Die Handschrift als Fußabdruck

Über Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt

Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird

Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schön. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erzählt sie etwas über mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: über Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.

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Düsseldorfs Stadtoriginal: Angela Spook als Hexe von der Kö

Wer kennt sie nicht: Die zu Stadtoriginalen herangewachsenen Menschen, die überhaupt zu wissen, wer ihnen dieses Etikett auf dem Leib gestempelt hat. Vielleicht liegt es daran, dass sie so elementar und echt sind, sie in der lauten Welt mit ihren Eigenheiten einstehen, dass ihre Originalität von Generation zu Generation weitergetragen werden.

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Füller frei für Schrullige

Der Füller, mit dem ich das Abitur schrieb, bestand aus einer Iridiumfeder, auf der das Emblem des Herstellers eingraviert war: Senator. Aber heute mag ich nicht mehr gerne damit schreiben. Zu breit, zu klecksend und die daraus entstehende Schrift passt nicht zu der von damals. Vielleicht haben sich auch meine Schreibbewegungen verändert.

Zum 25. Todestag des ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 26. Februar 1925 Letzte Aufnahme des Reichspräsidenten Ebert , photographiert am 15. Februar, vor 14 Tagen an seinem Schreibtisch.

Füller als Status- und Herrschaftssymbol?

1992 bestand ich mein Abitur und bereits ein Jahr später bezeichnet der SPIEGEL in einem seiner Hefte den Kolbenfüller als »die Sehnsucht nach Altbewährtem als Reflex auf die Computergesellschaft«. Soso. Mittlerweile sind über 30 Jahre vergangen und der Spruch hätte heute auch kommen, nur in veränderter Form. Psychologisch unterfütterte das Magazin seine Analyse noch mit »die Wiederkehr eines längst geglaubten Status- und Herrschaftssymbols«. Nun ja. Auch wenn ich bis heute gerne mit Füller schreibe, habe ich damit nicht Weltherrschaft erreicht. Noch nicht.

Barack_Obama_signs_emergency_declaration_for_Arkansas_1-28-09; ©Pete Souza, Public domain, via Wikimedia Commons

Hanswurst des Gestrigen?

Ab er in gewisser Weise hatte der SPIEGEL von damals schon recht.  Wenn Hanswurst mit dem tintenklecksenden Utensil schreibt ist er ein armer Gestriger, der die Digitalisierung noch nicht begriffen hat und lieber trommelt als das Mobiltelefon zu benutzen.

Prominente mit Füller

Nur einem Macher sei es erlaubt, den Füller (das Edelste seiner Zunft) zu zücken und seine Gedankenspielereien auf Papier zu bringen. Schauen wir uns doch die Prominentenriege doch einmal an. Was mir auffällt: Es gibt im Internet kaum welche, die am Schreibtisch sitzen und mit Füller schreiben. Thomas Mann hält einen Bleistift in der Hand, den er brauchte, um an der Seite zu kritzeln oder etwas zu unterstreichen. Ober er mit dem Füller schrieb? Im Netz fand ich ein Forum, wo jemand anhand Thomas Manns Tagebucheinträge auflistete, wann und wo der Nobelpreisträger der Buddenbrooks zur Tinte griff.

Thomas-Mann_Archiv_4; ©Jürg-Peter Hug

Bismarck und sein Federkiel

Bismarck, so ein Foto, hält einen Federkiel in der Hand, was auch bedeutet, dass das Bild vor der Erfindung der Füllfeder aufgenommen wurde (Oder liebte er einfach nur den Federkiel?). 1883 bohrte ein gewisser Lewis Edson Waterman zwischen Feder und Tintenreservoir, die dafür sorgten, dass nur so viel Tinte floss, wie benötigt. Der Austausch von Luft schuf ein Vakuum, um keine größeren Klekse zu vermeiden und das Loch in der Feder sorgte für einen kontinuierlichen Tintenfluss.

Bundesarchiv_Bild_183-R18794,_Otto_von_Bismarck

Politiker zeigen sich gern beim Unterschreiben

Ansonsten halten Politiker, egal welchen Jahrzehnts, gerne Papiere in der Hand, wenn sie am Schreibtisch sitzen oder sie reden auf ihren Berater ein. Oder die Auguren auf die Politiker. Aber auch die machen sich vor der Kamera keine Notizen. Mitunter gibt es bei sonstigen Besprechungen immer Notizblock und Kuli, aber bei mir kommt der leise Verdacht auf, dass öffentlich Notizen machen zu einem Thema Politikern als Schwäche ausgelegt wird. Politiker haben alles im Kopf, hören ihren Zuarbeitern zu, legen sich fest, unterschreiben, wenn die Zuarbeiter ihre Arbeit getan haben. 

