Über meinen Ur-Urgroßvater
In der Schlesischen Schulzeitung des Jahres 1911 fand ich mehrere Anzeigen zum Tod eines Mannes, den ich kaum kannte: meines Ur-Urgroßvaters. Seine Frau dankte für die große Anteilnahme am Ableben ihres Mannes, der nach achtjährigem Siechtum sanft entschlafen sei. Kollegen rühmten seine Treue im Beruf, seinen Eifer in Vereinsangelegenheiten und seine Biederkeit – ein Wort, das heute fremd klingt und damals eine Auszeichnung war.
Erst durch diese Nachrufe begann ich zu begreifen, was es bedeutete, im ausgehenden 19. Jahrhundert Volksschullehrer in Schlesien zu sein.

Ein Eintrag im Adressbuch
Von meinem Ur-Urgroßvater mütterlicherseits wusste ich lange kaum mehr, als dass er in Schlesien gelebt hatte. Wie ich Näheres über ihn erfuhr, soll an anderer Stelle erzählt werden. Entscheidend war ein knapper Eintrag im Brieger Adressbuch: sein Name, seine Tätigkeit – und dahinter zwei Buchstaben: „Lehrer em.“
Wenn ich nachrechne, war seine Tochter, meine Urgroßmutter, zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zehn Jahre alt. War dieser Mann wirklich schon alt gewesen?

„Lehrer em.“ – krank statt alt
Erst die Anzeigen in der Schulzeitung brachten Klarheit. Emeritiert zu sein bedeutete nicht zwingend, das Pensionsalter erreicht zu haben. Oft hieß es, als dienstunfähig zu gelten. Die Dankesanzeige seiner Frau bestätigte diese Vermutung. Acht Jahre hatte sie ihren Mann gepflegt, bevor er starb.
Neben ihrer Anzeige erschienen weitere Nachrufe. Die Gottesberger Lehrervereinigung, der mein Ur-Urgroßvater angehört hatte, hielt fest, dass er sich durch Treue, Aufrichtigkeit und Biederkeit „ein unauslöschliches Denkmal“ gesetzt habe. Solche Worte wurden nicht leichtfertig gewählt. Sie verweisen auf ein Berufs- und Lebensideal.
Biederkeit als Auszeichnung
Biederkeit – ein Begriff, der uns heute eher befremdet. Wir denken an Spießigkeit oder moralische Enge, nicht zuletzt geprägt durch Max Frischs Biedermann und die Brandstifter. Im 19. Jahrhundert jedoch hatte das Wort einen anderen Klang. Bieder meinte rechtschaffen, offen, sozial integer.
Gerade für Volksschullehrer war dies kein beiläufiges Lob. Es beschrieb eine Haltung, die weit über das Klassenzimmer hinausreichte. Der Lehrer sollte Vorbild sein – in seinem Auftreten, seinem Lebenswandel, seiner Bescheidenheit.

Volksschullehrer am Rand der Bildungselite
Der Volksschullehrer stand in der Hierarchie der Bildungselite auf der untersten Stufe. Akademische Aufstiegsmöglichkeiten waren gering, das monatliche Salär bescheiden. Überfüllte Klassen, strenge Disziplin und ein engmaschiges Kontrollsystem prägten den Alltag.
Der Lehrer war abhängig – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ideologisch. Staatliche Stellen kontrollierten, ob er seine Schüler nicht zu eigenständigem Denken ermutigte oder sich kritisch über seine Lage äußerte. Auch die Kirche sprach ein gewichtiges Wort mit. Sie bestimmte die Lehrpläne und achtete darauf, dass aus den Kindern vor allem gehorsame Christenmenschen wurden. Geistige Höhenflüge waren unerwünscht, Fleiß und Staatsloyalität hingegen ausdrücklich gefragt.

