Spurensuche auf einem Grab und in Düsseldorfs Kunstgeschichte
Weihnachten ist auch die Zeit des Spazierengehens. Der Joseph-Beuys Blogtext mit dem Hungerstreik war längst vergessen, als ich auf dem Friedhof in meiner Nähe plötzlich und ungewollt sehenden Auges auf den Spuren vergangener Düsseldorfer Künstler wandelte. Erstaunt blieb ich vor einer gelb-blauen Skulptur auf einem Grab stehen, deren Aussage sich mir nicht erschloss.
Muss sie auch nicht. Grabkunst hat kein Erklärungsbedürfnis. Die Skulptur wirkt vom gelben Kopf her wie eine Art Kobra, während der untere türkis-bläuliche Teil eher an eine orientalische Flasche erinnert.
Ein Grab, gelb-blau und ohne Erklärung
Ein prüfender Blick auf dem Grabstein besagte, dass es sich um ein Familiengrab in dem auch Rüdiger Berndt liegt. Rüdiger Berndt, besser bekannt unter dem Namen Tschibbi Wich – ein Beuys-Schüler. Neben den Größen eines Jörg Immendorffs und des ostpreußischen ehemaligen Verkehrspolizisten und Puppenspielers Anatol Herzfelds tummelte sich Anfang der 70er eben jener Tschibbi, der schon Jahre zuvor in Berlin bzw. Hannover Politische Wissenschaften studiert hatte, bevor er an der Düsseldorfer Kunstakademie beschloss, Künstler zu werden.
Beuys, der Guru ohne Allüren

Joseph Beuys war eine schillernde Künstlerpersönlichkeit an der Düsseldorfer Kunstakademie.
Eine seiner größten Stärken war seine Authentizität – inklusive Nahbarkeit. Allüren kannte er keine, außer vielleicht jene, Joseph Beuys zu sein.[1] Professor Beuys drohte, aus dem elitären Kunststudium eine Art Basislager für jene zu machen, die sich – mit oder ohne Talent – zur Kunst berufen fühlten.
Filz, Fett und das Schweigen der Schüler
Beuys fungierte in den 70er Jahren in Düsseldorf als eine Art Guru. Im obligaten Schlapphut und Kletterweste war er schon vor seiner Entlassung in der Akademie, auf den Straßen und in den Kneipen der Stadt allgegenwärtig. Nach der Entlassung geisterte er, nicht zuletzt durch die Einbaum-Aktion Anatol Herzfelds (dieahnin.com/2024/12/13/hungerstreik-fur-joseph-beuys-und-keinen-interessiert-es/) weiterhin durch die Presse. Bis weit in die 80er Jahre bildete Beuys eine Institution, der man auch nach seinem Tod im Jahr 1986 nicht zu widersprechen wagte.
Auch ich erinnere mich, wie ich in den 80ern mit einem Schulkurs plus Lehrer zu einer Beuys Ausstellung pilgerte. Dort wurde wir von Kunststudenten in Empfang genommen, die uns in liebevoller Ausführlichkeit über Beuys Filzfimmel und Fettecken berichteten (sein ureigenes Mantra), was ihm das Überleben bei den Krimtataren gesichert hätte. Etwas an der Geschichte erschien mir schon damals suspekt, ohne dass ich hätte sagen können, was es war. Ich wagte aber auch keinen Widerspruch, denn mir war (wenn auch unbewusst) klar, dass seine Schüler weiterhin an seinen Mythos klebten wie die Muscheln an den Klippen.

Jeder Mensch ein Künstler – Eintritt frei
Wie dieses System Beuys funktionierte, erklärte später ein ehemaliger Akademieschüler. Entweder wurde man wegen seiner eingereichten Mappe genommen, die einen Menschen als Künstler auswies, oder man schrieb sich direkt bei Beuys ein. [2] Denn Beuys ging nicht nur davon aus, dass jeder Mensch ein Künstler sei, sondern die Schüler mit den schlechtesten Mappen die Interessantesten seien.[3] Ob Tschibbi erst seine Mappe einreichte oder seine Qualifikation direkt über Beuys fand, ist nicht bekannt. Aber dadurch, dass jeder Mensch ein Künstler sei, stand die Tür für jeden offen. Auch für Tschibbi.
Tschibbi im Gang: Fingernägel, Haare, Dauerzustand
Das führte zu erheblichen logistischen Problemen, Geraune bzw. Unmut bei den anderen Professoren und Querelen mit dem NRW-Wissenschaftsministerium unter der Ägide von Johannes Rau. Beuys Schüler arbeiten nicht nur im Beuyschen Klassenraum oder nebenan im Beuys Atelier, sondern hatten mangels Platzes das gesamte Erdgeschoß für sich okkupiert. Allen voran Tschibbi Wich, der den Gang für eine Dauer-Ausstellung nutzte, in der er manchmal tütenweise Fingernägel und Haare darbot.[4]
Warum Tschibbi Tschibbi hieß
Wie er zu dem Namen kam, beschreibt er auf seiner immer noch existierenden Homepage. Im Grunde ist es eine einfache Geschichte. Rüdiger Berndt nahm den Nachnamen seiner Frau. Tschibbi leitet sich aus der Abkürzung g.B. ab (geborener Berndt), was man Englisch Dschibbi ausspricht. Weil Dschibbi aber verwaschen klingt, als sei man betrunken, wurde daraus Tschibbi.[5] Tschibbi fungierte nach der Beuys Entlassung als Klassenleiter von der halb autonomen Beuys Klasse.
Kellnern, klotzen, Klassenleiter
Gleichzeitig pendelte er bereits als Kellner zwischen Ratinger Hof und Einhorn hin und her. Mal in Latzhose, mal im roten Blouson mit DKP-Aufnäher – Tschibbi fiel auf. Dabei war der Kellner-Job aus der Not heraus geboren; Tschibbi hatte Schulden, die er abarbeiten musste.[6]
Der Schießburger und andere politische Kunststücke