Vladimir_Putin_with_Bill_Clinton; ©9Kremlin.ru

Donald Trumps Füller

Der Akt des Unterschreibens wird dagegen bis in alle Ewigkeit festgehalten. Dafür gibt es im Internet etliche Beispiele, die den historischen Augenblick festhalten. Zwei plus Vier Vertrag, Friedensvertrag von Brest-Litowsk, Versailler Vertrag, beurkundet mit dem goldenen Waterman, die Obama Care mit dem allseits favorisierten Mont Blanc etc. Es gibt sogar ein Foto, auf dem der Füller von Donald Trump abgebildet ist. Allerdings gibt es keins, auf dem Trump einen Vertrag/Dokument mit seinem Füller unterzeichnet, falls er überhaupt etwas unterzeichnet hat.

Donald_Trumps_filler; ©Evan Walker

König Charles ist Haptiker, also schrullig

Eine Unterschrift mit Tinte ist also etwas Besonderes und wird dementsprechend zelebriert. Auch wenn König Charles fluchte, weil der Füller nicht funktionierte und Tinte die königlichen Finger bekleckerte. Von ihm ist verbürgt, dass er seine Briefe per Hand schreibt und seinen Freunden kleine Briefchen zukommen lässt. Das britische Oberhaupt ist ein Haptiker, was in dem Zusammenhang als schrullig angesehen wird. Da ich auch ein Haptiker bin, kann ich demnach auch als schrullig gelten. Harry Potter allerdings, der mit Federkiel auf Pergament kritzelt, ist dagegen cool. Vielleicht mögen Charles und ich aber nur das Fließen der Feder über dem Papier (vorzugsweise aus Japan). Beim Zurückblättern der Seiten einem Meer aus Spinne gleichen Zeichen betrachten, die sich bei näherem Hinsehen als eigene Schrift entpuppt, schafft einen Ewigkeitsmoment, der vergleichbar ist mit einer tätowierten Haut.

Secretary_Kerry kondoliert zum Tod von Margret Thatcher, ©U.S. Department of State, Public domain, via Wikimedia Commons

Justus Jonas Unterschrift auf dem Unterarm

Erster Detektiv-Sprecher Oliver Rohrbeck von Drei Fragezeichen ??? erzählte von einem Fan, der unbedingt ein Autogramm von ihm auf den Unterarm wollte. Kaum hatte Rohrbeck seine Unterschrift auf die Haut gekritzelt, erklärte der Fan, er wolle sich dort so lange nicht mehr waschen, bis er beim Tätowierer war.

Mont Blancs edelste Schreibgeräte
Wim van Rossem für Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Schreiben ist Papiertätowierung

Da ich noch niemanden gefunden habe, der meine Unterschrift unter die Haut geritzt haben will, tätowiere ich lieber das Papier. 

Marlene Dietrich und Frank Hollaender

18. Januar 1976 – Todestag des großen Friedrich Hollaender

Friedrich Hollaender@ OTFW Berlin

Heute, vor 48 Jahren, starb der große Komponist, dessen Lieder uns heute noch in den Ohren klingen. Allen voran der Song der feschen Lola, die »von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« ist und Marlene Dietrich den Grundstein für ihre Weltkarriere sichert. Der kleine Mann, 1896 in London geboren, aber zum echten Berliner herangewachsen, ist ein Hans Dampf in allen Gassen, was Komposition, Musizieren (Klavier) und Texten betrifft. Ein begabtes Multitalent also, besonders, was das Berliner Kabarett anbelangt.

Bundesarchiv_Bild_102-10387,_Max_Reinhardt in Berlin 1930

Erste Sporen bei Max Reinhardt

Seine ersten Sporen verdient er unter Max Reinhardts Ägide im Kabarett »Schall und Rauch«. Im neuen Schauspielhaus trifft der junge Hollaender ähnlich Begabte, die ein politisch geprägtes Kabarett nach dem 1. Weltkrieg unbedingt auf die Beine stellen wollen. Auf die Frage, warum ausgerechnet Kabarett, erklärt Kurt Tucholsky, der ebenfalls zur schreibenden Garde wie Klabund und Walter Mehring gehört: »Die Welt schreit nach Satire!« Na denn mal los.