Lehrer mit Nebenämtern
Das Bild des Lehrers, der nebenbei als Küster arbeitete, ist keine literarische Überzeichnung. Viele Volksschullehrer besserten ihren kargen Lohn durch Nebenämter auf. Andere betrieben eine kleine Landwirtschaft oder übten ein Handwerk aus. In Stellenanzeigen der Schulzeitungen wurde nicht selten mit Mietzuschüssen oder einem Stück Land geworben.
Diese Lebensumstände erklären, warum die Gestalt des geplagten Lehrers – etwa bei Wilhelm Busch – einen realen Kern besitzt. Der Lehrer war allgegenwärtig verfügbar, doch selbst kaum abgesichert.
Ausbildung und Herkunft
Mein Ur-Urgroßvater war im ländlichen Raum eingesetzt, in einem kleinen niederschlesischen Weiler namens Deutsch-Lauden. Warum er diesen Beruf ergriff, lässt sich nur vermuten. Die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten waren begrenzt, Alternativen rar. Wer als Schüler durch Fleiß auffiel, konnte gefördert werden.
Wie viele andere wurde er nach bestandener Prüfung in ein Präparandenseminar geschickt. Sein Weg führte ihn nach Münsterberg, dem heutigen Ziębice, rund fünfzig Kilometer von Breslau entfernt. Für einen jungen Mann vom Land, der sein Umfeld kaum verlassen hatte, muss dies ein Schritt in eine neue Welt gewesen sein.

Die Ausbildung war streng geregelt und umfassend. Sie vermittelte nicht nur fachliches Wissen, sondern formte Charakter und Haltung. Der Lehrer sollte Erzieher im vaterländischen Sinne sein – für Gott, Kaiser und Vaterland.
Leben zwischen Amt und Alltag
Der Volksschullehrer war selten nur Lehrer. Er war Schriftführer, Ratgeber, Vorleser, Vermittler zwischen Behörden und Bevölkerung. In der Gemeinde stand er gleich nach dem Pfarrer. Gleichzeitig war er rund um die Uhr beobachtet. Sein Privatleben galt als Teil seines Amtes.
Diese Zwitterstellung erschwerte auch die Partnerwahl. Finanzielle Mittel fehlten, gesellschaftliche Erwartungen waren hoch. Mein Ur-Urgroßvater hatte Glück. Seine Frau trug sein Leben mit, führte den Haushalt, hielt ihm in der Dorfgemeinschaft den Rücken frei – und pflegte ihn während seiner langen Krankheit.

Ein stilles Ideal
Wer Bescheidenheit verinnerlichte, blieb Volksschullehrer ein Leben lang. Reichtum war nicht vorgesehen, Anerkennung nur in leisen Formen. Vielleicht erklärt das die Würde, mit der in den Nachrufen von ihm gesprochen wurde.
Möglicherweise war mein Ur-Urgroßvater kein Pedant, sondern ein stiller Lebenskünstler – verwandt im Geiste mit Jean Pauls Schulmeister Maria Wutz. Einer, der sich in seine Umstände fügte, ohne innerlich zu verarmen. Einer, der wenig besaß und doch zufrieden war.
Was von ihm geblieben ist, sind keine Tagebücher und keine Porträts. Es sind Anzeigen in einer Zeitung. Aber sie bewahren etwas Wesentliches: das Bild eines Lebens, das in Pflichterfüllung, Bescheidenheit und stiller Würde bestand.

Rechtschaffen, offen und sozial integer
Biederkeit als Lob! Was uns heute peinlich berühren würde, wenn einer uns als »biederes Gemüt« titulieren würde, hatte früher einen anderen Klang. Während wir, nicht umsonst in Erinnerung Max Frischs Stück »Biedermann und die Brandstifter« denken, wo der Schriftsteller Spießigkeit und Doppelmoral in Gestalt des Protagonisten Gottlieb Biedermanns so treffend konterfeit, bedeutete es im 19. Jahrhundert durchaus eine Ehre »bieder«, nämlich rechtschaffen, offen und sozial integer zu sein.

