mich an anderen Forschenden immer wieder ärgert – und das ich selbst reproduziert habe.
Ohne Hektik und mit Sorgfalt
Ahnenforschung braucht Zeit.
Doch digitale Plattformen suggerieren, dass sich Lebensgeschichten per Mausklick erschließen lassen. Wer diesen Versprechen folgt, steht schnell frustriert im Archiv: Die Daten stimmen nicht, die Urkunden lassen sich nicht lesen, Kirchenbucheinträge sind eine Welt für sich.
Was also tun?
Der Archivar ist kein Stammbaum-Lieferant
Archivare verfügen über enorme Erfahrung – und über eine feine Menschenkenntnis. Sie spüren, ob jemand wirklich forschen will oder erwartet, dass andere ihm den Stammbaum lösen. Letzteres ist nicht ihre Aufgabe.
Und wenn sie es doch tun sollen, dann ist das eine Dienstleistung, die Arbeit, Frust, Lernen und Zeit kostet – und entsprechend entlohnt werden muss. Nur so wird diese Arbeit auch anerkannt.
Gruppenwissen braucht Respekt
Bleiben die Online-Gruppen. Orte des Wissensaustauschs, der Hilfsbereitschaft, der Erfahrung. Auch ich bin Teil solcher Gruppen, um zu lernen und neugierig zu bleiben.
Aber auch hier gilt: keine Arroganz.
Denn immer häufiger geht es um schnelle Lösungen. Dieselben Fragen werden parallel in mehreren Gruppen gestellt, Antworten eingesammelt – und weitergezogen. Zurück bleiben Menschen, die Zeit investiert haben, Texte entzifferten, halfen. Nicht selten ohne ein echtes Dankeschön.
Urkunden lesen lernt man nicht nebenbei
Wer Ahnenforschung betreiben will, kommt nicht daran vorbei, Urkunden selbst lesen zu lernen. Kurrent, Sütterlin, lateinische Einträge – all das ist Teil der Arbeit. Niemand kann alles sofort. Auch ich habe Fehler gemacht und werde sie weiter machen.
Aber genau darin liegt der Lernprozess.
Facebook ist keine schnelle Erfolgsnummer
Auch in Facebook-Gruppen beobachte ich oft eine Hast, die mit Forschung wenig zu tun hat. Ein hastiges Danke, weiter zur nächsten Anfrage. Für Helfende bleibt das Gefühl, bloße Projektionsfläche zu sein.
Das hat nichts mit Forschung zu tun.
Hilf dir selbst – dann helfen dir andere
Am Ende hilft sich der Forschende immer selbst.
Wer sich ernsthaft mit Methoden, Quellen und Kontexten auseinandersetzt, bekommt Unterstützung – gern und freiwillig.
Und lernt dabei noch etwas Entscheidendes:
Dass die Menschen in den Urkunden keine Datenpunkte waren, sondern lebende Wesen. Mit Hunger, Kriegen, Schwangerschaften, Verlusten. Sie machten weiter, weil sie mussten.
Achtung vor dem gelebten Leben
Meine Aufgabe als Forscherin ist es, diesen Dokumenten mit Achtung zu begegnen.
Denn ich benenne darin erstmals das Leben von Menschen, für die sich früher niemand interessierte.
Mit Sorgfalt.
Mit Geduld.
Und ohne Arroganz.
Ob mich alle verstehen werden? Wahrscheinlich nicht.
Aber das ist nicht der Maßstab von Forschung.

Guter differzierter Artikel. Regt mich zum Nachdenken an.
Danke, sehr zum Nachdenken geeignet.
Einfach mit Herz geschrieben, mein Vater hat vor 40 Jahren langsam begonnen, seit vielen Jahren versuche ich unsere Vorfahren etwas zu verstehen, einfach unbeschreiblich was sie, auch für die heutige Zeit, alles erlebt haben, trotz Armut , Kriege und Krankheiten.
Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar. Führen Sie denn die Forschung Ihres Vaters weiter?
Das ist ein sehr schöner und wichtiger Text. Danke!
Danke
Danke, wohl geschrieben. Ich wünsche eine erfahrungsreiche und ruhige Adventszeit!
Vielen Dank. Erfahrungsreich ist sie ganz sicher und ruhig übe ich gerne immer wieder:-) Ich Ihnen auch.
Liebe Grüße
Marion Rissart
Den Beitrag fand ich sehr gut. Und ja, man muss die Schriften lesen lernen und es auch einen Tag später versuchen. Manchmal hat man eben ein Brett vor dem Kopf, am nächsten läuft es wie geschmiert. Warum das so ist, kann keiner sagen…
Wenn man sich mit Ahnenforschung beschäftigt, dann wird man sehr demütig, weil die Vorfahren es oftmals schwerer hatten. Wenn viele Kinder geboren wurden, starben auch viele. Oft ist die Mutter dann früher gegangen. Es war kein leichtes Leben. Das, den Kindern zu erzählen oder im Geschichtsunterricht zu vermitteln, würde den Unterricht interessanter machen und Interesse wecken.
Vielen Dank für Ihren positiven Kommentar
Liebe Grüße Marion Rissart