Schall_und_Rauch-Inserat, Public domain, via Wikimedia Commons

Was das Kabarett von heute unterscheidet, ist die Abwechslung Hier geht es nicht (nur) um Wortspielereien und politischen Sticheleien, sondern auch um Couplets, Spieleinlagen, Chansons, Tanz, alles bestens interpretiert von Gussy Holl und Blandine Ebinger.

Blandine_Ebinger_1920via wikipedia commons

Hollaender ist der Mann am Klavier

Der Mann am Klavier ist Teil eines schlagenden Erfolgs. Hier lernt er sein Handwerk, der ihm auch in der Emigration von Nutzen sein wird: Den sprachlichen Rhythmus in die Musik zu integrieren. Seine Chansons schreibt er seiner damaligen Partnerin Blandine Ebinger auf dem Leib. Einige Lieder haben sich bis heute erhalten und werden neue interpretiert. Der Berliner kommt in den Liedern überall durch. Blandine singt und spielt die kesse Hinterhofgöre in dem Song » Lied eines armen Mädchens« und sinniert darüber, was die Nachwelt auf ihrer eigenen Beerdigung macht.

Das »Schall und Rauch« öffnet ihm viele Türen und er wird zum gefragten Mann. Er schreibt nicht nur für das Kabarett »Die Rampe«, vertont Tucholskys Texte, sondern liefert Chansons für Trude Hesterbergs »Wilde Bühne«.

Tingel Tangel 1903 Heinrich Zille, Public domain, via Wikimedia Commons

Januar 1931: Eröffnung des Tingel-Tangel-Theaters

Irgendwann will er nicht nur für andere Revuen und Kabarettstücke schreiben, sondern selbst eins gründen. Die schwierigen Zeiten fordern ihn geradezu heraus. 1931 ist es soweit: Im Keller des »Theaters des Westens« eröffnet sich für Hollaender eine Vision des »Tingel-Tangel-Theaters«. Mit Feuereifer geht er an die Arbeit. Neue Beleuchtung, eine moderne Bühne, Farben und Spotlights müssen her, sowie zwei Stützflügel und – sehr wichtig- neue Parkettstühle, die ausgerechnet am Tag der Generalprobe geliefert werden.

Marlene Dietrich im Blauen Engel Public domain, via Wikimedia Commons

Die Zeiten sind schwierig, aber das »Tingel-Tangel« gerät zum großen Erfolg. Bei der Premiere am 7. Januar 1931taucht ein Gast aus Amerika auf, der nach der großen Pause Chansons zum Besten gibt, die ihn durch Hollaender berühmt gemacht haben: Marlene Dietrich! Sie singt nicht nur » Von Kopf bis Fuß, sondern auch »Wenn ich mir was wünschen dürfte«.

Der Reichstagsbrand 27./28.02.1933 by wikipedia commons

Höchste Eisenbahn vor dem Reichtagsbrand

«Höchste Eisenbahn« laute der Name seiner letzten Revue im Tingel-Tangel und das ist es in der Tat. SA-Schlägertrupps stehen drohend im Parkett und Anfang Januar 1933 gingt Hollaender auf und schließt seinen Lebenstraum. Nazis verwüsten seine Wohnung und in der Nacht des Reichstagsbrand packt er seine Lebensgefährtin Hedi Schoop bei der Hand, fährt mit dem Taxi zum Bahnhof Friedrichstadt. Den ersten Zug, den beide nehmen, fährt nach Paris, wo sich die anderen Emigranten im Hotel Asonia schon versammelt haben.               

Kurt_Tucholsky_Deutschland_Anzeige_1929 Kurt Tucholsky, Public domain, via Wikimedia Commons

                  

In Hollywood nur einer unter vielen

Hollaender geht es besser als andere. Hollywood ruft, der »Blaue Engel« winkt als Entree. Aber darf sich in Amerikas Traumfabrik nicht täuschen, mehr als ein Billett für das Image ist es nicht. Denn letztlich ist er nur einer von vielen anderen Emigranten, die sich Bienen um einen Topf Honig schwirren. Unter ihnen sind es die renommierten Künstler wie Peter Lorre, Billy Wilder, Kurt Weill, Fritzi Massary, Alfred Döblin, Fritz Kortner, Lion Feuchtwanger und Bert Brecht. Was bleibt für ihn übrig?

