Morgen und Samstag streikt wieder die Rheinbahn. Während man frierend an der Haltestelle steht und sich fragt, ob Bewegung vielleicht doch eine Form der Selbsttäuschung ist, fällt der Blick zwangsläufig auf das große „H“.
Ein Buchstabe, den jeder kennt. Und über den erstaunlich wenige je nachgedacht haben.
Ich habe die Wahl: mich über den Streik zu ärgern, weil Busse und Straßenbahnen nicht fahren – oder aus der Situation etwas zu lernen. Die S-Bahn fuhr an diesem Tag zwar zuverlässig, doch ausgerechnet ihr allgegenwärtiges Logo brachte mich auf eine Spur, die mir bis dahin völlig entgangen war.
Über Sauklauen, Sehnsucht und das, was von uns bleibt
Wenn Handschrift zur Geduldsprobe wird
Meine Handschrift wurde schon vieles genannt, nur nicht schön. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erzählt sie etwas über mich. Am Tag der Handschrift lohnt es sich, einen Blick auf das zu werfen, was wir mit der Hand festhalten: über Sauklauen, alte Dokumente und die besondere Magie des Geschriebenen.
Spurensuche auf einem Grab und in Düsseldorfs Kunstgeschichte
Weihnachten ist auch die Zeit des Spazierengehens. Der Joseph-Beuys Blogtext mit dem Hungerstreik war längst vergessen, als ich auf dem Friedhof in meiner Nähe plötzlich und ungewollt sehenden Auges auf den Spuren vergangener Düsseldorfer Künstler wandelte. Erstaunt blieb ich vor einer gelb-blauen Skulptur auf einem Grab stehen, deren Aussage sich mir nicht erschloss. Muss sie auch nicht. Grabkunst hat kein Erklärungsbedürfnis. Die Skulptur wirkt vom gelben Kopf her wie eine Art Kobra, während der untere türkis-bläuliche Teil eher an eine orientalische Flasche erinnert.
Keine Ahnung, warum mich der Nebel so fasziniert. Oder doch? Nebel hat meiner Meinung nach eine ähnliche Wirkung wie das Wattenmeer. Dadurch, dass wir weniger sehen können, sind unsere Sinne aufs Äußerste gespannt. Nebel, der aus den Senken herauskriecht, wie der weiße Dampf aus einem Kochkessel. Das Einzige, was noch zu erkennen ist, sind die Baumwipfel, deren blattloses Geäst sich wie dunkle Gerippe in der Helligkeit ausmacht. Paradoxerweise wirken auf uns Gegenstände oder auch Personen in greifbarer Nähe in gewisser Weise pythonesk, also leicht grotesk überzeichnet. Scharf umrandete Konturen tauchen vor unseren Augen auf, die geradezu hyperreal wirken, während andere Gestalten weiter entfernt seltsam konturlos wirken, als wären sie sich aus der realen Welt vom Nebel verschluckt worden.
Ziehen Sie Backsteine auch so an? Mich jedenfalls tun sie es, obwohl ich durchaus meine Schwierigkeiten mit den (manchmal) zu nüchtern gehaltenen norddeutschen Einfamilienhäusern habe. Aber auf jeden Fall zeigt dieses, aus Lehm entstandene Material mehr Wärme als diese Stahl-Glas-Betonkonstruktionen, mit denen sehr erfolgreich Düsseldorfs Innenstadt frisiert wurde und wird. Dennoch; wenn wir die Augen aufhalten, entdecken wir noch eine Menge der Ziegelbauten, die den Bombenangriffen des 2. Weltkrieges trotzen konnten.
Über Provenienz, Zufall und die Geschichten hinter Bildern
Fotos sind wie Dokumente. Sie können jahrzehntelang ihren Dornröschenschlaf in alten Schachteln, vergessenen Umschlägen oder abgegriffenen Brieftaschen halten. Wenn sie nicht vorher im Altpapiercontainer landen oder verbrannt werden – auch das ist ein mögliches Schicksal –, wird es irgendwann jemanden geben, der sich ihrer annimmt: den Künstler, den Archivar, den Ahnenforscher. Oder den berühmten Kommissar Zufall, Sherlock Holmes oder die drei Fragezeichen. Fotos warten darauf, entdeckt zu werden.
Harry Gieses martialischer Ton dröhnte in die Ohren der Kinogänger, die sich am 22. September 1943 vor dem Hauptfilm die obligate Wochenschau anschauten. Geradezu ekstatisch formulierte er Sätze wie »Wie eine Möwe schwebt das Flugzeug über der Küste.“ Dazu schwenkte die Kamera auf die »Weihe« des Segelflugpiloten Ernst Jachtmann, dann zu seinen zu seinen Hilfstruppen, bestehend aus Kameraden der NSFK-Gruppe 1 und der Luftwaffe. »Wind bleibt!«, haben die Kameraden auf der Erde als Fingerzeig in den Sand geschrieben«, schnarrte Harry Gieses Stimme weiter. Jachtmann nutzte scheinbar ungerührt die Aufwinde der ostpreußischen Küstenlandschaft und flog über deren Köpfe hinweg scheinbar mühelos 55 Stunden, 50 Minuten und 50 Sekunden den Küstenabschnitt hin und her. [1]
Kürzlich las ich ein interessantes Zitat über Sammler. Sammler seien Menschen, die eine Leere füllen würden. Wer Fotos, insbesondere alte Fotos sammelt, der füllt sein leeres Gedächtnis mit Erinnerungen, die nie vergehen. Die Leere, die berühmte Gedächtnislücke darf nicht vergehen. Alte Fotoalben ziehen uns magisch an. Wir haben die Möglichkeit, in eine Zeit zu verschwinden, die wir temporär gestreift haben oder nur vom Hörensagen kennen. Oft aber noch nicht einmal das.
In der Schlesischen Schulzeitung des Jahres 1911 fand ich mehrere Anzeigen zum Tod eines Mannes, den ich kaum kannte: meines Ur-Urgroßvaters. Seine Frau dankte für die große Anteilnahme am Ableben ihres Mannes, der nach achtjährigem Siechtum sanft entschlafen sei. Kollegen rühmten seine Treue im Beruf, seinen Eifer in Vereinsangelegenheiten und seine Biederkeit – ein Wort, das heute fremd klingt und damals eine Auszeichnung war.
Erst durch diese Nachrufe begann ich zu begreifen, was es bedeutete, im ausgehenden 19. Jahrhundert Volksschullehrer in Schlesien zu sein.