Max und Moritz` Lehrer Lämpel
Warum gerade es für Volksschullehrer eine Auszeichnung bedeutet, war für mich zunächst nicht nachvollziehbar. Wir alle haben das Bild von Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel vor Augen. Ein geplagter, hagerer Mann, der sich mit frechen Buben (Max und Moritz) herumschlagen muss, in der Kirche sonntags die Orgel zu spielen hat und seine spärliche Freizeit damit verbringt, vor dem warmen Ofen seine Meerschaumpfeife zu rauchen. Der bescheidene Genuss, Labsal in einem Leben voller Pflichten, wird ihm von gründlich vergällt. Max und Moritz füllen die Pfeife mit Flintenpulver. Beim Anrauchen explodiert das Ganze und Lämpel steht mit verbranntem Kopf im Raum.[1]

Volksschullehrer auf unterster Stufe der Bildungselite
Zugegeben, Lehrer Lämpel scheint ein, von Schülern arg gebeutelter Mann gewesen zu sein. Waren das alles Wilhelm Buschs Überzeichnungen oder ein Teil der Wirklichkeit?
Fakt ist, dass der Volksschullehrer in der Hackordnung der Bildungselite an unterster Stufe stand. Die akademischen Aufstiegsmöglichkeiten waren, im Gegensatz zu den eines Oberlehrers, gering, von dem monatlichen Salär ganz zu schweigen. Ein Volksschullehrer litt nicht nur unter den erbärmlichen Arbeitsbedingungen, die bürokratischen Regeln und Kontrollen seines Berufes waren auch nicht besser.[2] Der Mensch, der im Grunde sich mit überfülltem Klassenzimmer herumzuschlagen hatte, mit harter Hand und der nötigen Disziplin den täglichen Unterricht durchführen musste, war gleichsam abhängig von Staat und Kirche. Die Behörden kontrollierten, ob er seine Schüler nicht etwa zu Freigeistern erzog und sich auch nicht zu viel über sein Los beschwerte oder gar Forderungen stellte.

Abhängig von Staat und Kirche
Natürlich redete die Kirche ebenfalls ein Wörtchen mit. Schließlich gab sie die Lehrpläne vor und die religiösen Lehrplänerichteten darauf aus, aus den Schülern gute Christenmenschen zu machen. Geistige Höhenflüge waren unerwünscht, fleißig, staatstreue Facharbeiter dagegen angesagt.[3]

Lehrer mit Nebenjobs
Buschs Zeichnungen, wo sich Lämpel zusätzlich als Küster verdingen musste, stimmen. Andere Lehrer besaßen eine kleine Landwirtschaft, um ihren schmalen Lohn aufzubessern oder übten ein Handwerk aus. [4] Nicht umsonst warben die Gemeinden in der schlesischen Schulzeitung, wo Volksschullehrer gesucht wurden, mit den Lockungen von jährlichen Mietentschädigungen.

Als guter Schüler zum Präparandenseminar
Mein Ur-Urgroßvater gehörte zu denjenigen, der im ländlichen Gebiet eingesetzt wurde. In einem kleinen Weiler Niederschlesiens, Deutsch-Lauden, verrichtet er sein Amt und besaß dort wahrscheinlich auch einen kleinen Garten. Warum er gerade diesen Beruf für sich auswählte, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich ist, dass so viel Möglichkeiten für Landwirte, Förster und Handwerksleute nicht gab. Wie Lämpel hatte mein Vorfahr keinen höheren Bildungsgrad wie Abitur vorzuweisen, geschweige denn durfte er als Gasthörer die Universität besuchen. Wie jeder andere eifrige Schüler auch, fiel er dem Lehrer durch seine Bemühungen auf. Gute Schularbeiten, Tafelwischen und Klassenzimmer säubern gehörten dazu. Vielleicht durfte er auch hin und wieder hospitieren und den Kleineren etwas beibringen. Bestand er auch die mündliche Prüfung, wurde er, wie mein Ur-Urgroßvater, als Zögling zu einem Präparandenseminar geschickt.

Mein Vorfahr landete in Münsterberg, dem heutige Ziębice, was 50 Kilometer von Breslau entfernt liegt. Für ihn, der wahrscheinlich noch nie aus seinem Umfeld noch nie herausgekommen war, musste es ein Schritt in die große weite Welt gewesen sein.
In »Die Geschichte von Münsterberg« heißt es, dass im Jahre 1884 durch das Lehrerkollegium des Seminars eine Privat-Präparandenanstalt mit drei Klassen errichtet. Leiter der Anstalt war der Seminardirektor. Mein Ur-Urgroßvater kam wie alle anderen jungen Männer mit seinem Pappkoffer in der Hand, zunächst in eine Privatfamilie unter, bis die Anstalt in Mietsräumen der Kühn`schen Villa entsprechende Räume erhielt.[5] Die Todesanzeige, die die Münsterberger Seminaristen ebenfalls in der Schulzeitung drucken ließen, zeugt von der einer großen Kameradschaft.