Verlorene Sprache und stockende Zunge

Obwohl er sich durchbeißt und fleißig Filmmusik schreibt, verspürt er dennoch Sehnsucht und Traurigkeit. In Hollywood kommt trotz seiner Erfolge nie richtig an. In der Emigrantenballade, die er 1939 im German Jewish Club vorträgt, zeigt er, wie es um sein Herz wirklich bestellt ist. »Ach, sie haben ihre Sprache verloren und der Zunge flinke Biegsamkeit.«

Kurt_Tucholsky_Deutschland_Anzeige_1929 Kurt Tucholsky, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Clown hat keine Stellung mehr

1955 kehrt er endgültig zurück und lässt sich in München nieder. An Ideen und Einfällen mangelt es ihm nicht, aber sein altes Tingel-Tangel-Sujet will nicht im neuen Deutschland nicht mehr so richtig funktionieren. Zwar schreibt er bis zu seinem Tod, aber Musik macht er keine mehr. Als er am 18. Januar 1976 stirbt, ist er das, was er 1961 bei seinem letzten Chanson besang: » Clown, du hast die Stellung verloren, sieh dich nach einer anderen um

Lagerfeuer Lesung: Kulturgeschichten rund ums Weihnachtsfest

Was braucht`s denn mehr als einfach Zuhören?

Manchmal braucht es keine Effekte, sondern nur sitzen und lauschen bei Kerzenschein. Das archaische Wohl in der oft beschworenen Lagerfeuerromantik trifft des Pudels Kern. Als Autorin des Leiermann-Verlages reise ich mit meinen Zuhörern durch die weihnachtlichen Kulturgeschichten Europas.

Kulturgeschichten, geprägt von mehreren Generationen:-)

Im Konversationscafe im Bonner Migrapolis-Haus las ich nicht nur über Erich Kästners „Fliegende Klassenzimmer“, sondern entführte meine Zuhörer in die  Sagen umwobenen „Rauhnächte“ nach der Weihnachtszeit bis hin zum 6. Januar.

In dieser Zeit stehen wir ein offenes Ohr gegenüber den Geistern und den Seelen der Verstorbenen:-) Meine Zuhörer fielen ein und erzählten von Mythen umwobenen Legenden aus aller Herren Länder.

Leiermann Kollegen bei ihrer Lesung im Zeughaus der Reiss-Engelhorn Museen in Mannheim. Von links nach rechts: Anja Weinberger, Christiane Wilms, Raimund Gründler, ©Christiane Wilms

Währenddessen waren meine Leiermann-Kollegen Anja Weinberger, Christiane Wilms und Raimund Gründler, der Kurator des Lese Zeichens Mannheims nicht untätig. Am 2. Adventssonntag, in pittoresker Atmosphäre im Zeughaus der Reiss-Engelhorn Museen, durchstreifte Raimund Gründler mit seinem Publikum den glorreichen Feldzug des Lebkuchens, Anja Weinberger erzählte Geschichten rund um Weihnachtslieder und Christiane Wilms stellte in ihrem Beitrag die durchaus kritische Frage: wieviel Weihnachten darfs den sein?“

Die Flötistin Anja Weinberger untermalt die Lesung mit ihrem Instrument, ©Christiane Wilms

Erich Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“

Wo die Mutigen klug und die Klugen mutig werden

Passend zur Weihnachtszeit: Die Deutschen lieben Antihelden. So wie Siegfried, der trotz seines Bades im Drachenblut just an der Stelle verwundbar war, wo das Blatt zuvor auf seine Schultern fiel, sind sechs Internatsschüler aus Erich Kästners Roman Das fliegende Klassenzimmer Helden mit sympathischen Schwächen:

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Einmal Berlin mit Joseph Roth. Weltuntergang plus Hausmannskost

Wer in Berlin in geweihter literarischer Stätte speisen will, der kehrt ein in die „Joseph Roth Diele“, Potsdamerstraße 75. Nach außen hin wirkt es wie ein gutbürgerliches Bistro/Kneipe mit gepflegter Hausmannskost. Doch das Innere der Kneipe beinhaltet die reinste Devotionaliensammlung über den berühmten österreichischen Schriftsteller, der nebenan in Nr. 73 (früher 115a) mit seiner Frau Friederike (Friedel) wohnte. Dass neben seinem Wohnhaus die Joseph Roth Diele entstand, ist einem puren Zufall zu zuschreiben.

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