Was das Polit-Happening anbelangte, so stand er seinem Meister in nichts nach. Anfang der 80er gab es die Ostermärsche, Grünen-Gründung, Atomkraft-Gegner. Abrüstung verbunden mit der Hassfigur Ronald Reagan war in aller Munde. 1981 bastelte die Initiative »Düsseldorfer gegen Atomraketen« zusammen mit der »Wandmalgruppe Düsseldorf« einen mit Atomraketen gespickten Big Mac (Mc Ronalds Schießburger), den sie 1981 vor dem Rosenmontagszug durch Düsseldorfs Innenstadt zogen. Die gesamte Situation drohte aus den Fugen zu geraten. Die Demonstration in Brokdorf gegen das Kernkraftwerk vor Augen, stand eine hochgerüstete Polizei den Initiativen gegenüber. Tschibbi schaffte es, den Mega-Burger bis vor die Absperrung des LVA-Gebäudes an der Friedrichstrasse zu ziehen, dann war Ende. Joseph Beuys sang derweil unerschrocken ein Jahr später den Polit-Song »Sonne statt Reagan« vor 400.00 Menschen auf den Bonner Rheinweisen (er trat später sogar bei der TV-Show Bananas damit auf), als der US- Präsident zum NATO-Gipfel nach Deutschland kam. Begleitet von der Gruppe BAP, deren Gitarrist Klaus Heuser die Musik dazu schrieb, sang Beuys Zeilen wie »Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie, but the peoples of the States don’t want it – nie ! und den wahren Frieden wird’s erst geben wenn alle Menschen ohne Waffen leben«[7]. Ich wette, dass BAP diesen Song nicht unbedingt als Glanzleistung betrachtet.
Unverstanden, aber nicht peinlich

Genau Tschibbis Terrain, ©Hans Lachmann
Beuys Lied ist noch heute auf youtube einsehbar, das Big Mac Happening allerdings nicht. Stattdessen gibt es ein Film über ihn, »Tschibbi schnorchelt durchs Leben«, wo er in der ihm eigenen Weise (und epischer Breite) über sein künstlerisches Leben auslässt. Ganz habe ich es nicht verstanden und beim zweiten Teil abgebrochen. Aber mir muss es auch nicht gefallen. Denn auch wenn er einerseits ein obskurer Vogel war, lebte er seine Kunst und ordnete alles als überzeugter politischer, gesellschaftlich aktiver Mensch dieser Kunst unter. Er kümmerte sich um »Kunstraum Düsseldorf«, die POOL-Ausstellung vor dem Wellenbadabriss und die Umwandlung des Salzmannbaus in Künstlerateliers. Ähnlich wie sein Lehrer war Tschibbi nichts peinlich, weil er überzeugt davon war, was er tat. Im Grunde gehörte Tschibbi – gerade in seinem Unverstandensein – zu jenen Exzentrikern, die vorlebten, was Beuys propagierte. Dass jeder Mensch ein Künstler sei.

[1]http://www.swr.de/swrkultur/kunst-und-ausstellung/hans-peter-riegel-ich-verdanke-beuys-den-unabdingbaren-willen-etwas-zu-bewirken-100.html
[2] the-duesseldorfer.de/erinnerung-1968-1972-immer-um-den-beuys-herum/ (abgerufen am 8.12.2024)
[3] taz.de/Joseph-Beuys-Entmystifizierung/!5173832/
[4] the-duesseldorfer.de/erinnerung-1968-1972-immer-um-den-beuys-herum/ (abgerufen am 8.12.2024)
[5] Tschibbi Wich Biographie
[6] terz.org/2024/05/ (abgerufen am 26.12.2025
[7] http://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-der-kunststar-singt-gegen-raketen-an-24167.htm (abgerufen am 26.12.2025)
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