Lehrplan für Gott, Kaiser und Vaterland
Diese stark strukturierte, mit anspruchsvollen Lehrplänen ausgestattete Anstalt gab das gesamte Wissen weiter, das für einen Volksschullehrer notwendig war. Die Anforderung, auch vom Staat waren, waren enorm. Es ging nicht allein um das Unterrichten, sondern eine Erziehung im Vaterländischen Sinn. Der Volksschullehrer pflegte in den ländlichen Regionen, die Liebe zu Gott und Kaiser einzuimpfen, die Stärkung des Deutschtums sowie der Erhalt der Deutschen Sprache.

Zwitterstellung zwischen Beruf und Leben
Er musste seinen Beruf schon sehr lieben um diesen auch so Gewissenhaft auszuführen. Der Lehrer konnte keine Reichtümer erwarten und war doch 24 Stunden im Dienst. Wenn nicht in der Schule, dann als Küster. Weder durfte er sich nicht gehen lassen oder gar Laster frönen. Das Einzige, worauf er sich etwas einbilden durfte, war ein gewisses Maß an Bildung, die im schlimmsten Fall in Schulmeisterei mündete. Aufgrund dieser schwierigen Zwitterstellung war es schwer, eine Frau zu finden. Dem Lehrer fehlten ja auch die finanziellen Mittel, sich eine gebildete Frau zu suchen. Mein Ur-Urgroßvater hatte zum Glück in seiner Frau das für ihn passende Pendant gefunden, so schwierig das wohl auch in dem ländlichen Weiler gewesen sein mag. Eine Frau, die ihn verköstigte, sein karges Leben durch eine gewisse Häuslichkeit veredelt, ihn in der Gemeinde mittrug[6] und ihn während seiner achtjährigen Krankheit hingebungsvoll pflegte.

Bescheidenheit als Zierde – Volksschullehrer fürs Leben
Wer Bescheidenheit verinnerlichte, der war ein Volksschullehrer fürs Leben. Ein Lehrer war in der Gemeinde die zweite Instanz neben dem Pfarrer. Einer, der die Bildung auch unter die Erwachsenen brachte, der amtliche Briefe schrieb, sich mit Pflanzen gut auskannte, Handwerksunterricht erteilte und an langen Winterabenden Geschichten mit verteilten Rollen vorlas.[7]

Ein Lebenskünstler nach Jean Paul?
Vielleicht war mein Vorfahr genauso das Gegenteil eines spießigen Pedanten; nämlich von Schlage des Schulmeisters Maria Wutz von dem Schriftsteller Jean Paul. Der arme Schulmeister Maria Wutz ist ein Lebenskünstler. Er kann sich die Bücher, die so gern lesen würde, nicht kaufen. Stattdessen schreibt er sie unter Hinzunahme des Leipziger Meßkatalogs selbst. Er fügt sich in seine Umstände und ist dabei sehr glücklich. Mit seiner Justina, ein einfaches Mädchen vom Lande, gründet er ein fröhliches Heim. Und stellt sinnierend im Schaukelstuhl fest: Mich wundert`s , dass ich so fröhlich bin. )
[1] www.wilhelm-busch.de/werke/max-und-moritz/alle-streiche/vierter-streich/ (abgerufen am 12.05.2025)
[2] Vgl. Skopp, Douglas R.. Auf der untersten Sprosse des Volksschullehrers, in: Geschichte und Gesellschaft, 6. Jahrgang, Heft 3, Professionalisierung in historischer Perspektive, 1980, S. 383
[3] Ebenda S. 387 ff.
[4] ttps://kultus.hessen.de/infomaterial/Eine-kleine-Geschichte-des-Lehrerberufs (abgerufen am 12.05.2025)
[5] Hartmann, Franz. Die Geschichte der Stadt Münsterberg in Schlesien von der Gründung bis zur Gegenwart. MV-History Verlag, 2021, S. 409
[6] germanhistorydocs.org/de/reichsgruendung-bismarcks-deutschland-1866-1890/ghdi:document-583 ( abgerufen am 14.05.2025)
[7] ebenda
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